Bonisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbisch

Sprach man bis zum Beginn der 1990er Jahre noch, durchaus vereinfachend, vom „Serbokroatischen“, so hat die politische — und in ihrem Gefolge auch sprachliche — Entwicklung der vergangenen 20 Jahre dazu geführt, dass das auseinandergebrochene Jugoslawien mehrere autonome Nachfolgestaaten hervorgebracht hat, die jeweils Anspruch auf die Existenz, Verwendung und Unterrichtung von genauso vielen National– oder Standardsprachen erheben. So wurde das „Serbokroatische“ abgelöst von den vier getrennten Idiomen Kroatisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch. Die kriegerischen Ereignisse der 1990er Jahre führten dazu, dass die nationalen Territorien und die Verbreitungsgebiete der genannten Sprachen heute weitgehend deckungsgleich sind. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass diese südslavischen Sprachen auf das Engste miteinander verwandt und wechselseitig verständlich sind. Die terminologische Differenzierung dieser vier Sprachen trägt in erster Linie der außersprachlichen Entwicklung auf dem Balkan Rechnung.

 

Kroatisch (hrvatski jezik)

Die Entwicklung einer kroatischen Schriftsprache setzte im 9. Jh. ein, wobei zunächst das glagolitische, später auch das kyrillische und ab dem 16. Jh. überwiegend das lateinische Alphabet verwendet wurde. Heute benutzt das Kroatische ausschließlich das lateinische Alphabet, jedoch unter Einbeziehung mehrerer diakritischer (unterscheidender) Zeichen, die zur Abbildung bestimmter, für die Sprache typischer Laute dienen. Die Zuordnung von Lauten und Buchstaben ist für den Ausländer recht einfach zu erlernen, da sie im wesentlichen nach dem Prinzip „Schreib, wie du sprichst, und sprich, wie du schreibst“ funktioniert.

Mitte des 19. Jhs. kam es mit dem „Wiener Abkommen“ zu einer weitreichenden Standardisierung der Sprache auf der Grundlage des štokavischen Dialektes (benannt nach dem Fragewort što? = was?), der gleichzeitig als Basis für eine gemeinsame südslavische Sprache der Kroaten und Serben dienen sollte, welche in dieser Form jedoch nicht von Dauer war.

Heute ist Kroatisch die Muttersprache von rund 7 Mio. Menschen und nicht nur die Amtssprache Kroatiens selbst, sondern auch eine der drei Amtssprachen in Bosnien und Herzegowina. Seit dem EU-Beitritt Kroatiens am 1. Juli 2013 ist das Kroatische die 24. Amtssprache der Europäischen Union.

 

Serbisch (srpski jezik)

Mit dem Kroatischen teilt das Serbische den größten Teil des Wortschatzes und alle wesentlichen grammatischen Strukturen., aber auch die štokavische Dialektgrundlage. Diese wird überwiegend, wenngleich keineswegs ausschließlich, in der ekavischen Aussprache realisiert (während das Kroatische mehrheitlich die ijekavische Aussprache verwendet). Das Ikavische als eigenständige Mundart spielt für das heutige Serbische praktisch keine Rolle mehr.

Das „offizielle“ Alphabet der serbischen Sprache ist das kyrillische (in seiner serbischen Variante, die sich z.B. von der russischen in einigen Punkten unterscheidet), im öffentlichen Leben (Werbung, Presse etc.) ist jedoch auch die lateinische Schrift weit verbreitet und allgemein akzeptiert.

Vergleicht man einerseits das Serbische und andererseits das Kroatische etwa mit dem Russischen, so fällt auf, dass das Serbische und das Russische die größere Zahl an gemeinsamen lexikalischen (gemeinslavischen) Wurzeln aufweisen.

Das Serbische ist Amtssprache in Serbien sowie Bosnien-Herzegowina und mehreren angrenzenden Gebieten; ca. 12 Mio. Menschen (davon nur gut die Hälfte in Serbien selbst) bezeichnen es als ihre Muttersprache.

 

Bosnisch (bosanski jezik)

Seit der Auflösung Jugoslawiens ist Bosnisch — neben dem Kroatischen und dem Serbischen — Amtssprache in Bosnien-Herzegowina.

Die rund 3 Mio. Sprecher des Bosnischen verwenden heute praktisch ausschließlich die Lateinschrift, während bis ins frühe 20. Jh. auch — wenngleich seltener — eine besondere bosnische Variante der arabischen Schrift in Gebrauch war, die sogenannte Arebica.

Wie auch das Serbische ist das Bosnische wenig puristisch und daher recht offen gegenüber der Aufnahme von Fremdwörtern aus westlichen Sprachen, zusätzlich hat es, historisch durch die Jahrhunderte währende Fremdherrschaft durch das Osmanische Reich begründbar, eine spürbare Zahl an Turzismen integriert. Das erste Wörterbuch dieser Sprache ist das Bosnisch-Türkische Wörterbuch (1631).

Auf nationalen politischen Druck hin versucht man seit einigen Jahren, das Bosnische bewusst vom Kroatischen und vor allem vom Serbischen abzugrenzen, was bei einer weitgehend identischen Grammatik und nur kleineren Unterschieden im Wortschatz nicht einfach ist. Eine Lösung scheint im lautlichen und grafischen Bereich gefunden worden zu sein, durch die Einführung bzw. Betonung des Buchstaben und Lautes „h“ an Stellen, an denen dieser in den anderen Sprachen nicht vorkommt. Die Rechtfertigung für diesen „neuen“ Laut zieht man wiederum aus dem jahrhundertealten osmanischen Einfluss auf das Bosnische.

 

Montenegrinisch (crnogorski jezik)

Das grundsätzlich kyrillisch, jedoch zunehmend auch lateinisch verschriftlichte Montenegrinische ist Amtssprache in dem seit 2006 selbstständigen Montenegro. Das Land ist damit das jüngste autonome Staatsgebilde als Nachfolger einer ehemaligen jugoslavischen Volksrepublik.

Lexikalische und grammatische Unterschiede zum Serbischen sind praktisch nicht existent, weswegen auch das Bestehen einer eigenen montenegrinischen Sprache (noch) weitgehend bestritten wird, dies auch von vielen der rund 620.000 Einwohner des Landes selbst. Von diesen betrachten sich nur knapp 40% als montenegrinische Muttersprachler, während ein geringfügig höherer Prozentsatz Serbisch als seine Muttersprache angibt. Etliche Linguisten sehen das Montenegrinische, noch stärker als im Falle der anderen drei Sprachen, als Standardvarietät einer allen gemeinsamen, sogenannten plurizentrischen Dachsprache, mag man diese nun traditionell „Serbokroatisch“ nennen, „Mittelsüdslavisch“, „B/K/S“, „B/K/M/S“ oder doch ganz anders.

Gegenwärtig gibt es Bestrebungen, das Montenegrinische etwa durch die Einführung neuer Buchstaben vom Standardserbischen abzugrenzen. Im Jahr 2009 wurde in diesem Rahmen eine neue Rechtschreibung des Montenegrinischen ausgearbeitet und vom Bildungsministerium als verbindlich herausgegeben. Auch ist inzwischen Montenegrinisch statt Serbisch als Fach für den muttersprachlichen Unterricht im Land eingeführt worden.

Historisch gilt das heutige Montenegro um die ehemalige Hauptstadt Cetinje als Wiege des mittelalterlichen serbischen Staates.

 

Lehrangebot


Die praktische und wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen vier Sprachen sind eine der Optionen, die das Studium der Slavistik im Teilbereich der Südslavistik bietet. Tatsächlich ist es ohne Probleme möglich, alle vier Sprachen aufgrund ihrer engen Verwandtschaft und oftmals extremen Ähnlichkeit in ein und demselben Sprachkurs zu unterrichten, so dass die Studierenden schließlich in den jeweiligen Balkanländern erfolgreich sprachlich kommunizieren können und deren wesentliche historische und kulturelle Charakteristika kennen. Im Rahmen des Südslavistikstudiums erlernen die Studierenden alle wichtigen sprachlichen Strukturen, einen kommunikationsorientierten, alltagstauglichen Wortschatz sowie die Kompetenzen, die zur Differenzierung und Würdigung der nationalen Spezifika der vier Völker und ihrer kulturellen und politischen Geschichte erforderlich sind. Diese sprachpraktische und kulturkundliche Basis kann auf Wunsch durch vertiefende sprach– und literaturwissenschaftliche Studien ergänzt werden.
Die Fachstudienberater informieren Sie gerne über alle Einzelheiten des Studiums!

 

Kontakt Slavistik

Kontakt Slavistik

Sekretariat

Universitätsring 15, DM 123
Tel.: ++49 / (0)651 / 201-3239
Fax: ++49 / (0)651 / 201-3947
E-Mail: Sekretariat

Postanschrift

Universität Trier
Fachbereich II: Slavistik
Universitätsring 15 | 54296 Trier