Wie ich in Japan den passenden Weg zu scheitern lernte
Leben in Japan - Herausforderung - Scheitern
von Sanjirô
Scheitern [https://www.duden.de/rechtschreibung/scheitern, 15.01.2024]
Definition: a) ein angestrebtes Ziel […] nicht erreichen, keinen Erfolg haben; b) misslingen,missglücken, fehlschlagen
Ursprung: 17. Jahrhundert, für älter: zerscheitern, gebildet zum landschaftlichen Plural Scheiter von Scheit, eigentlich = in Stücke (Scheite) gehen
Synonyme: stolpern, straucheln, misslingen, versagen, fehlschlagen, missglücken, missraten, …
Wie diese Definition und die Synonyme aus dem Duden zeigen, wird „Scheitern“ vor allem als etwas eher Negatives verstanden. Dabei wird allerdings übersehen, dass „Scheitern“ als etwas sehr Persönliches gelten kann und die inhärente Chance beinhaltet sich weiterzuentwickeln. Vielleicht kann in diesem Sinne auch von einem „Ent-Täuschen“ gesprochen werden, also der Anpassung der eigenen Vorstellungen über ein Land an die Realität. Denn egal wie unsere Erwartungen nicht getroffen wurden, wie wir gescheitert sind, wir machen auf die eine oder andere Art weiter und entwickeln uns. Nur vielleicht nicht so, wie wir es vorher erwartet haben. Daher also von einem „Fehlschlag“ oder einem „Versagen“ zu sprechen, welche eine stark negative Konnotation mit sich bringen, halte ich für einen Aufenthalt im Ausland schlichtweg für unangebracht.
Allein der Schritt ins Ausland kann für viele als Erfolg verbucht werden – gerade, wenn es in eine so andersartige und vielleicht fremde Kultur wie Japan geht! Daher empfinde ich persönlich Synonyme wie „straucheln“ oder „stolpern“ als weitaus passender. Aus genau diesem Grund wurde auch der Titel dieses Beitrags gewählt. Nana korobi ya oki (七転び八起き) bedeutet übersetzt etwa so viel wie: „Siebenmal fallen, achtmal aufstehen“ und ist heutzutage auch in Deutschland nicht unbekannt.
Diese Erzählung stellt eine Mischung aus Tagebuch und Kurzgeschichte dar und ist wohl am ehesten als Essay zu verstehen. Am Beginn eines jeden Kapitels des Hauptteils findet sich das japanische Schriftzeichen für die entsprechende Zahl des Scheiterns. Zudem werden sich immer wieder Zitate aus Liedern finden, die als roter Faden dazu dienen sollen, Emotionen besser zu verdeutlichen und die mir als musikalische Wegbegleiter in meiner Zeit in Japan etwas bedeutet haben.
Prolog
21. September (Frankfurt am Main, sonnig)
„Der letzte Kanji-Test ist ja nicht so gut gelaufen! Und was machen wir jetzt damit?“, fragte P. Sensei uns, nachdem er den korrigierten Test ausgeteilt hatte. Ich saß wie jeden Abend neben A. und wir beide schüttelten müde den Kopf – so schwer waren die Kanji jetzt nicht gewesen und wir fragten uns, was der Rest da wieder angestellt haben mochte. Je. kam wie üblich zwei Minuten zu spät, in der linken Hand ein Stück Pizza aus der Mensa, in der rechten einen Kaffee. „Herr Je. ich habe, glaube ich, in meinem Leben noch niemanden so oft mit der Pizza aus der Mensa in der Hand gesehen“, lachte P. Sensei, bevor er wieder ernst wurde. „Also, was machen wir jetzt, wo der Kanji-Test nicht so gut gelaufen ist?“ „Aufgeben!“, murmelte Jo. am anderen Ende des Raumes. „Was war das Herr Jo.? Aufgeben? – Das können Sie natürlich machen, dann sollten Sie aber nächste Woche nicht mehr wieder kommen. Sie sind als Kurs hingefallen. Und jetzt müssen Sie wieder aufstehen! Nana korobi, ya oki! Ich habe auch Tests verhauen und trotzdem stehe ich jetzt hier und unterrichte Sie. Also lassen Sie den Kopf nicht hängen und arbeiten Sie weiter; stehen Sie auf, wenn Sie gefallen sind!“, sprach er mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Wir dürfen, nein wir müssen manchmal scheitern, um weiterzukommen! Verstehen Sie? ‚Scheitern‘ ist nicht mit ‚Versagen‘ gleichzusetzen!“, sprach P. Sensei in seiner üblichen lauten Stimme. Leises Nicken im Raum. „Gut. Dann machen wir jetzt weiter!“
Ich stand am Gate für den Flug nach Taiwan, um von dort weiter nach Osaka zu fliegen. Mir war schwer ums Herz, obwohl A. neben mir am Gate wartete. Ich war gerade dabei meine Partnerin, meine Familie, mein gewohntes Leben für ein Jahr zurückzulassen. Warum musste ich gerade jetzt an diese Passage aus meinen Nebenfachzeiten denken? Ich schluckte und versuchte nicht an meine Partnerin zu denken, sonst würden mir die Tränen wieder in die Augen schießen. Jetzt keine Schwäche zeigen, sonst versuchst du umzudrehen. Dann ging es auch schon in den Flieger. 17 Stunden langweiliges Rumsitzen und darauf warten, dass man ankommt. Wenigstens war es ruhig und ich konnte ein wenig abschalten – Vorfreude machte sich breit, als die Durchsage über den Landeanflug kam.
Sieben Mal fallen, acht Mal aufstehen!
一 22. September (Osaka/ Suma, sonnig)
„Haben Sie sich über Visit Japan bereits angemeldet? Nein? Dann stellen Sie sich bitte in dieser Schlange an.“ 17 Stunden Flug und jetzt in der Schlange stehen… Warum bin ich nochmal auf einen chinesischen Feiertag geflogen? Das dauert hier ja alles ewig, schoss es mir durch den übernächtigten Kopf. Naja, wenigstens war ich nicht allein. A. sah auch nicht besser aus. Ich schaute auf mein Handy. Etwa eine Stunde seit unserer Ankunft in Osaka war bereits vergangen. V. wartete wahrscheinlich schon draußen. „Wir brauchen noch – Schlange ewig lang. Such dir nen Platz, wo du dich hinsetzen kannst“, schrieb ich ihm.
Endlich war es dann so weit und ich konnte durch die Grenzkontrolle – dachte ich. „Sie sind als Austauschstudierender hier?“, fragte die Dame am Schalter. „Ja, ist das ein Problem?“, erwiderte ich vorsichtig – nicht ganz sicher, ob es Probleme mit meinem Visum gegeben hätte. „Nicht wirklich ein Problem, nur wurden Sie in die falsche Schlange eingeordnet! Gehen Sie bitte zur blauen Reihe!“, sprach die Frau mit einem leichten Bedauern auf dem Gesicht. „Achso, vielen Dank!“.
Als ich mich umdrehte, winkte ich A. herbei, rollte mit den Augen und erklärte ihr die Situation. Also nochmal anstehen. „Wir waren in der falschen Schlange, kann sich nur um Stunden handeln. Was treibst du?“, schrieb ich abermals an V. „Kein Problem, ich warte einfach weiter“, kam prompt die Antwort. Wenigstens konnte ich jetzt direkt das Formular ausfüllen, welches mir am Schalter mitgegeben wurde. Zoll- und Einreisereglungen. Bürokratie, wie ich sie doch liebe! Also ausgefüllt und eine weitere Stunde angestanden, damit es weitergeht. „Tut mir leid, mit ihrem Visum und ihrem Reisepass ist alles okay, aber das Formular scheint Probleme zu machen“, sprach der junge Mann an diesem Schalter mit ruhiger, aber leicht verwirrter Stimme. Dein Ernst jetzt? Insgesamt 2.5h Anstehen und jetzt ist wieder was nicht okay? So viel zur Produktivität und Effizienz in Japan… „Füllen Sie das Formular bitte nochmal aus? Die Maschine kann es wohl nicht lesen.“ Entnervt drehte ich mich in Richtung der Schlange um. „Bitte warten Sie einen Moment, wir haben das Formular nochmal hier – Sie können es also direkt hier ausfüllen!“ Etwas weniger angefressen füllte ich den Wisch also ein zweites Mal aus. „Vielen Dank, hier ist ihre Aufenthaltskarte! Genießen Sie ihre Zeit in Japan!“, verabschiedete sich der Mann von mir. A. war noch in der Schlange und so schrieb ich V. „Muss noch den Koffer holen gehen, bin hoffentlich in ner Stunde spätestens da. Sorry für den ganzen Stress und das ewige Warten!“ Nachdem A. durch den Schalter kam, wir uns mit einem weiteren Zollzettel herumschlugen und uns anschließend endlich auf den Weg zu V. machen konnten, verabschiedete ich mich von A.. Sie musste weiter nach Nara und wurde von einer Freundin eingesammelt. V. und ich kauften eine ICOCA – eine Art Prepaid-Bahncard, die einem einen schnellen Zugang zu den Bahnsteigen ermöglicht – und machten uns dann auf den Weg nach Suma – wo ich ein AirBnb für die Zeit bis zum Einzug ins Wohnheim gebucht hatte. „Suma ist auch ein Kapitel im Genji monogatari, oder?“, fragte ich, als wir im Zug standen, der mich mehr an eine Straßenbahn erinnerte, als an eine deutsche Regionalbahn. „Ja, haben wir letztes Jahr doch bei Herrn R. besprochen. War echt eine anstrengende Passage mit vielen traurigen Wörtern und Passagen. Weit weg von Kyoto, der arme Genji“, lachte V. „Aber dafür ist das Wetter hier echt schön und den Strand kannst du dir gerne anschauen. Und Ichi-no-tani ist ganz in der Nähe! Du weißt schon, da wo Atsumori im Heike monogatari gestorben ist! Vielleicht können wir ja einen Ausflug dahin machen, wenn du willst“, sprach er mit guter Laune, die mich ansteckte! „So, hier müssen wir raus, hast du die Adresse?“ „Ja, warte. Und einen Code für die Schlüsselbox habe ich auch!“
Wir waren in Suma angekommen, die Sonne ging bereits unter. Komisch, dabei war erst 17:30 Uhr. „Wird das in Japan immer so schnell dunkel?“, fragte ich etwas verwirrt. „Ach stimmt ja, du bist ja zum ersten Mal hier! Ja, das ist normal. Aber hast du die Adresse jetzt? Muss ja eigentlich hier sein laut GoogleMaps.“ Wir schauten uns verwirrt um, denn keines der Häuser sah auch nur im Ansatz so aus, wie die Bilder auf der Website. Panik machte sich in mir breit. War ich einem Scam zum Opfer gefallen und die Adresse existierte gar nicht? Ich atmete schneller und schaute mich panisch um. Irgendwo hier musste das Gebäude doch sein. „Mach dir mal keine Sorgen, wir finden den Ort schon!“, sagte V. beruhigend, als er meinen gehetzten Gesichtsausdruck sah. „Sicher!? Und wenn nicht!? Was mache ich dann?“ Die Angst vernebelte mir den Verstand. „Komm, wir gehen mal ein Stück in die Richtung da drüben, vielleicht ist es ja da.“ Und tatsächlich, da war die Schlüsselbox. Erleichterung machte sich in mir breit. Der Code klappte auch und wenig später stellte ich den Koffer auf den Boden des großen Raumes. Zwei Minuten Pause. „Alter, es ist mega warm hier. Ich dachte Taiwan wäre übel, aber echt, 29 Grad ist sauviel.“ stellte ich fest. „Das ist doch nichts! Letzte Woche wars noch wärmer. Ist aber auch normal für Japan. Hast du Sommerklamotten dabei?“ „Gott sei Dank ja! Und hier ist es ja eigentlich auch ganz nett!“ „Schon so. Ich hoffe, du kannst hier gleich gut schlafen. Aber lass uns erst noch was Essen gehen.“
Und so machten wir uns auf, ein Restaurant in Suma zu finden. Wir entschieden uns für Gyoza und nach dem Essen kehrte ich auf mein Zimmer zurück. Wir hatten uns für in drei Tagen in Kyoto verabredet, bevor wir uns am Bahnhof getrennt hatten. Zurück im Zimmer stellte ich die Klimaanlage auf 30 Minuten und 25 Grad Celsius, da es immer noch verdammt stickig war. Ich schlüpfte in meine Shorts und deckte mich nur halb mit der Decke zu. Endlich schlafen! Ich setzte mir die Kopfhörer auf und hörte noch ein wenig Musik: 何も言わない僕は花 通り過ぎる人にサヨナラ、何も出来ないはずなのに少しだけ遠くを見てた、積み木のように重ねておいた悩み、朝には忘れてしまうから すぐに [Schweigend wie eine Blume verabschiede ich mich von den Passanten / ohne anders zu können schweift mein Blick in die Ferne / die sich wie Jenga-Steine aufgestapelten Sorgen/ werden am Morgen schnell vergessen sein.] (Sakanaction 15.05.2012: „Boku to hana“, Single). Wie wahr diese Worte werden sollten, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.
二 23. September (Suma/ Osaka, Sonnig)
„Rise and shine / I would rather lie and glow” (LOLNEIN 13.12.2021: „It’s a Monday“, Single) hörte ich im Halbschlaf auf meinen Kopfhörern. Ich musste wohl eingeschlafen sein und hatte dabei vergessen den Shuffle auszumachen. Ich schaute auf den Bildschirm – 02:11 Uhr, 65% Akku. Scheiße! Ich habe die Adapter nicht hier! Oh Gott, so lange hält das alles auch gar nicht… Was soll ich nur machen!? – ging mir eine Kaskade von Gedanken durch den Kopf, als mir etwas einfiel. Ich tippte eine Nachricht an V. „Können wir die Adapter morgen kaufen gehen? Ich habe noch ein bisschen Ladung aber nicht daran gedacht, dass hier die europäischen Steckdosenadapter nicht funktionieren.“ Hoffentlich antwortet er morgen früh. „Klar, machen wir. Du nimmst diese Verbindung und wir treffen uns in Osaka-Umeda!“, kam keine zwei Minuten später die Antwort mit zwei Screenshots, die mir den Weg und die Bahnsteige beschrieben. Warum war er noch wach!? Erleichtert schloss ich die Augen wieder stellte mir den Wecker und schlief wieder ein. Alles würde gut werden.
三 27. September (Suma, nachts, bewölkt)
Unwillkürlich flossen mir die Tränen die Wangen herunter. Wo war ich hier und warum fühlte ich mich so allein? Ich hätte nie auf die Idee kommen sollen, diesen Aufenthalt zu starten. Da verlässt du fürs erste Mal richtig lange die Heimat und dann reist du gleich ans andere Ende der Welt. Was hast du dir dabei nur gedacht? Ich vermisse E. so sehr. Wie soll ich das nur alles durchhalten. Meine Überforderung holte mich nun in den Nachtstunden ein. Warum sind die Nächte in Suma immer so komisch!? Erst klingt es so, als würden sich zwei streiten und versuchen sich gegenseitig umzubringen, nachdem ich einen tollen Tag mit S. in Nara verbringen konnte und ich mir den Tōdai-ji und die Rehe angeschaut, Dango gegessen habe und das erste Mal ohne V.s Hilfe gereist bin. Wenigstens hatte ich es Dank V. geschafft hier mobile Daten für einen Monat zu kaufen, bevor ich eine Telefonnummer hatte – die sollte ich eigentlich im Wohnheim beantragen können. In meiner Naivität war ich davon ausgegangen, dass öffentliches WLAN auch in Japan keine Seltenheit ist. Wenn man nun aber reisen wollte, dann wurde es schwierig, gerade ohne GoogleMaps. Es war nun dieser Moment der Einsamkeit gegen 01:00 Uhr nachts, in dem ich mir meiner Situation zum ersten Mal so richtig bewusst wurde. Aus dem Nachbarzimmer tönte wieder lautes Lachen. Gott, Japaner*innen können den Alkohol manchmal echt nicht gut vertragen…, schoss es mir durch den Kopf. Warum sind die Nächte in Suma immer so komisch, wenn ich einen tollen Tag hatte, fragte ich mich erneut selbst, während ich langsam atmete und versuchte mich wieder zu fangen. Heute war ich mit V. in Kyoto gewesen, etwas worauf ich mich seit dem Beginn meiner Reise schon gefreut hatte! Und unsere gemeinsame Bekannte C. war auch extrem nett, hatte mir einige versteckte Orte gezeigt und wir genossen ein gutes Sushi zusammen. Ich hatte doch einen so schönen Tag erlebt, warum ging mir das jetzt verloren? Schniefend zuckte mein Oberkörper noch ein paar Mal. Gegen 01:30 Uhr wurde es im Nachbarzimmer endlich ruhiger und auch ich fing mich langsam wieder. Vielleicht sollte ich jetzt erstmal versuchen ein wenig zu schlafen, überlegte ich. Mein Handy hatte ich geladen und schloss die Kopfhörer an. Der Shuffle sprang an und ich hörte: “This small searching stem/ Glimpsed dawn upon dawn/ Dwarfed by gnarled limbs/ From the day it was born/ Hope given over/ To all that is brief/ Amidst the detritus/ Dead leaf upon leaf/ As its withering strands/ Arched back towards earth/ Above it, a movement/ A death to bring birth” (Be’Lakor 2016: „A withering strand“, auf Vessels). Merkwürdig. Die Band habe ich seit meinen Oberstufenzeiten nicht mehr gehört. Wusste gar nicht, dass ich das Lied noch auf der SD-Karte hatte. Doch im Zuge meines Aufenthaltes in Kobe würde dieses Lied immer wieder in Erscheinung treten und mir helfen, mir meiner Situation bewusst zu werden, aber auch zu verstehen, dass diese Situationen eben genau das waren – Momente, die anhalten aber auch vergehen können. Und wenn etwas endet, dann beginnt auch etwas Neues, selbst wenn man am Anfang gekrümmt und zusammengesackt dasteht. Ich machte die Musik aus und öffnete YouTube, um ein Hörspiel zu hören. Darüber schlief ich schließlich ein.
四 28. September bis Mitte Oktober (Kobe, überwiegend sonnig)
„Hast Du Dich heute schon geärgert / war es heute wieder schlimm […] Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.“ (Die Ärzte 2003: „Deine Schuld“, auf Geräusche). Naja, das stimmte nur halbwegs. Ich hatte mich die letzten Tage viel geärgert und war sehr gestresst gewesen, nachdem ich ins Wohnheim eingezogen war, allerdings weniger aufgrund meiner Situation per se in Kobe, sondern aufgrund der Bürokratie und des Nichtbedenkens einiger Aspekte, die mir nun schmerzlich vorgeführt wurden. So hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich für eine japanische Telefonnummer eine Kreditkarte bräuchte – geschweige denn, dass Mobilfunk hier so teuer sein sollte. Der Ärger darüber hatte sich allerdings wenige Tage später während der Orientierungsveranstaltung gelegt, als uns die Vortragende darüber informierte, dass es die Möglichkeit gab auch ohne eine Kreditkarte einen Tarif abzuschließen und man diesen dann am Konbini bezahlen könnte. Also war zumindest dieses Problem schnell gelöst. Allerdings war ein viel gravierendere und grundlegendere Angelegenheit nicht so schnell zu lösen – ich kam nicht an Bargeld, da meine Bank horrende Summen für Auslandsüberweisungen verlangte und mir keine Kreditkarte ausstellen wollte, wenn ich keine Umzugsbescheinigung vorlegen könnte. Was ein Blödsinn, schoss es mir durch den Kopf. Ich bin ja nur ein Jahr im Ausland und nicht komplett umgezogen! Ich war mehr als froh, dass ich mir 150.000 JPY mitgenommen hatte, um somit die ersten Wochen zu überstehen! Aber ich lebte auf einem knappen Budget, was mich dazu veranlasste vom ersten Tag an zu recherchieren, welche Speisen regional, günstig aber gleichzeitig und nahrhaft waren. Ich begab mich in den nächsten Supermarkt, fünf Minuten den Berg hinauf. Raus kam ich mit einem Viertel Chinakohl, einer Möhre, Zutaten für Curry, Instant-Ramen, Reis und Nattō. Was mich da geritten haben mag direkt das Viererpack Nattō zu kaufen ey…. Alle sagen immer, dass es voll widerlich sei oder dich vollkommen überzeugt. Ich bin ja schon gespannt. „Rührei mit Nattō ist sehr zu empfehlen oder Sie geben es in eine Miso-Suppe hinzu“, hatte mir ein Vertrauter noch vor meiner Abreise empfohlen. Nun, ich hatte weder Eier gekauft, noch hatte ich daran gedacht, dass ich mir Miso-Dashi für die Suppe kaufen könnte. Also heißt es wohl oder übel direkt pur probieren. Ich lachte manisch. Gott, was wenn es komisch wird? Ich hatte so viel davon gehört und es jetzt probieren zu müssen – schließlich hatte ich schon dafür bezahlt und eine schwäbischen Urgene wollten kein Geld zum Fenster rausschmeißen! Und zu meiner großen Überraschung; ich fand es hervorragend! Die Mischung aus leicht bitterer Note zusammen mit dem würzigen Dashi und ein wenig Senf ergab eine wahrhaft schmackhafte Symphonie, um es übertrieben zu formulieren. Aber dies führte dazu, dass Nattō, zusammen mit Chinakohl, Brot und Miso-Suppe tatsächlich mein mehr oder weniger alltägliches Frühstück werden sollte. Im Laufe der Zeit kam noch eine Banane hinzu, an ruhigen Tagen machte ich mir einen Filterkaffee und genoss die Sonne, die selbst im Winter fast jeden Tag durch mein Fenster schien. In solchen Momenten sagte ich mir immer: das Leben ist gut!
Ich hatte in der Zwischenzeit zwar dank einer sehr guten Freundin, der ich mich direkt anvertraut hatte, von der Möglichkeit von E-Wallets gehört, aber dafür benötigte ich zunächst ein japanisches Bankkonto – eine Herausforderung, um die ich mich diesmal aber nicht allein, sondern mit meiner Tutorin kümmern konnte. F.-san war sehr nett und zuvorkommend! Einziges Problem, sie sprach kein Wort Englisch, was bedeutete, dass ich ein sehr intensives Tandem mit ihr hatte – wobei Tandem in diesem Sinne vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist, da ich ihr kein Deutsch beibrachte und sie auch kein Interesse daran hatte. Ich war daher froh, dass auch V. weiterhin in Japan war, falls ich etwas gar nicht verstehen sollte! Immerhin hatte F.-san direkt einen Termin ausgemacht, damit wir das Konto schnellstmöglich eröffnet konnten. Auch wenn am Tag des Termins selbst ein Anruf kam, dass „es sein könnte, dass aufgrund eines Defekts heute keine Konten eröffnet werden können.“ F.-san war ähnlich genervt, wie ich von dieser Aussage – sie war zweieinhalb Stunden aus
Nara angereist. Unser beider Gesichtsausdruck muss Bände gesprochen haben, da wir schnell drankamen und mit unserer Vorarbeit, wir hatten die meisten Dokumente bereits online ausgefüllt und eingereicht, konnte dann doch noch alles geregelt werden. So war ich einige Tage später endlich wieder flüssig und musste mir wegen nichts mehr Sorgen machen – was die finanzielle und bürokratische Seite des Austausches betraf. Mir wurde jedoch bewusst, dass dieses Stolpern und „Scheitern“ in der Vorbereitung kein Versagen im eigentlichen Sinne waren, sondern eben dies. Ein Stolpern. Ich hatte es überstanden, war weitergegangen und ließ mir helfen, wenn es nicht mehr allein weiterging.
五 28. September bis Mitte Oktober (Kobe, überwiegend sonnig)
Mit dem Beginn der Vorlesungszeit begann allerdings gleichzeitig eine neue Herausforderung, auf die ich mich ebenfalls nicht vorbereitet hatte. Zwar lernte ich nun seit einigen Jahren Japanisch und war auch nicht ganz schlecht darin, aber ich verstand kaum ein Wort in meinem Seminar zur mittelalterlichen Literatur bei meinem Betreuer. Ich war froh, als er veranlasste, dass es ab nun wöchentliche Treffen mit meiner Tutorin geben sollte, damit sie mir bei meinen Problemen helfen konnte. Allerdings wurde mir etwas bewusst, als wir uns zum ersten Mal in der Universität gegen 15:00 Uhr trafen und sie nicht mehr ganz so konzentriert wirkte. Ich verstand überraschend wenig von dem, was sie mir erklären wollte. Ist dein Japanisch doch so schlecht? Warum verstehe ich denn nichts? Naja, fake it until you make it oder so. Die ersten beiden Treffen schlug ich mich durch und langsam, aber sicher verstand ich mehr von dem, was sie mir erklärte. Was unter anderem aber auch daran lag, dass wir immer wieder vom Thema abkamen, über die Natur, Reisen, Pokemon, das Auslandssemester, die Situation mit China und viele weitere Themen sprachen. Und da hörte ich auf einmal etwas, was mir all meine Probleme erklären sollte: „Honma wakarahen ne [Ich verstehe es echt nicht]“ lachte F.-san. Sie schaute mich etwas verwirrt an, als meine Miene aufzuleuchten schien. „Honma“ ist „honto ni („tatsächlich“, „wirklich“, „echt“)“ im Kansai-Dialekt! Das war die ganze Zeit mein Problem!? Ich habe den Dialekt einfach nicht verstanden? Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es war nicht mein Japanisch, das nicht gut genug war, es war vor allem die Tatsache, dass ich nicht verstanden hatte, dass Dialekt mit mir gesprochen wurde und mein Hirn deswegen auf Durchzug geschaltet hatte. „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.“ (Die Ärzte 2003: „Deine Schuld“, auf „Geräusche“) schallte es erneut aus meinen Kopfhörern, als ich an diesem Abend breit grinsend auf dem Heimweg war. Ich war mal wieder gestolpert. Ich hätte nicht gewusst, wie ich hätte aufstehen sollen, wenn mir dieses kleine „honma“ nicht aufgefallen wäre. Aber so ist es manchmal einfach. Man findet die Kraft wieder aufzustehen und weiterzumachen immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Ich sollte mich gut und erleichtert fühlen. Aber irgendwas stimmte nicht. Ich empfand es nicht so.
Mein Verstand begriff es, aber mein Herz verstand es nicht. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir die Frage stellte, ob ich ein ganzes Jahr schaffen würde, aber diesmal lag eine gewisse Tiefgründigkeit in diesem Zweifel, den ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht genau greifen konnte.
六 25. November (Osaka, nachts, sternenklar)
„Warum sind die Tage immer geil und die Nächte, an denen es besonders gut war, laufen dann wieder mies?“, fragte eine wütende Stimme in meinem Kopf. Ich war auf dem Weg zurück nach Kobe; 15% Akku, GoogleMaps offen, Internet aus und rannte mehr oder weniger durch die Straßen, um einen Weg nach Umeda und zum Hauptbahnhof zu finden. Keine Musik diesmal, bis wir im Zug sind! Ab da kennen wir den Heimweg! Meine Füße flogen fast über den Asphalt aber meine Zähne klapperten. Es war kalt zur Nacht hin geworden. Einfach positiv denken, notfalls musst du jemanden Frage, ob er dich zum Bahnhof bringt. Und jetzt ist es eigentlich auch nur noch geradeaus! Also Maps schließen und beten, dass der Akku hält – 13%.
Während ich so weiterging und einfach hoffte, dass ich bis zum Bahnhof kommen würde, reflektierte ich die letzten Tage. Ich hatte mit der Uni Trier Kontakt aufgenommen. Ich hatte realisiert, dass irgendwas nicht stimmte und beschloss, dass ich von dieser Stelle einmal mehr über das Phänomen des Kulturschocks erfahren wollte. Die Sprechstunden mit meinem Betreuer und dem International Office verliefen sehr gut und ich erfuhr so, dass ein Kulturschock nicht ein einzelner Moment ist, der dann länger anhält, sondern dass er in Phasen verläuft und dabei immer wieder gute und schlechte Momente sich abwechseln würden, bis sich das Ganze irgendwann einpendelt. Das war für mich völlig neu, aber es ergab Sinn! Trotzdem war die Frage, ob ich durchhalten würde, nie ganz aus meinem Kopf verschwunden. Ich hing weiter an diesem Punkt, an dem ich nicht genau wusste, was mit mir los war. Denn wie mir auch nochmal von meinem Trierer Netzwerk versichert wurde: „Es ist kein Versagen zu stolpern“. Und da schossen mir wieder Lyrics durch den Kopf, diesmal ganz ohne den Input von außen: „Rise and shine / I would rather lie and glow” (LOLNEIN 13.12.2021: „It’s a Monday“, Single). Diese Lyrics hatten mich während der Vorlesungszeit wohl schon einige Male wieder eingeholt. Denn mehr als einmal wollte ich morgens nicht aufstehen. Wahrscheinlich der Kulturschock und die Anstrengung alles auf Japanisch zu machen, dachte ich in diesen Momenten oft bei mir selbst. Erst später wurde mir bewusst, dass das nicht der Kulturschock allein war.
Der Tag heute war vor allem deswegen so gut gewesen, weil ich Je. nach fast zwei Jahren mal wieder getroffen hatte. Wir hatten uns in Sakai die alten Kofun-Hügelgräber angeschaut und waren bei der Burg Osaka gewesen. Anschließend wollten wir noch ein paar Okonomiyaki essen und hatten einen kleinen Laden gefunden, indem wir zwar alles auf Japanisch bestellen mussten, in welchem man aber sehr zuvorkommend war und sich freute, auch ausländische Gäste zu bewirten. Wirkte zumindest so. Eine Sache wurde uns dabei bewusst: „Nihongo jôzu“ (日本語上手) oder „Nihongo umai“ (日本語上手い), daran führt kein Weg vorbei. Beides bedeutet etwa so viel wie: „Sie sprechen aber gutes Japanisch!“, und ist eine Standardfloskel, die oftmals genutzt wird, um die Mühe anzuerkennen, dass die Sprecher*innen versuchen auf Japanisch zu reden. Egal wie lange man in Japan war, egal wie lange man lernte, irgendwer schleuderte einem diese Aussage immer mal gegen den Kopf. Wir beide reagierten wie gewollt bescheiden und sprachen, dass wir noch einen langen Weg vor uns hätten, unser Blickkontakt sagte uns aber beiden, dass wir denselben Gedanken hatten: Alter….
Mit dieser Rekapitulation des Tages schaute ich nach vorne und erkannte das große Symbol der Hankyu-Linie. Yokatta na, seufzte ich erleichtert auf. Von hieraus gab es nur zwei Richtungen, Kyoto und Kobe. Das sollte also schaffbar sein. Mir fiel auf, dass ich seit vielen Wochen immer wieder in einer gebeugten Köperhaltung unterwegs war. Ich wollte nicht auffallen und mich eher verstecken. Aber warum eigentlich? Und es war dieser Moment indem mir etwas Weiteres klar wurde – Scheiße, das ist nicht nur der Kulturschock. Morgen müssen wir beim Health Center anrufen und einen Termin mit einem Psychiater ausmachen… Ich hechtete in den Zug vor mir – Local nach Kobe Sannomiya. Erleichterung aber auch ein bitterer Beigeschmack machten sich auf meiner Zunge breit. Immerhin hatte ich es bis in den Zug geschafft und war jetzt auf dem Weg ins Wohnheim. Ich schaute auf den Akku-Stand – 12%. Könnte auch meine soziale Batterie sein dachte ich schmunzelnd.
七 Ende November, Anfang Dezember (Kobe, sonnig/ bewölkt)
„Ja hallo, mein Name ist Sanjirō, ich würde gerne einen Termin für ein Gespräch zum Thema Mental Health ausmachen. Meine Studentennummer lautet…“, sprach ich etwas unsicher auf Japanisch. „In Ordnung, wir können Ihnen Mitte Dezember einen Termin anbieten. Wäre das für Sie machbar?“ folgte eine langsam aber freundlich gesprochene Antwort. „Ja, das passt, haben Sie vielen Dank! Ich bräuchte zudem ein Attest, falls sich etwas feststellen lässt.“ „Kein Problem, ich gebe es so weiter!“ „Haben Sie vielen Dank! Bis im Dezember dann“, verabschiedete ich mich. „Haben Sie vielen Dank, dass Sie sich bei uns melden! Sie müssen da nicht allein durch. Wenn es nicht geht, dann versuchen wir einen früheren Termin für Sie zu ermöglichen! Aber ich muss nun wieder los, ich hoffe Sie haben trotzdem einen guten Tag!“ Damit klickte es am anderen Ende der Leitung und es wurde aufgelegt. Uff, Gott sei Dank ist das jetzt auch geschafft! Ich hatte einen Termin auf Japanisch ausgemacht – jetzt hieß es sich auf das Arztgespräch vorbereiten. Das wird ja auch auf Japanisch erfolgen müssen. Vielleicht sollte ich da einfach nen Spickzettel fertig machen und die Symptome aufschreiben. Das erspart uns beiden, also mir und dem Arzt einiges an Zeit und wir kommen wahrscheinlich schneller zu Potte, als wenn ich versuche ihm mit meinem Gestammel den Sachverhalt zu erklären. Aber jetzt muss ich erstmal in die Vorlesung gehen.
„Ja also die Symptome sind eindeutig. Ich halte es schon für sinnvoll, Ihnen erstmal Medikamente zu verschreiben. Eine Therapie kann ich zwar nicht mit Ihnen machen, aber ich kann Ihnen da jemanden empfehlen, wenn sie sich das auf Japanisch zutrauen“, sprach der Arzt langsam und ruhig. Er hatte eine sehr angenehme Art und ich fühlte mich gut aufgehoben. „Ich verstehe. Gibt es denn keine andere Möglichkeit als die Medikamente? Klingt komisch, aber in Deutschland ist man eher langsamer mit Medikamenten“, erwiderte ich vorsichtig. „In Ihrem Fall würde ich schon davon abraten die medikamentöse Einstellung zu verschieben. Ich kann Ihre Sorgen aber verstehen. Wir treffen uns direkt in zwei Wochen wieder und Sie berichten mir, wie es Ihnen mit den Medikamenten geht, wäre das für Sie vertretbar?“ „Ja, das klingt gut. Dann lassen Sie uns das direkt so machen. Haben Sie vielen Dank, dass Sie so schnell Zeit für mich hatten!“ Als ich das Health Center verlies und mich auf dem Heimweg befand hörte ich wie immer Musik. “Our lives are challenged by an invulnerable swarm / They know only hatred, fear, and discourse / Gathering strength so that I may defeat / These monsters whose minds are corrupt with disease” (Ibaraki 2022: „Rōnin feat. GERARD WAY and IHSAHN“, auf „Rashomon“). Nur sind wir diesmal diejenigen, deren Gedanken von einer Krankheit korrumpiert sind, dachte ich bei mir. Na super. Aber damit ist es jetzt beschlossen: Medikamente nehmen und in zwei Wochen schauen, wie es mir geht. Falls es nicht besser wird, dann hilft es alles nichts. Dann heißt es, früher zurück nach Deutschland. Ich hatte mir meine Gedanken gemacht und war nun zu dem Entschluss gekommen, den ich bis dato nicht wahrhaben wollte. Ich kehre früher nach Deutschland zurück. Es war keine leichte Entscheidung, aber jetzt hatte ich Antworten auf Fragen, die ich gar nicht stellen wollte. Manchmal muss man sich ein Scheitern eingestehen. „Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst / Die, die das behaupten, haben nur vor Veränderung Angst“ (Die Ärzte 2003: „Deine Schuld“, auf „Geräusche“). Das sollte ich mir merken! Mein Auslandsaufenthalt war für mich zu diesem Zeitpunkt zunächst gescheitert. Ich würde gerade einmal die Hälfte der Zeit schaffen…
八 31. Dezember (Nacht, sternenklar)
この空の向こう側には、もう一つの青い空、誰もいない空の中に、ぽっかりと浮かぶ雲、ずっと昔のことのようだね、川面の上を雲が流れる [Auf der anderen Seite ist dieser Himmel aber auch ein einmalig blauer Himmel/ Inmitten dieses menschenleeren Himmels treiben die Wolken schwerelos dahin/ Genauso wie in den alten Zeiten/ fließen die Wolken über der Wasseroberfläche des Flusses]. (Suzuki Tsunekichi 2006: „Omoide“, auf „Zaigo“) kam es leise aus dem Lautsprecher meines Handys, während ich mit einer Kanne heißen Tees auf dem Balkon stand und in den sternenklaren Nachthimmel schaute. Ein milder Wind blies und die Nacht schien mir für deutsche Verhältnisse schon fast frühlingshaft. Auch wenn ich hier in Sumiyoshi etwas außerhalb des eigentlichen Stadtlebens war – die Natur war von hier aus wunderschön zu beobachten und die Lichtverschmutzung war überraschend gering. Und während ich so dastand, der Musik lauschte und die Gedanken streifen ließ, wurde mir plötzlich etwas bewusst; ich führte ein einfaches Leben, wie ich es mir in meiner Oberstufen-Zeit immer vorgestellt und gewünscht hatte. Zwei Schüsseln für Essen, eine Tasse, ein paar Stäbchen, ein Löffel, einige Bücher zur Unterhaltung – auch wenn ich meine Videospiele vermisste. Unwillkürlich musste ich über diese Erkenntnis lächeln. ずっと昔のことのようだね (Zutto mukashi no koto no yô da ne, Genauso wie in den alten Zeiten) – in der Tat, so fühlte es sich an. Eine Vergangenheit, die ich so zwar nicht gelebt hatte, die ich als Idee aber hier wieder gefunden habe! Ich sollte versuchen, mir diese Einstellung und dieses Lebensgefühl der Einfachheit auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland beizubehalten. Es hilft mir mit meiner Situation besser zurecht zu kommen. Ich fühlte mich erleichtert und auf eine merkwürdige Art frei. Zahlreiche Erkenntnisse dieses Jahres schossen mir durch den Kopf.
Ich hatte einige Projekte hier in Kobe vorangebracht, die lange auf meinem Schreibtisch lagen; zudem neue Projekte begonnen und erste Erfahrungen im Schreiben von Artikeln und Übersetzungen gewonnen. Dabei konnte ich weiterhin meinen Kommiliton*innen und neuen Freund*innen helfen, mit der japanischen Sprache zurecht zu kommen und einige Dinge besser zu verstehen. Das hatte auch mir geholfen, da es mir zeigte, wie weit sich mein Wortschatz doch schon entwickelt hatte. Natürlich fallen einem im Nachhinein immer wieder bessere Wörter und Floskeln ein, die hätten verwendet werden können – aber hey, eine solch positive Erkenntnis sollte man nicht durch zu viel Hinterfragen zunichtemachen. Zudem fühlte es sich gut an, zu wissen, dass man den meisten japanischen Vorlesungen mit mehr oder weniger viel Problemen folgen konnte – vor allem da die Vorlesung, bei der das Verständnis am meisten fehlt im Endeffekt sogar von Japaner*innen als schwierig wahrgenommen wurde. Wer hätte zudem jemals gedacht, dass ich eine Millionenstadt als verschlafenes Nest wahrnehmen könnte? Doch jetzt, wo ich hier in Kobe war, wurde mir bewusst, dass die Zahl nicht viel über das Lebensgefühl einer Stadt aussagen musste…
Eigentlich hielt ich ja nichts von Neujahresvorsätzen, aber die Reflektion und das Erinnern an diesen alten Lebensentwurf ließen mich erkennen, dass ich mir vielleicht doch etwas für das neue Jahr vornehmen sollte. Das Lebensgefühl, die gewonnene Ruhe und das gefundene Selbstvertrauen mit nach Hause zurücknehmen und anwenden. Ich nahm einen tiefen Atemzug, leerte die Teetasse und schaute weiter in die Sterne. Waren sie schon immer so hell gewesen?
Epilog
06. Februar (bewölkt)
Meine letzten ‚normalen‘ Tage in Japan sind angebrochen. Ab Morgen geht es auf Reisen. Neue Herausforderungen werden warten, aber ich bin mir sicher, dass ich auch diese bewerkstelligen kann. Nach der Erkenntnis in der Neujahrsnacht hat sich meine Laune nicht mehr wirklich verschlechtert und die negativen Gedanken sind in einem annehmbaren Rahmen geblieben. Die letzten fünf Monate haben mir zwei Dinge vor Augen geführt: Halte durch, steh auf, wenn du fällst und gib nicht auf! Gleichzeitig gilt allerdings auch, „muri shinaide“ – mach nichts Unsinniges! Es bringt manchmal nichts zu glauben, dass eine Situation nur ausgehalten werden muss, und dann wird wieder alles wie von Geisterhand besser. Es gibt Momente im Leben, da will man sich nicht eingestehen, dass etwas nicht so klappt, wie erwartet und es gibt Augenblicke, da kommen Dinge auf uns zu, die uns überfordern. Und dann müssen wir uns diesen Dingen zwar stellen, aber auch einsehen, wenn es nicht geht. Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass ‚Scheitern‘ nicht mit ‚Versagen‘ gleichgesetzt werden sollte und vor allem nicht direkt ins ‚Aufgeben‘ münden muss! Doch ab und an kommen Momente, in denen wir fallen und nicht wieder von allein aufstehen können – so scheint es uns zumindest! Und in diesen Momenten ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass auch andere uns auf unserem Pfad in Japan und im Leben begleiten – wir können sie um ihre Hilfe beim Aufstehen bitten.
Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu suchen; ganz im Gegenteil. Niemand muss allein durchstehen, was ihn oder sie überfordert. Es gibt Netze, die uns helfen können und wollen. Wir müssen dafür aber über unseren eigenen Schatten springen und lernen Hilfe auch anzunehmen. Und das mag ein schwerer Schritt sein, aber er lohnt sich – auch das ist eine Erkenntnis, die ich in Japan gewonnen habe. Jede und jeder von uns geht einen eigenen Pfad, manchmal mit, manchmal ohne Begleitung. Doch wir können uns in schweren Zeiten auch Begleiter*innen und Gefährt*innen suchen.
15. März (Trier, sonnig)
Jetzt, nach knapp einem Monat in Deutschland wieder in meiner Wohnung in Trier am Schreibtisch sitzend und diese Zeilen niederschreibend wird mir eines deutlich: Japan hat mich nicht nur einmal verändert. Und auch nicht nur auf eine Art und Weise. Obwohl ich aufgrund meines Studiums und meiner Freund*innen dachte möglichst gut vorbereitet nach Japan zu gehen und kaum Probleme haben zu werden, wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass keine Vorbereitung allumfassend ist. Ich hatte mich sprachlich so gut wie möglich vorbereitet, mich über Bräuche und Feiertage informiert und mir eigene Ziele für die Zeit in Japan gesetzt. So erhoffte ich mir einen vertiefenden Einblick in das Nō-Theater, die Kansai Region und vor allem Kyoto besser kennenzulernen und wollte vor allem auch mein Sprachlevel auf das JLPT N2-Niveau bringen. Doch Fehler und Unvorhersehbarkeiten passieren bzw. treten auf und wir müssen mehr oder minder spontan darauf reagieren lernen. Man weiß im ersten Moment nicht mit den Problemen und Herausforderungen umzugehen. Aber mit jedem Fallen und Aufstehen wird man resilienter gegen den Stress und die Angst bzw. die Vorstellung, dass man es nicht schafft und am Ende liegen bleiben wird. Ich bin selbstbewusster zurückgekommen; und mit einem Stück von mir selbst, von dem ich nicht wusste, dass ich es in den letzten Jahren verloren hatte. Es lohnt sich den Schritt in die Ferne zu wagen, in die Fremde und dort eine Art neues Zuhause zu finden. Für manch einen wird vielleicht eine neue Liebe für das Land geboren, anderen werden Probleme vor Augen geführt und wieder andere sehen sich in ihren Meinungen bestätigt. Für viele wird es sicher auch eine Mischung aus diesen Erfahrungen werden. Sicher ist jedoch eins – für mich ist das Leben in ‚Imperfektion‘ und mit dem ‚Scheitern‘ keine Schande mehr. Sei es in der sprachlichen Fähigkeit oder in meinen persönlichen ‚Mängeln‘. In Zeiten, in denen jede*r meint, das perfekte Austauschjahr erleben zu müssen und ein Leben wie die Influencer*innen in den Social Media erreichen zu müssen, kann es uns helfen, wenn wir einen Schritt zurückgehen und uns bewusst machen, dass wir oft gefallen sind, aber trotzdem nicht vergebens liegengeblieben sind. Wir sind Mal für Mal aufgestanden oder stehen wieder auf und gehen unseren Weg weiter. Vielleicht anders und manchmal kürzer als erwartet, aber wir gehen. Und auch ein Leben jenseits des Kommerzes und Konsumierens tut der Seele manchmal einfach gut.
Dies erinnert mich an einen Beitrag über kintsugi (wörtl. „Goldflicken“), den ich im Februar als Gastbeitrag in einer Zeitschrift veröffentlicht habe. Denn genau wie beim kintsugi und dem daraus resultierenden Reparaturprozess geht es nicht darum ‚unbeschadet‘ oder gar perfekt zurückzukommen, sondern zu wachsen und mit den eigenen Fehlern leben zu können.
Nana korobi, ya oki – dieses Sprichwort und die Erinnerung an meinen alten Sensei helfen mir auch nach der Rückkehr aus Japan weiter. Wie ich mich weiterentwickeln werde? Das kann ich jetzt noch nicht einschätzen – aber ich werde selbstbewusster und ruhiger in die Zukunft schauen. Und wenn ich stolpern oder fallen sollte – dann stehe ich eben wieder auf. Schließlich habe ich es am anderen Ende der Welt, in einer fremden Kultur und Umgebung ja auch geschafft! Vielleicht brauche ich Hilfe beim Aufstehen – aber dann werde ich danach fragen.
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