Andrej Belyjs „Istorija stanovlenija samosoznajuscej duši“: textkritische, kommentierte Edition

Projektbeschreibung

Das bilaterale russisch-deutsche Projekt (Laufzeit 2006-12 bei der DFG, bei RGNF 2006-07 und 2009-10) unter der Leitung von Prof. Dr. Henrieke Stahl (Universität Trier) und PD Dr. Monika Spivak (Belyj-Hausmuseum und IMLI RAN Moskau) hat eine Edition der bis zu Projektbeginn nur fragmentarisch bekannten, kaum erforschten größten kulturphilosophischen Schrift des russischen Symbolisten Andrej Belyj erarbeitet. Das Buch trägt den Titel „История становления самосознающей души“ („Geschichte des Werdens der Selbstbewusstseinsseele“, 1926-31) und wird in der Reihe Literaturnoe nasledstvo, herausgegeben vom Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften Moskau (IMLI RAN), voraussichtlich 2017 erscheinen.

Andrej Belyj (Boris Nikolaevič Bugaev, 1880-1934) ist der vielseitigste Schriftsteller des russischen Symbolismus, der über sein umfangreiches literarisches Schaffen hinaus auch zahlreiche philosophisch-theoretische Texte hinterlassen hat. Sein theoretisches Werk insbesondere nach 1917 ist bisher nur wenig erforscht. Dieses liegt vor allem an der mangelhaften Publikationslage: Viele seiner Schriften konnten in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden. Darunter befindet sich auch sein literarisch-philosophisches Hauptwerk История становления самосознающей души (im Folgenden ISSD genannt; über 1200 handschriftliche Seiten), das bis dato nur in Abschriften vorlag. Publiziert sind allenfalls Fragmente oder Teile.

Das Buch umfasst drei Teile; Teil 2 wurde 1999 (und in Folgeauflagen) auf der Grundlage einer Raubkopie einer Abschrift, die im Belyj-Hausmuseum verwahrt wird, in Buchform publiziert. Der Text weist zahlreiche Fehler auf; auch fehlt ein Hinweis darauf, dass hier nur einer von drei Teilen vorliegt und kein Abgleich mit der Originalhandschrift stattgefunden hat.

Andrej Belyj versucht in diesem Buch ein Bild der Entwicklung des Selbstbewusstseins des (abendländischen) Menschen seit der Antike bis zur historischen Gegenwart Mitte der 1920er Jahre sowie Ausblicke auf zukünftige Perspektiven zu geben, wobei er geschichtliche Ereignisse und Personen, Texte der Philosophie, Theologie, Literatur sowie verschiedener Wissenschaften, aber auch Werke aus der Musik und den bildenden Künsten, Kunsthandwerk oder Architektur sowie Veränderungen in gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen als Symptome für Entwicklungsformen und -varianten der Selbstreflexion deutet. Den Leitfaden des Werkes bildet der Begriff der sog. Selbstbewusstseinsseele, die Belyj nach anthroposophischem Verständnis (Rudolf Steiner prägte den Begriff der „Bewusstseinsseele“) sowohl auf das Individuum und seine kreative und geistige Entwicklung als auch auf den gesamten historischen Prozess bezieht und als epochebildende Kraft ansieht. Vor diesem Hintergrund kann die ISSD als eine Art Bewusstseinsbiographie der europäischen Zivilisation von der vorklassischen Antike bis zum beginnenden 20. Jh. gelesen werden. Belyjs Entwurf einer umfassenden Geschichtsphilosophie steht in bewusster Abgrenzung von anderen seinerzeit diskutierten Geschichtsmodellen (speziell von Spengler, Chamberlain). Das Buch ist künstlerisch durchkomponiert, vom Gesamtaufbau über die Gedankenführung und ihre syntaktische Form bis hin zur ästhetischen Mikrostruktur der Gestaltung von Laut, Rhythmus und Bildlichkeit, und kann als ein Hybridgenre aufgefasst werden, das philosophische und wissenschaftliche Ausführungen verschiedener Disziplinen mit ästhetischen, literarischen und künstlerischen Zügen auf experimentelle Weise verbindet.

Der Edition liegt die Handschrift des Autors zugrunde, die zu Projektbeginn noch als verschollen galt. 2007 gelang es den Projektleitern, die Handschrift im nicht registrierten Teil des in der Handschriftenabteilung der Russischen Staatsbibliothek aufbewahrten Nachlasses von Andrej Belyj auszumachen. Mit Unterstützung der DFG-Vertretung in Moskau bei den Verhandlungen mit dem Direktor der Staatsbibliothek konnte die umfangreiche Handschrift für das Projekt zugänglich gemacht werden.

Die Edition verzeichnet nicht alle Abweichungen, da die Handschrift zu großen Teilen nicht in Reinschrift, sondern in einer mehrfach bearbeiteten Fassung vorliegt. Diese Entscheidung orientiert sich am Autorwillen, wie er in den Passagen der Reinschrift deutlich wird: eine stilistisch ausgereifte Fassung zu präsentieren. Zum Verständnis der Gedankengenese des Textes relevante Schritte der Korrekturen werden jedoch im Unterschied zu stilistischen Varianten dokumentiert. Die Vielzahl der Sprachkorrekturen – oftmals wurden Sätze oder Satzteile mehrfach überschrieben – hätte die Lesbarkeit des Textes erschwert und den Umfang des Variantenapparats in einem Maß ausgedehnt, das in keiner Relation zur Bedeutung der Korrekturen gestanden hätte. Der Edition wurde ein umfangreicher Kommentar angefügt, welcher die direkten und indirekten Quellen erschließt sowie Namen, Daten, Fakten und Begriffe erläutert, deren Kenntnis nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden kann oder deren spezifische Konzeptionalisierungen in Belyjs Text einer Erläuterung bedürfen. Weiter enthält die Edition ein Namensregister mit Kurzerläuterung der verzeichneten Personen, weitere eng mit dem Text verbundene Materialien (Auszüge aus Briefen, Tagebüchern, Zeichnungen und Schemata Belyj, Fotos usw.) sowie eine Einführung in das Buch und seine Entstehungskontexte.

Das Projekt hat parallel zur Editionstätigkeit das Buch in der slavistischen Forschung international präsent gemacht. Die Ergebnisse einer Fachtagung des Projekts 2010 wurden in einer Doppelnummer der internationalen Zeitschrift Russian Literature (Amsterdam) auf Russisch und Englisch veröffentlicht; hinzu kommen weitere Veröffentlichungen in Zeitschriften und Sammelbänden auf Deutsch, Russisch, Englisch sowie Vorträge der Projektmitglieder auf Fachtagungen in Deutschland, Russland, Polen, England und Japan.

http://kvartira-belogo.guru.ru (Siehe Rubrik „Chronika“)