Teleologische Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht

Projektbeschreibung:

Das Spannungsverhältnis von naturwissenschaftlicher/biologischer Fachlichkeit und Schülervorstellungen ist aus der Perspektive konstruktivistischer Lehr-Lern-Theorien zentral für den Erwerb fachlichen Wissens. Schülerinnen und Schüler erklären biologische Phänomene, wie z.B. die Angepasstheit von Lebewesen an ihre Umwelt, häufig nicht mit Hilfe naturwissenschaftlicher Kausalmechanismen, sondern teleologisch, d.h. unter Bezugnahme auf den Zweck der Angepasstheit, Zielgerichtetheit, Intentionalität oder externale Akteure. Damit werden Erklärungsmuster aus den sozialen Interaktionen der Alltagswelt der Schülerinnen und Schüler auf biologische Phänomene übertragen. In der Biologie werden teleologische Erklärungen daher oft als zentrales Lernhindernis, insbesondere im Kontext der Evolution, bewertet. Wegen des häufigen Auftretens in einer Vielzahl von Kontexten wird Teleologie daher auch als allgemeine Denkweise von Schülerinnen und Schülern beschrieben und ist somit von besonderer Bedeutung für den Biologieunterricht.

Im Projekt wird die Fragestellung untersucht, in welcher Weise teleologische Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht adressiert werden. Im Unterschied zu den bisherigen Studien im Bereich der Schülervorstellungsforschung und Arbeiten zum fachdidaktischen Wissen von Lehrkräften, ist über die unterrichtlichen Interaktionen wenig bekannt. Welche Erklärungsstrukturen entstehen im Biologieunterricht bei Schüler-Schüler-Interaktionen sowie Lehrer-Schüler-Interaktionen? Wie gehen Lehrpersonen mit teleologischen Erklärungen um? Im Projekt wurden bisher zehn Unterrichtseinheiten von je vier bis acht 90-minütigen Stunden im Kontext von evolutionärer Anpassung in der Sekundarstufe I und II videografiert. Zudem wurden Interviews mit den Lehrpersonen geführt. Mit der Dokumentarischen Methode ließen sich in den bisherigen komparativen Analysen unterschiedliche Umgangsweisen der Lehrpersonen mit dem Spannungsverhältnis von fachlichen Inhalten und Schülervorstellungen rekonstruieren (Gresch, 2020; Gresch & Martens, 2019; Martens & Gresch, 2018): Einige Lehrpersonen konstruieren eine Differenz von als wahr beschriebenen kausalen Aussagen, die mit Darwins Evolutionstheorie verknüpft und erkenntnistheoretisch in einem positivistischen Sinne überhöht werden, und falschen teleologischen Schüleraussagen, die mit Lamarck assoziiert werden. Dabei werden im Unterricht Theorien, die im historischen Erkenntnisgewinnungsprozess revidiert wurden, abgewertet und diskreditiert. Zufallsmechanismen werden als Charakteristikum von Evolutionstheorien intentionalen Mechanismen aus der Alltagswelt gegenübergestellt. Bei anderen Lehrpersonen ließ sich eine ambivalente Vereinbarkeit von kausalen und teleologischen Erklärungen rekonstruieren, sodass die Vermischung von Zufallselementen und intentionalen Bekundungen durch die Lehrperson zu einer Verfälschung des fachlichen Gegenstandes führt. Es zeigt sich, dass dieser Typus die Reproduktion teleologischer Schülervorstellungen im Unterricht ermöglicht.

Projektbeteiligte:

Prof. Dr. Helge Gresch, Prof. Dr. Matthias Martens (Universität zu Köln)

Projektpublikationen:

  • Gresch, H. (2020). Teleological explanations in evolution classes: video-based analyses of teaching and learning processes across a seventh-grade teaching unit. Evolution: Education and Outreach, 13:10, 1-19.
  • Gresch, H. & Martens, M. (2019). Teleology as a tacit dimension of teaching and learning evolution: A sociological approach to classroom interaction in science education. Journal of Research in Science Teaching, 56(3), 243-269. doi: 10.1002/tea.21518.
  • Martens, M. & Gresch, H. (2018). Ambivalente Fachlichkeiten. Die (Re)Produktion fachlicher Vorstellungen im Biologieunterricht. In Martens, M., Rabenstein, K., Bräu, K., Fetzer, M., Gresch u. a. (Hrsg.), Konstruktionen von Fachlichkeit: Ansätze, Erträge und Diskussionen in der empirischen Unterrichtsforschung (S. 275-288). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.