Carole Dieschbourg

Umweltministerin von Luxemburg

*1977 in Echternach

1997 - 2005 Studium der Geschichte/Germanistik an der Universität Trier

2005 - 2006 Projektkoordinatorin der europäischen LEADER-Initiative Müllerthal

2006 - 2013 Assitentin der Geschäftsführung bei Moulin J.P. Dieschbourg, seit 2011 geschäftsführende Gesellschafterin

2011 - 2013 Fraktionsvorsitzende von Déi Gréng (Die Grünen) im Gemeinderat von Echternach

seit 2013 Umweltministerin von Luxemburg

„In Trier habe ich gelernt, meine Meinung zu sagen“

Carole Dieschbourg hat auf der Weltklimakonferenz in Paris für Europa die Verhandlungen geführt

Von ihrem Büro in der 15. Etage am Place de l'Europe auf dem Kirchberg blickt Carole Dieschbourg auf die Hochhäuser der Europäischen Institutionen. An der Wand hinter ihrem Schreibtisch hängt der Großherzog – nicht der von Luxemburg, sondern der Großherzog von Europa, besser bekannt als: Uhu. Das Symbol stammt von der ersten Kampagne, die Carole Dieschbourg als Umweltministerin ins Leben gerufen hat: die Ausweisung von mehreren neuen Naturschutzgebieten. Gerade erst hat die 38-Jährige einen neuen Naturpark in Luxemburg eröffnet: den Naturpark Müllerthal. Dort ist sie zu Hause. Politik macht die Alumna der Universität Trier mittlerweile nicht mehr nur für die Region, sondern vor allem auf internationalem Parkett.

Frau Dieschbourg, Ihre Eltern haben eine Mühle. Um in den Familienbetrieb einzusteigen, wäre eine betriebswirtschaftliche Ausbildung naheliegend gewesen. Sie aber haben Geschichte und Germanistik studiert. Wollten Sie bewusst etwas ganz anderes machen?

Geschichte hat mich schon immer interessiert. Ich war immer der Meinung, dass man nur gut in dem ist und auch das machen sollte, was einen interessiert. Jeder sollte seinen Gefühlen, seiner Leidenschaft und seinem Wissensdurst nachgeben. Ich habe ein Sprachenabitur
gemacht, deswegen war die zweite Wahl Germanistik, also die Sprache des Landes, in dem ich studiere. Zeitweilig wollte ich auch ins Lehramt gehen. Ich hatte schon immer im elterlichen Betrieb geholfen, wusste aber zu Beginn des Studiums noch nicht, dass ich dort einsteigen würde. Meine Mutter ist Lehrerin und bei ihr sah ich: Schule und Mühle lassen sich sehr gut kombinieren.

Woher kam das Interesse an Geschichte?

Das Kulturerbe und die Kulturgeschichte waren und sind meine Passion. Ich wollte die Zusammenhänge von kultureller und wirtschaftlicher Entwicklung verstehen, auch in unserer Region. Nach dem Studium hatte ich das Glück, über ein EU-Projekt ein Buch über die Geschichte des Kulturerbes und die Nutzung von Wasserkraft in der Region Müllerthal zu schreiben. So konnte ich beides, meine Leidenschaft und mein Studium, kombinieren. Und dann lag es natürlich nahe, auch die letzte noch tätige Mühle in der Region zu erhalten und
den Familienbetrieb weiterzuführen.

Noch einmal zurück zum Studium: Warum fiel Ihre Wahl auf Trier?

Die Universität Trier hat einen sehr guten Ruf, was das Fach Geschichte angeht. Und da ich ein sehr verwurzelter Mensch bin, wollte ich nicht in allzu große Ferne schweifen. Trier ist meine zweite Heimat geworden. Ich war keine typische Luxemburger Studentin, habe von Anfang an in Trier gewohnt, in verschiedenen Wohngemeinschaften. Ich war von Anfang an integriert und gut vernetzt und bin auch heute immer wieder gerne zu Besuch bei meinen Freunden in Trier. Daher auch mein Rat an alle Studierenden: Nicht pendeln, sondern am Studienort leben. Nur so lernt man eine Stadt richtig kennen.

Haben Sie sich im Studium auch schon politisch engagiert?

Als ich Ende der 90er Jahre nach Trier kam, lief gerade der Bildungsstreik. Meine neuen Freunde waren alle dabei, also habe ich mich auch damit auseinandergesetzt, habe mitdemonstriert. Später habe ich mich bei den fächerübergreifenden Erstsemesterkursen des AStA engagiert. Man hat am Anfang tausend Fragen: Welche Seminare muss ich belegen, wie viele Stunden schaffe ich, was läuft in der Stadt? Richtig politisch aktiv wurde ich erst nach dem Studium: Ich kam zurück aus einem Land, das im Unterschied zum damals sehr konservativen Luxemburg wesentlich fortschrittlicher war. Durch Bildungsstreik und Erstsemesterbildung hatte ich festgestellt: Man kann etwas vorwärtsbringen. Das wollte
ich dann auch daheim.

Welche Rolle spielen die Erfahrungen und Kenntnisse aus dem Studium in Ihrem Amt als Umweltministerin?

Mein Studium hatte inhaltlich sicherlich weniger mit dem zu tun, was ich jetzt mache, wobei ein gewisses historisches Grundwissen immer nützlich ist. Wovon ich besonders profitiere, sind die Methoden: selbstständig Informationen einholen, sich mit einer Unmenge an Material auseinandersetzen und mit der nötigen Distanz schnell analysieren und aufbereiten. Vor allem aber habe ich im Studium gelernt, meine Meinung zu sagen und mich für meine Überzeugungen einzusetzen. Das wurde in Deutschland richtig gefördert, im Gegensatz zum konservativen luxemburgischen Schulsystem, was eher auf Fachwissen und weniger auf Diskussion und kritische Analyse ausgelegt war. Schließlich hat mich die fächerübergreifende Zusammenarbeit geprägt, in Seminaren, aber auch bei den Ersti-Kursen. Sich auszutauschen
und vernetzt zu denken ist nicht nur in der Forschung von enormer Bedeutung. Auch in der Politik ist das zwingend notwendig, insbesondere im Umweltbereich. Ressortübergreifende Zusammenarbeit gehört bei uns zum Tagesgeschäft.

Macht sich das auch bei den Inhalten Ihrer Arbeit bemerkbar, dass Sie im Ausland studiert haben?

Deutschland und Luxemburg sind eigenständige Länder, aber uns trennen keine Grenzen mehr. Wir haben eine einzigartige Naturlandschaft, die wir gemeinsam schützen, mehrere Flüsse, die wir gemeinsam sauber halten und wir sind alle gleichermaßen bedroht vom Atomkraftwerk Cattenom. Wir müssen zusammenarbeiten und wir brauchen einander. Auch wegen unseres gemeinsamen Wirtschaftsraums: Zu uns kommen täglich Tausende Deutsche zum Arbeiten, und ebenso viele Luxemburger fahren nach Trier zum Einkaufen. Luxemburg ist wie Rheinland-Pfalz Teil der Großregion – ein gemeinsamer Lebensraum, den es gemeinsam
zu schützen und zu erhalten gilt. Bei vielen Themen, die ich als Umweltministerin begleite, denke ich nicht nur an Luxemburg, sondern an ganz Europa.

Auf der Weltklimakonferenz in Paris haben Sie für die Europäer erfolgreich die Verhandlungen geführt. In weniger als zwei Jahren von der Provinz auf die Weltbühne – wie haben Sie das geschafft?

Seit meinem Amtsantritt im Dezember 2013 habe ich mich auf die Verhandlungen vorbereitet, ich habe viel gelesen und mit langjährigen Verhandlungsteilnehmern gesprochen. Ein Jahr vor Paris habe ich ein Team zusammengestellt, mit erfahrenen Experten, aber auch mit jungen Uniabsolventen. Das ganze Jahr über haben wir informelle Debatten auf europäischer Ebene geführt und Pläne für Verhandlungsstrategien entwickelt. Allen war klar: Das wird nur etwas, wenn Europa in Paris mit einer Stimme spricht. Einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg von Paris haben die Bürger in Europa geleistet, weil sie ihre Meinung geäußert und uns  entsprechend Rückenwind gegeben haben. Die Politik hat gemerkt: Die Zivilgesellschaft erwartet jetzt endlich einen Durchbruch.

Man muss also nicht Umweltministerin sein, um etwas Großes bewegen zu können?

Natürlich hat man in so einem Amt andere Gestaltungsmöglichkeiten. Man muss aber nicht in der großen Politik aktiv sein, um etwas voranzubringen. Politisch aktiv sein heißt, eine bestimmte Vorstellung und Visionen davon zu haben, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.
Ich war sehr glücklich, als ich in der Region ganz bodenständig gearbeitet habe, mit einigen regionalen Produzenten auf Märkte gegangen bin, Menschen dafür sensibilisiert habe, was alles in der Region angebaut wird, welche Arbeitsplätze das mit sich bringt. Ich finde es sehr schön und wichtig, wenn Menschen in ihrer Region geerdet und aktiv sind und damit die Region voranbringen. Wir kommen nur voran, wenn wir auf allen Ebenen engagierte Menschen haben. Das gilt auch für den Klimaschutz: Egal ob zu Hause, im eigenen Bekanntenkreis, in der Gemeinde – alles hilft uns allen ein Stück weiter. Immer geht es darum, die Gesellschaft so zu gestalten, wie man sie sich wünscht und erhofft – für sich selbst, aber natürlich auch für kommende Generationen.

Das Interview ist erschienen im Unijournal 1/2016