15.07.2011 - 13:08

Poesie im Nationalsozialismus

Die Universitätsbibliothek zeigt Leben und Werk der wiederentdeckten jüdischen Lyrikerin Elise Haas aus Trier

„Abends wird das Leben müder, Wenn die Welt das Dunkel traf…“ – in ihrem Gedichtet über ihr Wohnquartier „Alte Ecke“ beschreibt Elise Haas nicht nur das Leben in ihrer nächsten Umgebung, sondern deutet zugleich – kaum merklich – den Zustand ihres Heimatlandes an. „Elise Haas drückt sich immer sehr nobel aus, so groß das Leiden um sie herum auch sein mag. Sie ist kaum in der Lage, die Verbrechen der Nationalsozialisten zu formulieren“, meint Willi Körtels. Der langjährige Gymnasiallehrer aus Konz erforscht seit Langem das jüdische Leben in und um Trier. Dabei ist er zufällig auf Elise Haas gestoßen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung über ihr Leben und Werk in der Universitätsbibliothek schildert er, wie er jedem noch so kleinen Hinweis auf die jüdische Lyrikerin nachgegangen und die Ergebnisschnipsel wie in einem Puzzle nach und nach zusammengefügt hat. Herausgekommen ist dabei im Jahr 2008 zunächst ein Buch über Elise Haas. Und nun eben die Ausstellung in der Universitätsbibliothek.

Neben Briefen, die ihre Beziehungen zu anderen Schriftstellern wie zum Beispiel Franz Werfel offenbaren und Dokumenten, die ihren Lebens- und Leidensweg von Trier über das KZ Theresienstadt und die Nachkriegsjahre in Mainz nachzeichnen, sind auch Auszüge aus ihrem Werk zu sehen, darunter besagtes Gedicht, das Willi Körtel zur Einführung in und Einstimmung auf die Ausstellung verlas:

„Alte Ecke“

Zeiten kamen, die sich dehnten,
Die dir eingezeichnet sind;
Schwanden. Kleine Fenster sehnten
Langsam sich die Scheiben blind.

Wand vermorscht. Die Wäscheleine
Ward oft brüchig, ward oft neu.
Kleine, alte Ecke, deine
Seele blieb sich lange treu.

Sorglich und mit müden Mienen
Gehen Frauen hin und her.
Arme, alte Frau’n; auf ihnen
Hockt das Leben, lastet schwer.

Abends wird das Leben müder,
Wenn die Welt das Dunkel traf.
Alte Ecke! Immer wieder
Legt sie sich zu kurzem Schlaf.

Nur noch Spinnen sind am Weben;
Spinnen halten hier die Wacht.
Ferner Wälder Berge heben
Schwarze Gipfel in die Nacht.

Weitere Informationen zur Ausstellung und zu Elise Haas:
Universitätsbibliothek
Förderverein Synagoge Könen e.V.

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