Thomas Kipp bläst dreimal in eine orange Tröte. Es ist das Signal für seine Kollegen, den Motor anzuwerfen und aus dem kleinen Hafen in Saarburg-Niederleuken zu fahren. Mit den Worten "Allseits gute Fahrt in Gottes Namen" schwören sich die Männer auf die Fahrt bis Pölich ein. Und das Floß gleitet geschmeidig über die Saar.
Ihr außergewöhnliches Gefährt haben die "Schiltacher Flößer" am Dienstag in Rehlingen im Saarland zusammengebaut. Es besteht aus 15 Holzstämmen und einer kleinen Hütte und es soll sie 250 Kilometer weit tragen - über Trier und Bernkastel-Kues bis nach Koblenz.
Flößer wollen auf Tradition hinweisen
Thomas Kipp freut sich schon darauf: "Das ist ein unglaublich tolles Erlebnis. Die Landschaft, der Weinbau und einfach die Tatsache, dass viele Städte und Gemeinden ihre schönsten Gesichter zum Wasser hin zeigen."
Doch das ist nicht der Grund für die Reise der Männer aus dem Schwarzwald. "Das hier ist keine Gauditour", stellt der Floßmeister klar. Die "Schiltacher Flößer" wollen mit der Tour auf die Bedeutung ihres Handwerks aufmerksam machen. Seit 2022 gehört die Flößerei zum immateriellen Weltkulturerbe. "Und wir wollen das Wissen und die Tradition erhalten", sagt Kipp.
Auf dem Rhein, dem Neckar und der Weser waren sie schon unterwegs. Die Saar und die Mosel fehlten ihnen noch auf der Liste der großen Flüsse, die sie befahren wollten, um die Flößerei auch hierzulande bekannter zu machen.
Flößerei drohte in Vergessenheit zu geraten
Thomas Kipp hat den Verein vor fast 30 Jahren in Schiltach an der Kinzig mit aufgebaut. In dem Fachwerk-Städtchen in Baden-Württemberg war gerade der letzte Flößer gestorben und er hatte sein Wissen mit ins Grab genommen. Die alte Technik drohte in Vergessenheit zu geraten. Das wollten Kipp und seine Mitstreiter aber nicht zulassen.
Also besorgten sie sich alte Fotografien aus dem Jahr 1880 und versuchten nachzubauen, was sie darauf sahen. Geschichte und Abenteuer kommen zusammen. "Und wenn man dann noch mit dem Floß fährt und das nacherleben kann, was unsere Vorfahren erlebt haben – das ist schon etwas Besonderes", sagt Kipp.
Floß liegt stabiler im Wasser als Schiff
Wer schon mal auf einem Schiff über die Saar geschippert ist, merkt schnell, was sonst noch den Reiz ausmacht. Mit dem Floß ist es entspannter. Nichts wackelt, nichts ruckelt. Die Baumstämme bilden eine feste Plattform auf dem Wasser.
"Hier kann man stehen wie am Kneipentisch und muss sich nicht festhalten", sagt der Floßmeister: "Und wir können nicht kentern. Das Ding kannst du stundenlang unter Wasser drücken, es steigt immer wieder hoch."
Treibholz in der Saar kann gefährlich werden
Was dem Floß aber in die Quere kommen kann, ist Treibholz. Und davon schwimmt gerade auf der Saar eine Menge. Deshalb steht Erwin Wolber vorne am Bug und schiebt mit einer Stange die Stämme beiseite. "Wenn die in die Schraube des Motors kommen, dann ist Ende", sagt Wolber.
Auf ihren Touren auf Rhein, Neckar und Donau haben sie sich auch schon mal ein Stück vom Wasser treiben lassen - so wie ihre Vorfahren. Durch die Staustufen gibt es auf der Saar aber praktisch keine Strömung. Ohne Motor bräuchten die Flößer also womöglich Wochen bis nach Koblenz.
Fingerspitzengefühl beim Fahren durch die Schleuse
Mit Motor erreichen sie schon nach etwa einer Stunde die Schleuse in Kanzem. Hier ist jetzt etwas Fingerspitzengefühl am Ruder gefragt, wie der Vereinsvorsitzende Hartmut Brückner erklärt: "Man muss frühzeitig die Richtung vorgeben, damit man schön und sauber reinkommt."
Doch Brückner ist nach rund 2.000 Kilometern mit dem Floß schon Profi. Obwohl das vergangene Jahr gezeigt hat, dass auch Berufskapitäne Probleme bei der Einfahrt in die Schleuse haben können: In Kanzem läuft alles reibungslos, trotz Publikum.
Oberhalb des Tors haben sich Zuschauer eingefunden, die beobachten, wie das Floß langsam in die Kammer sinkt. Sie winken den Flößern zu und wünschen eine gute Reise. Die führt dann gegen Mittag an die Mündung der Saar in die Mosel - Schwäne schwimmen vorbei. Reiher, Kormorane und Nilgänse fliegen über das Floß und Radfahrer hupen zum Gruß. Und bald sind in der Ferne die Motorboote im Yachthafen von Trier zu sehen.
Experte: Schon Griechen und Römer nutzten Flöße
In der Moselstadt hat Pascal Warnking sein Büro. Er ist Professor für maritime Antike an der Universität Trier und kennt sich bestens mit Flößen und anderen Wassergefährten aus. "Schon die Griechen haben Baumstämme mittels Flößen über die Flüsse transportiert", sagt Warnking.
Für die Römerzeit ist diese Technik auch an Rhein, Mosel und Saar belegt. Ein Beweis dafür ist der antike Hafen der nordrhein-westfälischen Stadt Xanten. Archäologen haben nachgewiesen, dass die Römer dort Holz aus den Alpen verbaut haben, das sie zuvor hunderte Kilometer verschifft hatten.
Begegnung mit Schiff auf der Mosel
Wegen des zunehmenden Schiffsverkehrs auf den großen Strömen in Europa sind die Flöße irgendwann verschwunden. Stattdessen wird Holz heutzutage klein gehackt und auf Frachter verladen.
So ein Schiff kommt den Flößern dann auch kurz vor der Trierer Schleuse entgegen - allerdings mit Metallschrott an Bord. "Da wird es für mich am Ruder anstrengend", sagt der Vereinsvorsitzende Hartmut Brückner: "Wir müssen immer schauen, ob wir nach links oder rechts ausweichen." Letztlich rudern sie ein Stück Richtung Ufer. Es ist genug Platz.
Auf der Mosel werden sie wohl noch deutlich mehr großen Schiffen begegnen als auf der Saar. Doch auch das treibt den Flößern keine Schweißperlen ins Gesicht. Auf dem Rhein haben sie schon viel mehr Verkehr erlebt, sagt Brückner: "Man darf keine Angst haben, aber man muss Respekt haben und das nicht unterschätzen."
Nächster Stopp: Lettland
An diesem Tag läuft alles entspannt. Das Wetter zeigt sich mit viel Sonnenschein von seiner besten Seite. Auch da haben die Schwarzwälder schon andere Erfahrungen gemacht. "Auf der Donau sind wir tagelang bei Eiseskälte unterwegs gewesen. Da hatten wir mehrere Lagen Klamotten an", sagt Erwin Wolber. Und auch das habe wenig geholfen.
Doch sie haben es trotzdem durchgezogen - für den Erhalt ihrer Tradition. Wenn die Flößer nächste Woche in Koblenz ankommen, haben sie mit Ausnahme des Mains alle großen Flüsse in Deutschland abgehakt.
Was kann dann noch kommen? "Lettland", sagt Thomas Kipp: "Das ist das Nächste, was ansteht. Und dann mal schauen." Auch dort gebe es eine jahrhundertealte Flößer-Tradition und befreundete Vereine.
Bericht von Christian Altmayer, Marc Steffgen, SWR, 10.4.2026, https://www.tagesschau.de/inland/regional/rheinlandpfalz/swr-warum-ein-historisches-floss-auf-saar-und-mosel-unterwegs-ist-100.html
Sendung am Fr., 10.4.2026 4:35 Uhr, SWR Aktuell Rheinland-Pfalz, SWR; Sendung am Fr., 10.4.2026 12:00 Uhr, SWR Aktuell am Mittag, SWR Aktuell
