Mitteilung des Präsidenten vom 16.07.2020

Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Kolleginnen und Kollegen,

zu jedem Berufszweig gehört die Entwicklung besonderer Kompetenzen. Ob man dann auch immer zuständig sein darf, steht auf einem anderen Blatt. Wer mit Steuer- und Buchführungsexperten zusammenkommt, der wird schnell einen Satz wie „Wer Bilanzen lesen kann, der sieht ..“ vernehmen. Und wenn man dann nicht sieht, was andere glauben zu sehen, dann will man auch wissen, welche vermeintlichen Geheimnisse in den Zahlen verborgen sind.

Auch für das digitale Sommersemester 2020 beginnen jetzt allmählich die Bilanzierungen. Beeindruckende Zahlen zum Ausmaß der digitalen Lehre, zu den Stunden, die vor einem Bildschirm verbracht wurden usw., machen die Runde. Überall begegnen uns nach oben steigende Kurven, viele „Torten der Wahrheit“ kursieren, in denen graphisch aufgearbeitet die Präferenzen für Webkonferenzsysteme und Lernplattformen, für digitale Veranstaltungsformate und Aufzeichnungssysteme dokumentiert sind.

Bilanzen kennen immer zwei Seiten. Trotzdem sieht mancher eher ein Buch mit sieben Siegeln. Aber die Zahl 7 wird auch oft als Glückszahl beschrieben. So gesehen wäre die Bilanz an dieser Stelle ausgeglichen. Also: Sieben kurze Beobachtungen im Sinne eines Rückblicks.

Ø  Bilanzen werden ja irgendwie „eröffnet“. Wir sind von den Ereignissen im März so überrascht worden, dass ich im Nachhinein gar nicht sagen kann, wann denn die Entscheidung klar war. Sie war, weil die Herausforderung so groß war, auf einmal da. Sie wurde angenommen und gestaltet. Und das gehört auf die gute Seite. Wir haben digital eröffnet.

Ø  Unser Denken in Zeitgewinnen und Zeitverlusten wird eher von der negativen Seite dominiert. Denn wenn wir Zeit gewinnen, können wir sie nicht wirklich speichern. Also starten wir eine weitere Aktivität. Vor Panopto wurden viele Stunden verbracht: Stauphänomene in der IT-Welt, aber auch erlösende Signale von schneller gewordenen Rechnern. Wo schreiben wir es hin?

Ø  Mit „akademischer Solidarität“ möchte ich zum Ausdruck bringen, dass es Hilfestellungen, Beratungen, Empfehlungen und Lösungsvorschläge in viele Richtungen gab. Lehrende und Studierende haben voneinander profitiert, der Informationsfluss wurde über viele Kanäle gestaltet. Eigentlich haben sehr viele zeitgleich Überstunden gemacht. Und die Geduld auf allen Seiten war entscheidend.

Ø  Mit dem Einstieg in diese Form des Lehrens und Lernens stieg auch das Bewusstsein für Ungleichheiten und Benachteiligungen. Daran müssen wir und das Land arbeiten. Es gab zwar nur wenige konkrete Rückmeldungen zu technischen Problemen. Aber das sollte nicht dazu verleiten, die Ausstattungsebene außer Acht zu lassen. Ebenso werden wir auf der Ebene von Schulungen und Workshops zur digitalen Lehre noch mehr tun.

Ø  Schnelle und praktikable Lösungen verdanken wir vor allem auch unseren Service-Bereichen. Natürlich musste auch viel Beschwerdemanagement geleistet werden, aber es waren „high holidays“ für IT-Spezialisten und Bibliotheksexperten, die Kommunikationsabteilung, das Prüfungsamt, den Arbeitsschutz, das Aufsichts- und Sicherheitspersonal. Im Hintergrund wurden viele Dienstleistungen in allen Abteilungen erbracht. Als Gesamtleistung wird es kaum auf eine Zahl reduziert werden können. Sollte sie in einer Bilanz stehen, müsste eine lange Fußnote gesetzt werden. Das verdient Anerkennung und Aufmerksamkeit.

Ø  Ins kalte Wasser sind ebenfalls sehr viele gesprungen. Bereitwillig wäre vielleicht etwas übertrieben, aber es war eine kollektive Verpflichtung der Sache wegen. Allen Dozentinnen und Dozenten, allen Mitwirkenden – den Sekretariaten und studentischen/wissenschaftlichen Hilfskräften, den vielen unsichtbaren Händen – verdanken wir, dass in der kommenden Woche ein kräftiges Durchschnaufen erlaubt ist.

Ø  Und wie bewerten wir das Verhältnis analog/digital? Auch da sollten wir uns noch etwas Zeit lassen. Denn zur Gesamtbilanz gehört bspw. auch etwas, das am Ende der meisten Veranstaltungen steht: eine Prüfung. Das kann nicht der einzige Maßstab für erfolgreiche Lehre sein, aber diese Teilbilanz gehört dazu. Zur Experimentierbereitschaft gehörte die Beobachtung von Vor- und Nachteilen, in der Summe war es ein digitales Trainingslager, aus dem sich auch kleine Wettbewerbe ergeben haben. Es hat nicht immer perfekt funktioniert, manchmal mussten es auch einfach Notlösungen sein. Aber insgesamt war es ein Gewinn für die Lehre und das Thema „Didaktik“.

Ich danke Ihnen, dass wir dieses Semester unter besonderen Bedingungen recht gut gestalten konnten. Die Gedanken laufen bereits weiter – in Richtung Wintersemester. Dazu demnächst mehr. Aber heute muss auch einmal ein kurzes Innehalten möglich sein. An einem Ort, der eine besondere Verbindung zur Antike pflegt, sei daher mit Ovid gesagt: „Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer.“

Etwas Entspannung und dann neue Energie wünscht Ihnen

Michael Jäckel