Weibliche Stadtverordnete in Berlin im Jahr 1919. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1983-1205-508 / CC-BY-SA 3.0

100 Jahre Frauenwahlrecht: ein Grund zum Feiern?

Frauenquote im Bundestag, Frauen als Wählerinnen und die Frage nach der Gleichberechtigung: Wissenschaftler der Universität Trier ordnen das geschichtliche Ereignis ein.

Am 12. November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten, dass Frauen in Deutschland wählen dürfen. Kurz später trat auch das entsprechende Reichswahlgesetz in Kraft und Frauen durften das erste Mal an die Urne. An der Universität Trier ist das 100-jährige Jubiläum unter anderem Anlass, sich im aktuellen Wintersemester in einem Seminar mit dem Thema Frauenwahlrecht zu beschäftigen.Ist dieses Jubiläum Grund zum Feiern oder bedarf es noch mehr Gleichberechtigung? Die Frauenquote im Bundestag beträgt circa 30 Prozent. Die aufstrebende Rechte propagiert eine eigene Vorstellung von Gleichberechtigung. Und wie wählen Frauen heute überhaupt? Fünf Wissenschaftler aus Rechtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Gender-Forschung der Universität Trier geben Antworten auf diese Fragen.

Braucht es eine Frauenquote in den Parlamenten? Wäre diese juristisch möglich?

„Angesichts des geringen Frauenanteils in deutschen Parlamenten liegt es nahe, über eine Frauenquote bei Wahlen nachzudenken, wie man sie in Frankreich schon seit einigen Jahren praktiziert. Eine solche Frauenquote wäre zulässig, wenn man das Grundgesetz entsprechend änderte. Rechtspolitisch ist eine solche Frauenquote allerdings kritisch zu bewerten, da sie ganz fundamental mit zentralen Grundsätzen unseres Demokratieverständnisses bricht – nämlich mit der Gleichheit aller Mitglieder des demokratischen Gemeinwesens und mit dem Gedanken, dass die Abgeordneten alle Mitglieder des Volkes und nicht allein bestimmte Gruppen repräsentieren. Eine bessere Sichtbarkeit von Frauen in der Politik kann und sollte daher auf anderem Wege angestrebt werden, etwa durch gezielte Vernetzung, parteiinterne Quotenregelungen und – wo angezeigt – eine Reform hin zu repräsentationsfreundlichen Wahlsystemen (zum Beispiel Listenwahlen statt Personenwahlen).“

Prof. Dr. Antje v. Ungern-Sternberg (Rechtswissenschaft)


Welche Themen überzeugen Frauen, ihr Häkchen bei einer Partei zu machen?

„Aus soziologischer Perspektive ist diese Frage nicht zu beantworten, ohne mit einer Differenzierung zu beginnen, denn von einem Kollektivsingular Frauen dürfte schwerlich auszugehen sein. Will sagen, die für das politische Bewusstsein und für politische Wahlentscheidungen als vorrangig relevant erachteten Themen wie auch das konkrete Wahlverhalten aller Geschlechter changiert typischerweise nach sozialer Lebenslage, verfügbaren Lebenschancen und umgesetzten Lebensformen. In diesem Rahmen dürften für zunehmend mehr Frauen Themen, die die gesellschaftliche Repräsentanz von Frauen betreffen (Gleichberechtigung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Bildungschancen und -investitionen, die Vereinbarkeit von beruflichem Engagement und privater Lebensform (unter anderem Familie), Generationengerechtigkeit) an Bedeutung gewinnen. Demnach dürften für zunehmend mehr Frauen generell Parteien bevorzugt wählbar sein, die entsprechende Themen nicht nur auf ihre politische Agenda setzen, sondern die diese Werte oder Themen auch intern glaubwürdig zu repräsentieren vermögen – das betrifft dann unter anderem die politische Sichtbarkeit von Frauen auf allen Ebenen, den reflektierten Umgang mit diesen Themen wie auch das Eintreten für eine politische Kultur, die diese Werte selbst repräsentiert.“

Prof. Dr. Martin Endreß (Soziologie)


Wie wählen Frauen?

„Solange Frauen und Männer in unserer Gesellschaft mit Blick auf Chancen, Aufgaben und Anerkennung nicht gleichgestellt sind, werden sich ihre politischen Interessen und folglich auch ihr Wahlverhalten unterscheiden. Das Frauenwahlrecht hat dazu geführt, dass die Präferenzen von Wählerinnen politisch angemessen repräsentiert werden können. Es ist deshalb ein Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung von Männern und Frauen.“

Prof. Dr. Claudia Ritzi (Politikwissenschaft)


Was hat die normale Frau 1918 davon gehalten, wählen zu dürfen?

„Auch der Historiker weiß nicht, was die normale Frau 1918 dachte und empfand, als sie erstmals wählen durfte. Frauenbewegte Frauen, Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen waren zufrieden, dass endlich ihre politische Forderung Realität wurde. Viele Frauen nutzten ihr neues Recht und beteiligten sich an den Wahlen.“

Prof. Dr. Lutz Raphael (Geschichtswissenschaft)


Welche Schubkräfte hatte das Wahlrecht für die Gleichberechtigung der Frauen?

„Das Frauenwahlrecht ist ein Meilenstein für die Gleichberechtigung. In Bezug auf die rechtliche Gleichstellung gab es große Fortschritte. Doch wir mussten lernen, dass aus der Beseitigung rechtlicher Hindernisse weder automatisch gleiche Teilhabechancen noch gar selbstverständliche Anerkennung folgen. Gesellschaftspolitisch gibt es positive Entwicklungen und Rückschritte. Obwohl es noch nie einen so breiten rhetorischen Konsens darüber gegeben haben dürfte, dass Gleichberechtigung eine wichtige politische Zielsetzung ist, wird heftig darüber gestritten, wie man sie erreichen sollte, ja sogar, wie weit man sie eigentlich bereits (angeblich) erreicht hat. Von der politischen Repräsentation von Frauen, Lohngleichheit, Verteilung und Bezahlung von Care-Arbeit bis zu sprachlicher Sichtbarkeit, also der Verwendung eines geschlechtersensiblen Sprachgebrauchs, bleibt Gleichberechtigung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung für die Zukunft. Nichts macht dies deutlicher als der seit einiger Zeit erstarkende Rechtspopulismus: Zum rechten Weltbild gehört, dass Gleichberechtigung als ‚Gleichwertigkeit’ definiert wird. Daraus leiten Rechte durchaus unterschiedliche soziale Positionierungen von Männern und Frauen ab. Das Jubiläum erinnert uns also vor allem daran, dass man sich auf Fortschritten nicht ausruhen darf. Unsere pluralistische Demokratie, ihre Institutionen und die Zivilgesellschaft müssen sich daran messen lassen, dass sie für Gleichberechtigung streiten.“

Prof. Dr. Andrea Geier (Gender-Forschung)

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