Mitteilung des Präsidenten vom 19.06.2020

Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Kolleginnen und Kollegen,

den eigenen Campus als „Prüfungs“-Campus zu erleben, gehört nun allmählich auch zu den Erfahrungen dieser Pandemie. Als mich gestern eine Kollegin aus der Stadt besuchte, sprach sie von einer eher gespenstischen Atmosphäre. Am frühen Morgen ist das auch so, aber im Laufe des Tages wird dann doch auch ein Hauch von akademischem Leben spürbar. Dennoch fühlt man sich von Tag zu Tag in eine „Minimalnarkose“ versetzt. Es ist die Erwartung eines befreienden Signals, die dieses Gefühl wohl verstärkt. Denn gleichzeitig werden wir tagtäglich mit Erwartungen überhäuft, was dieses Jahr 2020 mit unserer Gesellschaft und unserer Welt macht. Also wollen wir doch auch endlich mit der Gestaltung dieser Zukunft beginnen bzw. das fortführen, was so plötzlich unterbrochen wurde. Diesen Wunsch darf man nun, da sich das digitale Sommersemester im Bereich der Lehre auf die Zielgerade begibt, schon einmal formulieren dürfen.

Absagen hat es in den letzten Monaten ja wahrlich genug gegeben. Es ist an der Zeit, dass es mal wieder mehr Zusagen gibt. Gerudert wird im Juli leider nicht. Der Achterwettbewerb auf der Mosel darf nicht stattfinden. Aber hoffentlich werden auf den Außenanlagen des Campus bald mehr Aktivitäten möglich sein.

Lesesaal F auf Campus II öffnet am 29. Juni. Danach prüfen wir die komplette Wiederöffnung der Zentralbibliothek, noch nicht mit allen Freizügigkeiten, die dort normalerweise gegeben sind, aber doch mit weit mehr Nutzungsoptionen als gegenwärtig. Wir rechnen damit, dass wir diesen Schritt nach den Sommerferien, also noch im August 2020, gehen können.

Der „Tunneleffekt“ geht auf Beobachtungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Albert O. Hirschman zurück, der übrigens auch die Ehrendoktorwürde unserer Universität trägt. Danach gibt es in Gesellschaften verschiedene Formen des „Kredits“ auf die Zukunft: Ungleichheiten werden bspw. ertragen, weil eine Besserung in Sicht scheint, ein deprimierendes Gefühl in einem Verkehrsstau lässt nach, weil sich andere bereits zu bewegen beginnen usw. Generell sind es also Fortschritte an anderer Stelle, die als günstige Bedingung für das eigene Vorankommen interpretiert werden. Was die Universitäten in den letzten Monaten geleistet haben, ist für diesen Effekt ein gutes Beispiel. Das digitale Semester hat uns viel abverlangt und wir bringen es konsequent zu Ende, weil es die Umstände verlangt haben. Aber diese verbessern sich allmählich. Hoffen wir also, dass Hirschmans Beobachtungen auch hier zutreffen.

Ein gutes Wochenende wünscht Ihnen

Michael Jäckel