Pilger- und Wallfahrtstourismus

Pilger- und Wallfahrtstourismus – ein Beitrag zur nachhaltigen Regionalentwicklung? Eine Untersuchung am Beispiel der Gemeinde Klausen in Rheinland-Pfalz.

Auf alten Wegen in Europa zu pilgern, erfreut sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Davon zeugen die Fülle an Diavorträgen zum Jakobsweg in Spanien, die umfangreiche Reiseliteratur und nicht zuletzt eine Vielzahl an publizierten Erfahrungsberichten, darunter auch der 2006 erschienene Bestseller „Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg“ von H. Kerkeling. Auch die Zahl der in Santiago ankommenden Jakobspilger hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten von 4.900 im Jahr 1990 auf 145.000 im Jahr 2009 enorm gesteigert (vgl. Reithofer 2009).

Beim Pilger- und Wallfahrtstourismus handelt es sich um eine postmoderne Mischform von Religiosität und Reisen, für die sich der Begriff des spirituellen Reisens etabliert hat. Die Ursache für die Entwicklung dieser Reiseform ist in der postmodernen, weitgehend säkularisierten und pluralistischen Gesellschaft zu suchen, deren konsum- und leistungsorientierte Grundhaltung ein Defizit an allgemeingültigen Werten und Glaubenssätzen mit sich bringt. Der einzelne Mensch ist auf der Suche nach sich selbst und wählt dabei aus dem Markt an Sinnangeboten das passendste Angebot aus. Daher ist es heute keine Seltenheit, dass eine ursprünglich dem religiösen Sektor angehörende Aktivität wie das Pilgern als Aktivurlaubsangebot unter der Überschrift „Esoterik: Reisen zum Ich“ erscheint (vgl. Reithofer 2009). Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass das Pilgern und Wallfahren heute in die Tourismuswirtschaft integriert sind und Wertschöpfung generieren; denn Kirchenvertreter sind solchen Neuerungen gegenüber nicht immer aufgeschlossen und für die lokale Tourismuswirtschaft erscheint die erzielbare Wertschöpfung von anspruchslosen, meist in einfachen Gruppenquartieren übernachtenden Fußpilgern auf den ersten Blick höchst fraglich.

Der Pilger- und Wallfahrtstourismus ist als interdisziplinärer Forschungsgegenstand zu betrachten, der sich im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswissenschaft, Tourismusforschung, Regionalentwicklung, Soziologie und Theologie bewegt. Die ursprünglichen Unterschiede zwischen Pilgern und Wallfahren vermischen sich in der heutigen Zeit zunehmend. Während die Pilgerreise in erster Linie zielorientiert erfolgt, Ausdruck der Privatfrömmigkeit ist, individuellen Charakter besitzt und auch von Konfessionslosen unternommen werden kann, ist die Wallfahrt wegeorientiert zu betrachten und gilt als Brauchtum, in dem Volksglauben, kirchliche Autorität und Privatfrömmigkeit eine Rolle spielen. Dies schließt sich jedoch nicht gegenseitig aus. Auch Pilger können an Wallfahrten teilnehmen, und trotz der zahlreichen Unterschiede der beiden Reisearten ist eine eindeutige Differenzierung von Pilger- und Wallfahrtsort schwierig (vgl. Sommer 2010).

Für das Forschungsprojekt erscheint Klausen (Verbandsgemeinde Wittlich-Land) als modellhafter Untersuchungsraum prädestiniert, da hier zum einen seit dem Mittelalter klassische Wallfahrten stattfinden und zugleich der Jakobspilgerweg Mosel-Camino von Koblenz-Stolzenfels zur Abtei St. Matthias in Trier entlang läuft. In Klausen treffen demnach sowohl Pilger als auch Wallfahrer ein. Im weiteren Sinne umfasst der klassische spirituelle Tourismus somit auch Elemente des Wander- und Kulturtourismus, was eine geeignete Nutzung der natur- und kulturlandschaftlichen Potentiale nahelegt. Durch den Pilgertourismus besuchen jährlich bis zu 100.000 Gäste den Eifelort. Diese konzentrieren sich besonders auf die Marienmonate Mai und September, was in dieser Zeit zu einer Überlast des Ortes führt. Erste Gespräche mit kommunalen Vertretern haben erhebliche Probleme offengelegt, mit denen Klausen konfrontiert ist:

Die Verweildauer der Besucher ist äußerst gering, so dass kaum Wertschöpfung im Ort selbst erfolgt. Dies führte bereits zu einem erheblichen Abbau der touristischen Infrastruktur. Wo es früher noch 18 gastronomische Betriebe gab, sind heute nur noch vier Einrichtungen vorhanden. Da vor allem die Reisebusse unmittelbar an der Wallfahrtskirche halten und so eine Begehung des Ortes durch die Gäste unterbunden wird, profitieren die touristischen Leistungsträger nur noch wenig vom Tourismus.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Wallfahrtsbetrieb zwar einen großen Einfluss auf das Ortsgeschehen hat, sich jedoch nur fünf bis zehn Prozent der Einwohner damit identifizieren können. Die übrigen Einwohner fühlen sich durch die Vielzahl der Touristen eher gestört. In diesem Bereich ist eine Sensibilisierung der Bewohner anzustreben. Zeitgleich müssen aber auch deren Wünsche nach dem „Bottom-up-Prinzip“ Berücksichtigung finden und in eine ganzheitliche Tourismuskonzeption integriert werden. Hier sind innovative Ansätze gefragt, die die Bevölkerung erreichen. Es gilt zu vermitteln, dass der Tourismus eine gute Einkommenschance darstellt. Die Wirtschaftskraft, die der Tourismus für Klausen bringen kann, soll durch ein geeignetes Innenmarketing ins Bewusstsein gerückt werden.  

Schließlich ist zu konstatieren, dass die kultur- und naturräumlichen Potentiale in Klausen, nicht voll ausgeschöpft werden. Mittels einer Potentialanalyse, einem Maßnahmenkatalog sowie der Entwicklung einer neuen Themenroute soll das Angebot auf eine breitere Basis gestellt werden. Dadurch würde zugleich die Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung mit solider Basis geschaffen. Ein Ziel in Klausen sollte daher sein, die Attraktivität des Ortes aufzuwerten, um die Gäste über einen längeren Zeitraum zu binden. Es fehlen jedoch bis heute jegliche Informationen über die Erwartungen und Aktivitäten der Touristen, die dazu beitragen könnten, das Angebot zu spezifizieren.