Umgang mit Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht – Implizites Wissen von angehenden Lehrpersonen in der ersten und zweiten Phase der Lehrer*innenbildung bei der Wahrnehmung von Videovignetten

Projektbeschreibung:

In strukturtheoretischen Ansätzen von Lehrerprofessionalität wird davon ausgegangen, dass der adäquate Umgang von Lehrer*innen mit Antinomien ein zentrales Merkmal von Professionalität darstellt, wobei aus biologiedidaktischer Sicht insbesondere die Sachantinomie hinsichtlich des Verhältnisses von fachlicher Norm und Schülervorstellungen relevant ist. Das Handeln von Lehrer*innen steht insofern in einem unauflösbaren Widerspruch, als die individuellen Besonderheiten jedes Lernenden berücksichtigt werden sollen (Personenorientierung) und zugleich curriculare sowie inhaltliche Ansprüche der Lern-Sache (Sachorientierung) durchgesetzt werden müssen (Helsper 2016). Wie das Spannungsfeld zwischen heterogenen Schülervorstellungen und fachlicher Norm bearbeitet werden kann, ist zum einen Gegenstand biologiedidaktischer Kontroverse (siehe Gresch & Martens 2019; Hammann & Asshoff 2014) und zum anderen eine unterrichtspraktische Herausforderung für (angehende) Lehrpersonen. Dabei bieten Videovignetten die Möglichkeit einer fallbasierten Wahrnehmung und Reflexion der Antinomien in der Lehrer*innenbildung. Unter der Annahme, dass die Wahrnehmung von Unterricht auch auf implizitem Wissen basiert, ist es für die Gestaltung der Praxis der Lehrer*innenbildung sinnvoll, dieses zunächst zu rekonstruieren. In dieser explorativen Studie wird dazu der Frage nachgegangen, welches implizite Wissen von angehenden Lehrpersonen in der ersten und zweiten Phase der Lehrerbildung zu Schülervorstellungen und dem Umgang mit ihnen im Evolutionsunterricht die Wahrnehmung von Videovignetten beeinflusst. Es werden zur Datenerhebung eine Videovignette als Diskussionsimpuls eingesetzt und Gruppendiskussionen durchgeführt. Hierzu wurden im Rahmen der Studie 51 Schulstunden (ca. 41 Zeitstunden) Evolutionsunterricht in der Sekundarstufe I und II aufgenommen. Aus diesem Videomaterial wurden bereits vier etwa 20-minütige Videovignetten entwickelt. Die Vignettenkonstruktion erfolgte theoriegeleitet, wobei die Sequenzen typische Schülervorstellungen beinhalten, die in besonderer Weise die Lernausgangslage charakterisieren, Lernschwierigkeiten darstellen (Hammann & Asshoff 2014) und von denen angenommen wird, dass sie Reflexionsanlässe bezüglich der Sachantinomie und fachdidaktischer Herausforderungen für das Handeln von Lehrer*innen ermöglicht. 

Die Datenauswertung erfolgt mithilfe der dokumentarischen Methode, da diese eine methodisch kontrollierte und wissenssoziologisch fundierte Unterscheidung zwischen explizitem (kommunikativem) und implizitem (konjunktivem) Wissen ermöglicht (Bohnsack 2010). 
Ein Beitrag der Studie für die Praxis der Lehrer*innenbildung soll darin bestehen, zu den rekonstruierten impliziten Wissensbeständen (siehe für erste empirische Ergebnisse Steinwachs & Gresch 2019) anschließend passende Lehr-Lern-Angebote forschungsbasiert zu entwickeln (siehe für erste Perspektiven hinsichtlich eines fallrekonstruktiven Seminarangebots Steinwachs & Gresch 2020).

Projektbeteiligte:

Prof. Dr. Helge Gresch; Jens Steinwachs

Projektpublikationen:

  • Steinwachs, J. & Gresch, H. (2020). Professionalisierung der Unterrichtswahrnehmung mithilfe von Videovignetten im Themenfeld Evolution – Bearbeitung der Sachantinomie in der biologiedidaktischen Lehrerbildung. In R. Kürten, G. Greefrath & M. Hammann (Hrsg.), Komplexitätsreduktion in Lehr-Lern-Laboren. Innovative Lehr-Formate in der Lehrerbildung zum Umgang mit Heterogenität und Inklusion (S. 57-78). Münster: Waxmann.
  • Steinwachs, J. & Gresch, H. (2019). Umgang mit Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht – Implizites Wissen von Lehramtsstudierenden bei der Wahrnehmung von Videovignetten. Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, 8, 24-39.