Semantik von Farbe im Alten Ägypten. Eine Untersuchung von polychromen Tempelinschriften

Entgegen der Meinung der vergangenen Jahrhunderte haben Untersuchungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass die Antike wesentlich bunter war, als man sich zunächst vorstellte. Dies gilt nicht nur für Griechenland und Rom, sondern auch für Mesopotamien. Im Gegensatz zu diesen Regionen sind die Erhaltungsbedingungen für Farbigkeit in Ägypten in hohem Maße besser. Da auch viele der polychrom bemalten Monumente die Jahrtausende überdauerten, war das scheinbar kulturspezifische Phänomen der Farbigkeit schon durch die ersten wissenschaftlichen Publikationen mit ihren kolorierten Tafeln weitläufig bekannt. Abgesehen von dem symbolischen Deutungspotenzial erstaunt es bereits angesichts dieser enormen Bedeutung, welche Farbigkeit in Ägypten auf die Wahrnehmung dieser Kultur besitzt, dass bisher keine umfassende Studie zu Farben in Ägypten erschienen ist.
Farbigkeit durchzieht alle Bereiche der ägyptischen Kultur: alle Gegenstände, Monumente und die textlichen Hinterlassenschaften. Ein besonders ergiebiges Feld stellen die ägyptischen Tempel mit ihren bunten Darstellungen und Hieroglyphen dar. Eine Untersuchung ausgewählter Tempel mit hervorragender Farberhaltung und der Vergleich der einzelnen Heiligtümer untereinander bietet die Möglichkeit, lokale Eigenheiten, aber auch überregionale Regeln der Dekorationssystematik aufzuzeigen. Die Betrachtung der spezifischen Farbwahl wird im Hinblick auf einzelne Tempelräume, Wände, Wandabschnitte bis hin zu der Untersuchung der Farbgebung einzelner hieroglyphischer Worte erfolgen.
Für ein umfassendes Verständnis der Farben als semiotisches Element werden diachron auch diverse andere polychrome Hinterlassenschaften aus Ägypten untersucht und in die Betrachtung einfließen.