Bento im Bahnhof
Katze am Tempel
Bild Schünemann
Haikyu
Deutsche Kultur in Japan
Erdbeeren

Sapporo → Tokyo

Meine erste längere Soloreise oder auch mit dem Zug durch das östliche Japan

Reisen - Erfahrungen - Chancen

Fenja Schünemann

Sapporo

Anfang Februar, das Wintersemester ist vorbei: Es ist Zeit für eine Reise gen Norden. Mangels Geld fällt meine Wahl auf eine japanische Billig-Airline, die mich, samt drei Pullovern übereinander und meinem iPad in der Jackentasche, um unter dem Limit fürs Handgepäck zu bleiben, nach Sapporo bringt. Mit einer Freundin habe ich ein kleines AirBnB gebucht, in das wir dankend einchecken, um der klirrenden Kälte zu entfliehen. 
Besonders als wir in einem Vorort Sapporos aus dem Bus steigen, beweisen die Wärmekissen aus dem Convenience Store ihre Nützlichkeit. Der Schnee ist über 1,20m hoch und wir waten in Richtung einer riesigen Buddha-Statue, die aus einem Hügel rausschaut und im Sommer von Lavendel, nun jedoch von Schnee, umgeben ist.

Der gefrorene Wasserfall ist die kleine Wanderung bei -5°C auf jeden Fall wert und auf dem Rückweg verpassen wir nur knapp die Öffnungszeiten des Ainu-Kulturzentrums. Die Hütten der Indigenen Hokkaidos können wir jedoch trotzdem kurz anschauen. Nebenan verbringen wir über zwei Stunden im heißen Bad unter freiem Himmel und wärmen uns wieder auf, bevor wir den Rückweg in Richtung Sapporo und Mais-Ramen antreten.

Das Schnee-Festival am letzten Tag präsentiert sich mit einem Kilometer Schneefiguren von Miffy, Sumikko Gurashi und Samurai-Burgen, sowie einem Wettbewerb im Eisschnitzen. Ob mit oder ohne Fisch im Eis: Dieser Anblick ist die Reise auf jeden Fall wert. All das neben der ikonischen Nikka-Whiskey-Leuchtreklame bildet einen schönen letzten Abend in Hokkaidos Hauptstadt. Zum Abschied trinken wir einen Sake in einem der vielen Izakayas, bevor ich allein weiterreise.

Aomori

Die nördlichste Großstadt Honshus empfängt mich genauso verschneit wie Sapporo, aber sonniger. Ich fahre mit einem Bus in Richtung des Kunstmuseums und einer Jōmon-Kulturstätte. Schnell wird mir allerdings klar, dass diese Stätte vollständig im Schnee verschwunden und im Februar wohl eher nicht zu besuchen ist. Die Schneise durch den fast anderthalb Meter hohen Schnee in Richtung des Museums und mein Onigiri-Lunch auf einer Bank davor machen es aber wieder wett. Alles ist still und weiß und ich bin allein. Wie schön, denke ich und wandere in der Sonne gemütlich zurück in Richtung Stadtzentrum.

Dort wartet das Nebuta-Museum auf mich, eines der schönsten Museen, die ich in Japan besuchen durfte. Im Foyer hole ich mir einen Flyer mit ein paar Infos und englischen Übersetzungen der Infotafeln, falls mich die Kanji doch mal überfordern sollten (werden sie). Dann betrete ich einen Raum, aus dem fröhliche Musik ertönt und tauche für kurze Zeit mitten im Februar in ein Sommer-Festival ein. Wie groß die Festwagen sind, lässt sich auf Fotos eigentlich nicht wirklich festhalten, aber mein Respekt vor diesen gigantischen Projekten steigt mit jedem weiteren, vor dem ich stehe. Japanische Sagen, gruselige und lustige Figuren und vor allem karikaturistische Köpfe ihrer Schöpfer füllen eine große Halle. Am Ende beschließe ich, im August zurückzukehren und mir das Festival in Action anzusehen und kaufe einen süßen Nebuta-Schlüsselanhänger und eine kleine Box mit Apfel-Bonbons, die in Aomori hergestellt wurden. Den Abend verbringe ich in einem der berühmt berüchtigten APA Hotels und genieße den Blick auf die ikonische Aomori Bay Bridge. Am nächsten Tag fahre ich weiter nach Süden, also kuschele  ich mich in mein großes Bett und  freue mich auf morgen.

Morioka

Von Reisebloggern empfohlen, auf halber Strecke zwischen Aomori und Sendai liegt Morioka. Ich habe zwei Tage Aufenthalt geplant und bemerke schnell, dass ich optimistisch war. Am ersten Tag besuche ich einen Tempel, die ehemalige Burg und ein im Sommer wohl sehr belebtes, im Februar aber ausgestorbenes Touristenviertel. Ehrlich gesagt bin ich dem kleinen Teddy auf einem Schild auch wenig böse, dass er im Winterschlaf ist und esse einen teuren Starbucks-Keks auf einer Bank im Burgarten. Die Sonne scheint und die Luft ist klar und morgen kann ich ausschlafen.

Ich nehme einen Bus zu einer Raststätte am Rand der Stadt, die einen Sushiro dabei hat und ziehe mir eine Nummer für einen Einzelplatz. Vorher habe ich noch nie allein Sushi gegessen, allerdings kann so auch niemand meine Bestellung von viermal 2 Corn Mayo Gunkan verurteilen.

Der nächste Tag produziert, wovor ich ein wenig Angst hatte: Langeweile. Ich sitze allein in dieser verschneiten Stadt. Es ist unter der Woche. Was tue ich hier? In einem Einkaufszentrum gibt es lokalen Apfeltee und ich kann ein wenig lesen. Danach erinnere ich mich, dass Karaoke-Rabatte auch allein funktionieren. Ein One Direction Marathon mit unlimited Kakao ebenso. Im indischen Restaurant, in dem ich zu Abend esse, bemerke ich zum ersten Mal eine erhobene Augenbraue über mein alleiniges Kommen. Das Cheese Nan schmeckt trotzdem gut.

(Im späteren Verlauf meines Auslandsjahres werde ich außerdem zwei Menschen aus Morioka treffen, für die es sehr überraschend ist, dass ich diese Stadt schon besucht habe. Das Reisen lohnt sich!)

Sendai

Als ich Sendai erreiche, bin ich aufgeregt. Mit dem süßen Touristen-Loople-Bus fahre ich zu den Resten der ehemaligen Aoba Burg. Anstelle einer Statue von Date Masamune finde ich eine große Leinwand mit einem Bild ebendieser. Der Ausblick auf die Stadt sowie ein Spaziergang den halben Berg hinunter bis zum Zuihoden Mausoleum machen es jedoch wieder wett. Zurück im Stadtkern bemerke ich auf der Suche nach Essen ein süßes Entchen-Café. Pancakes und French Toasts umgeben von kleinen Quitscheentchen mit Blick auf die Haupteinkaufsstraße. Als ich spontan einen Aussichtspunkt in der obersten Etage eines Einkaufszentrums am Bahnhof finde, spaziere ich gemütlich hin und habe einen noch spektakuläreren Blick auf Tohokus Hauptstadt als von der Burg aus. Ich bemerke, dass ich schon einige Tage kein längeres persönliches Gespräch mehr geführt habe, mich aber dadurch unbeschreiblich entspannt fühle, dass ich mich weder hetzen, noch meine Reiseziele durch Kompromisse auswählen muss. Wie erleichternd.

Nachdem ich meine Größe neben Haikyuu-Charakteren gemessen habe, fahre ich in einen Vorort und finde eine moderne Eislaufhalle. Im Eingangsbereich ausgestellt sind etwa zwanzig Trophäen Sendais wohl bekanntesten Sportlers: Yuzuru Hanyu. Videos seiner Olympia-Performance brachten mich durch die Klausurenphase im Winter. Schon als er zwei Tage später auf YouTube ein Video aus eben dieser Halle veröffentlicht, fühlt es sich surreal an, dass ich dort knapp eineinhalb Stunden im Kreis geglitten bin, ohne hinzufallen (wirklich!).

Auf dem Rückweg husche ich durch das Naturkundemuseum. Die Mammuts, Dinosaurierskelette und den Erdbebensimulator kann ich mir ruhig ohne schlechtes Gewissen überdurchschnittlich lange ansehen, da niemand unbedingt weiter möchte.
Einer der schönsten Orte Sendais ist dann für mich am nächsten Tag der Osaki Hachimangu-Schrein, der zu dieser Zeit menschenleer ist. Dann beginnt es, zu schneien. Auf meinem Weg zum Tanabata-Museum bemerke ich, dass meine Winterjacke wesentlich schlauer gewesen wäre und ich umdrehen sollte. Also sitze ich noch ein wenig in einem Café und genieße meinen letzten Abend in Sendai.

Utsunomiya

Zurück in Kanto. Ich bringe meinen Koffer ins Hostel und mache mich auf den Weg zu einer riesigen Kannon-Figur am Rande der Stadt. Auf dem Weg dorthin sehe ich einen Automaten für 10 Kilo Reis für 200¥ und bin kurz versucht. Andererseits: Wer bringt aus Utsunomiya 10 Kilogramm Reis als Souvenir mit? Die riesige Figur im Licht des Sonnenuntergangs in der Stille beruhigt mich und ich freue mich auf den nächsten und letzten Tag meiner Reise. Aber zuerst probiere ich Utsunomiyas Spezialität: Gyoza. Eine ältere japanische Frau beäugt mich skeptisch, als ich allein das Restaurant betrete und nicht einmal Bier bestelle. Die Gemüse- und Mais-Gyoza sind aber unfassbar lecker und die Gespräche der zwei Männer am Nebentisch amüsant zu belauschen.

Am letzten Tag treffe ich eine Freundin aus Trier. Wir spazieren in einen großen Park und ich teste drei Sorten Erdbeeren aus Tochigi, der Präfektur, in der Utsunomiya liegt. Alle drei sind lecker und obwohl sie eigenartig aussieht, überzeugt mich sogar die weiße Sorte. Zusätzlich sehe ich meinen ersten Kofun-Grabhügel, der erstaunlich unspektakulär aussieht, mich aber etwa zwei Jahre zurück in meine Lernzeit für die Klausur „Japanische Geschichte“ versetzt. Meine Freundin erzählt mir noch von einem Bambuswald, in dem es eine Laternen-Aktion gibt und wir fahren wieder einmal an den Rand der Stadt. Für einen kleinen Aufpreis gibt es in der Mitte des Waldes einen frischen Matcha mit Süßigkeit, serviert in einer Tasse geschnitten aus Bambus. Dass mein erster Laternenlauf seit Langem durch einen Bambuswald gehen würde, hätte ich vorher auch nicht erwartet.

Und trotzdem war die Reise wirklich schön. Ich habe länger mit niemandem außer mir selbst gesprochen und mich auch teilweise etwas einsam gefühlt. Trotzdem konnte ich auch alle Orte besuchen, die ich wirklich sehen wollte, mir dort Zeit lassen und individuellen Fan-Interessen nachkommen. Obwohl ich prinzipiell gerne mit Freund*innen reise, konnte ich mir mit dieser Reise also auch beweisen, dass ich mich auch allein beschäftigen und vor allem zurechtfinden kann. Außerdem lohnt es sich, Trips, gerade in Japan, zu unternehmen, wenn man die Zeit (und das Geld) dafür hat, ohne lange auf die Zusage anderer zu warten, denn am Ende endet auch dieser Aufenthalt schneller als man denkt. 

Wer bin ich?
Ich bin Fenja und studiere in Trier Japanologie und Geographie:)

Aus welchem Grund interessiere ich mich für Japan bzw. was hat mich dazu bewogen Japanologie zu studieren?
Ich hatte sehr klischeehaft eine unfassbare Fan-Phase für Haikyuu, Yuri on Ice und Free! und habe dann angefangen, an einer Schule in meiner Heimat Japanischunterricht zu belegen. Mit diesem Kurs bin ich 2018 für zweieinhalb Wochen nach Japan gereist und hatte auch zwei kurze Homestays und diese Reise hat mich wirklich begeistert. Nach dem Abi habe ich im FSJ noch zwei (sehr heftige Budget) Japanreisen machen können und dann endgültig entschieden, dass ich gerne auch akademisch mehr über Japan lernen möchte. 

Lieblings-Onigiri?
KONBU!!

Was wirst du an Japan am meisten vermissen?

Sentōs, nächtliche 7Eleven Trips, Pizaman, die kleine Bäckerei in meiner Nachbarschaft, Daiso, pünktliche Züge, Soba, meine Freund*innen

Was würdest du Studierenden, die sich mit einem möglichen Japanaufenthalt beschäftigen, mit auf den Weg geben?
Das Klima kann hart sein und die Distanz zu Deutschland RIESIG, aber das ist es alles wert. Ihr werdet unglaubliche Aussichten haben, leckere Dinge essen (!!!) und es wird sich unbeschreiblich anfühlen, wenn ihr endlich versteht, wie eure Partnerstadt funktioniert und ihr euch wie ein*e Local fühlt. Wir alle hatten ein bisschen Angst vor Sprachlücken und es wird okay sein. Die allermeisten Menschen sind sehr sehr lieb und geduldig und das wird schon. Außerdem: wenn ihr erstmal IN JAPAN seid, müsst ihr für Trips nie die Flugkosten berechnen, also ist jede kleine Reise im Land günstiger als sie sonst von Deutschland aus wäre und die Semesterferien sind LANG. Enjoy!