Auslandssemester im Zeichen des Bogenschießens
Japanisches Bogenschießen - außercurriculare Aktivitäten - Freizeitgestaltung
von Jesko Buchs
Während meines Auslandssemesters an der Waseda-Universität habe ich viel Zeit mit Kyudo, dem japanischen Bogenschießen, verbracht. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, in Japan die Prüfung zum ersten Dan zu bestehen und mehr über die alte Kampfkunst zu lernen.
Der Semesterbeginn in Tokyo verlief für mich insgesamt betrachtet eher enttäuschend. Ich hatte mich bemüht, dem Kyudoclub der Waseda-Universität beizutreten und einige Tage voller Erwartungen auf eine Antwort des prestigeträchtigen Clubs gewartet. In Form einer kurzen aber höflichen Chatnachricht kam dann die Absage auf mein Smartphone geflattert: Für Austauschstudenten sei eine Mitgliedschaft nicht möglich. Da der Club leistungsorientiert sei, müsste ich schon sehr gut Japanisch können, mindestens fünf Mal die Woche trainieren und zudem zwei Jahre an der Waseda bleiben – für mich unmöglich.
Auch das Knüpfen von Kontakten zu japanischen Kommilitonen gestaltete sich als schwierig. Da es sich bei meinem Studiengang um ein englischsprachiges Masterprogramm handelte, war ich hauptsächlich von anderen internationalen Studierenden umgeben. Die wenigen Japaner in den Kursen blieben meist unter sich. Aufgeben war allerdings in beiden Fällen keine Option.
Was ist Kyudo?
Aber der Reihe nach. Denn die weniger japankundigen Leser werden sich sicher gefragt haben, was es mit Kyudo überhaupt auf sich hat. Als Kyudo (japanisch 弓道 „Weg des Bogens“) bezeichnet man heutzutage das Schießen mit dem traditionellen japanischen Langbogen. Der gegenwärtige Sport entwickelte sich im Laufe der letzten 150 Jahre aus dem Kriegsschießen der Samurai. Denn im Gegensatz zu Europa war der Bogen in Japan noch bis ins 19. Jahrhundert eine wichtige Fernkampfwaffe. Mit der Modernisierung Japans in der Meiji-Ära verlor der Bogen natürlich auch dort an militärischer Bedeutung; das Bogenschießen entwickelte sich zur Kampfkunst. Vor allem unter Schülern und Studenten ist Kyudo heute eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Auch ich selbst habe als Student zum ersten Mal den Bogen zur Hand genommen. Die Distanz zum Ziel beträgt heute standardmäßig 28 Meter.
Durch das Training in Deutschland hatte ich bereits einen japanischen Professor der Universität Tsukuba kennengelernt, der mich einlud, ihn in Japan zu besuchen und mir während der Zeit dort immer wieder mit gutem Rat zur Seite stand. Nach dem erfolglosen Versuch, dem Kyudoclub der Waseda beizutreten, riet mir dieser, es stattdessen beim entsprechenden Circle meiner Uni zu versuchen. Das sind weniger offizielle Zusammenschlüsse von Studenten mit gleichen Interessen. Für Kyudo gibt es an der Waseda gleich zwei davon. Bei einem durfte ich zum Probetraining erscheinen.
Die Lösung vor der heigenen Haustür
Die Mitglieder dort waren sehr freundlich und hilfsbereit, allerdings hatte der Circle für mich zwei Probleme: Erstens hatten die Studenten dort keinen Trainer und zweitens lag die Sporthalle, in der das wöchentliche Training stattfand, über 45 Minuten von meinem Apartment entfernt. Keine optimale Kombination. Ein Kommilitone dort gab mir dann aber den Tipp, mich doch mal in meinem Stadtteil umzuschauen, denn in Tokyo hat beinahe jeder Stadtbezirk ein eigenes Dojo (dt. Trainingshalle). Also suchte ich im Internet nach den Kontaktdaten der Toshima City Kyudo Federation und wurde fündig.
Der Tipp erwies sich als goldrichtig, denn nicht nur sprachen im dortigen Verein gleich mehrere Mitglieder Englisch – die Trainingshalle war zudem auch noch keine 500 Meter von meiner Haustür entfernt. In Tokyo eine echte Seltenheit. Das Dojo von Toshima ist eine der ältesten Trainingshallen in Tokyo und hat schon viele namhafte Schützen hervorgebracht. Der Präsident erwies sich zudem als Absolvent der Waseda Universität, weshalb er mich umgehend einlud.
Also stellte ich mich beim nächsten Vereinstraining vor und wurde Mitglied. Die erste Hürde war überwunden. Die ersten Trainingswochen waren jedoch nicht einfach. Denn erstens hat jedes Dojo gewisse Regeln, die sich Ausländern nicht gleich erschließen. Und zweitens schießen die meisten Kyudoka in Japan einen anderen Stil als in Deutschland. Mit dem hierzulande vorherrschenden Heki-Stil, der sich am Bogenschießen auf dem Schlachtfeld orientiert, war ich ein Kuriosum. Was Etikette und Prüfungsform angeht, konnten mir die Lehrer des Shomen-Stils zwar weiterhelfen, bei der Schießtechnik jedoch nur bedingt. Während des Semesters musste ich daher alle paar Wochen ins anderthalb Stunden entfernte Tsukuba fahren, um mir technische Korrekturen abzuholen.
Der erste eigene Bogen
Ein weiteres Problem: Auch die vereinseigenen Bögen in Tokyo wollten nicht so recht zu mir passen. Da sich deren Länge nach der Körpergröße des Schützen richtet, waren mir die meisten Bögen im Dojo viel zu kurz. Japaner sind im Schnitt nämlich deutlich kleiner als mitteleuropäische Menschen. Also musste schleunigst ein eigener Yumi her. Den bekommt man in Akihabara. Der Stadtteil, der sonst eher als Paradies für Animefans bekannt ist, beherbergt eines der besten Kyudo-Geschäfte in der Kanto-Gegend. Von der Hanfsehne bis hin zum Bambusbogen gibt es bei Koyama-Kyugu alles, was das Bogenschützenherz begehrt. Und auch für einen ungewöhnlich großen Gaijin (dt. Ausländer) wie mich ließ sich dort das passende Trainingsgerät finden.
Freudestrahlend schleppte ich anschließend meinen Bogen nach Hause – in einer vollbesetzten U-Bahn gar nicht so einfach. Denn die japanischen Langbögen machen ihrem Namen alle Ehre: Mit rund 2,25m sind sie deutlich länger als ihre Schützen. Aufgrund ihrer charakteristischen, geschwungenen Form sind die Bögen auch für Laien leicht zu erkennen. Vor allem den weiten Auszug bis hinters Ohr und das Hereinlehnen des Schützen in den geöffneten Bogen empfinden Zuschauer beim Kyudo als ästhetisch.
Einmalige Erfahrungen
Ausgestattet mit einem eigenen Yumi konnte das Training endlich richtig losgehen. Und das nahm ich ziemlich ernst. In manchen Wochen sah ich die Uni nur an zwei Tagen von innen, das Dojo aber an mindestens vier. Der Beitritt zum Kyudoclub in Toshima erwies sich rückblickend als beste Entscheidung meines Japanaufenthalts. Denn das regelmäßige Training gab nicht nur meinem Alltag Struktur, sondern ermöglichte mir auch Anschluss an das japanische Sozialleben.
Mit meinen Senpai aus dem Verein ging ich Essen, Trinken oder ins Kino. Gerade der gemeinschaftliche Izakaya-Besuch ist in Japan ein wichtiges gesellschaftliches Ritual, bei dem die zwischenmenschlichen Beziehungen gepflegt werden. Da ein Großteil eurer Mitmenschen oft deutlich mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen 40 Stunden pro Woche arbeitet, sehnen sie sich nach Feierabend oder am Wochenende danach, bei einem Bierchen ein bisschen Dampf abzulassen. Gerade diejenigen, die man sonst eher als scheu und zurückhaltend auf dem Schirm hat, lernt man nach zwei Gläsern Bier häufig ganz anders kennen.
Neben diversen Kneipentouren unternahmen wir außerdem regelmäßig Ausflüge und traten zusammen bei Turnieren an. Verbunden waren wir durch das gemeinsame Hobby. Einige der zahlreichen Kyudo-Events, die ich so in Japan besuchen konnte, waren die Weltmeisterschaft in Nagoya und die College-Meisterschaften in Ise, auf der einige der besten Kyudoka des Landes ihr Können maßen. Während es in Deutschland bei Turnieren eher darum geht, wer trifft, entscheidet sich in Japan ein Turnier häufig daran, welcher Schütze nicht trifft. Denn im Regelfall sitzt jeder Schuss. Die bemerkenswertesten Veranstaltungen waren für mich allerdings zweifellos die beiden Yabusame-Vorführungen, die ich in Kanagawa und Tokyo zu sehen bekam. Das berittene Bogenschießen könnte man als extreme Form von Kyudo mit gesteigertem Schwierigkeitsgrad bezeichnen.
Beim Yabusame reiten die Schützen auf ihren Pferden eine rund 220 Meter lange Rennbahn hinunter und schießen unterwegs aus vollem Galopp auf drei am Weg platzierte Ziele. Das Pferd wird nur mit den Beinen gesteuert, die Hände brauchen die Reiter beide zum Spannen des Bogens. Selbst erfahrene Yabusame-Schützen landen daher ab und zu auf ihrem Hintern. Aufgrund des Schwierigkeitsgrades wird Yabusame heutzutage nur noch von wenigen Menschen praktiziert.
Aber auch abseits vom Kyudo bin ich während meines Auslandssemesters viel in Japan herumgekommen. Und auch euch möchte ich das Reisen ans Herz legen. Denn ein Semester ist kürzer als man anfangs denkt. Als bekennender Geschichtsnerd habe ich in Japan beispielsweise ganze dreizehn historische Burgen der Sengoku-Periode besucht - davon vier in unter einer Woche. Und obwohl ich von Sendai im Norden bis nach Okinawa im Süden nun wirklich einiges vom Land gesehen habe, war mir das noch nicht annähernd genug. Wenn ich nur an all die regionalen Soba-Variationen denke, die mir bisher entgangen sind, will ich sofort wieder nach Japan zurück.
Wenn ich nicht gerade außerhalb von Tokyo unterwegs war, bereitete ich mich während des Winters im Dojo auf die im Frühjahr anstehende Prüfung zum ersten Dan vor. Diese wollte ich unbedingt in Japan ablegen, denn durch das Bestehen konnte ich mir mehrere zeitraubende Zwischenprüfungen in Deutschland sparen. Für die sogenannte Shinsa ist eine ganz bestimmte Prüfungsform vonnöten, während der man einen vorgegebenen Bewegungsablauf wiedergeben und zwei Pfeile auf das Ziel abschießen muss. Im Idealfall sieht das Ganze dann bei allen Prüflingen einheitlich und dadurch besonders ästhetisch aus.
Meine Dan-Prüfung
An einem Samstag im Februar ist es dann so weit. Früh am Morgen mache ich mich auf dem Weg zum Dojo am Meiji-Schrein. Dort werden die Dan-Prüfungen für den Bezirk Tokyo abgenommen. Ein paar Tage vorher hat es in der Hauptstadt geschneit, der Rasen im Schießbereich ist noch weiß. Im Dojo drängen sich die Prüflinge um die spärlich verteilten Gasöfen, um ihre steifen Hände aufzuwärmen. Nervös wird noch einmal die Bogensehne kontrolliert und ein letzter Schuss auf das Strohziel im Übungsraum abgegeben.
Nach zwei Stunden des Wartens ist so weit. Ich bin an der Reihe. Wie ich es gelernt habe, betrete ich die Schießhalle mit einer tiefen Verbeugung und gehe mit schlurfenden Schritten zu meiner Position. Am vordersten Ziel angekommen knie ich ab und vergewissere mich, dass mein Team in Position ist. Dann erneut leicht in Richtung Ziel verbeugen, aufstehen, drei Schritte vortreten und wieder abknien. Als erster Schütze hebe ich den Bogen, nocke einen Pfeil ein und richte mich auf.
Doch die Kälte hat mir offenbar nicht gut getan, der Abschuss gelingt nicht optimal. Ich verfehle das Ziel mit beiden Pfeilen knapp um wenige Zentimeter.
Ärgerlich, aber nebensächlich. Ich muss dieses Ergebnis hinnehmen. Jetzt Emotionen zu zeigen, würde die Form brechen und ist daher nicht erwünscht. Auch für Blickrichtung und Gesichtsausdruck gibt es beim Kyudo Regeln. Ausdruckslos senke ich also den Bogen und marschiere mit einer Verbeugung aus dem Dojo.
Sorgen um mein Abschneiden machte ich mir damals natürlich trotzdem. Erstmal war allerdings Wochenende – auf die Ergebnisse musste ich warten. Mit zwei Freunden, die mir bei der Prüfung zugesehen hatten, ging ich anschließend in Shinjuku in einem meiner Lieblingsrestaurants Ramen essen und ins Game-Center um mich abzulenken.
Erlöst wurde ich erst zwei Tage später: Per LINE informierte mich ein Vereinskollege, dass die Prüfungsergebnisse da seien. Nervös klickte ich auf den Link – und erschrak zunächst, als ich meinen Namen nicht auf der Liste sah. Als ich allerdings weiter nach unten scrollte, entdeckte ich schließlich die erlösenden Schriftzeichen: 「豊島、ブックス イエスコ、初段」- Toshima, Buchs Jesko, Shodan.
Zum Ende meines Auslandssemesters war ich nun also Dan-Träger geworden und konnte damit auch andere Dojos besuchen. So bekam ich unter anderem Gelegenheit, das Weitschießen auf 60 Meter auszuprobieren und gemeinsam mit meinen Vereinskollegen noch einmal die Trainingshalle des Meiji-Schreins zu besuchen. Dieses Mal ohne den Prüfungsdruck. Wenig überraschend war ich nun auch in der Lage, die Ziele zu treffen. Bis heute ist dieses Dojo das schönste, in dem ich je schießen durfte. Die Lage inmitten des idyllischen Parks rund um den wichtigen Shinto-Schrein verleiht dem Ort eine beinahe spirituelle Atmosphäre.
Insgesamt habe ich während meines Auslandssemesters gelernt, nicht aufzugeben. Denn obwohl ich in Japan zunächst Startschwierigkeiten hatte, konnte ich diese mit einer guten Portion Beharrlichkeit schlussendlich doch überwinden. Wenn es mit dem einen Sportverein vielleicht nicht klappt, dann mit einem anderen. Im Grunde genommen sind die Menschen in Japan nämlich ziemlich hilfsbereit und zugewandt – nur eben manchmal in ihren eigenen gesellschaftlichen Regeln verhaftet.
Meinen Vereinskollegen, Lehrern und Freunden bin ich für die gemeinsame Zeit sehr dankbar.
Ihnen ist es zu verdanken, dass ich meine Fertigkeit im Bogenschießen verbessern und die Dan-Prüfung bestehen konnte. Ohne ihren Rat, ihre Unterstützung und Korrekturen hätte ich dieses Ziel nie erreichen können. Und auch mein Auslandssemester an der Waseda Universität wurde durch die Zeit im Kyudo-Verein von Toshima eine deutlich schönere. Getreu dem japanischen Credo sage ich daher: Ich werde auch in Zukunft mein Bestes geben, um ihre Erwartungen nicht zu enttäuschen!
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