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Der Masterstudiengang 'Medien- und Kultursoziologie' soll in systematischer und umfassender Weise vermitteln, wie Medienentwicklungen auf der einen und gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen auf der anderen Seite zusammenwirken. Blickt man auf die Anfänge der medien- und kultursoziologischen Forschung, so kristallisieren sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts typische und dauerhafte Fragestellungen heraus:

  • Welche Rolle kommt Verbreitungsmedien im Zuge eines Prozesses gesellschaftlicher Differenzierung zu? Das bedeutet im engeren Sinne die Suche nach der Rolle von Medien für die Integration von Gesellschaften.
  • Welche Bedeutung kommt Verbreitungsmedien im Kontext von sozialen Prozessen sozialen Wandels zu?
  • Wie kann man Entstehung und Wirkung von öffentlicher Meinung erklären und wie verwandelt sich vor diesem Hintergrund die Struktur und Funktionsweise von Öffentlichkeit(en)?
  • Welche Sinnstrukturen und Bedeutungsmuster liegen sozialem Handeln zugrunde, wie werden sie vermittelt und welche Ausdrucksformen lassen sich dabei unterscheiden?
  • Welches Selbstverständnis besitzen gesellschaftliche Gruppen und wie unterscheiden sie sich von anderen?
  • Welche symbolischen Repräsentationen prägen und vermitteln Prozesse sozialen Wandels?

Diese Themen lassen sich bis in die Gegenwart verfolgen und markieren eine signifikante Veränderung auf kognitiver und sozialer Ebene. Sie sollen im Mittelpunkt des Studiengangs stehen: Angenommen werden Prozesse der Interprenetation, also gegenseitiger Durchdringung, nicht einseitige Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die auf das klassische Reiz-Reaktions-Modell rekurrieren. Anstelle dessen werden rekursive und reflexive Wirkungen angenommen, die analytisch unter Vorgabe eines aus soziologischer Sicht relevanten 'Verbindungsglieds' beschrieben und analysiert werden. Der zugrunde gelegte Medienbegriff ist dabei nicht der umfassende, auch alle symbolisch generalisierten Medien (z.B. Geld, Sprache, Macht) enschließende, sondern jener, der intuitiv damit assoziiert wird: auf technische Verbreitungsmittel, die ein disperses Publikum erreichen können, bezogen. Zugleich wird aber der wachsenden Bedeutung neue IuK-Technologien Rechnung getragen.

Die Zusammenführung von Medien, Kultur und Gesellschaft soll betonen, dass einerseits die Verfasstheit moderner Gesellschaften mit der Existenz von Massenmedien und -kommunikation eng verflochten ist, andererseits die Struktur und Nutzung der Medien immer in bestimmte Sinnkontexte eingebettet bleibt. Wenn Joas die Aufgabe der Soziologie darin sieht, die 'Arten und Weisen, wie das menschliche Leben sozial organisiert wird' (2001, S. 14) zu untersuchen, dann kann dies als Aufforderung verstanden werden, nach Strukturmerkmalen zu suchen, die dem Vorhandensein von über Massenmedien oder neue Medien verbreiteten Angeboten zuzuschreiben sind. Es kann aber auch bedeuten, die Vielfalt der Interpretationen nachzuvollziehen, die diese Strukturmerkmale bedingen bzw. sich an ihnen entzünden. Das kann auf der Mikroebene die Allokation von Zeit, die (kollektive) Suche nach Vorbildern oder die Bezugnahme auf Themen sein, deren (wenn auch nur rudimentäre) Kenntnis Kommunikation unter Fremden leicht möglich macht; auf der Makroebene können geteilte Wirklichkeitsvorstellungen, 'Einheitssuggestionen' wie öffentliche Meinung oder als dysfunktional eingestufte Phänomene wie Wissensillusionen durch Informationsüberlastung genannt werden. Es können damit aber auch mikrosoziologische Fragen der virtuellen Gemeinschaftsbildung und Identitätsforen ebenso wie makrosoziologische Fragestellungen nach einem medialen Kulturimperialismus und seinen entwicklungspolitischen Konsequenzen sein.

Der Begriff 'Mediengesellschaft' ist ein zusammengesetzter Gesellschaftsbegriff wie 'Informationsgesellschaft' oder 'Risikogesellschaft'. Entstanden sind diese Selbstbeschreibungsformeln der Gesellschaft zumeist in einem wissenschaftlichen Kontext, um eine bestimmte Beobachterperspektive zu unterstreichen. Einige dieser Kürzel mögen sich von ihren ursprünglichen erkenntnisleitenden Interessen lösen und zu Begriffen werden, die in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen mit den unterschiedlichsten Implikationen kursieren. So können sie zu Mythen werden, die die Selektivität einer jeden Beschreibungsformel nicht mehr mit reflektieren. Neben der Aufgabe, die Entstehungsbedingungen derartiger Begriffe zu rekonstruieren und die Diffusion und Mystifizierung solcher Gesellschaftsbeschreibungen zu erklären, besteht eine weitere Aufgabe der Sozialwissenschaften darin aufzuzeigen, welche Theorie- und Forschungsperspektiven mit diesen Beschreibungsformeln in Verbindung gebracht werden können, um diese zu präzisieren und wissenschaftlich fruchtbar zu machen. Dass 'Mediengesellschaft' Verfasstheit moderner Gesellschaften meint, ist insbesondere auf der Ebene von Medientheorien präsent, die Massenmedien als Konstrukteure gesamtgesellschaftlicher Realität auffassen. Neben der neueren soziologischen Systemtheorie sind hier bspw. die Kultivierungstheorie der Gerbner-Gruppe, die Agenda-Setting-Hypothese oder die Theorie der Schweigespirale hervorzuheben. Hier kann/soll mittels einer kultursoziologischen Perspektive nicht nur die methodologischen Voraussetzungen von (medialen) Gesellschaftsbegriffen, sondern auch die Wissens- und Kommunikationsformen reflektiert werden, die sie innerhalb der Sozialwissenschaften hervorbringen.

Vor diesem Hintergrund wird der Begriff der Mediengesellschaft zunächst in zweierlei Hinsicht interpretiert: Einerseits stellen Massenmedien wichtige Instanzen der Gesellschaftsbeschreibung und der Realitätsbeschreibung überhaupt dar. In dieser Hinsicht sind sie bedeutsame Konkurrenten der (Sozial)Wissenschaften und anderer gesellschaftlicher Bereiche. Andererseits erzeugt die Existenz von Massenmedien, das Stattfinden von Massenkommunikation, Bedingungen, die eine spezifische Strukturiertheit von Gesellschaft ermöglichen. Sozialwissenschaftliche Stichworte sind hier z.B. Nationalstaatlichkeit, Demokratie, funktionale Ausdifferenzierung oder Globalisierung.

Obwohl Kapitalismus, Nationalstaatlichkeit, Demokratie oder Globalisierung zum Standardrepertoire sozialwissenschaftlicher Weltbeschreibungen zählen, ist ihre alltägliche Verwendung alles andere als eindeutig. Es gehört zur kulturellen Realität gegenwärtiger Gesellschaften, dass sie populäre (sozialwissenschaftliche) Begriffe, die durch die Massenmedien weltweit verbreitet werden, gewissermaßen als gemeinsames Referenzsystem benutzen, sie aber unterschiedlich interpretieren: bedingt durch unterschiedliche traditionale Sozialstrukturen, politische Zielsetzungen, religiöse Wertvorstellungen oder auch die ungleiche wirtschaftliche und rechtliche Position von Männern und Frauen. So gilt es, neben der durch Massenmedien forcierten Ausbildung einer Globalkultur, gleichzeitig die Ausdifferenzierung derselben, d.h. ihre kulturelle Vielfalt, mit nachzuvollziehen. Begriffe, die diese Ausdifferenzierung der Globalkultur erfassen, sind etwa Interkulturalität, Transkulturalität oder auch Hybridität. Es sind zugleich Begriffe, die neben der Beschreibung von kultureller Vielfalt auch eine gesellschaftspolitische Vision des Umgangs mit kultureller Vielfalt enthalten, die etwa in spezifischen Methoden der öffentlich-staatlichen Kulturarbeit oder -politik zum Ausdruck kommen. Aber auch zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen nutzen spezifische Kultur-Konzepte zur Durchsetzung ihrer Interessen. Dabei spielt die Mediennutzung nicht nur im Hinblick auf die Verbreitung der Interessen, sondern vor allem auch bei der Organisation, Vernetzung und Repräsentation einer Gruppe eine besondere Rolle - man denke hier etwa an Al-Qa'ida oder soziale Bewegungen wie die Zapatisten.

Grundsätzlich sind alle Kommunikationssysteme einer solchen Realitätsverdopplung unterworfen. Es wird real geredet, geschrieben, gelesen, gesendet, gehört und gesehen und es wird über etwas, über Realität, geredet, geschrieben, usw. Das gilt selbstredend auch für Massenkommunikation. Der Hinweis auf die zentrale Bedeutung von Kommunikation genügt aber bei weitem nicht, um dadurch evozierte bzw. dauerhaft hervorgebrachte Verhaltensweisen zu erklären. Es geht schließlich auch darum zu zeigen, dass jeder dieser Gesellschaftstypen durch bestimmte dauerhafte Elemente (bei Varianz der inhaltlichen Einzelheiten) beschreibbar ist. Wenn die Soziologie von Strukturen spricht, meint sie ja berechenbare, konstante Phänomene benennen zu können.

Die ständige Bereitstellung von Informationen kann also bspw. paradoxerweise dazu führen, dass nicht nur spezifische Bedürfnisse nach konkreten, verwertbaren Inhalten entstehen, sondern die Tatsache des periodisch wiederkehrenden Berichtens des Konsum von Nachrichten zu einer Selbstverständlichkeit macht. Alleine dieser Mechanismus von Publizität und Periodizität setzt das System als Ganzes unter Druck, gibt ihm gleichsam einen Eigenantrieb, der wiederum selbst in der Lage ist, sich durch 'Notaggregate' zu helfen. Es geht darum, möglichst viel zu beobachten, um Anschlussmöglichkeiten zu steigern und sich dadurch selbst zu erhalten. Gleichsam muss immer wieder etwas Neues berichtet werden, um den Differenzverlust beim Senden der Nachrichten auszugleichen. So entsteht jenes eigentümliche Verhältnis zwischen Redundanz und Variabilität, das für Presse und Funk charakteristisch ist. Ein wirksamer und dauerhafter Kontrast zum Alltagsleben soll hergestellt werden. Aus dieser Unterscheidung von Realitäten leitet sich die temporale Struktur der öffentlichen Meinung ab. Nicht nur, dass Themen eine Karriere haben und von unterschiedlichen Aufmerksamkeitszyklen leben. Die Offenheit eines Mediums garantiert ein unbegrenztes Nachrichtenspektrum. Sehr anschaulich wird dies mit dem folgenden Zitat verdeutlicht: 'Wenn am Sonntag nichts passiert, hat man statt dessen Sport. Die Autounfälle des Tages werden registriert, um sie eventuell bringen zu können. Zentralereignisse der Politik wie Wahlen oder Gipfelkonferenzen werden vorher und nachher behandelt. Zeit wird damit reflexiv, indem die Neuigkeit darin besteht, daß man melden kann, daß man noch nicht weiß, worin sie besteht!'.

Der Hinweis auf die Zeit lenkt den Blick auf auf ein weiteres Merkmal, das Mediengesellschaften auszeichnet: der Umgang mit Zeitbugdets. Angesichts der zunehmenden Mediennutzung - insbesondere innerhalb der Freizeit - steht die Erfassung von Medienzeitbudgets verstärkt im Zentrum der (Frei-)Zeitbugdetforschung. Auf die Dominanz der Mediennutzung gegenüber alternativen Aktivitäten in der Freizeit ist verschiedentlich hingewiesen worden, Mediennutzung ist in der heutigen Gesellschaft die häufigste und für viele auch wichtigste Beschäftigung. Die Menschen widmen der technisch vermittelten Kommunikation - neben Schlafen und Arbeiten - die bei weitem meiste Zeit in ihrem Leben. Innerhalb der modernen Gesellschaft kommt der Zeit als 'Ressource und Orientierungsmedium' ein wachsender Einfluss zu. Mit neuen Tendenzen der 'Verzeitlichung' findet sozusagen eine 'zweite temporale Modernisierung' statt. Damit verbunden sind zunehmende Anforderungen an die einzelnen Akteure einer Gesellschaft hinsichtlich eines rationalen, organisierten und ökonomischen Umgangs mit der Ressource 'Zeit'. Diese Entwicklung betrifft die Erwerbszeit, die Regenerationszeit und die Freizeit.

Diese wachsende zeitliche Bindung geht einher mit neuen flexiblen Zugangsmöglichkeiten. Angebote erweitern sich in räumlicher Hinsicht (private und öffentliche Nutzung von Medien), in zeitlicher Hinsicht, nämlich zum einen durch die Dauerpräsenz der Medienangebote und eine Entwicklung hin zu einem Rund-um-die-Uhr-Medium, aber auch durch eine ebenfalls in zeitlicher Hinsicht Erweiterung der Funktion der Medien zu einem modernen kulturellen Gedächtnis; in sachlicher bzw. inhaltlicher Hinsicht, das meint eine Ausweitung des Themenspektrums mit der Erwartbarkeit entsprechender Anschlussdiskussionen und schließlich in sozialer Hinsicht (Berufe, Altersdifferenzierung, Selbsthilfegruppe, etc.), ein Aspekt, der eng mit dem dritten zusammenhängt und die Vielfalt der Gesellschaft und Vielfalt der Lebensstile in einer angemessenen Weise repräsentieren soll. Aus diesen Grund erfährt die Diskussion um 'Aufmerksamkeit als knappe Ressource' eine Renaissance, insbesondere auch die Strategien, die eine solche gewährleisten sollen.

Trotz einer Omnipräsenz von Medien in Wissenschaft und Alltag ist Mediennutzung - bis auf wenige Ausnahmen - selten schichtneutral, sondern bewegt sich innerhalb eines Spektrums von Interessen, das auch durch seine Grenzen beschrieben werden kann. Hierbei spielt auch die Diskussion um 'Medienkulturen', die sich national und transnational konstituieren, eine zentrale Rolle. Es sollen hier im Einzelnen folgende (quasi-)idealtypische Grenzen von Wahlfreiheiten hervorgehoben werden:

  • Präferenzgruppen: Vorlieben für bestimmte Themen, Genres oder Sendungen bilden sich nicht zufällig, sondern u.a. unter Bezugnahme auf Dritte bzw. in Abgrenzung von diesen. Distinktionsmotive und antizipiertes Erleben von Statusinkonsistenz mögen dazu führen, dass bestimmte Angebote nicht genutzt werden. Zudem bestehen hier auch differenzielle Interessen für Anschlusskommunikation, d.h. man weiß oder vermutet, dass Bezugsgruppen, mit denen man kommunikative Beziehungen unterhalten will, bestimmte Medieninhalte (nicht) konsumieren, bestimmte Genres (nicht) präferieren usw. Im Übrigen ermöglicht - wie bereits angedeutet - selbst die Nicht-Nutzung von Angeboten die Kommunikation über diese.
  • Verstehensgrenzen: Eng zusammen mit Präferenzstrukturen hängt auch die Interpretationskompetenz für bestimmte Inhalte und Formate. Angehörige des Bildungsbürgertums mögen für die Bereitschaft, der Medienöffentlichkeit private Schicksale zu offenbaren, genauso wenig Verständnis aufbringen können wie Angehörige der Unterschicht für Expertendiskussionen über die zukünftige Rolle von EU-Kommissionen. 
  • Lokale Grenzen: Im Gegensatz zur Medienproduktion ist die Mediennutzung häufig lokal begrenzt - bedingt durch die technologische Infrastruktur, politische Zäsur, Landes- oder Sprachgrenzen. Nicht alle profitieren von der 'informationellen Revolution' im gleichen Maße. Insbesondere im internationalen Vergleich lassen sich 'Knotenpunkte' wie 'weiße Flecken' der Medienkommunikation ausmachen.
  • Motivgrenzen: Die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens bestimmter Motive der Mediennutzung ist nicht für alle sozialen Positionen gleich. Fluchtmotive sind beispielsweise eher dann vorstellbar, wenn Personen sich einerseits mit nicht kontrollierbaren und belastenden Situationen konfrontiert sehen und andererseits eine bestimmte Form des Medienkonsums eine erlernte Strategie zur Reduktion des wahrgenommenen Ungleichgewichts darstellt. Internale Kontrollüberzeugungen, bestimmte Habitusformen und Positionen in einer beruflichen Hierarchie von Angehörigen der oberen Schichten mögen derartige Motive unwahrscheinlicher werden lassen.
  • Unmittelbare Begrenzung der Handlungsmöglichkeiten: Hier werden Grenzen von Finanz- und Zeitbudgets, die für den Medienkonsum zur Verfügung stehen, wirksam. Hinzu kommen differenzielle Durchsetzungschancen für Programmselektion, z.B. im Falle des gemeinsamen Fernsehens in der Familie.

Der Masterstudiengang 'Medien- und Kultursoziologie' bietet eine fachspezifische Ausbildung, die sich an den geschilderten Grundsachverhalten orientiert.