Tierversuche – „Versprechen“ und „Erfüllung“

Referent: Dr. med. Dipl.-Biochem. Wolfgang Wegert, Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Datum: Donnerstag, 15. Dezember 2010, 20:00 Uhr
Ort: Raum B16

Tierversuche haben geistige Urheber bis in die Antike (Galen) zurück und wurden in der Neuzeit,
allerdings als Gegensatz zu jenen älteren Vorstellungen, formuliert. Bekannte Werke in dieser Hinsicht
sind The Great Instauration von Francis Bacon, 1620, und René Descartes’ Meditationes de prima
philosophia, 1641. Die praktische und systematische Etablierung in den Lebenswissenschaften fand durch
Claude Bernard, „Introduction a l ́étude de la medicine experimentale", 1865) statt.
Die dort geprägte geistige Natur des Tierversuchs schlägt sich in § 7 TschG so nieder: „Tierversuche im
Sinne dieses Gesetzes sind Eingriffe oder Behandlungen zu Versuchszwecken an Tieren, ... oder am
Erbgut von Tieren, wenn sie mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die erbgutveränderten Tiere oder
deren Trägertiere verbunden sein können.“


Aktuell werden sie in der Grundlagen- (Darstellung von Effekten) und angewandten Forschung
(Pharmakawirkungs- und Pharmakastoffwechsel-“Modelle“) sowie der Toxikologie (Giftigkeitsprüfung)
eingesetzt. Der vorgebliche „Nutzen“ wird daher meistens den Rubriken „Erkenntnisgewinn“ oder
„Schutz vor unerwünschten Wirkungen“ zugeordnet. Dabei weichen das Gesamtbild der tatsächlichen
Ergebnisse und die reale Situation (Anwendung) meistens erheblich von den propagierten Zielen ab.
Dafür sei auf anschaulichen Beispiele aus den letzten 15 Jahren zur Übersicht verwiesen, vom in der
Entwicklung befindlichen Immuntherapeutikum TGN1412, Schmerzmittel Rofecoxib (Vioxx®) bis zum
Diabetesmittel Rosiglitazon (Avandia®), welches im Oktober vom Markt genommen wurde. In diesen und
vielen weiteren Fällen gab es keine ausreichenden Hinweise aus den teilweise gesetzlich und behördlich
vorgeschriebenen Tierexperimenten.


Diese Vorkommnisse implizieren bezüglich Tierversuchen und die Frage der Übertragbarkeit der
Ergebnisse, dass die biologischen Unterschiede zwischen Menschen und anderen Lebewesen zu groß
sind, um in sog. “Tiermodellen” komplexe menschliche Krankheiten adäquat zu simulieren. Die
Beeinflussung von Symptomen künstlich konstruierter und künstlich krank gemachter Tieren ist keine
realistische Therapie im Sinne der späteren Anwendung oder der Sicherheit dabei. Deswegen kann auch
das jetzige etablierte Therapieentwicklungssystem der Tierversuchsbefürworter nicht auf klinische Studien
in Probanden und Patienten verzichten.


Kommerzielle Aspekte sollte nicht unterschätzt werden. So ist z. B. Botox als Arzneimittel zugelassen,
um unter Umgehung des Tierversuchsverbots für Kosmetika die Wirkung mit einem toxikologischen Test
(bei dem 50% der so vergifteten Tiere sterben müssen, auch LD50 genannt) an Mäusen nachzuweisen. Der
Umsatz als Arzneimittel ist minimal gegenüber dem als Kosmetikum. Valide Alternativverfahren
existieren, aber Behörden und Firmen sind aufgrund von rechtlichen Fragen sowie ökonomischen
Bindungen desinteressiert.


Direkte Alternativmethoden zu Tierversuchen stehen bereits zur Verfügung. Im nichtklinischen Teil von
Forschung und Entwicklung sowohl in-vitro Methoden, auch künstliche Modellorgane, wie auch
Niedrigstdosisstudien (Phase 0- bzw. Microdosingstudien) kommen humane Zellen und Gewebe zum
Einsatz. Der nächste Schritt in der Zukunft wären Systeme von künstlichen Modellorganen
(Modellorganismen). Indirekte Alternativmethoden aus dem klinischen Bereich, die Tierversuche mit
bereits zugelassenen Substanzen ersetzen können, unterstützen dabei. Hierbei sind vor allem
Anwendungsbeobachtungen und dazugehörige Register, Patientenstudien, und Obduktionen zu nennen.
Insgesamt sind Tierversuche daher, abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit, sowohl für einen
vorgeblichen „Erkenntnisgewinn“ wie auch als „Sicherheitsmaßnahme“ ungeeignet, da sie in
entscheidenden Momenten in Entwicklung oder Prüfung versagen. Alternativmethoden zu Tierversuchen
benötigen stärkere Förderung durch öffentliche und private Institutionen bei der Entwicklung, der
Zulassung und für die Schaffung der rechtlichen und administrativen Grundlagen.


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