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Trierische Zeitung, 14.7.1909

Kino vor dem Ersten Weltkrieg war ein interaktives Live-Medium. Die Überlieferung der stummen Filme läßt das oft vergessen. Sie waren

jedoch damals Bestandteil eines höchst lebendigen Aufführungsereignisses. Davon haben sich nur wenige Spuren erhalten. Ein

aufschlußreicher Artikel findet sich 1909 in einer Trierer Zeitung. Das Lokale war beim Publikum beliebt. Lokalaufnahmen und Filmerklärung

im heimischen Dialekt waren Attraktionen des Programms. In KINtop 9  gibt es dazu mehrere Beiträge geben.

Trierische Zeitung, 151. Jahrgang, Nr. 326 (Abend-Ausgabe), 14. Juli 1909:

In einem "trierischen" Kinematographen.

Plauderei von K. Sch.

Edison hat sich mit seiner großartigen Freilichtaufnahmeerfindung im Fluge die ganze Welt erobert. In allen Städten, in allen Erdteilen

schossen die kinematographischen Theater wie Pilze aus dem Boden. In die kleinsten Dörfer auf dem flachen Lande, in den höchsten Gebirgen

und an den Gestaden der See, auf den Jahrmärkten und Kirmessen herrscht er und erobert im Sturm die Herzen der Jugend, des "Mittelalters"

und des "Altertums". Fast unter jedem Weihnachtsbaume ist "Edison" zu finden und die "armen" besorgten Eltern wissen wenigstens wieder

einmal, was sie ihren verwöhnten Kleinen und Größeren schenken können.

Unternehmungstüchtige Geschäftsleute warfen sich mit Energie auf den neuen Erwerbszweig und an allen Ecken der Straßen in den

Großstädten lockten alsbald die verheißungsvollsten Plakate.

Die Menschen in den Großstädten sind im Genusse sehr oft übersättigt. Schöne Landschaftsbilder, ergreifende Familienszenen wurden dem

Publikum bald zu dumm und fade. Das junge Ladendämchen und ihr grünes Verhältnis (jetzt oft ihr späteres Verhängnis), die "höhere"

Tochter und der frühreife Großstadtbengel wünschten sich recht bald "pikantere" Sächelchen und dem stillgehegten Wunsche kamen die

Unternehmer gerne nach.

 Kinematographen sind schöne, gute und billige Bildungs- und Erholungsstätten, solange sie in geschmackvoller Weise das Publikum mit den

Schönheiten fremder Erdteile bekannt machen oder durch ergreifende Familienszenen das Gemüt des Zuschauers bewegen. "Pikante" Sachen

dagegen oder jene verrückten nervenaufregenden Mordgeschichten sind ein Verderb für unreife Menschen, deren leicht reizbare, empfängliche

Phantasie zu gemeinen, unfruchtbaren Gedanken aufgewühlt wird, und stiften daher nur Unheil.

Die Besucher eines kinematographischen Theaters ergötzen sich mit größtem Vergnügen an den Lichtbildern, sind aber selten über die

Entstehung derselben genauer unterrichtet. Die wenigsten Menschen ahnen, welchen großen Gefahren sich die von der kinematographischen

Gesellschaft für die Aufnahmen engagierten Personen beim Stellen all der lustigen und tragischen Bilder aussetzen. Die Hauptdarsteller sind

gewandte Schauspieler und meist von der Gesellschaft auf längere Zeit verpflichtet.

Ein gewaltiger Unterschied besteht jedenfalls zwischen der "Arbeit" einer Heroine des wirklichen Theaters und der, die zwar nie in eigener

Person vor dem Publikum zu erscheinen hat, dafür aber in Lebensgröße an vielen Orten die Menge ergötzt und die Kinder in helle

Begeisterung oder tiefes Mitleid versetzt.

Wir wissen recht gut, daß auf den, die Welt bedeutenden Brettern fast alles, oder sagen wir es nur ruhig, alles Illusion ist. Es ist uns bekannt,

mit welchen Mitteln das stürmende Meer "stürmisch" gemacht wird, und wenn wir die Schiffbrüchigen verzweifelt mit den Wogen kämpfen

sehen, dann brauchen wir die Armen nicht wegen der Berührung mit dem nassen Element zu bemitleiden. Wenn irgendein Don Juan irgendein

Liebeslied mit einer illusorischen Laute der Herzallerliebsten singt, die sich huldvollst von hohem "Balkone" herabneigt, so müssen wir an

mancher kleinen "Schmiere" froh sein, wenn der Balkon nicht plötzlich "wankelmütig" wird und sich nicht ebenfalls huldvoll vor dem

schmachtenden Jüngling mit verneigt.

Der kinematographische Apparat will jedoch nichts von derartigen Illusionen wissen. Er fordert Leben, Tatsachen. Die handelnden Personen

springen in das nasse Element, aus dem brennenden Hause auf das aufgespannte Tuch, sie laufen, klettern und wirken in jeder Beziehung

durchaus real. Die Handlungen spielen sich nicht vor überschmierten Leinwandfetzen ab, sondern inmitten blühender Fluren, zwischen den

Bäumen prächtiger Wälder und in den brausenden Wogen der hochgehenden See. Der kinematographische Apparat läßt sich nichts

vortäuschen. Natürlich werden die nötigen Vorsichtsmaßregeln bei den Aufnahmen getroffen. Das "brennende" Haus brennt ungefährlich, das

auf einem Balken in der wogenden See kämpfende Weib ist durch ein Tau mit dem Lande verbunden. Aber immerhin sind die darstellenden

Künstler bei schwierigen Aufnahmen der Lebensgefahr ausgesetzt. Interessant ist es auch, zu wissen, wie es möglich ist, z. B. den "lebendig

gewordenen Käse" aufzunehmen. Der große Käse läuft und springt über alle Scwierigkeiten mit größter Eleganz hinweg, hinter ihm her

Herren, Damen, Kutscher, Marktweiber, Polizisten u.a.mehr. Es ist eine der immer wieder so gerne gesehenen "wilden Jagden". Der lachende

Zuschauer sieht wohl die laufenden, stürzenden, und sich gegenseitig verhauenden Verfolger, sieht aber nicht, daß jemand an einem langen

Seile den betreffenden, fortlaufenden Gegenstand in Bewegung setzt.

 Auch wir Trierer lieben den "Kintop" (Berliner Ausdruck für Kinematographen) über alles. Wir zeigen aber ein selten großes Interesse an all

den großen, kleinen und kleinsten Ereignissen, die sich in unserem Städtle zugetragen haben und die uns durch das elektrische Theater wieder

vorgeführt werden. "Echt trierisch" aber wird der Kino erst durch den die Bilder erklärenden Besitzer. Die Stimme schluchzt, weint, heult,

jammert, lacht, flucht, flüstert, poltert oft innerhalb fünf Minuten je nach Bedarf. Reinstes Hochdeutsch wechselt mit schönstem trierischen

"Platt". Dazwischen donnern die Kanonen, zucken die Blitze, schreien die Dampfpfeifen, knattert eine Gewehrsalve.

Wir haben schon an allen möglichen Plätzen Kintops der verschiedensten Art besucht, aber noch niemals eines mit solchen "sprechenden"

Vorführungen. So sehr wir uns freuten, am hiesigen Platze unser "Platt" auf solche Weise verwendet zu sehen, so mußten wir uns manches

Mal recht wundern, wenn an den blauen Gestaden des Mittelländischen Meeres im lachenden Nizza, in der Arena des stolzen Spaniens oder

auf den Boulevards von Paris sich der eine oder andere Darsteller uns in unverfälschter trierer Mundart vorstellte. Ebenso haben wir uns sehr

"entrüstet", als bei einer Verbrecherbande der "Verbrecherlehrling" durch den steten Mißerfolg mürbe gemacht, plötzlich heulend auf trierisch

rief: Eich spillen net mieh met, eich giehn widder bei mei Meister - oder wenn plötzlich in einem eleganten Pariser Boudoir der betrogene

Ehegatte in einem Wutausbruche donnert: O, waort ihr Biwacken, eich well euch schon's helfen

 -. Am interessantesten ist es aber im Kintop, wenn trierische Aufnahmen dem jubelnden Publikum gezeigt werden. Wir sehen dann bei dem

Domausgang, bei der Feuerwehrübung, bei dem Einzug der Sänger, auf dem Viehmarkte allbekannte Trierer Gesichter. Die Kinder jubeln laut:

elao dän es dän Häns, et Kätt -, die "größeren" nennen leiser die Namen ihrer Bekannten. Ein jeder freut sich, irgendein bekanntes Gesicht auf

der Leinwand zu erblicken und freut sich besonders, wenn sein eigenes Konterfei ihm entgegenlacht, wie er sich wiederum ärgert, wenn sein

eigenes Gesicht ihm mürrisch, unfreundlich, unvorteilhaft entgegenschaut. Der Kino verliert alsdann den Charakter eines eigentlichen

Theaters. Die Zuschauer fühlen sich mehr wie zu Hause und können ungeniert ihre Kritik an Bekannten, Freunden und Feinden abgeben. Der

Kino ist der Spiegel von Trier geworden, nicht nur der "Allgemeine Anzeiger" für behördliche trierische Ereignisse, sondern viel mehr noch

das billige, offene Modeblatt für unsere Damenwelt.

Der kinematographische Apparat lügt nicht. Er zeigt alle und alles, wie es ist, zu sein scheint und sein müßte. Er sagt uns, wer des Sonntags

im Dom gewesen ist, wer während der Promenadenkonzerte gebummelt und "kontrolliert" endlich auch, wer an den Prozessionen

teilgenommen hat.

Über den Ereignissen Triers "schwebt" der kinematographische Apparat, gleichsam wie eine Meisterhand, unsichtbar meistens den

"Leidtragenden", zur größten Freude jedoch der Schar Trierer Biwacken, die als Stammgäste den jedesmaligen Abschluß eines Bildes bilden.

"Mamm, geff mer zwei Groschen, eich sein och droff."

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