Mein Auslandsjahr an der Kobe University
Vorteile - Gründe - Motivation
von Eva-Marie Hein
Von “Dann hat man ja 8 Semester.” und “Das ist doch am anderen Ende der Welt!” über “Sowas kann man auch machen?” bis hin zu “Ohne mein Auslandsjahr wäre ich nicht, wer ich heute bin.” - Die Perspektiven und Meinungen zu Auslandsstudien scheinen so mannigfaltig wie verschieden. Doch wenn ich an Kobe denke, meine 15 Quadratmeter
Wohnung mit Blick über die Osaka Bay, meine Gastmutter Emi, mal mehr mal weniger produktive Überstunden in der Economics Fakultät oder Ölmalerei im Hyogo Prefectural
Museum of Art, fühle ich, wie mir warm um mein Herz wird und genau aus diesem Grund verfasse ich diese Zeilen. Schon als ich meine ersten Seminare in Deutschland besuchte und den Einführungsvorlesungen lauschte, war der Beginn meines Studiums für mich gleichbedeutend mit der Möglichkeit, im Ausland zu leben. Ohne nun den
wohlbekannten Pfad eines weit ausgeholten und ausgeschmückten Erfahrungsberichtes meiner Zeit an der Faculty of Global Human Sciences der Kobe University von 2022 bis 2023 zu gehen, den sie als mit für mich prägenden und schillernden Erinnerungen gespickte Zeit redlich verdient, will ich pragmatischer bleiben. Vielleicht sogar ökonomischer. Betrachtet man Tendenzen zum Auseinanderklaffen existenter und tatsächlich wahrgenommener Angebote der zahlreichen International Offices, werden die Konturen einer Abnahme deutlich, einer von pandemiebedingten Grenzschließungen ausgelösten Furcht vor Auslandsstudien und einer Angst davor, dass die eigene Bildung von Stipendien ausschließt. Prominent ist auch die fälschliche Reduktion eines jeden Auslandssemesters als eine Hürde oder gar unerklärte Lücke im Lebenslauf. “Dann dauert der Bachelor ja 8 Semester.” Ein Klassiker. Doch weiter fernab der Realität könnte es nicht sein. Immer wieder hallen im Gespräch mit Kommilitonen und Kommilitoninnen, die aus allen Winkeln dieser Welt kommend mit mir in Kobe oder Trier gelernt haben, solche Sätze wieder. Obgleich der Einzigartigkeit einer jeden Studienerfahrung scheint es also überlappende Empfindungen oder gar Unsicherheiten zu geben, weshalb ich mich an jenen direkt aus dem Leben gegriffenen Worten entlanghangeln will.
"Wenn, dann integriert."
Bereits bei Absolvieren des Grundstudiums schwingt es schon mit, jenes Gefühl, dass vor allem Bachelor- und Masterprogramme kompetitiven Charakters unterschwellig
wie ein Sprintrennen sind. Es kann nicht schnell genug gehen und bei jeder Unterbrechung und jedem Abweichen von Regelstudienplan- und Zeit spürt man ein scheinbar unsichtbares Auge, das einen stets beurteilt und bestraft, sollte man von der magischen 6 oder magischen 4 abweichen. Aus den Wirtschaftswissenschaften kommend ging es mir nicht anders. Aufgrund der Covid19-Pandemie fiel meine Bewerbungsphase für einen Platz in Kobe in den Lockdown, mein Auslandsjahr dabei wie auf einem Drahtseil zwischen Canceln und Verschieben und vielen tausend weiteren Studierenden erging es ebenso. Um es genau auszudrücken, habe ich knapp eineinhalb Jahre und eine Absage lang warten müssen, bis das Abflugdatum tatsächlich Realität werden konnte. Alles zog sich und selbst kurz vor meinem Flug zum Kansai International Airport bangte ich darum, in irgendeiner Weise den Anschluss zu verlieren und gleichzeitig einen meiner größten Träume gehen zu lassen. Natürlich ist es begründet, dass einem zunächst unwohl wird, wenn die aus den ersten Veranstaltungen bekannten Gesichter nach dem vierten Semester weitermachen, während man in Übersee ist, und kommt man zurück, haben viele ihre Studien schon beendet. Genauso bedeutet ein Auslandsjahr, dass man sich mit einer Beurlaubung auseinandersetzen muss und mit zumeist acht Studien- und sechs Fachsemestern abschließt. „Da könnte ich doch schon arbeiten“, meinte dazu einer meiner Kommilitonen. Doch verankert das alles die Bezeichnung von Auslandsstudien als Zeitverschwendung? Kurz gesagt: Nein.
"Sie waren ja in..."
Und wenn man wirklich an der zusätzlichen Studienzeit festhalten möchte, ist es vermutlich die wohl prestigeträchtigste außercurriculare Beschäftigung, die man seiner Vita hinzufügen kann. Und das lesen neben kulturellen Institutionen auch die berühmten Big 4 oder Big Tech, also die einflussreichsten Firmen in Unternehmensberatung und der IT-Branche, gerne. Doch wenn das alles nicht ausreicht, was macht ihn dann aus, den anscheinend so ersehnenswerten Gegenpol, der so viele Studierende
davon überzeugt, ein Auslandsstudium sei weiterhin ungreifbar? Was ist das Muster, das es einzuhalten gilt? Ein makelloses Curriculum muss es folglich sein, welches einen
in die Anzugschuhe passend zum maßgeschneiderten Jacket und in einem Wimpernschlag an die Stufen der Big-4 setzt. Nach dem Abitur an eine Target-Universität, Spezialisierung streng wie beim Thunfisch-Verkauf auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokyo nach Renommée der Professur selektiert, mit dem Bachelorzeugnis in der Hand an die Tür der London School of Economics klopfen, denn nur so kennt man die Formel, die sie öffnet. Doch wie man auch rüttelt und zerrt, bleibt sie fest geschlossen, obwohl all die Online-Foren, die man - mich selbst inbegriffen - so emsig durchstöbert hatte, doch etwas Anderes versprechen? Ein kurzweiliger Blick auf die rigiden Bewerbungsverfahren genügt jedoch schon. Auslandserfahrung ist nicht nur gefragt, sie ist oftmals Voraussetzung. Als essentieller Bestandteil der Punkte, die man im 'Application procedure ' abermals sammeln muss, um im Vorhinein festgelegte Schnittwerte zu überbieten, ist sie darüber hinaus sogar ein entscheidendes Zünglein
an der Waage, dessen Gewicht die Klinke der institutionellen Türen herabsenkt.
Vielmehr ist auch ein Alleinstellungsmerkmal, auf welches bis heute “Oha-Sie-Waren-Ja-Ins” folgen und gerne mit bunten Erzählungen aus der Studienzeit
des Interviewers entgegnet wird. Anders ausgedrückt: Geht der Wert gegen 0, verliert man. Mein jetziges Masterprogramm, welches neben Auslandsstudium sogar zwei oder
mehr Fremdsprachen auf Niveau B1 und höher voraussetzt, mit eingeschlossen. Doch würde man das Hauptaugenmerk einer Erläuterung zu Auslandsstudien lediglich darauf
legen, wie man es im Anschluss daran in der Vita am lukrativsten verkauft, so verfehlte man einen Großteil ihrer Existenz als für viele ' Die beste Zeit ihres Lebens '. So plakativ wie diese Betitelung auch sein mag, sprechen fast alle Studierenden, die ich im Laufe meines Masters und meiner Zeit in Kobe kennenlernen durfte, von einem figurativen und real spürbaren Davor und Danach.
"Und was bringt einem das?"
Worin liegen sie denn dann, der Mehrwert und die Vorteile, die sich aus einem Auslandsaufenthalt ableiten lassen – oder eher – an welchen man teilhaben darf? Die Idee hier ist simpel: Es ist eine gewaltige Chance und das ist in keiner Weise eine Hyperbel. Doch die Verantwortung für jene Chance gestaltet sich bei jedem Individuum neu. Just aus dem Repertoire meiner eigenen Erlebnisse oder aber dem meiner KommilitonInnen in Kobe gefischt, sind es die traditionellen Sprachfähigkeiten, an denen man feilt und sie poliert, bis auf dem Zertifikat ein „fließend“ glänzt. Es ist ein unfassbares Maß an Unabhängigkeit und Selbstorganisation, mit dem man selbst in den ersten Wochen seiner Reise beinahe Berge versetzen muss. Manche stellen sich den Lücken ihrer bisherigen Studien, trauen sich in interdisziplinäre Gewässer und nehmen den ein oder anderen transkulturellen Austausch mit. Wenn man einmal in den Genuss kommt, an Kursen ganz unterschiedlicher Fakultäten und internationaler Dozierender teilzunehmen, kommt man dabei sogar gerne in Versuchung, noch einige mehr zu besuchen, als man eventuell eigentlich müsste. Wieder andere nutzen jede freie Woche und die vorlesungsfreie Zeit für Praktika. Wir alle kennen sicherlich das Dilemma, dass sich ein sechsmonatiges Traineeship nicht unbedingt mit den Statistiks I&II, Sprachdidaktiks, mehrsemestrigen Pflichtprojekten oder aber Wirtschaftsgeographien A&B dieser Studienwelt vereinbaren lassen. Da wäre es doch gelacht, wenn man legitim ein gesamtes Jahr der Möglichkeiten hätte, in denen man jene Lücken anvisieren kann, füllen kann und vielleicht sogar darauf seine Bachelorarbeit aufbaut, aber solch ein Wunschkonzert ist ja lediglich ein Ergebnis reiner Fiktion. Aber Moment einmal, ist es das wirklich?
"Sowas kann man auch machen?"
Da Praktika in Japan zumeist weit kürzer bemessen sind, lassen sich sogar gleich mehrere wahrnehmen und da man oftmals in Metropolen studiert, in denen es Unmengen an Konzernen gibt, kann man aus einem ganzen Potpourri an Richtungen wählen. Ebenso vielseitig sind vermutlich die anderen International Students, deren Bildungssysteme einem beizeiten ulkig vorkommen, einen beizeiten beeindrucken und, wer weiß, vielleicht ja sogar von sich überzeugen. Im Gespräch ertappt man sich daher
nicht selten dabei, an die Worte „Ach warte, sowas kann man auch machen?“ zu denken. Mich eingeschlossen. In Kobe habe ich beispielsweise angefangen, in einer
Musikakademie Klavierstunden zu nehmen, von einer renommierten Künstlerin Techniken der Ölmalerei erlernt und wurde von Nintendo selbst angerufen, da man mich in ihre Employment-Kartei aufgenommen hatte und gerne einen Scan meiner kleinen – zu der Zeit noch grünen – TUNIKA wollte. Blicken wir zurück auf streng vermarktbare oder ökonomisch formulierte Fähigkeiten, reden wir von Entscheidungsfindung, Zeitmanagement und Führungsqualitäten in allen Formen und Ausprägungen. Das erstreckt sich manchmal sogar so weit, dass so manch einer oder eine nach ihrem Abschluss gleich vor Ort bleibt. In der Kansai-Region gibt es zumindest jetzt zwei kleine Unternehmen und eine vielbesuchte Bar mehr und hier referiere ich lediglich auf meine 2022-23-Kohorte. Man ist in vielerlei Hinsicht mit allen Wassern gewaschen, hat seine eigenen Fähigkeiten in internationalem Umfeld erprobt, das ein oder andere Projekt übernommen und sollte man stolpern, stärken einem die Ansprechpartner der International Offices, der Stipendienwerke oder der Studiensekretariate vor Ort und in der Heimat den Rücken.
"Aktiver als jemals zuvor"
Jeder Tag im Austausch gibt einem eine merkwürdige Art „Atempause“ und wenngleich ich sie als solche bezeichne, meine ich damit eine Zeit, in der viele aktiver sind als jemals zuvor. Man fühlt sich oftmals sogar schlecht, wenn man eine Woche lang nicht erkundet, nicht studiert und sich selbst nicht die nächste Herausforderung vor die
Nase stellt. Die Möglichkeiten sind also so unterschiedlich wie Auslandsstudierende selbst und obwohl die eigene Revue merkbar von jenem berühmten Was-Man-Selbst-Daraus-Macht abhängen mag, so durchläuft jeder sowohl Metamorphose als auch Weiterentwicklung. Niemand bleibt von einem Auslandsstudium unberührt - ob nun als Atempause, Startphase oder Enddestination. Man wird inspiriert, bewegt, verrückt, überwältigt, aufgeweckt und vielfach durchgerüttelt. Am Ende des Tages bedeutet ein Auslandssemester oder Auslandsjahr also, sich finanziellen, bürokratischen und nicht selten auch ganz persönlichen oder gar zunächst kaum greifbaren Hürden zu stellen, doch manifestiert es sich im Leben von beinahe 100 Prozent der Studierenden - mal so ganz als Ökonomin ausgedrückt - als eigener komparativer Erfahrungsvorteil, als kaum quantifizierbarer Zugewinn an Wert in den eigenen oder auch einstellenden Augen, als Richtungsweiser für zukünftige Investitionen, als Türöffner in die relevantesten Institutionen und global agierenden Unternehmen dieses Erdballs und letztlich als eine beinahe beispiellose Gelegenheit, in der man die eigene Gleichung neu berechnen kann. Betrachtete man in meinem Falle somit alle weiteren Variablen ceteris paribus, würde ich meine Abenteuer in Kobe um keine Summe in der Welt eintauschen. Damit erscheint das Kapitel der "Zeit- und Geldverschwendung" im Roman der Auslandsstudien als reine Fiktion und verdient seinen Rahmen aus Anführungszeichen.
"In 24 Monaten drei Leben führen"
Zu guter Letzt finden auch 12 Monate ihr Ende und das auch, wenn es einem eingangs wie eine schier endlose Zeitspanne erschien. Man steigt in einen Flieger und ist vom
einen auf den anderen Tag zurück am Fuße seiner Reise. Immer wieder begegnet man dabei den Worten “Und wie war’s?”, wenngleich sich deren Beantwortung schwieriger
gestaltet, als man anfangs vielleicht gedacht hatte. Wie umschreibt man 365 Tage, in denen man ein anderer Mensch geworden ist, obwohl man in Schuhe der gleichen
Größe wie zuvor schlüpft. Wie knüpft man an Teil Drei einer Trilogie an, wenn Teil Zwei in einem anderen Universum gespielt hat und was möchte ich Dir, der Person, die
diesen Text gerade überfliegt und vielleicht genau diesen einen kleinen Stupser in Richtung „International“ Tab der Universitätsseite braucht, zu Rate geben?
"Und wie wars?"
Um ehrlich zu sein und das Pferd vielleicht einmal von einer anderen Seite aufzäumen, liest man häufig darüber, dass Auslandssemester einen gewaltigen Fußabdruck im
eigenen Leben haben können. Viel seltener jedoch fällt Licht darauf, wie ein einziger Austausch auch das Leben anderer prägen und Brücken zwischen unseren Welten
schlagen kann. Es gibt Dinge, die nur in Bewegung geraten, weil man genau im richtigen Semester, im richtigen Monat und an diesem einen richtigen Tag den Mut dazu hat, über den eigenen Schatten hinaus zu springen. Bewusst wurde mir das vor allem, als ich die Mail einer Frau, die im Atelier häufig neben mir gezeichnet hatte, in meinem Postfach fand. In aufgeregten Zeilen beschrieb sie mir, wie mein Aufenthalt sie dazu inspirierte, selbst eine Ausbildung zur Japanisch-Lehrkraft zu verfolgen, und das mit über 60 Jahren. Die Musikakademie, an der ich eingeschrieben war, nimmt seit dem vergangenen Jahr regelmäßig internationale Schüler und Schülerinnen auf. Meine
Cousine möchte jetzt selbst an einer Universität in Südkorea studieren und eine japanische Kommilitonin lebt seit ihrem Abschluss mittlerweile in Dubai und sendet mir
manchmal Bilder mit der Unterschrift “Wir erkunden zusammen die Welt!” Selbst wenn du nur ein kleiner Punkt unter 8.2 Milliarden bist, wirst also nicht nur du
inspiriert, aufgeweckt und vielfach durchgerüttelt, sondern man selbst motiviert, bewegt und verändert indes noch Vieles mehr. Der Gedanke daran, dass ich selbst unbewusst einen kleinen Funken zu all diesen Entwicklungen beigetragen habe, ist wohl so rührend wie unbeschreiblich und gleichsam um einiges stärker als jede der Unsicherheiten und jeder Wettbewerb, der einem eingangs vielleicht den Weg versperren möge. Wenn man mir erlaubt, ein letztes Mal zum ökonomischen Vokabular zurückzukehren, liegen wir womöglich irgendwo zwischen Wertschöpfungsketten, Dividenden und Gewinnen weit über Faktorpreisen. An den meisten Universitäten gibt es dutzende Stipendien, hunderte Partnerinstitutionen und wohl tausende Auslandsabenteuer, die nur darauf warten, begonnen zu werden. Wann immer jemand diesen ersten Schritt macht, gerät etwas ins Rollen und dieser erste Schritt wird andere berühren, das Gleiche zu tun. Man schlägt Wellen und bringt sein Umfeld in Bewegung wie ein Kieselstein, den man ins Wasser wirft. Ich kann es kaum erwarten, in ein paar Jahren von Deinen Erfahrungen zu lesen.
Zumindest würde ich es mir von Herzen wünschen. Los geht's!
|











