11.07.2017 - 15:35

„Europa ist den Terror nicht gewohnt“

Foto: Sheila Dolmann

Dr. Michael Lüders schloss mit dem dritten Vortrag vor mehr als 400 Zuschauern seine Vortragsreihe als Gastprofessor an der Universität Trier ab.

In seinem letzten Vortrag am Montagabend nahm sich der promovierte Journalist, Autor und Wissenschaftler Michael Lüders das Thema Flüchtlinge und Terror vor. Der Flüchtlingsstrom nach Europa ist für den Gastprofessor das Ergebnis einer verfehlten westlichen Interventionspolitik. Die Flüchtlingsbewegung habe bereits vor zehn Jahren eingesetzt, so Lüders: „Das Problem der Politik ist, dass sie nicht proaktiv handelt, sondern erst reagiert, wenn das Problem da ist.“

Der Nahost-Experte ist der fünfte Gastprofessor, den der Freundeskreis der Universität Trier eingeladen hat. Mit der Gastprofessur möchte der Freundeskreis eine Brücke zwischen der Universität Trier und der Stadt Trier bauen. Für Helmut Schröer, der Vorsitzende des Freundeskreises und ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Trier, zeigte sich erfreut an den hohen Besucherzahlen von Lüders Vorträgen: „Die Stadt Trier soll keine Stadt mit Universität sein, sondern eine Universitätsstadt werden. Die eifrigen Studenten waren in den Vorlesungen Lüders` die Gäste aus der Stadt.“

In seinen ersten beiden Vorträgen war der Nahost-Experte auf die Interventionspolitik im Iran und auf den Regimewechsel in Syrien eingegangen. Lüders Grundthese basiert darauf, dass seiner Überzeugung nach Staaten nicht werteorientiert handeln, sondern macht- und interessengetriebene Politik betreiben. Immer wieder betonte er, dass weder Amerika, noch Russland und China, in das Schema Gut und Böse passen: „Alle Akteure handeln mit der gleichen Skrupellosigkeit.“ Auch der Westen würde nicht nach der Maxime von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten handeln.

Erst durch die Interventionen der Amerikaner im Nahen Osten habe sich nach Lüders Argumentation ein Teufelskreislauf von Staatszerfall, Anarchie und Exportsubventionen Europas, die zur Verarmung von Landarbeitern führen würden, entsponnen. Aber die Debattenkultur im Westen werde selbstreferentiell und werteorientiert geführt, denn „was nicht in das Bild passt, wird weggelassen“.

Es fehle momentan an Augenmaß, Vernunft und Rationalität. Stattdessen würden „autistische Zwangscharaktere“ Öl in das Feuer gießen und die Konflikte befeuern. Lüders plädiert dafür den „Islam“ nicht als „Kampfbegriff“ zu nutzen, sondern differenziert darzustellen und nüchtern die Fakten zu betrachten.

Lüders mahnt, dass die Demokratie ein Privileg sei, dass es zu verteidigen gilt. Der Westen werde nicht das alleinige Machtzentrum bleiben: „Der Westen muss in dieser Phase des Umbruchs lernen neu zu denken und sich neu finden.“ Ein Teil der Bevölkerung fühle sich überfordert und fremdelt mit dem Islam. Doch von den Entwicklungen in der Region könne man sich in Europa nicht abschotten. Bislang trete Europa zwar als Krisenmanager auf, aber löse die Probleme nicht: „Europa ist den Terror nicht gewohnt“.

Michael Lüders´ zwei vorangegangene Vorträge an der Universität Trier sind als Aufzeichnungen in der Mediathek des Offenen Kanals Trier zu sehen: www.ok54.de/mediathek 

Zum ersten Vortrag
"Der Fluch der bösen Tat:Vom Sturz Mossadeghs im Iran 1953 bis zum Einmarsch in den Irak 2003“


Zum zweiten Vortrag
"The unknown known: Wie Washington seit 1949 regime change in Damaskus betreibt"