Silke Schlichtmann

Kinderbuchautorin

*1967

Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte an den Universitäten Trier und LMU München

1994 bis 1999 Promotion in Germanistik an der Universität Trier

1999 bis 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin in zahlreichen Projekten, Lehrbeauftragte in der Germanistik und Mitarbeiterin im Frauenbüro an der Universität Trier

seit 2010 freie Autorin, insbesondere von Kinderbüchern, u.a. "Bluma und das Gummischlangengeheimnis (2017), "Pernilla oder Warum wir nicht in den saueren Apfel beißen mussten" (2016)

 

„Irgendwann wollte ich meine kreative Seite mehr verfolgen“

Silke Schlichtmann schreibt nach Promotion und Postdoktorandenphase Bücher für Kinder

Ihr Weg in die Wissenschaft war ebenso wenig vorgezeichnet wie der Weg heraus. Warum Silke Schlichtmanns Schreibtisch heute in München und nicht in einem Büro des AB-Gebäudes der Universität Trier steht? „Wahrscheinlich können wir letztgültig nie sagen, was bei Lebensentscheidungen alles eine Rolle spielt“, sagt die Schriftstellerin und Alumna der Universität selbst dazu.

Ihre Berufslaufbahn ist alles andere als monoton verlaufen: Wissenschaftlerin, Lehrbeauftragte, Mitarbeiterin im Frauenbüro, Windmühlen-Gästeführerin, Lektorin und Schriftstellerin: Welcher Job hat Sie am meisten geprägt – und welcher hatte oder hat den größten Spaßfaktor?

Überall habe ich Wichtiges erlebt und gelernt, das ich nicht missen möchte: Als  Wissenschaftlerin den analytischen Blick, das ganz genaue Arbeiten, die Freude an der Auseinandersetzung. Als Lehrbeauftragte die Erfahrung, wie viel Spaß es bringen kann, ganze Stunden als Vortragende und Moderatorin zu konzipieren und zu bestreiten. Als Mitarbeiterin im Frauenbüro, wie man mit Ideen und Hartnäckigkeit im Team Neues auf die Beine stellen kann. Als Lektorin die Möglichkeit, den Entstehungsprozess von Büchern mitzuerleben und zu gestalten. Und als Schriftstellerin schließlich die Entdeckung, auch dort noch weiterschreiben zu dürfen, wo mein wissenschaftliches Ich stets stopp gesagt hätte. Und das sind jetzt nur einige Aspekte. Den größten „Spaßfaktor“ aber hat für mich tatsächlich das Autorinnendasein. Zusätzlich zu den eher einsamen Phasen intensiven Schreibens empfinde ich es als sehr bereichernd, durch die Lesungen Kontakt zu so vielen verschiedenen Menschen zu bekommen. Aber wer weiß? Wäre ich in der Wissenschaft geblieben, würde ich vielleicht genau das gleiche jetzt über das Wissenschaftlerdasein sagen.

Und was hat Sie die Arbeit als Windmühlen-Gästeführerin für das Leben gelehrt?

Dass es gut ist, sich im Leben immer mal wieder einen frischen Wind um die Nase wehen zu lassen. 

Nach Ihrer Promotion haben Sie auf die Habilitation hingearbeitet. War Wissenschaftlerin Ihr Traumberuf?

Traumberuf ist ein großes Wort. Als Kind hatte ich Traumberufe. Ein recht lange anhaltender war übrigens Schriftstellerin (als ich in der Grundschule meine ersten Geschichten à la Enid Blyton schrieb und später dann die üblichen (post)pubertären Erzählungen und Gedichte). Ein anderer etwas früherer war Eisverkäuferin (die Vorstellung, wann immer man wollte, Eis essen zu können, faszinierte mich ungemein). Auch Postbotin fand ich reizvoll, da mich Briefe von jeher interessierten. Später dann gab es die Fotografin, die Journalistin, die Lektorin. Und ja, schließlich war es tatsächlich sehr lange mein Ziel und mein Wunsch, Wissenschaftlerin
bleiben zu können.

Geringer Frauenanteil in der Professorenschaft, befristete Arbeitsverhältnisse, schwierige Planbarkeit: Diese Probleme haben Sie als Mitarbeiterin des Gleichstellungsbüros beschäftigt und Sie haben sie selbst erfahren. War der Ausstieg aus der Wissenschaft Ihre persönliche Antwort auf diese Fragen?

In gewisser Weise vielleicht schon, aber keinesfalls nur. Wahrscheinlich können wir letztgültig nie sagen, was bei Lebensentscheidungen alles eine Rolle spielt. Gut möglich, dass meine berufliche Biographie anders verlaufen wäre, wenn ich sehr früh eine Qualifikationsstelle erhalten und mich nicht mit Erziehungszeitenunterbrechungen von einem Stipendium zum nächsten gehangelt hätte. Sicherlich hätten auch Großeltern vor Ort vieles verändert. Und es gab auf jeden Fall Momente, wo es anders hätte weitergehen können, wo ich, hätte ich den  anderen Weg beschritten, vermutlich dauerhafter in der Wissenschaft geblieben wäre. Allerdings ist es auch so, dass sich im Lauf meines Lebens Wünsche und Prioritäten verändert haben, vielleicht teilweise durch äußere Umstände beeinflusst, aber sicher auch von innen heraus kommend. Irgendwann wollte ich nicht mehr die lange, lange wissenschaftliche Studie (ich saß da bereits mehrere Jahre an einem Editionsprojekt zur Akkulturationsgeschichte des Judentums), sondern endlich wieder an gut überschaubaren Projekten arbeiten und auch meine kreative Seite wieder mehr verfolgen. Und das hieß in meinem Falle schließlich: Dienstleistungen rund um das geschriebene Wort anbieten und nebenbei ein eigenes literarisches Projekt verfolgen.

Wie haben Sie die Arbeit im Gleichstellungsbüro der Universität in Erinnerung?

Ich habe mich sehr gefreut, als Claudia Winter mir damals die Stelle anbot – nicht nur weil sie eine gute finanzielle Unterstützung in der Promotionsphase bedeutete, sondern auch weil diese Tätigkeit zu dem doch recht einsamen Arbeiten an der Dissertation einen lebenspraktischen Gegenpol bot, in dem Teamwork, Organisationstalent, praktische Umsetzung von Ideen gefordert waren. Außerdem war die Arbeitsatmosphäre im damals noch Frauenbüro genannten Gleichstellungsbüro einfach wunderbar.

Wann und wie haben Sie Ihr literarisches Talent entdeckt?

Entdeckt man das selbst? Wenn man gern immer wieder alles Eigene anzweifelt, wohl nur bedingt. Vielleicht ist die einfachste Antwort daher: Meine Agentin Gerlinde Moorkamp von der Agentur Silke Weniger hat es entdeckt. Sie war damals noch nicht meine Agentin und ich kannte ihren Namen nur von der Agenturhomepage. Per Mail sandte ich ihr die ersten Kapitel des ersten Pernilla-Buchs mit der Bitte um Prüfung zu. Sie war erfreulicherweise gleich begeistert und signalisierte großes Interesse – und plötzlich konnte ich die Geschichte ganz schnell zu Ende schreiben. Vielleicht ist aber auch diese Antwort nur die halbe Wahrheit und es war doch mein Mann: Er ist mein erster und kritischster Leser, und er war bei Pernilla von Anfang an überzeugt, dass es eine gute Geschichte werden würde.

Was erachten Sie als wichtigste Voraussetzung für das Schreiben von Kinderbüchern?

Viele glauben, es sei wichtig, selbst Kinder zu haben oder doch zumindest in engem Kontakt zu Kindern zu stehen. Und sicher ist das nicht von Nachteil, aber eine Voraussetzung ist es trotzdem nicht. Um überzeugende Kinderbücher zu schreiben, erscheint es mir am wichtigsten, sich gut in seine eigene Kindheit und in sein Kind-Ich zurückversetzen zu können. Man sollte nicht nur wissen, sondern auch fühlen, wie es ist, wenn einen nicht alle ernst nehmen, wenn man nicht alles gleich versteht, wenn man nicht weiß, wie man etwas Falsches
wieder richtig machen kann, oder z. B. eben auch, was für ein Glücksgefühl es bedeutet, wenn
man einem Regenwurm das Leben gerettet hat. Empathiefähigkeit halte ich neben Beobachtungsgabe übrigens generell – egal ob man für Erwachsene oder für Kinder schreibt – für eine wichtige Voraussetzung fürs literarische Schreiben.

Ist der analytische Ansatz der Literaturwissenschaftlerin beim Schreiben ein Hemmschuh oder
inspiriert er sie sogar?

Der innere Zensor hemmt immer beim Schreiben. Aber man muss nicht Literaturwissenschaften studiert haben, um alles gerade Geschriebene oder – noch schlimmer – sogar das nur erst Gedachte sofort einer kritischen Prüfung zu unterziehen und auf seine Tragfähigkeit hin zu analysieren. Leider besucht mich dieser Spielverderber oft. Aber wenn ich dann doch in einen Flow komme und richtig gut am Stück schreibe, empfinde ich die analytische Kompetenz für die Phase der Überarbeitung ganz klar als Vorteil. Ich entdecke so schneller Schwächen, weiß, warum etwas noch nicht funktioniert, sehe, was noch zu  verändern ist.

Im vergangenen Jahr haben Sie an unserer Universität Studierenden Ihre Erfahrungen geschildert. Halten Sie das Literatur- und Verlagswesen für eine ernsthafte Berufsperspektive für Studierende der Geisteswissenschaften?

Ja, auf jeden Fall. Da bietet sich ein großes und vielfältiges Arbeitsfeld, sei es im Lektorat, in der Presse, im Vertrieb, in einem Literaturbüro, einer Agentur, im Social Media-Bereich oder oder oder. Raten würde ich immer dazu, noch während des Studiums über Praktika in  verschiedene Bereiche hineinzuschnuppern. Ich selbst bekam damals auf diese Weise über ein Verlagspraktikum und anschließende freie Mitarbeit noch vor dem Magister eine Lektoratsassistenz angeboten. Wenn man engagiert Praxiserfahrungen sammelt und nach dem Studium noch einen Volontariatsplatz ergattert, sehe ich auch heute noch realistische Chancen, hinterher gut in der Branche unterzukommen.

Denkbar, dass Sie Ihre Habilitation wieder aus der Schublade holen, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind?

Denkbar ist ja fast immer fast alles. Und ich habe nicht wenig Fantasie. Aber bis wirklich alle Kinder aus dem Haus sind, werden wohl noch etliche Jahre verstreichen; kein Mensch wird mich dann mehr habilitieren wollen. Außerdem habe ich gerade so viele nichtwissenschaftliche Bücher im Kopf, die ich unbedingt noch schreiben möchte, dass ich eher sagen würde: Meine Zeit als Wissenschaftlerin ist eine Lebensphase, die ich keinesfalls missen möchte. Aber sie liegt jetzt hinter mir und ich habe – zumindest momentan – nicht den Wunsch, das wieder zu ändern.

Das Interview ist erschienen im Unijournal 1/2017