„Herren und Hexen. Hexenprozesse in der Nordeifel und in angrenzenden Regionen“

Beginn: 1. Januar 2014

Leiterin: Dr. Rita Voltmer

Hilfskräfte: Anne Diblik B.Ed., Jan Kreller, Simon Tretter M.A.

Projektbeschreibung

Allgemeines

Die Erforschung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Hexenverfolgungen hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht und stößt in der Öffentlichkeit auf ein gleichbleibend hohes Interesse. Die moderne Hexenforschung hält gleichsam eine Schlüsselposition innerhalb der Frühneuzeitforschung. Interdisziplinär angelegt, macht die sozial-, gender-, medien-, rechts-, wirtschafts- und religionshistorische Beschäftigung mit Magie, Zauberei, Hexerei und Hexenverfolgung die vergangenen (und gegenwärtigen) Gesellschaften und Mentalitäten aus multiperpektivischer Sicht erkennbar. Besonders enge, ertragreiche Verknüpfungen bestehen zwischen Regional- bzw. Landesgeschichte und Hexenforschung, wobei die dicht überlieferten Hexenjagden im Westen des Reiches, einem Kernraum europäischer Hexenverfolgungen mit mehreren Tausend Opfern, im Fokus des Interesses steht. Gerade in diesem herrschaftlich stark fragmentierten Raum konnten Hexenprozesse auch als Waffe im Kampf um Hoheitsrechte benutzt werden. Ihre Kontrolle bzw. Unterbindung wurde zu einem entscheidenden Faktor beim Ausbau frühmoderner Staatlichkeit.

 

Hexenjagden in der Eifel

Wie Rita Voltmer herausgestellt hat, gehörte der gesamte Eifelraum am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu einer jener Zonen, in denen besonders intensiv vermeintliche Hexen und Hexenmeister verfolgt worden sind. Unter Einrechnung einer Dunkelziffer sind hier mindestens 1.500 Menschen beiderlei Geschlechts als vermeintliche Hexen hingerichtet worden. Dabei gehörten die katholischen Grafschaften Manderscheid-Kail, Manderscheid-Gerolstein und Manderscheid-Blankenheim zu den buchstäblichen Brennpunkten der Hexenjagden. Die Auswirkungen reichten bis nach Kurtrier, Jülich und Kurköln. Die Manderscheider Hexenjagden sind dabei – abgesehen von wenigen Ausnahmen – von den jeweiligen Grafen initiiert und vor ihren weltlichen Hochgerichten geführt worden. Auch in anderen Herrschaftseinheiten der Eifel waren es die adeligen Hochgerichtsherren, welche – wie beispielsweise in Hamm, Bürresheim, Neuerburg oder Wildenburg – die Initiative ergriffen. Gerade die territoriale Zersplitterung des Eifelraumes erleichterte die Führung von Hexereiverfahren. Dabei diente die „Hexenpolitik“ nach außen der Kompetenzerweiterung und der herrschaftlichen Selbstbehauptung, nach innen bewies der „erfolgreiche“ Kampf gegen die Hexen obrigkeitliche Qualitäten.

 

Hexenverfolgungen in Schmidtheim – Überlieferung und Vorarbeiten

Die sowohl von der Grafschaft Blankenheim wie vom Herzogtum Jülich abhängige Herrschaft Schmidtheim erlebte einen der wohl schwersten Verfolgungsschübe der Frühen Neuzeit. Mit 61 Verfahren zwischen 1597 und 1635 stehen diese Hexenjagden an der Spitze der europäischen Verfolgungen. Allein 1630/1631 fielen in 48 Hinrichtungen über 50 % der erwachsenen Bevölkerung einem Hexenprozeß zum Opfer. Aus den benachbarten Manderscheider Grafschaften sind allein 260 Akten überliefert.

Von der Hexenforschung wurden die Schmidtheimer Ereignisse zunächst nur mit einer Randbemerkung bedacht (Peter Arnold Heuser, Hexenverfolgung und Volkskatechese. Beobachtungen am Beispiel der gefürsteten Eifelgrafschaft Arenberg. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 44, 1999, S. 95-142, hier S. 128, Anm. 130). Erst die vorbildliche Inventarisierung und Zugänglichmachung des reichen Urkunden- und Aktenbestandes der Familie Beissel zu Gymnisch auf Schloss Frens hat eine intensivere Erforschung ermöglicht (Die Urkunden des Archiv von Schloß Frens – Regesten. Band I und II, bearb. v. Dieter Kastner, Bonn 2009 und 2011). Zuvor bereits hat der Heimatforscher Adolf Kettel († 2005) nahezu alle Akten in einer ersten, jedoch stark zu korrigierenden Transkription erfasst und eine knappe Auswertung der Prozesse des Jahres 1597 publiziert (Adolf Kettel (†), Schmidtheim. Eine Herrschaft im Wandel der Jahrhunderte. Ein Beitrag zur Territorialgeschichte der Nordeifel mit genealogischen Stammtafeln und Quellen, bearb. v. Bodo Bölkow und Ute Schröder, Dahlem 2006). Auf dieses Material stützt sich eine 2005 vorgelegte Staatsexamensarbeit, die jedoch nur eine vorläufige Sichtung darstellt (Florian Niehaus, Erratio und ratio. Die Schmidtheimer Hexenprozesse von 1630/31, Universität zu Köln Staatsexamensarbeit masch. 2005). Eine neue Einordnung der Schmidtheimer Verfolgungen wird geliefert von Rita Voltmer, „Hexendorf“ Schmidtheim? Erste Überlegungen zu den Verfolgungen unter Reinhard d.J. und Bertram Beissel von Gymnich (1597-1635). In: Schmidtheim. 500 Jahre Beissel von Gymnich und Dorfgemeinde. Dahlem 2011, S. 387-403.

Die Vorgänge in Schmidtheim verdienen eine vertiefende Beschäftigung, denn sie zeigen exemplarisch, wie extensive Hexenjagden in einem nahezu hermetisch abgeschlossenen Verfolgungsmilieu organisiert, inszeniert und durchgeführt werden konnten. Darüber hinaus erscheinen die Schmidtheimer Vorgänge geradezu paradigmatisch für die Hexenjagden sowohl in die Territorien der Nordeifel (Grafschaften Manderscheid-Blankenheim, Manderscheid-Gerolstein, Arenberg und Kronenburg) wie auch für die (Unter-)Herrschaften und Ämter im Jülicher und Kurkölnischen Einflussbereich (z.B. Wildenburg, Müddersheim. Flamersheim etc.).

 

Editionsprojekt „Hexenprozesse in der Nordeifel“ - Ziele

Bislang existiert im deutschsprachigen Raum kein Projekt, das exemplarisch einen fast geschlossenen Bestand von Hexenprozessakten in einer kritischen Edition zur Kontrolle bekannter und die Erarbeitung neuer Forschungsergebnisse bereitstellt. Dies bedeutet eine erhebliche Forschungslücke, denn die Analyse des reichhaltig überlieferten und bisher nur ansatzweise ausgewerteten Quellenmaterials zu den Nordeifeler Hexenjagden, vorzugsweise zu den Schmidtheimer Vorgängen, erlaubt tiefe Einblicke in die Rechts- und Sozialgeschichte, die Vorstellungswelt, Mentalität, die Kultur des Alltags wie des Politischen. Ganz nebenbei können auch Fragen nach dem Funktionieren (klein-)adeliger Herrschaft oder der Konstruktion von Unterherrschaft im politischen Konfliktfeld frühneuzeitlicher Staatsbildung beantwortet werden.

Die regionale Erforschung der Hexereiverfahren kann jedoch nur dann Initial-Impulse für weitergehende Analysen geben, wenn die übergeordneten Strukturen im Blick bleiben, denn 1. können die Vorgänge in Schmidtheim nicht isoliert betrachtet, sondern ihre Vernetzung mit den Hexenverfolgungen in den benachbarten Herrschaften muss entschlüsselt werden, und 2. müssen unter Berücksichtigung aller Besonderheiten die Hexenjagden in der Nordeifel im Kontext der europäischen Hexenverfolgungen gesehen werden.


Das Editionsprojekt "Hexenprozesse in der Nordeifel" verfolgt demnach sechs Hauptziele: 

  1. Es soll ein nach einheitlichen Kriterien gestaltetes, ausführlich kommentiertes, mehrbändiges Editionswerk entstehen, in dem zunächst der geschlossene Bestand der Schmidtheimer Hexenprozesse sowohl für die lokal- und regionalgeschichtliche Forschung sowie für Schule, Unterricht, Studium und Fortbildung präsentiert werden.

  2. Mit der Edition in Buchform soll eine Internetpräsentation des Projektes einhergehen, um einen historischen Abriß, exemplarische Aktenstücke und Unterrichtsmaterialien zum Thema zu präsentieren.

  3. Gerade thematisch sinnvoll ausgewählte, gut kommentierte, in allgemein verständlicher Form präsentierte Editionen sind ein geeignetes Mittel, um einer breiten Öffentlichkeit Geschichtsforschung eingängig zu machen. Deshalb soll die Edition für eine überzeugende Popularisierung neuer Forschungsergebnisse sorgen, auch um den immer noch in der Öffentlichkeit verbreiteten Klischees und Vorurteilen entgegenzuarbeiten.

  4. Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse des Projekts sollen auf mindestens einer internationalen Tagungen mit Fachvertretern diskutiert werden sowie in einer öffentlichen Vortragsreihe der interessierten Öffentlichkeit dargeboten werden.

  5. Die Hexenjagden der Nordeifel sollen darüber hinaus in einer Ausstellung der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden.

  6. Ausgehend von den Schmidtheimer Verfahren werden die Hexenjagden in angrenzenden Herrschaften, sowohl im Jülicher (z.B. Müddersheim oder Flamersheim) wie im kurkölnischen Bereich (z.B. Amt Nürburg, Grafschaft Manderscheid-Blankenheim) erfasst.

Bei Fragen bitte wenden an: Dr. Rita Voltmer, E-Mail