‚Digitaler Erinnerungsatlas der Großregion‘. Eine grenzüberschreitende Plattform für die Erschließung von Geschichtsräumen im Internet

Überblick

Mit Unterstützung des Präsidiums der Universität Trier und der Nikolaus Koch-Stiftung haben Ende 2018 am Fachbereich III der Universität Trier die konkreten Vorarbeiten für einen digitalen ‚Erinnerungsatlas der Großregion‘ begonnen. Mit der geplanten Plattform können künftig Daten über historische Orte mit Bezug zur nationalsozialistischen Zeit und zum Zweiten Weltkrieg abgerufen werden; weitere historische Epochen sollen in einer späteren Bearbeitungsphase erschlossen werden. Die Entwickler des Erinnerungsatlas wollen Karten, Erinnerungsorte und Verweise auf das historische Geschehen zusätzlich mit didaktischen Werkzeugen versehen. Dabei verstehen sie die Internetplattform besonders als Angebot für die schulische und außerschulische Bildung. So werden Hilfsinformationen für den Unterricht in den Sekundarstufen I und II, für die Erwachsenenbildung oder für nonformales individuelles Lernen geboten und Angebote für einen aktivierenden Unterricht gemacht. Im Grunde kann alles, was das Verständnis über das einstige Geschehen erleichtert, zu einer solchen ‚Didaktisierung‘ beitragen; also Dokumente, die die historische Situation deutlich werden lassen und Kontexte herstellen, beispielsweise Briefe, Erinnerungen, Fotos, Protokolle, Aktennotizen, Ausweise. Aber auch Materialien, die den Ort einstiger Verbrechen des Nationalsozialismus oder des Widerstands heute zum Erinnerungsort und damit zum Teil der Erinnerungskultur werden lassen: Fotos und Karten der aktuellen Situation mit topographischen Besonderheiten, die Beschreibung der Nutzung als Gedenkstätte wie der Ablauf von Erinnerungszeremonien und das an den Ort gebundene Erinnerungskonzept, die Rezeption in den Medien und in der Literatur. Während zahlreiche Grundinformationen flächendeckend gegeben werden, soll zudem punktuell auf Besonderheiten eingegangen werden.

Die Konstruktion von Vergangenheit findet immer in einem bestimmten zeitlichen und räumlichen Kontext statt. Denn Erinnerungskultur ist gewissermaßen im ‚Kollektiv‘ zu denken, sie ist dabei mit der allgemeinen Kultur eines Landes oder einer Region verbunden. Sie kann im transnationalen Kontext auch interessante Unterschiede oder Varianten aufweisen und ist ständigen Veränderungen unterworfen. So würden es die Entwickler der Plattform begrüßen, wenn sie einen Beitrag zum interkulturellen Dialog, zum transnationalen Lernen und zur Entwicklung einer grenzüberschreitenden Erinnerungskultur leisten könnten. Denn durch den großregionalen Ansatz werden Erinnerungen in einem Raum erfahrbar, in dem das historische Geschehen (Krieg und Diktatur) zwar alle Regionen betraf, die Erinnerung an diese Geschehnisse nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tendenz eher als Teil nationaler Geschichtskulturen vonstattenging. Daher wünschen sich die Entwickler des Projekts auch eine Fortführung ihrer Arbeit in Kooperation mit Akteuren der Erinnerungsarbeit in allen Teilregionen der Großregion. Nur so kann gewährleistet werden, dass die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven in angemessener Form einfließen können.

Einrichtungen oder Einzelpersonen, die in der Erinnerungsarbeit tätig sind, sollen über die Plattform des Erinnerungsatlas die Möglichkeit erhalten sich miteinander zu vernetzen. Dafür wird ein der Website angegliedertes Forum die Kommunikation und den Erfahrungsaustausch fördern. Erinnerungspolitische Akteure können über die Plattform auch Kenntnis von bislang nur lokal bekannten Orten oder aber bereits länger abgeschlossenen, ‚vergessenen‘ Erinnerungsprojekten erhalten. Das Vorhaben unterstützt unterschiedliche Handlungsträger der historisch-politischen Bildungsarbeit: Lehrpersonen, Pädagogen der Erwachsenenbildung, Heimatforscher, ehrenamtlich Tätige, Historiker etc. Das selbstgesteckte Ziel des Projektes ist es, grenzüberschreitendes Lehren und Lernen zu erleichtern; aus diesem Grund werden die Inhalte der Webapplikation in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch vorgehalten.

Zur Funktionsweise

Die interaktive Kartenapplikation vereint die Features einer Progressive Web-App mit denen einer Single Page Application. Dadurch hat die Website das gleiche Look-and-feel wie eine native App; sie kann beim ersten Aufruf auf dem Homebildschirm des Nutzers platziert werden, so entfällt die umständliche Installation durch einen App-Store. Auf einer Karte gesetzte Marker zeigen Denkmäler und Erinnerungsorte in der Großregion an. Neben einer ausführlichen Beschreibung werden auch Bilder in einer Galerie angezeigt; eine Einordnung der Orte mit Taxonomien und Kategorien ermöglicht es, die Objekte nach bestimmten Kriterien zu filtern und durchsuchbar zu machen. Besonders interessant ist der Erinnerungsatlas für Pädagogen und Forscher – eine Liste vor Ort realisierter Projekte dient als Inspirationsquelle für künftige Schulausflüge. Der richtige Ansprechpartner und Kontaktinformationen zur Organisation können so in Erfahrung gebracht werden. Während der Recherchephase für den passenden Ort können Lesezeichen der Orte direkt in der Web-App angelegt werden und durch eine Teilen-Funktion mit dem Kollegium oder der Schulklasse einer Bildungseinrichtung ausgetauscht werden. Für Forscher und interessierte Nutzer besteht die Möglichkeit der Mitarbeit; eine Funktion zum Anlegen und Bearbeiten von Erinnerungsorten bezieht eine engagierte Community aus Akteuren der Erinnerungsarbeit mit ein, sodass auch nutzergenerierte Inhalte nach einer Prüfung auf der Karte Platz finden. Vorläufig 5000 Erinnerungsorte in der Großregion sollen kartiert werden; ein Teil davon durch die verschiedenen Akteure selbst. Ausführliche Quellenangaben zu jedem Ort dienen als Grundlage für die weitere Forschung – sei es für ein Schulprojekt oder eine wissenschaftliche Arbeit. Interessierten Lehrpersonen werden Materialien zur Unterrichtsplanung zur Verfügung gestellt. So kann ein geplanter Besuch eines Erinnerungsortes bereits im Unterricht thematisiert werden, hierfür stehen Arbeitsblätter und Unterrichtsvorbereitungen zum Download bereit.

Der Erinnerungsatlas ist für mobile Endgeräte in allen Größen und Formen optimiert. Eine Nutzung von unterwegs aus zeigt erst das volle Potenzial der Website. Durch die Ortungsfunktion des Smartphones oder Tablets können Erinnerungsorte in der direkten Umgebung gefunden und erkundet werden. Durch die Web-App kann das eigene Viertel aus einer neuen Sichtweise erforscht oder unbekanntes Terrain mit Hilfe der Radarfunktion erschlossen werden. Sollte es doch einmal Probleme bei der Ortung geben, assistiert eine Hilfeseite. Die Einträge der Erinnerungsorte können in einer druckoptimierten Version auch auf Papier gedruckt werden. So lassen sich etwa Alternate Reality Games realisieren oder neue Geocaches an geschichtsträchtigen Orten platzieren.

 

Die Projektgruppe und ihre Vernetzung in der Großregion

Die fünfköpfige Projektgruppe an der Universität Trier wird von Dr. Michael Schulz und Dr. Thomas Grotum (zugleich Forschungsprojekt zur Geschichte der Gestapo) geleitet. W. Stegmann kümmert sich um die technische Entwicklung der digitalen Plattform. Oksana Petruk und Lennard Schmidt beteiligen sich an der konzeptionellen und inhaltlichen Weiterentwicklung und besorgen die Dateneingabe. Die Arbeit wird zudem vom Arbeitskreis ‚Erinnerung in der Großregion‘ e.V. unterstützt.

Die Verknüpfung der Plattform mit anderen Projekten wie dem saarländischen Interregprojekt Land of Memories wird angestrebt; die damit verbundenen Aktivitäten sind schon heute in ein forscherisches und erinnerungspolitisches Netzwerk in Rheinland-Pfalz, Luxemburg und dem Saarland eingebettet. Das Projekt profitiert von der Kooperation mit der Universität Luxemburg (Prof. Dr. Sonja Kmec), die ca. 450 Datensätze zu Erinnerungsorten in Luxemburg zur Verfügung gestellt hat. Eine Zusammenarbeit mit dem Comité pour la Mémoire de la Deuxième Guerre mondiale in Luxemburg wird angestrebt. Ab diesem Wintersemester unterstützt auch die Hochschule Trier das Projekt (Akad. Rat Marcus Haberkorn, Fachbereich Gestaltung, Fachrichtung Intermedia Design).

Wo es geeignet erscheint, werden Studierende in die Entwicklung einbezogen. So hat eine gemeinsame Lehrveranstaltung der Universität Luxemburg, der Universität des Saarlandes und der Universität Trier im vergangenen Wintersemester das kulturelle und didaktische Potenzial der medialen Erschließung von Erinnerungsorten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zum Thema gehabt. Eine studentische Lehrveranstaltung am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Trier wird das Projekt im Wintersemester 2019/20 unterstützen. Weitere Lehrveranstaltungen mit ähnlicher Zielsetzung werden an verschiedenen Orten folgen.

 

                                                                                                                                                                   J. Michael Schulz