Mehr als zwei Jahre nach dem letzten Auftritt konnte das Collegium Musicum sein Publikum wieder „live“ in St. Maximin begeistern. Fotos: Clemens Sarholz

Eine musikalische Reise vom Dunkel ins Licht

Nach mehr als zwei Jahren traten Orchester und Chor des Collegium Musicum in St. Maximin wieder vor Publikum auf.

Die Dramaturgie? Vom Dunklen ins Licht. Von den bitteren Momenten, Facetten und Seiten des Lebens bis hin zur Freude. Vom Moll zum Dur. Im Konzert des Collegium Musicum der Universität in St. Maximin ging es darum, „beide Seiten der Menschheit zu betonen und zu zeigen“, wie der musikalische Leiter Mariano Chiacchiarini kurz vor der Pause erklärte. Denn wir leben in Zeiten, in denen die Welt immer verrückter wird. Deswegen spielen sie diese Musik: „um nicht zu vergessen, dass die Welt nicht nur böse und schlecht ist“.

Und hat das Collegium Musicum es geschafft, das dem Auditorium zu vermitteln? Der minutenlange stehende Applaus spricht dafür. Das Motto: „Auferstehen“. Es war das erste Konzert vor realem Publikum seit Februar 2020. Es begann mit der Tragischen Ouvertüre op. 81 von Johannes Brahms, der volksnah war, der schon früh mit seinem Vater durch die Hafenkneipen Hamburgs gezogen ist und der das große Talent besaß, seiner Melancholie musikalischen Ausdruck zu verleihen. Das Werk entstand als Gegenstück zur Akademischen Festouvertüre op. 80. Damals schrieb Brahms seinem Verleger: „Bei dieser Gelegenheit konnte ich es meinem melancholischen Gemüt allerdings nicht versagen, auch eine Trauerspiel Ouvertüre zu schreiben.“

Ball zurückgespielt

Und es war schön. Ein großer Vorteil von Amateurorchestern und -chören bleibt es, dass die Musiker ihre Anspannung mit auf die Bühne bringen. Doch wenn es läuft, und das tat es, wandelt sich diese Nervosität in Energie. Sie überträgt sich auf das Publikum, die sie wie einen Ball dankbar an die Musiker zurückgibt. Man befruchtet sich in so schönen Konzerten gegenseitig. Und dann werden Glückshormone freigesetzt. Ja, die Welt besteht nicht nur aus Bösem und Schlechtem. Etwa 750 Leute saßen im Auditorium.

Es gab zwölf Stücke an diesem Tag. Besonders zu erwähnen ist dabei das Stück „Come Again, Sweet Love Doth Now Invite“ von John Dowland. Ein Stück, das á capella vom Chor gesungen wurde. Dowland wusste bereits im 16. Jahrhundert, dass Widerspruch Spannung erzeugt. Der Text? Hier Auszüge aus der deutschen Übersetzung: „Komm wieder/ damit ich aufhöre zu klagen/ wegen deiner unerfreulichen Verachtung/ jetzt verlassen und verloren/ Ich sitze, ich seufze, ich weine, ich vergehe, ich sterbe in tödlicher Qual und endlosem Elend“. Viel melancholischer kann ein Text gar nicht mehr sein. Aber die Melodie und die Rhythmik dazu. Das Gegenteil. Die unterschiedlichen Stimmen sind versetzt. Sie singen in den Offbeat hinein, was dem Stück etwas Treibendes gibt. Einen Blick nach vorne. Der Kammermusikführer spricht gar von einer „deutlichen Steigerung Stufe um Stufe hin zum Höhepunkt erotischer Ekstase“. Hier verbinden sich die Stimmungen Moll und Dur. So, wie das Programm es vorgab.

Kathedrale Anmut

Irgendjemand sagte mal: „Wer einmal Mahler gespielt hat, der will in seinem Leben nichts anderes mehr spielen.“ Und so kam auch in St. Maximin Mahler auf die Bühne. Das Stück „Urlicht“ beispielsweise, passend zum Motto, aus der Auferstehungssymphonie. Die Mezzosopranistin Sofia Pavone war die Solistin. In der Pause lohnt es sich, den Gesprächen am Rande des Konzertes zuzuhören: „Schwitzt der Dirigent auch mal?“, fragt eine feine Dame im Sommerkleid. „Ich habe ja keine Ahnung, aber dieses wunderbare Timbre von der Solistin. So weich und auch in den Tiefen eine volltönende Stimme“, hört man an anderer Stelle. Und nicht nur weich und schön. Nein, man hat dazu das Gefühl, dass, wenn Frau Pavone mal aufdreht, auch eine kathedrale Anmut in ihren Auftritten liegen könnte. Offenbar passt Pavones Stimme hervorragend zum Programm.

Generell ein besonderes Programm. Die Stücke waren kaum länger als zehn Minuten. Das hat dem Konzert etwas sehr Kurzweiliges verliehen. Auf einmal war es vorbei. Nach dem Schicksalslied von Brahms. Ein runder Abschluss. Mit Brahms gestartet, mit Brahms geendet. Brahms komponierte das Stück zum gleichnamigen Gedicht von Friedrich Hölderlin aus dessen lyrischem Briefroman Hyperion. Brahms war tief ergriffen, als er das Gedicht las und begann noch am gleichen Tag die ersten Skizzen dafür anzufertigen. Die Vollendung dauerte allerdings mehrere Jahre, da Brahms sich nicht entschließen konnte, wie er das Werk enden lassen wollte. Letztendlich, und das passt sehr zur Dramaturgie des Abends, entschied er sich dafür, dass eher schwermütig anmutende Schicksalslied hoffnungsvoll in Dur ausklingen zu lassen.

Und dann kam es, wie schon erwähnt: Minutenlanger stehender Applaus. Trotz Sommer, trotz Hitze. Generell gab es im Publikum ein Aufatmen. Endlich wieder Musik. Endlich wieder Menschen. Dankbarkeit durchzog den Saal. Als alle dachten es sei vorbei, kamen noch die Zugaben: Brahms „Ungarische Tänze“, die allerdings von Antonin Dvorák instrumentiert wurden. Es endete mit Robert Schumanns „Gute Nacht“.

Clemens Sarholz

Gewohnt souverän leitete Musikdirektor Mariano Chiacchiarini Chor und Orchester durch das Programm.
Gewohnt souverän leitete Musikdirektor Mariano Chiacchiarini Chor und Orchester durch das Programm.

Mitmachen im Collegium Musicum

Wer selbst ein Instrument spielt oder auf der Suche nach einem Chor ist, der kann sich als Orchesterinteressent an uniorchester.trierwebde oder als Chorinteressent an collmusuni-trierde wenden. Die Proben starten zum Semesterbeginn. Dienstagabends probt das Orchester, Mittwochabends der Chor.