Zentren und Peripherien in der Geschichte des Rechts

Der 42. Deutsche Rechtshistorikertag steht unter dem Generalthema „Zentren und Peripherien in der Geschichte des Rechts“.

Die Wahl des Themas ist zum einen durch aktuelle Konfliktlagen und zum anderen durch den Tagungsort Trier angeregt. Die Stadt Trier war nämlich in ihrer Geschichte schon Zentrum und Peripherie – und zuweilen, je nach Blickwinkel, beides zugleich: in der Spätantike war Trier eines der Zentren des römischen Reiches, später bedeutender Bischofssitz und Zentrum des Kurstaates, aber auch Hauptort eines Departements an der Peripherie des napoleonischen Kaiserreichs und des preußischen Staats. Heute liegt die Stadt im äußersten Westen Deutschlands, zugleich aber in unmittelbarer Nachbarschaft der Machtzentren der Europäischen Union.

Die Spannung zwischen Zentrum und Peripherie ist nicht nur eine Konstante der Trierischen Stadtgeschichte, sondern auch ein Leitmotiv der Rechtsgeschichte aller Epochen und macht sich nicht zuletzt auch in einer Reihe von politischen Konflikten und Problemlagen der Gegenwart geltend. Man denke nur auf die Verselbständigungs- und Autonomiebestrebungen in einzelnen Regionen Europas , denen das Gefühl zugrunde liegt, von einer Zentrale („Madrid“, „London“) mit den eigenen Interessen nicht hinreichend berücksichtigt und „an den Rand gedrängt“ zu werden. In dieselbe Richtung zielt des Weiteren der Vorwurf der Gängelung und Bevormundung durch „Brüssel“, wie er von Kritikern des Europäischen Einigungsprozesses immer wieder erhoben wird. Stets geht es in diesen Konflikten und Auseinandersetzungen auch um die Frage, inwieweit das Recht der Zentrale übernommen und akzeptiert wird oder sich das „eigene“ Recht behaupten soll.

Sektionen

In den Sektionsvorträgen des Rechtshistorikertages werden verschiedene Aspekte des Spannungsverhältnisses von Zentrum und Peripherie betrachtet.

Die Bedeutung der Metropolen und ihrer Institutionen für die Antike Rechtsgeschichte wird in der Sektion 1 untersucht: „Urbanes Recht – Metropolen der Antike“ (Leitung: Franz-Stephan Meissel, Universität Wien). Eine klassische Fragestellung der Antiken Rechtsgeschichte ist indes auch die Problematik von Reichsrecht und Volksrecht und damit das Verhältnis der hauptstädtischen Rechtswissenschaft und Rechtssetzung zur Praxis in den Provinzen des antiken Römischen Reiches. Die Sektion 6 „Landrecht und Volksrecht“ (Leitung: Guido Pfeifer, Frankfurt) nimmt diese Fragestellung auf und verfolgt sie für die neuere Rechtsgeschichte weiter.

Ähnliche Fragen lassen sich für die kirchliche Rechtsgeschichte und allgemein für religiöse Rechtssysteme stellen. Dies ist das Thema der Sektion 5 „Universalität und Partikularität im neuzeitlichen Kirchenrecht: Ordnungsvorstellungen und Praktiken“ (Leitung: Thomas Duve, MPI Frankfurt). Das Thema ist für einen Rechtshistorikertag in Trier nicht zuletzt im Hinblick auf das Wirken des Trierer Rechtsprofessors und späteren Weihbischofs Johann Nikolaus von Hontheim (Febronius) besonders geeignet.

Am Beispiel der Sektion 4 „Rechtskulturen in Ostmittel- und Osteuropa“ (Leitung: Katalin Gönczi, Leipzig) zeigt sich besonders deutlich, dass die Einordnung einer Region als Peripherie oder Zentrum vom eigenen Blickwinkel abhängt. Aus deutscher Sicht liegt es nahe, die Verbreitung des Magdeburger Stadtrechts als Phänomen an der Peripherie des deutschen Kulturraums zu begreifen. Aus Sicht unserer östlichen Nachbarn erscheint hingegen etwa die Einrichtung eines obersten Gerichtshofs des deutschen Rechts im Krakauer Wawel als Element der Zentralisierung des polnischen Rechtswesens am Königshof.

In ganz anderer Weise stellt sich die Frage nach Zentrum und Peripherie in Sektion 2 „Fortschritte der Rechtswissenschaft im Marxismus und Realsozialismus“ (Leitung: Caroline von Gall, Universität zu Köln). Die sozialistischen Länder waren vor 1990 jedenfalls in juristischer Hinsicht kein monolithischer Ostblock, sondern suchten in je eigener Weise nationale Rechtstraditionen mit dem vorgegebenen Überbau der marxistisch-leninistischen Ideologie zu verbinden. Auch insoweit ist mit Austauschbeziehungen zwischen Ländern und Regionen an der Peripherie und im Zentrum des sowjetischen Machtbereichs zu rechnen. Dass sich bei einem in Trier abzuhaltenden Rechtshistorikertag eine Sektion mit dem Recht in den realsozialistischen Staaten befasst liegt auch angesichts des 200. Geburtstages von Karl Marx nahe, der im Jahr 2018 in Trier mit der großen Marx-Ausstellung begangen wird.

Bezüge zum Leitmotiv von Zentrale und Peripherie hat auch das Thema der Sektion 3 „Bürgerrecht und Fremdenrecht“ (Leitung: Albrecht Cordes, Frankfurt), das zugleich ein für die gegenwärtige politische Diskussion höchst relevantes Thema aufgreift. Die Zuweisung oder Verweigerung von Zugehörigkeitsrechten weist Personen metaphorisch oder auch physisch einen Platz in der Mitte oder am Rand der rechtlich verfassten Gesellschaft zu.