Karnak, Kiosk des Taharqa im Tempel des Amun
Wie haben sich Fremdherrscher im alten Ägypten legitimiert? Diese und weitere Fragen beschäftigen Prof. Dr. Martina Minas-Nerpel bei der Erforschung des so genannten Kiosk des Taharqa im Tempel des Amun in Karnak. Foto: M. Minas-Nerpel

„Propaganda“ vor mehr als 2000 Jahren

In drei aktuellen Projekten erforscht die Trierer Professorin Martina Minas-Nerpel die Kultur der alten Ägypter – und lernt dadurch auch die heutige besser verstehen.

Jedes Mal, wenn Prof. Dr. Martina Minas-Nerpel von einer Forschungsreise aus Ägypten an ihren Schreibtisch zurückkehrt, hat sie viel im Gepäck. Forschungsstoff für ein ganzes Semester – oder auch mehr. Regelmäßig in der vorlesungsfreien Zeit reist sie zu den bedeutenden historischen Stätten am Nil. Vor allem die Tempelanlagen lassen sie spannende Geschichten und Fakten rekonstruieren, die sich vor mehr als 2000 Jahren zugetragen haben.

Erst im September war sie wieder in Karnak, einem der größten Tempel Ägyptens. Bei 45 Grad hat sie hieroglyphische Inschriften kopiert und religiöse Ritualszenen abgezeichnet. Zusammen mit dem Belgier Prof. Dr. René Preys und dem Franzosen Dr. Jérémy Hourdin analysiert sie in einem durch die Université de Namur geförderten Projekt einen Teil des so genannten „Kiosk“, einen Eingangsbereich der Tempelanlage des Gottes Amun unter kulturgeschichtlichen Fragestellungen. Bauen ließ diesen Kiosk der Pharao Taharqa im siebten Jahrhundert vor Christus. Etwa 450 Jahre später hat ihn König Ptolemaios IV. restaurieren lassen. Besonders interessant für die Wissenschaftler: Bei der Dynastie der Ptolemäer handelte es sich um makedonisch-stämmige  Fremdherrscher. Wie haben sie es geschafft, sich bei der ägyptischen Bevölkerung zu legitimieren?

Wie aus einem Römer ein Pharao wurde

„Die Reliefs in den Tempelanlagen deuten auf bestimmte Herrscherideologien hin. Wie wurde ein Pharao kultisch dargestellt? Das lässt uns Rückschlüsse darauf ziehen, zu welchen Mitteln er griff, um sich bei der ägyptischen Priesterschaft und Bevölkerung Akzeptanz zu verschaffen. Letztlich ist vieles davon eine Art von Propaganda“, erklärt Minas-Nerpel. Eine Möglichkeit, die Fremdherrscher gerne zur Legitimation nutzten, war der Bau von Tempelanlagen und die Darstellung ihrer Person als Pharao in Ritualszenen vor den einheimischen Göttern; Pharaonen waren in der ägyptischen Vorstellung Söhne der Götter.

Beispielsweise errichtete der römische Kaiser Claudius dem Wüstengott Min in einer Kultszene eine Kapelle. Dieses Relief ist im Tempel der Isis in Schenhur angebracht, einem Dorf circa 20 Kilometer nördlich von Luxor. Zusammen mit dem Niederländer Prof. Dr. Harco Willems und einem internationalen Team hat Prof. Dr. Martina Minas-Nerpel in einem gerade abgeschlossenen Projekt die Götterwelt dieses Tempels erforscht, unterstützt von der Gerda Henkel-Stiftung und dem Engineering and Physical Science Research Council (UK). Über den Fund der Darstellung des Min freuten sich die Ägyptologen besonders: Es ist die zeitlich jüngste Abbildung eines Gottes in diesem speziellen Ritual, das erstmalig schon mehr als 2000 Jahre zuvor dargestellt worden war. „Wir können damit belegen, dass religiöse Inhalte von ägyptischen Priestern über viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende weitergegeben wurde.“

In dem kleinen Dorf Shanhur liegt dieser Tempel der Isis. Foto: M. Minas-Nerpel
Die Wissenschaftler fanden darin diese Opferszene zwischen Kaiser Claudius und dem Gott Min. Zeichnung: T. Sagrillo
Martina Minas-Nerpel zeichnet eine Szene in Karnak ab. Anhand der Zeichnungen interpretieren Ägyptologen weltweit die dargestellten Szenen. Foto: R. Preys

Doch warum erforscht man die alte Geschichte Ägyptens? Warum ist das für uns relevant? „Was uns antreibt, ist der Wunsch, diese ausgestorbene Kultur zu verstehen, von der Einiges über die Griechen und Römer zu uns in die westlich geprägte Kultur gekommen ist. Außerdem hilft es uns beim Verständnis und der Einordnung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen. Die Einwanderung von Migranten oder die Organisation von Mega-Cities kannte man schon in Alexandria an der ägyptischen Mittelmeerküste.“

Königinnen im alten Ägypten

Gerade in der Erforschung der Kulturgeschichte und Religion des alten Ägypten liegt auch einer der Schwerpunkte der Trierer Ägyptologie. Martina Minas-Nerpel, die seit diesem Sommersemester den Lehrstuhl für Ägyptologie an der Universität Trier innehat, setzt nun zusätzliche Akzente. Aktuell plant sie ein größeres Forschungsprojekt zu den ptolemäischen Königinnen. Wie haben sie sich in Wort und Bild dargestellt? Wie haben sie ihre Macht gesichert? „Die Antworten auf diese Fragen sind sehr komplex“, sagt Minas-Nerpel, „wir wissen, dass in Ägypten kein König ohne eine Königin existieren konnte. Die genauen Mechanismen und Ideologien, basierend auf altägyptischen Grundlagen mit makedonisch-griechischen Einflüssen wollen wir erforschen.“

"Ich schätze die interdisziplinäre Arbeit an der Universität Trier sehr.“ (Prof. Dr. Martina Minas-Nerpel)

Dass eines der Hauptthemen der neuen Lehrstuhlinhaberin das Ägypten der Ptolemäer-Zeit ist, ist kein Zufall. „Die Existenz des Forschungszentrums Griechisch-Römisches Ägypten war einer der ausschlaggebenden Punkte für mich, nach mehr als zwölf Jahren wieder nach Trier zurück zu kommen. Außerdem schätze ich die interdisziplinäre Arbeit an der Universität Trier sehr.“ Bereits in den 90er-Jahren war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Ägyptologie der Universität Trier tätig. Zuletzt lehrte und forschte sie an der britischen Swansea University und am Getty Research Institute in Los Angeles. Auch über das Zentrum für Altertumswissenschaften an der Universität Trier (ZAT) ist sie mit Kollegen der Alten Geschichte, der Klassischen Archäologie, der Papyrologie, der antiken Philosophie und weiteren Disziplinen verbunden. Im Rahmen des gemeinsamen Kolloquiums stellt sie am 17. Januar 2019 auch die ersten Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit zum Kiosk des Taharqa in Karnak vor.

Ägyptologie an der Universität Trier studieren

Von ihrer Vernetzung innerhalb der Altertumswissenschaften profitieren auch die Studierenden. „Ich möchte den Studierenden problemorientiertes Denken über Fachgrenzen hinaus vermitteln. Viele der Inhalte, die sie im Studium der Ägyptologie lernen, helfen ihnen auch auf dem Arbeitsmarkt: beispielsweise analytische Fähigkeiten und Beharrlichkeit in den Herangehensweisen.“ Zentraler Bestandteil des Ägyptologie-Studiums an der Universität Trier ist das Erlernen mehrerer altägyptischen Sprachstufen und -schriften. „Das ist der Schlüssel zum Verständnis der Kultur und Geschichte Ägyptens.“ Die Möglichkeit, das Gelernte im Rahmen von Exkursionen zu vertiefen oder gar selbst bei einem Forschungsprojekt in Ägypten mitzuarbeiten, bietet die Professorin durch ihr internationales Netzwerk ebenfalls.

Als nur eine von zwölf Universitäten in Deutschland bietet Trier das Studium der Ägyptologie an. Das Fach kann als Nebenfach im Bachelor und als Haupt- oder Nebenfach im Master gewählt werden. Auch eine Promotion ist möglich. „Die Kombinationsmöglichkeiten sind vielfältig, vor allem mit anderen Altertums- oder Geschichtswissenschaften. Wir haben aber auch beispielsweise eine Studentin, die sowohl Ägyptologie als auch Informatik studiert.“ Das besondere Plus am Ägyptologie-Studium in Trier sieht Minas-Nerpel aber in der individuellen Betreuung: „Mir ist die Lehre ein besonderes Anliegen. Wir haben kleine Gruppen und können dadurch auch auf die Interessen von einzelnen Studierenden eingehen.“

► Mehr Infos zur Ägyptologie an der Universität Trier: www.aegyptologie.uni-trier.de

Kontakt

Prof. Dr. Martina Minas-Nerpel
Ägyptologie
E-Mail: minasuni-trierde
Tel.: +49 651 201-2443