Der Harz ist seit Jahrhunderten ein Ort der Legenden. Kein Berg steht so sehr für das Geheimnisvolle wie der Brocken, der höchste Gipfel des Mittelgebirges. In der Nacht zum 1. Mai soll er zum Treffpunkt von Hexen und Teufel werden. So will es die Sage der Walpurgisnacht.
Doch hinter dem Gruselrummel steckt eine ernste Geschichte. Im Harz und weit über seine Grenzen hinaus wurden Frauen – und vereinzelt auch Männer – als Hexen verfolgt, gequält und getötet. Schätzungen zufolge fielen zwischen 40.000 und 60.000 Menschen in Europa der Hexenverfolgung zum Opfer. Was den Glauben an Hexen so gefährlich machte, erklärt die Wissenschaft.
Harz: Das Unerklärliche brauchte eine Erklärung
Vor einigen hundert Jahren fehlte den Menschen das Wissen, das heute selbstverständlich ist. Starb eine Kuh plötzlich, verdorrte die Ernte oder erkrankte ein Kind suchten die Bewohner eine Erklärung. Die Antwort fanden sie häufig nicht in der Natur, sondern im Übernatürlichen.
Die Vorstellung war klar: Hexen hatten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Sie galten als Urheber allen Übels. Was genau eine Hexe ausmachte, blieb dabei erschreckend vage. Katrin Moeller von der Universität Halle erklärt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa), was den Hexenglauben so gefährlich machte: „Die Hexe hatte keine äußerlichen Merkmale. Sie sah aus wie ein ganz normaler Mensch. Das war das Unheimliche, weil in jedem eine Hexe schlummern konnte.“
Neue Medien als Treiber des Aberglaubens
Eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des Hexenglaubens spielten die damaligen Massenmedien. Im 15. Jahrhundert vervielfältigte die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg die Medienlandschaft. Bücher und Flugblätter verbreiteten sich schnell und erreichten erstmals eine breite Masse.
Sie berichteten über Hexenprozesse, Geständnisse und Hinrichtungen. Bilder und Geschichten über angebliche Hexenkräfte gelangten in jedes Dorf. Der Historiker Kai Lehmann beschreibt die Wirkung im Deutschlandfunk so: „Ist bei uns im Ort nicht auch ein Kind auf geheimnisvolle Weise gestorben? Oder ganz plötzlich eine Kuh krank geworden?“
Hinzu kamen Klimaveränderungen, die Missernten und Not brachten. Laut Lehmann war die Klimakrise in Kombination mit den neuen Massenmedien ein „ganz starker Treiber“ für Hysterie und Hexenverfolgungen.
Kirche, Staat und das System der Verfolgung
Die Verantwortung für die Hexenverfolgung lag laut Deutschlandfunk nicht bei einer einzigen Institution. Es war ein Zusammenspiel aus kirchlicher Legitimation und staatlicher Machtausübung. Eine theoretische Grundlage lieferte die sogenannte Hexenbulle von Papst Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484. Darin wurde festgehalten: Es gibt Hexen und sie müssen verfolgt werden.
Der Dominikanermönch Heinrich Kramer verfasste 1486 den „Hexenhammer“, ein Regelwerk, das Hexenprozesse systematisierte. Am Beispiel Bamberg zeigt sich, wie solche Schriften auf fruchtbaren Boden fielen. Dort wurden Hunderte Todesurteile gefällt. Der Bischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim wurde von Zeitgenossen bereits der Hexenbrenner genannt.
Die Historikerin Rita Voltmer von der Universität Trier betont: Die Verantwortung lässt sich nicht einer einzigen Institution zuschreiben. Im 16. Jahrhundert gab es durch die Reformation bereits drei Kirchen. Auch Martin Luther war davon überzeugt, dass Hexen existieren und Schaden anrichten.
Die juristische Umsetzung lag meist bei der weltlichen Gerichtsbarkeit. Städte, Bistümer und Staaten setzten Sondergerichte ein. Der Historiker Johannes Dillinger erklärt, dass diese kleinen Gremien Hexenprozesse ohne jegliche Kontrolle von außen führten. Landesherren nutzten die Prozesse auch politisch: Sie wollten Abweichler verfolgen und ihre Länder gleichschalten.
Frauen im Visier der Hexenverfolgung
Meist traf der Verdacht Frauen. Das hatte gesellschaftliche Gründe. Frauen standen rechtlich schlechter da und konnten sich kaum verteidigen. Dazu pflegten sie Kranke und kannten die Wirkung von Kräutern und Pflanzen.
Dieses Wissen wurde ihnen zum Verhängnis. Wer Heilpflanzen kannte, galt schnell als verdächtig. Doch es gab auch Männer, die der Hexerei angeklagt wurden. Für die Beschuldigten endete der Verdacht meistens tödlich. Im Harz wie andernorts hinterließ die Hexenverfolgung tiefe Spuren in der Geschichte der Region.
Frühe Kritiker wagten den Widerspruch
Schon früh gab es Stimmen gegen die Verfolgung. Der Jesuit Friedrich Spee wandte sich gegen den Einsatz von Folter. Der Jurist und Philosoph Christian Thomasius kämpfte ebenfalls gegen die Hexenverfolgung. Er trat für eine humane Strafordnung ein.
Seine Schriften trugen laut Deutschlandfunk maßgeblich dazu bei, dass es im 18. Jahrhundert zu einem Ende der systematischen Hexenverfolgung in Deutschland kam. Das Umdenken vollzog sich langsam – aber es vollzog sich.
Walpurgisnacht: Folklore auf Kosten der Opfer?
Tanz ums Feuer, Hexenkostüme und brennende Puppen – die Walpurgisnacht, die traditionell in der Nacht zum 1. Mai im Harz und weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas gefeiert wird, blickt auf düstere Wurzeln. Möglicherweise liegen ihre Ursprünge in heidnischen Frühjahrsbräuchen. Der Legende nach ritten Hexen im Harz zum Brocken, um sich dort mit dem Teufel zu paaren.
Richtig populär wurde die Walpurgisnacht zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Goethes „Faust“. Darin überredet Mephisto den Protagonisten, an einer Hexenfeier teilzunehmen. Kai Lehmann, Leiter des Schlossmuseums Wilhelmsburg im thüringischen Schmalkalden, äußerte sich dazu kritisch im Deutschlandfunk: „Da stockt einem schon ob der Unwissenheit wirklich der Atem.“ Die vielen tausend unschuldigen Opfer der Hexenverfolgung habe man nicht im Blick. Hexenkostüme an Karneval, Halloween-Verkleidungen und Kinderfiguren wie Bibi Blocksberg sieht er ebenfalls kritisch.
Von der gefürchteten Verfolgten zur positiven Figur
Im 17. Jahrhundert begann das Umdenken. Das Bild der Hexe wandelte sich grundlegend. Frauen begannen, die Figur für sich umzudeuten. Moeller erklärt: „Sie wollten zeigen, dass die Frau auch Macht besitzt.“
Text: von Yasemin Kulen 26.04.2026 - 20:36 Uhr | https://www.news38.de/harz/article300676278/harz-walpurgisnacht-hexen-verfolgung-historie.html
Fakten
- 40.000 bis 60.000 Menschen wurden in Europa als Hexen hingerichtet – vor allem im 16. und 17. Jahrhundert
- 1484: Papst Innozenz VIII. erlässt die sogenannte Hexenbulle – sie erklärt Hexen zur offiziellen Bedrohung
- 1486: Heinrich Kramer verfasst den „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) – das Regelwerk systematisiert Hexenprozesse. Betroffen waren vor allem Frauen – sie konnten sich rechtlich kaum wehren
- In Bamberg allein wurden Hunderte Todesurteile gefällt. Auch Martin Luther glaubte an die Existenz von Hexen
- Der Buchdruck (ab 15. Jahrhundert) verbreitete Hexengeschichten erstmals massenhaft
- Die Walpurgisnacht wurde durch Goethes „Faust“ (Anfang 19. Jahrhundert) populär
- Der Brocken im Harz gilt als legendärer Treffpunkt von Hexen und Teufel
- Erst im 18. Jahrhundert endete die systematische Hexenverfolgung in Deutschland
