Manfred Baumann

Leitung ARD-Projekt Digitalisierung

*26. Februar 1958

Studium der Volkswirtschaftslehre und Soziologie

ZDF-Volontariat

Freier Journalist für ZDF und SWF

ZDF-Landeskorrespondent für Baden-Württemberg

Chef vom Dienst für das Fernsehen der Deutschen Welle

Hessischer Rundfunk „Plusminus“

seit 2012 ARD-Projekt Digitalisierung

 

„Wir waren die Video-Pioniere“

Uni-Einrichtung war für Manfred Baumann das Sprungbrett zum Fernsehen

Herr Baumann, was hat Sie überzeugt, dass die Uni Trier der geeignete Studienort für Sie ist?
Zum einen habe ich sofort persönlichen Kontakt zu Professoren bekommen, was mich damals überrascht hat. Zum anderen hat mir die Stadt auf Anhieb gefallen.

Hat der Berufswunsch „Irgendwas mit Medien“ bei der Wahl Ihrer Studienfächer VWL und Soziologie noch keine dominierende Rolle gespielt?
Ich bin ins Studium gegangen ohne konkrete Berufsvorstellung. Mich haben die Fächer interessiert. Die Fixierung auf einen bestimmten Job verstellt möglicherweise den Blick auf Alternativen. Dass ich dann beim Fernsehen gelandet bin, hat wesentlich mit der Videoabteilung der Uni Trier zu tun.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Uni-Videoabteilung?
Wir waren damals die Pioniere. Wir haben zum ersten Mal Videos gedreht und in einem  spannenden Prozess gespürt, wie Konzept, Dreh und Schnitt aufeinander aufbauen. Heute geht im Fernsehen viel mehr. Früher mussten wir uns über einen Achssprung hinweghelfen. Heute höre ich oft: das habe ich so gewollt. O tempora, o mores!

Was hat Ihnen das Studium fürs Leben mitgegeben und was nicht?
Ich bin mit der sehr naiven Vorstellung ins Studium gegangen, dass Wissenschaft etwas mit Wahrheit zu tun habe. Sehr mühsam musste ich lernen, dass Wissenschaft „nur“ etwas mit Erkenntnis zu tun hat. Seit ich mir eingestanden habe, dass alle Erkenntnis nur Konstruktion ist, lebt es sich sehr viel gelassener – im Beruf und im privaten Leben. Wenn Sie mich schon so kritisch fragen, was ich nicht gelernt habe, dann ist es, dass mich die Uni nicht auf große Organisationen wie Unternehmen vorbereitet hat. Da gibt es Menschen mit Interesse an ihrer Aufgabe, andere an ihrer Karriere, wieder andere bremsen grundsätzlich, weil das Leben zu schnell ist. Da hätte die Uni mehr tun können durch mehr Praxisbezug.

Sie haben mehrere Jahrzehnte Berufserfahrung. Was muss ein Studienabsolvent heute mitbringen, wenn er im Journalismus Fuß fassen will?
Drei Dinge muss man wissen: 1. Journalismus ist die beste Voraussetzung, um arm zu sterben. Richtig Geld verdienen ein paar Große. Es gibt auch in den elektronischen Medien (wo gut verdient wird) Kollegen, die maximal 3000 bis 4000 Euro brutto in der besten Zeit ihres Lebens verdienen. Wenn die älter werden, sinkt das Einkommen. 2. Richtig guter Journalismus wird immer stärker verdrängt vom Boulevard und Verbrauchertümelei. Egal ob online, Print oder TV, alles wird flacher. Das hat wieder mit Punkt 1 zu tun, denn gute Recherche und pedantisch-präzise Umsetzung brauchen Zeit. Die kostet. Schließlich 3. Was nützt guter Journalismus, wenn die Menschen draußen sich nicht mehr mit den Fragen der Zeit  beschäftigen wollen? Vielleicht sagt der Journalist das Richtige, aber er wird möglicherweise
nicht mehr gehört, weil andere lauter und dominanter sind.

Sie waren lange Zeit „Mister Börse“ der ARD. Haben Sie Ihr Studium schon mit Aktien finanziert?
Mein Studium habe ich mit Jobs, Bafög und später auch mit dem Einkommen meiner Frau finanziert. Für Aktien habe ich mich interessiert seit ich gelernt habe, was eine Aktiengesellschaft ist – also im ersten Semester. Heute bin ich froh, dass ich keine Gelegenheit hatte, über Aktien als Finanzierungsinstrument nachzudenken. Aktien sind Instrumente der Geldanlage. Aktien sind Risikopapiere. Wenn es gut geht, kann man den Lebensabend zum Teil damit finanzieren. Fürs schnelle Geld eignet sich die Aktie nicht.

Mittlerweile arbeiten Sie als Projektleiter in einem großen Digitalisierungsprojekt der ARD. Fehlt Ihnen das Adrenalin vor der Kamera?
Oh ja! Es waren die schönsten Momente meines Journalistenlebens. Dieser Kick ist großartig. Und er macht süchtig. Die Gefahr dabei ist, dass man sich plötzlich für wichtig hält, nur weil man in der Tagesschau einen Aufsager machen darf. Der Zuschauer sieht das ganz anders: Wenn du es machst, ist das ok, bist du weg, macht es eben ein anderer.

Beim Blick zurück auf die vielen Stationen Ihres Berufslebens: Was waren die größten Tops, welche die größten Flops?
Das ist eine typische Journalistenfrage. Das Leben tickt aber oft anders, nämlich ohne den Megaerfolg und ohne Lebenskrise. Wenn ich suche, würde ich als Top vielleicht den Mut einordnen, nach über 20 Jahren im Journalismus einen neuen Job zu beginnen. Dazu gehört tatsächlich Mut, dazu gehören aber auch gute Freunde und ein Arbeitgeber, der das Potential erkennt.

In einem Personenprofil sind als Ihre Interessen „Sologesang“, „Arbeit mit Gips und Mörtel“ und „gute Sonntagsgottesdienste“ angegeben. Eine ziemlich wilde Mischung!
Stimmt. Sologesang ist noch nah bei der Kamera. Es geht darum, permanent die eigene Performance zu verbessern, vor allem, wenn man wie ich heute auch als Trainer und Coach in eigener Firma unterwegs ist. Die Arbeit auf der Baustelle, auf der ich eine Ruine bewohnbar gemacht habe, gab mir jahrelang das Gefühl, nicht nur im Kopf arbeiten zu können, sondern mit bloßen Händen. Gipsen oder Mauern ist kreativer als man zunächst denkt. Und bei den Sonntagsgottesdiensten? Ich bin überzeugter Protestant. Allerdings einer, der sich leicht langweilt, weil ich die Predigt undurchdacht und langweilig finde. Schön, wenn ein Prediger mich mal reizt, zuzuhören und mitzudenken. Das ist wie früher bei den Profs an der Uni.

Das Interview ist erschienen im Unijournal 2/2014.