Oh wie schön ist Kanada!

Deutschlands Migrationspolitik im historischen Kontext zu diskutieren, fordert die Professorin der Uni Trier für Internationale Geschichte, Dr. Ursula Lehmkuhl. Gerade aus der Erfahrung Kanadas könne man lernen. Obwohl auch dort nicht alles perfekt läuft, romantisieren Deutsche gern ihr beliebtes Reiseland. Im Interview die Kanada-Expertin über Migrationspolitik und ihren kürzlich gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben „Länderbericht Kanada“. Darin will sie mit romantisierten Klischees aufräumen.

Kanadische Idylle? Der Blick auf den Treis Rivières in Québec, Foto: Ursula Lehmkuhl

Ursula Lehmkuhl, Professorin für Internationale Geschichte an der Universität Trier, hat im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) den "Länderbericht Kanada" herausgegeben. Mit dem Länderbericht möchte sie Mythen aufdecken, Stereotype dekonstruieren und die Entwicklung Kanadas auch entlang der existierenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Spanungsfelder aufzeigen sowie historisch und politisch einordnen.

Uni Trier: Wie sind Sie zu der Ehre gekommen, einen Länderbericht für die bpb zu schreiben?

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl: Die Idee ist in der kanadischen Botschaft in Berlin anlässlich der Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum der Staatsgründung Kanadas im Jahr 1867 entstanden und von der bpb aufgegriffen worden. Ich wurde von der bpb als langjähriges Mitglied und ehemalige Präsidentin der Gesellschaft für Kanada-Studien (GKS) kontaktiert. Die Herausgeberschaft unterstreicht auch die starke Forschungstradition im Bereich der Kanada-Studien an der Universität Trier. Diese ist institutionell sichtbar mit dem Zentrum für Kanada-Studien sowie dem von mir seit 2012 geleiteten ersten und bisher einzigen deutsch-kanadischen Graduiertenkolleg in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Warum brauchen wir einen Länderbericht Kanada?

Kanada ist im Bewusstsein des deutschen Publikums sehr präsent, denn es ist ein beliebtes deutsches Reiseland und ein wichtiger politischer Partner Deutschlands. Allerdings basieren die Kenntnisse über Kanada häufig auf romantisierenden Klischees. Der Länderbericht soll Klischees abbauen und wissenschaftlich fundierte Informationen präsentieren. Wir haben versucht, ein realistisches Bild der Geschichte und Gegenwart Kanadas zu zeichnen. Der Länderbericht kann im Schulunterricht aber auch in der universitären Lehre als Grundlagenlektüre benutzt werden.

Welche Klischees sind besonders präsent?

Zwei Beispiele! Kanada ist nach Russland flächenmäßig das zweitgrößte Land der Welt. Es gilt als ein Land mit scheinbar endlosen, weitgehend naturbelassenen Gebieten und atemberaubenden Wäldern und Seen. Tatsächlich gehört Kanada jedoch im globalen Vergleich zu den am stärksten urbanisierten Ländern. Etwa ein Drittel der Bevölkerung wohnt in den drei großen Metropolregionen Kanadas: Toronto, Montreal und Vancouver. Ein weiteres Stereotyp ist die Vorstellung von Kanada als einladendes, sozial gerechtes Land – als ein Land, in dem man sich wohlfühlen kann. De facto gibt es aber auch in Kanada große Brüche innerhalb der Gesellschaft zwischen Arm und Reich und vor allem zwischen der indigenen Bevölkerung und den Nachfahren der europäischen Siedler. Im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen (Human Development Index) steht Kanada mittlerweile nur noch auf Platz 10 mit einer deutlichen Abwärtstendenz. 

 

Kanada gehört zu den am stärksten urbanisierten Ländern der Welt

Downtown Montreal vom Mont Royal, Foto: Ursula Lehmkuhl
In Ottawa Blick auf das Parlamentsgebäude augehend vom Rideau River, Foto: Ursula Lehmkuhl
In Ottawa Rideau Canal und das Chateau Laurier, Foto: Ursula Lehmkuhl
Torontos moderne Architektur, Foto: Ursula Lehmkuhl
Skyline Torontos, Foto: Ursula Lehmkuhl

Und wer den Länderbericht liest, wird aufgeklärt?

Wer den Länderbericht liest, lernt die Konflikte, die die kanadische Geschichte, Politik und Gesellschaft durchziehen, kennen.

Kanada steht für eine gelungene Umsetzung der Politik des Multikulturalismus. Auch seine Einwanderungspolitik wird in Europa als beispielhaft bewertet. Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik sind derzeit in Deutschland höchst umstritten. Inwiefern kann die kanadische Erfahrung für den deutschen Diskurs nützlich sein?

Es ist wichtig, angesichts der die deutsche Tagespolitik beherrschenden politischen Kontroversen um Migration, Flucht, Einwanderung und Asyl, die Themen in einen größeren historischen Kontext einzuordnen. Dazu wollen wir einen Beitrag leisten, nicht nur mit dem Länderbericht, sondern auch mit dem Forschungsprogramm unseres deutsch-kanadischen Graduiertenkollegs „Diversity“. Hier beschäftigen wir uns mit Diversität, Migration, multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften im kanadisch-europäischen Vergleich. Wir untersuchen politische, alltagspraktische und kommunikative Formen sozialer Interaktion in multikulturellen Kontexten mit dem Ziel, die Normalität des multiethnischen Zusammenlebens in einer längeren historischen Perspektive herauszuarbeiten. Damit wollen wir auch aktuellen populistischen Debatten über die Gefahren der Überfremdung durch Einwanderung ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen.

Abendlicher Blick auf Harbour Front und Downtown Toronto, Foto: Ursula Lehmkuhl

Warum ist es wichtig, Migration in einen größeren Kontext einzubetten und das Phänomen zu historisieren?

Migration ist ein globales Phänomen. Menschen wandern seit es sie auf der Erde gibt. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen war und ist ein wesentlicher Motor menschlicher Entwicklung und zentral für Fortschritt und Innovation. Das Denken in Kategorien von kultureller und religiöser Homogenität ist hingegen ein sehr viel jüngeres Phänomen. Es ist ein Resultat der Nationalstaatsgründungen und des Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts. In den 1970er und 1980er Jahren wurde dieses Denken etwas aufgebrochen, nicht zuletzt angestoßen durch die kanadische Politik des Multikulturalismus. Diese beiden Jahrzehntekönnen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts als post-nationales Intervall bezeichnet werden. Seit den 1990er Jahren erleben wir wieder eine Rückkehr zu nationalem und sogar nationalistischem Denken, das mit Praktiken sozialer Exklusion und Fremdenfeindlichkeit Hand in Hand geht. Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen im Schengen-Raum ist nur ein Beispiel der gegenwärtig beobachtbaren Politik der Renationalisierung und der Exklusion und Ausgrenzung. Mit diesen nationalen backlashes müssen wir vorsichtig umgehen.

Wollen Sie sich in die Migrations-Debatte einmischen?

Ich möchte politisch Impulse setzen. Dazu gehört auch, immer wieder daran zu erinnern, dass auch Deutsche im 19. und frühen 20. Jahrhundert Wirtschaftsflüchtlinge waren. Mehr als 6,5 Millionen Deutsche wanderten zwischen 1830 und 1914 in die USA aus, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben aufbauen zu können. Nur ein sehr geringer Teil der deutschen Auswanderer gehörte zur Kategorie politischer Flüchtlinge. Auch deutsche Einwanderer taten sich schwer mit der Integration. Sie lebten in ethnischen Kolonien und bauten Parallelgesellschaften auf. Gleichzeitig gelten sie heute als die sich am besten und erfolgreichsten integriert habende Gruppe europäischer Einwanderer. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen halten, wenn in der politischen Debatte die Angst vor Parallelgesellschaften geschürt wird. Dazu würde ich mit meinen Forschungsarbeiten gern einen Beitrag leisten.

 

Das deutsch-kanadische Graduiertenkolleg „Diversity“

Das Internationale Graduiertenkolleg „Diversity: Mediating Difference in Transcultural Spaces“, mit vollem Namen International Training Research Group Diversity (IRTG Diversity), führt Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen sowie Forschende aus Montréal, Saarbrücken und Trier zusammen. Gemeinsam beschäftigen sie sich mit den politisch und gesellschaftlich umstrittenen Handlungsfeldern “Multikulturalismus”, “Diversität” und „Transnationalismus“. Sie untersuchen paradigmatische Veränderungen und historische Wandlungsprozesse im Umgang mit multikulturellen Realitäten in Europa und Nordamerika ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Das Thema „Diversität“ ist nicht nur für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft interessant, sondern auch für Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Aktuell arbeiten im Graduiertenkolleg 18 Doktoranden, zehn aus Deutschland und acht aus Kanada. Geleitet wird das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt von Professorin Dr. Ursula Lehmkuhl (Universität Trier), Professor Laurence McFalls (UdeM) und Professorin Dr. Astrid Fellner (UdS).

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl

Kontakt

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl
Internationale Geschichte
0651 201-4101
lehmkuhluni-trierde
www.irtg-diversity.com