Bewegend und bewegt

Das Collegium Musicum der Universität Trier gestaltete das Sommerkonzert 2025 als Plädoyer für Mitmenschlichkeit, Selbstbestimmung und Lebensfreude.

Unbeschwert, so kennen wir die Sommerkonzerte des Collegium Musicum in der Pfarrkirche Heiligkreuz, in diesem lichten, weitgespannten Raum. Heute bedrängen Unfrieden und die Sorge um unsere Lebenswelt den unbefangenen Genuss milder Abende. Eine Ambivalenz, die das Konzert des 5. Juli prägte: die Begrüßung durch Kulturdezernent Markus Nöhl – mit seinem Bericht vom Konzert des Collegium Musicum mit dem Tbilisi Symphony Orchestra in Georgien und der solidarischen Partnerschaft der Universitäten Tiflis und Trier – wie auch die musikalischen Themen des Programms.

Bewegend und bewegt, das Semesterabschlusskonzert des Collegium musicum im Juli 2025. Foto: Emily Pütz
Bewegend und bewegt, das Semesterabschlusskonzert des Collegium musicum im Juli 2025. Foto: Emily Pütz

Prachtvoller kann ein Konzertauftakt nicht sein. Vivaldi schrieb sein einziges Trompetenkonzert für zwei Solist:innen. Wunderbar erklingt das Wechselspiel von Griseldis Lichdi und Florian Chamot, vom Orchester des Collegium Musicum souverän begleitet. Die strahlende Musik, damals komponiert für den prunkvollen Auftritt barocker Sonnenkönig:innen erreicht heute die Herzen aller glücklichen Menschen. Den langsamen Mittelsatz des klassisch-italienischen Konzertschemas reduziert Vivaldi auf eine Melodiezeile mit der Silvia Carlitz warm und hingebungsvoll zu den dynamischen Kontrasten und der brillanten Schlusssequenz des dritten Satzes überleitet.

Diese großartige Unbeschwertheit kontrastiert Johann Sebastian Bach in der folgenden kunstvollen Motette Jesu, meine Freude mit einer umfassenden Analyse der menschlichen Geschöpflichkeit, differenziert vorgetragen vom Kammerensemble des Collegium-Chors und begleitet vom Basso continuo mit Lilia Held am Cello und Jian Cao an der zierlichen Truhenorgel. Beginnend mit der schlichten, aufrichtigen Frömmigkeit Bachs im ersten, namengebenden Choral führt die kraftvolle Zurückweisung menschlicher Versuchungen und übermächtiger Todesfurcht zur Einsicht in die Geistlichkeit des Menschen in der zentralen fünfstimmigen Fuge. Diese prägt mit ihren überlagernden Melodien und komplexen Läufen ebenso den Charakter des Werks wie die klanglichen Kontraste in den a-tre-Reduzierungen der Stimmlagen im So aber Christus in euch ist … und der sanfte Gesang der kleinen Concertino-Gruppe, die im anrührenden Gute Nacht, o Wesen … alle menschlichen Schwächen in den Schlaf des Vergessens zu wiegen scheint.

Die Treffsicherheit Johann Sebastian Bachs musikalischer Analyse muss sich in der folgenden Motette Unser Leben ist ein Schatten seines Großonkels Johann Bach unmittelbar in der Konfrontation mit der menschlichen Realität beweisen. Deren Schicksalswendungen werden darin – im Erinnern an die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges – als unwägbar und ungewiss beschrieben. Der ratsuchende große Chor im Altarraum sucht Bestätigung im Antwortgesang der Vorsinger unter der Empore. Das tastende Zwiegespräch füllt den Kirchenraum und findet Trost im Heilsversprechen, auf das die unbeirrte Musik Johann Bachs nachdrücklich verweist.

 

Dirigent Gocha Mosiashvili
Dirigent Gocha Mosiashvili führte Chor und Orchester durch einen großartigen Abend.
Publikum und Chor beim Semesterabschlusskonzert.
Publikum und Chor beim Semesterabschlusskonzert des Collegium musicum.
Trompetenkonzert für zwei Solist:innen
Trompetenkonzert für zwei Solist:innen.

Nach der Pause legt ein weiteres programmatisches Stück das neue Thema vor. Wie zu Beginn die Lebensfreude, steht nun die Harmonie in Wagners spätromantischem Siegfried-Idyll zur Debatte. Mit vertrauten Leitmotiven aus seinen Werken skizziert Wagner die Vielfalt des Lebens, transformiert sie durch subtile harmonische und klangliche Variationen und lässt die Musik schließlich ruhig und versöhnlich ausklingen. Ein wundervolles Werk – und eine große Herausforderung für das Orchester, dessen leitende Passagen die solistischen Qualitäten der Musiker:innen besonders hervorheben. Dabei gleitet nur wenige Male das Zarte ins Zögerliche, was die Bewunderung der Hörer:innen für die Kunstfertigkeit des Laienensembles in keiner Weise mindert.

Auch Wagners Siegfried-Idyll durchläuft den Faktencheck in der Konfrontation mit Schumanns Ouvertüre zu Hermann und Dorothea, deren unstandesgemäße Verbindung in den Wirren der Revolutionskriege ein glückliches Ende findet. Schumanns dramatisch-poetischer Instrumentationskontrast zwischen dunklen Streichern, hellen Holzbläsern, Trompeten und Trommeln mündet am Schluss – ganz im Sinne des Harmoniegedankens – in einen Wechsel von Moll zu Dur, versöhnlich und elegant. Das Ausmaß der Gefahren, denen beide Figuren begegnen, versinnbildlicht Schumann durch scharfe Trommelwirbel aus der Ferne, eingebettet in das sich wiederholende Marseillaise-Zitat. Auch hier wird der Kirchenraum effektvoll genutzt: Als Militärtrommler verbirgt sich der junge Schlagwerker Miguel Martínez Picó im Aufgang zur Sakristei.

Wieder zurück an seinen mächtigen Pauken lotet er gemeinsam mit dem gesamten Ensemble das romantische Emotionsspektrum in Schumanns Nachtlied aus. Im furiosen Finale entfalten Chor und Orchester mitreißend und kraftvoll Schumanns nächtliche Begegnung mit der unerwarteten Weite individueller Freiheit. Grenzenlos wie der Sternenhimmel erscheint sie ihm. Riesenhaft raubt sie ihm den Schlaf. Selbstbestimmung ist nichts für Feiglinge – nur mühsam findet er wieder zur Ruhe.

Mit lebhaftem, anhaltendem Applaus bedankt sich das Publikum bei den leidenschaftlichen Musiker:innen und ihrem engagierten Dirigenten Gocha Mosiashvili für einen großartigen Abend und ein breites, eindrucksvolles Programm. Als Zugabe begleitet ein musikalisches Gebet die Konzertbesucher in den lauen Sommerabend. J.S. Bach bittet darin Gott für die Mächtigen – die Macher, Entscheider und Regenten – um Beistand in ihrem Dienst zum Wohle aller. Nicht als Ausdruck politischer Zielsetzungen, sondern als Anliegen gelebter Menschlichkeit.

Mit der Verbindung von Orchester und Chor ist das Collegium Musicum der Universität Trier ein einzigartiges Laienensemble in unserer Region und ein Garant für großartige Konzertabende. Dafür engagieren sich musikbegeisterte Studierende, Lehrende und Freunde der Universität Trier. Wer sich für das Ensemble interessiert oder mitmachen möchte, findet alle Informationen über die Kulturseite des Internetauftritts der Universität Trier.

Christoph Friedrich, quadro agentur

Kontakt

Collegium Musicum
Chor: Johanna Hentschel
Mail: collmus@uni-trier.de

Orchester: Carolyn Schrama
Mail: uniorchester.trier@web.de