Wie von der Geschichte reden? Deutungsmachtkonflikte um das politische Gedächtnis der Berliner Republik.

03.12.2019, 18:00–20:00 Uhr
Vortrag | Diskussion

Vortrag und Diskussion mit Ronny Rohde

„Hier begegnen wir den bekannten Stereotypen von ‚Gutmenschentum‘, ‚negativem Nationalismus‘ und ‚Auszug aus der Geschichte‘. Die Nachkommen der Täter verschafften sich durch nachträgliche Identifikation mit den Opfern eine kostenlos-selbstgerechte Genugtuung. Sie ergriffen wieder einmal die Gelegenheit, die Loyalität zu eigenen Überlieferungen aufzukündigen und ins schimärische Postnationale zu flüchten.“ Jürgen Habermas, 1997/98

Habermas‘ Text Über den öffentlichen Gebrauch der Historie, basierend auf einer Laudatio für Daniel Goldhagen, kann mit seiner Darstellung der öffentlichen Reaktionen auf die Debatte um Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker vor zwei Jahrzehnten in der Retrospektive als eine Blaupause der Gegenwart und der in ihr neuerlich virulent gewordenen erinnerungspolitischen Kontroversen verstanden werden. Mehr noch als das Verdikt, der Nationalsozialismus sei ein „Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“, unterstreicht vor allem die Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180°“, was sich bereits in den Reaktionen auf den zwei Jahrzehnte zuvor kontrovers diskutierten Goldhagen ablesen lässt: Dass die unterschiedlichen Deutungsangebote über die Frage, welchen Anspruch die Vergangenheit gegenüber der Gegenwart hat und welche Konsequenzen für eben jene Gegenwart hieraus abzuleiten seien, nicht allein auf einen spezifischen Diskurs über Formen öffentlicher Erinnerung oder wissenschaftliche Selbstverständigung abzielen, sondern vor allem als Hinweise sowie Vehikel grundsätzlicher politischer Konfliktlinien und Vorstellungen über die Einrichtung von Gesellschaft verstanden werden müssen. Momente der politischen Überforderung, wie mit diesen Herausforderungen für die bürgerlich-liberale Demokratie umzugehen sei, resultieren dabei nicht zuletzt aus einer Deutung der neuerlichen identitätspolitischen Kontroversen als bis dato undenkbaren erinnerungspolitischen Dammbruch, dem zu begegnen als demokratische Kraftanstrengung mit grundsätzlichen Paradigmenwechseln der Erinnerungskultur korrespondiert. Demgegenüber muss betont werden, dass die gegenwärtigen erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen, auch in ihrer Multiperspektivität, an ein jahrzehntelanges Phänomen anknüpfen und auf grundsätzliche Modi der Konstruktion nationaler Identität sowie mit ihnen einhergehenden Implikationen für die Ausgestaltung einer sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaft verweisen.

Der Vortrag soll daher Schlaglichter auf die politische Dimension der Erinnerungskultur werfen und kenntlich machen, dass die erinnerungspolitischen Gegenwartsdiskurse in ein Kontinuum identitätspolitischer Selbstverständigung ‚der Deutschen‘ eingereiht werden müssen, die mit der Zäsur von 1989/90 und den Folgejahren zweifellos intensiviert wurde und sich als solche bis heute fortsetzt. Hierbei wird die Frage zu behandeln sein, welche Deutungen über Sinn und Zweck des öffentlichen Erinnerns sowie über die Frage, was die Aufgabe politischer Erinnerung sei, miteinander konkurrieren und in welche funktionalen Kontexte respektive Überzeugungssysteme diese eingebettet sind. Der Vortrag thematisiert dabei die konstitutive Bedeutung politischer Erinnerung für die Konstruktion kollektiver Identitätsentwürfe und veranschaulicht die insbesondere nationalstaatlich verfassten Kollektiven innewohnende Immanenz derlei Auseinandersetzungen, welche nicht nur die politische Kultur und somit auch Sphären der Verfassungswirklichkeit prägen, sondern der grundlegenden Bestimmung von Zugehörigkeit und gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten dienen.

Ronny Rohde ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Graduiertenkolleg "Deutungsmacht" der Universität Rostock.

Kontakt: AStA-Referat für Antirassismus und Antifaschismus (astaanti@uni-trier.de)
Anmeldung erforderlich: Nein
Kosten: Nein
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