Regionale Differenzen der japanischen Kultur und Sprache

Konpeitō - Japanischer Konfekt aus Zuckersirup

Torii im verschneiten Shirakawago

Die große Buddha-Statue (大仏) im Kotoku-in-Tempel

Buddhistische Jizō-Statuen im Hasedera-Tempel, die u.a. im Rahmen eines Rituals von Eltern mit verstorbenen Kindern aufgestellt werden

"Atombombendom“ nahe des Hiroshima Friedensparks

Ein von Kindern einer Kindertagesstätte gebasteltes Plakat im Friedenspark, welches sich aus Origami-Kranichen, einem Symbol für Glück und Frieden, zusammensetzt. „Ich möchte keinen Krieg/Ich mag keinen Krieg“.

Aufnahme vom Strand Miyajimas

Tokyo Tower in Minato-Ku

Waseda-Universität in Shinjuku-Ku

Fußgängerübergang im Kasumigaseki-Bezirk in Chiyoda-Ku

Blick auf den verschneiten Gipfel des Fuji

Von Tokio nach Hiroshima

Regionale Besonderheiten - Kultur - Sprache

von Julia Kubon

Der Blick nach Japan aus Deutschland ist auch heute noch sehr historisch eingefärbt, was in Teilen auf die jüngere Kriegsgeschichte zurückzuführen ist. Zugleich führt die japanische Popkultur in den letzten Dekaden zu einem Umschwung, der vor allem unter den jüngeren Generationen für eine größere Popularität Japans sorgt. Nach wie vor ist der Blick in ein solch doch sehr weit entferntes Land mancherorts stark durch Vorurteile und Fehlvorstellungen gezeichnet.

Jene Fehlvorstellungen zu beseitigen und die Vielfalt Japans näher zu skizzieren ist das Anliegen dieses Beitrages. Dabei gliedert sich mein Beitrag nicht nach dem chronologischen Ablauf meiner Reise, welche ihren Schwerpunkt zuvorderst in der Kantō-Region hatte, sondern nach der Chronologie der historischen Bedeutsamkeit einiger Orte, welche ich während meines Aufenthalts besuchte.

Shirakawagō – ein Sinnbild der japanischen Vergangenheit

Der erste Halt unserer Reise liegt in Shirakawagō in der Gifu-Präfektur, welche sich auf Honshū, also der Hauptinsel Japans, befindet. Übersetzt heißt Shirakawagō in etwa „Dorf des weißen Flusses“ und zählt zu den Stätten unseres Weltkulturerbes. Ein Foto meines Besuchs Shirakawagōs Anfang Februar 2023 verbildlicht seine Namensherkunft. Während das Dorf von Frühling bis Herbst eine pittoreske, traditionell japanische Dorflandschaft darstellt, welche von dichten Wäldern umschlossen ist, ähnelt sie im Schneemantel des Winters vielmehr Teilen Hokkaidōs, der nördlichsten Insel Japans. Einen homogenen Zusammenhang bilden kleine Holzhütten, welche die engen Straßen säumen und letztlich zu einem einfachen Schintō-Schrein am Wald führen. Auch in den „hintersten“ Örtlichkeiten Japans ist der Schintoismus als genuine Religion Japans von großer Bedeutung.

Geprägt ist die kleine Örtlichkeit trotz ihrer Abgelegenheit und der Ferne größerer Städte heutzutage stark vom Tourismus, welcher jedoch die dem Ort und ihrer Bevölkerung inhärente Gelassenheit und Gastfreundlichkeit nicht zu verändern vermag. So boten mir die Anwohner während meines kurzen Aufenthalts von sich aus Hilfe an, als ich in dem mit Schnee überzogenen Ort wanderte.

Kyōto

Bekannter als z.B. Shirakawagō ist Kyōto, welche sich in der Kansai-Region befindet und wortwörtlich „Hauptstadt-Metropole“ heißt, da es bis zur Zeit der Meiji-Restauration 1868 die Hauptstadt Japans darstellte. Kyōto erstreckt sich zwar ebenfalls über eine erhebliche Landfläche, unterscheidet sich in seinem Charakter jedoch stark von Tokio. Während Tokio zumindest in seinem Zentrum hauptsächlich von Wolkenkratzern durchzogen ist, umarmt die Architektur Kyōto vielmehr ihre Natur. Auch die Paläste vergangener Zeiten sind von einem großen Hofplatz umgeben, für dessen Überquerung man hinreichend Zeit einplanen sollte. Obwohl oftmals die Information verbreitet wird, dass sich der Kansai-Dialekt deutlich von dem „Hochjapanischen“ unterscheide und dies auf grammatikalischer Ebene und auch bei der Benutzung von Wörtern oder deren Aussprache der Fall ist, konnte ich für mich keine großen Beeinträchtigungen während meines kurzen Aufenthalts feststellen – allerdings könnte dies mehrere Gründe haben. Zunächst wird Kyōto von vielen Touristen, auch landesinneren aus Tokio, frequentiert. Darüber hinaus zog mein Umgang mit anderen Tokioter Studenten zwangsläufig einen Gebrauch von Tokioter „Slang“ mit sich, welcher einige Wörter aus dem Kansai-Dialekt implementiert hatte. Empfehlenswert ist meines Erachtens jenseits der historischen Denkmale und der Natur die Küche Kyōtos, insbesondere die buddhistische Küche Shōjin Ryōri. Obwohl der japanischen Küche das Konzept von Vegetarismus und Veganismus noch größtenteils unbekannt ist, handelt es sich bei der buddhistischen beispielsweise um eine Küche, die für jedermann geeignet ist.

Kamakura

Etwa anderthalb Stunden von Tokio entfernt befindet sich eine kleine Stadt, die sich nicht stärker von der Metropole unterscheiden könnte. Kamakura ist ein historisch bedeutsamer Ort, welcher daher auch nicht überraschenderweise mit einer Vielzahl an Schinto-Schreinen und buddhistischen Tempeln geschmückt ist. Allerdings ist auch der Tourismus in jener Stadt auf den ersten Blick erkennbar – so ist die zu mehreren Schreinen führende Hauptstraße von einigen Läden und Restaurants gerahmt. Obwohl die ursprünglichere Religion Japans der Schintoismus ist, ist auch der Buddhismus an jenem Ort stark vertreten. Menschen aus ganz Japan reisen nach Kamakura, um die Schreine und Tempel zu besuchen, deren Architektur und Hintergrund bemerkenswert ist. So glaubten etwa die Buddhisten, dass die bösen Geister und Dämonen von dem Himmel herabregneten – aus diesem Grund sind die Dächer der oft mehrstöckigen Gebäuden an den Enden angewinkelt, um die unerwünschten Gäste wieder nach oben zu befördern. Nennenswert ist ebenfalls die große Daibutsu, eine Buddha-Statue Kamakuras, deren ursprüngliche Kupferoberfläche nach ihrem jahrhundertelangen Bestand oxidiert ist.

Eben aufgrund des Umstands, dass Kamakura heutzutage ein rituelles Refugium ist, ist die Atmosphäre dort ungeachtet des Tourismus ruhig und gelassen, was in diametralem Gegensatz zur Tokioter Hektik steht. Umso interessanter ist dies, da Kamakura um ein Vielfaches älter ist als Tokio und bereits beginnend im 12. Jahrhundert den Sitz der ersten Militärregierung Japans (Shogunat) beherbergte. Kamakura stellte auch für mich einen Rückzugsort dar, welchen ich während meines Aufenthalts einige Male aufsuchte, um meine Kräfte wieder zu regenerieren.

Hiroshima – Krieg und Frieden

Als nächsten Schritt unserer Reise möchte ich Hiroshima beleuchten. Hiroshima hat – historisch betrachtet nicht unbegründet – aus westlicher Sicht eine überwiegend düstere jüngere Vergangenheit. Während meiner Reise dorthin habe ich jedoch eine ganz andere Facette kennengelernt, welche ich ungern außen vor lassen würde.

Hiroshima wird aus westlichem Weltbild stets mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Während Deutschland angesichts der Kriegsgeschichte mit seiner Erinnerungskultur das Anliegen hat, das Geschehene in der gegenwärtigen Erinnerung aufrechtzuerhalten und eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden, ist Japan etwas zurückhaltender. Sehr vorstehend ist das Thema des Kriegs jedoch nach wie vor im Zentrum Hiroshimas, insbesondere dem Friedenspark sowie den dazu gehörigen Museen und dem „Atombombendom“, der ehemaligen Industrie- und Handelskammer, welcher sich nahe am Explosionszentrum der am 06. August 1945 abgeworfenen Atombombe befand.

Als Kontrast zum Zentrum Hiroshimas als Mahnmal des Krieges befindet sich jenseits der Stadt eine Insel, welche den Namen Miyajima trägt. Als friedliche Idylle zieht jener Ort sowohl japanische als auch ausländische Touristen an. Sinnbild der ruhigen Insel ist das rote Tor des Itsukushima-Schreins, welches im Meeresboden vor der Insel verankert ist und bei Flut aus dem Meer hervorragt. Durchzogen ist der hintere Bezirk Miyajimas von einem langen Pfad, der durch steile Wälder hinauf zu einem Berg führt. Darüber hinaus sind auf jener Insel einige Rehe heimisch. Anders als die Schattenseite Hiroshimas stellt jener paradiesische Ort ein Symbol für die vielfältige und ruhige Natur Japans dar, welcher auch in Tokio zumindest in Sachen Sauberkeit von Bewohnern gewahrt wird. Aus meiner Sicht empfehlenswert ist ein Aufstieg zur Bergspitze der Insel, die eine unbezahlbare Aussicht bietet und in unter einer Stunde auch von Anfängern leicht zu erreichen ist.

Tokio

In Tokio treffen letztlich alle Facetten Japans aufeinander, welche sich nur vereinzelt in den Medien – und dies leider sehr stereotypisch – widerspiegeln. Kennzeichnend für die japanische Gesellschaft ist in der japanischen Landeskunde das Prinzip des „honne to tatemae“, welches man als „Die Maske und das wahre Gesicht“ übersetzen könnte. Jenes Prinzip ist jedoch viel zu pauschalisierend, als dass es eine solch komplexe Gesellschaft zutreffend darstellen könnte.

Auch Tokio, die Hauptstadt und das Herz Japans, lässt sich in viele verschiedene gesellschaftliche Subtypen untergliedern, welche wiederum ihrerseits mit eigenen Sprachtypen und Dialekten verbunden sind.

Als größte Metropole der Welt beherbergt Tokio mit seiner äußerst hohen Bevölkerungsdichte etwa 37 Millionen Menschen, was die große Vielfalt sowohl an Lebensweisen als auch Werten und Sprachtypen ermöglicht.

Shinjuku – das Herz Tokios

Neben dem für seine Straßenübergänge bekannten Shibuya wohl am bekanntesten ist Tokios Stadtteil Shinjuku, welcher zugleich das Herz der Stadt bildet. So verbindet das Bahnhofsystem Shinjukus zahlreiche zentrale Zuglinien miteinander, welche über mehrere unterirdische sowie überirdische Etagen angelegt sind.

Zwei Stationen jenseits des Hauptbahnhofs Shinjukus befindet sich das Takadanobaba-Viertel, welches das Studentenviertel Tokios verkörpert. Bis zu den namhaften Universitäten ist von dem Zugbahnhof zwar ein kleiner Laufweg erforderlich – was jedoch zur Folge hat, dass die Hauptstraße des Studentenviertels taktisch nicht unklug nur so mit Ramen-, Curry-Restaurants sowie zahlreichen „Konbini“ (Convenience Stores) und Karaoke-Bars gesäumt ist.

Das Viertel ist jedoch nicht nur sehr durch die japanische Popkultur geprägt. Die Universitäten symbolisieren den hohen Anspruch an Forschung und Wissenschaft, der in Japan herrscht. So schreiben beispielsweise zahlreiche Studenten mehrere Male die universitären Eingangstests, um eine Chance auf ein Studium an ihrer Traumuniversität zu erhalten. Darüber hinaus soll nicht unerwähnt bleiben, dass Demonstrationen selbst auf dem Campus der Universitäten vereinzelt an der Tagesordnung sind, obwohl die Gesellschaft Japans in den westlichen Medien zumeist als zurückhaltend und politisch uninteressiert pauschalisiert wird.

Demonstriert wird insbesondere im Hinblick auf anstehende Wahlen. So wurde vielmals dazu aufgefordert, wählen zu gehen. Ich konnte mich beispielsweise selbst davon überzeugen, dass es einen Demonstranten am Takadanobaba-Bahnhof Ende 2022 erzürnte, dass die Wahlbeteiligung in Tokio zu jenem Zeitpunkt lediglich bei 30 % lag.

Sprachlich trifft in jenem Bezirk eine sehr gehobene, wissenschaftliche Sprache auf den typischen Slang der jüngeren Bevölkerung Tokios, welcher sich ursprünglich der Kansai-Region angehörige Umgangswörter zu Eigen gemacht hat. Ihre Freizeit nutzen die jungen Japaner in jenem Viertel, um Picknicks mit ihren Freunden zu veranstalten, auch ist Karaoke eine populäre Freizeitbeschäftigung. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Jazzcafés und Comedy Clubs, welche ebenso im angrenzenden Stadtteil Shibuya weit verbreitet sind.

Roppongi

Demgegenüber befindet sich einige Kilometer südwestlich von Shinjuku der Ort Roppongi, welcher vor allem als lebhaftes Ausgehviertel bekannt ist. Persönlich habe ich jedoch primär seine andere Facette des „Business“ wahrgenommen, da meine Aufenthalte dort vorwiegend von einem Praktikum an einer Kanzlei geprägt waren. Zentral ist insbesondere der sogenannte Roppongi Mori oder Roppongi-Turm, welcher nicht nur einige Restaurants und Bars, sondern überwiegend Büros von Unternehmen und Kanzleien beheimatet. Aus diesem Grund ist auch die sog. 求職活動, oder Bewerberkultur bzw. Arbeitssuche, in diesem Distrikt sehr vertreten. Nicht verwunderlich ist, dass die in jenem Bereich gesprochene Sprache meist sehr gehoben ist. Sowohl im Büro als auch in der vorangehenden Bewerbungsphase wird sehr viel Wert auf die formal korrekte Arbeitsetiquette und förmliche Sprache gelegt. Die Reichweite jener Arbeitsetiquette reicht über die richtige Reihenfolge des Verbeugens der Anwesenden über die Art des Überreichens der Visitenkarte bis hin zur korrekten Sprache hinaus.

Die japanische förmliche Sprache, Keigō, ist dabei strukturell sehr von westlichen Sprachen zu unterscheiden. So werden nicht etwa Personalpronomen ersetzt, die im Japanischen ohnehin nur selten Verwendung finden – vielmehr werden einige Verben und Nomen durch jene der Höflichkeitsform substituiert, sodass jene Sprachform nahezu als „selbstständiges“ Japanisch gesehen werden könnte und somit wenig verwunderlich ist, dass auch Japaner von Zeit zu Zeit ihre Probleme mit ihrer Anwendung haben.

Eine im Westen als sehr prävalent vernommene Schattenseite der japanischen Businesswelt sind die Vorfälle, welche als Karōshi oder Karōjisatsu bezeichnet werden. Übersetzt werden können sie mit Tod bzw. Suizid infolge Überarbeitung. Die japanische Arbeitskultur ist immer noch von einem erheblichen Ehrgeiz gezeichnet, welcher jedoch zur Folge hat, dass Berufstätige des Öfteren ihre Gesundheit aus den Augen verlieren. So kam es auch während meiner Zeit in Roppongi vor, dass eine ganze Untergrundlinie, die sogenannte Oedo-Line, wegen eines Suizids ausgefallen und infolge dessen der gesamte Feierabendverkehr im Viertel zeitweise lahmgelegt worden war. Diese tragischen Vorfälle müssen natürlich nicht zwangsläufig mit der Arbeitssituation zusammenhängen. Oft sind jedoch Verbindungen zu belastenden Situationen im beruflichen Umfeld der Betroffenen nicht auszuschließen. Jene Erlebnisse stehen ganz im Schatten der sonst im Inneren des Landes als fleißig und erstrebenswert vernommenen Arbeitskultur, auch wenn mir meine japanischen Freunde vereinzelt berichtet haben, dass sie jene Seite Japans insgeheim verteufeln.

Leider ist dieser „Mythos“ somit zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil die Realität.

Chuo/Chiyoda – Das staatliche Kontrollzentrum

Die Stille verdichtet sich, als der Richter und die Schöffen den Gerichtssaal betreten. Gefolgt wird ihr Eintritt mit einer Verbeugung unisono, die sowohl eine Begrüßung als auch gegenseitigen Respekt ausdrücken soll.

Bereits der Beginn einer gerichtlichen Hauptverhandlung in einem strafrechtlichen Verfahren am Distriktgericht Tokio weist bemerkbare Unterschiede zu deutschen Hauptverhandlungen auf. Hereingeführt werden Angeklagte gewöhnlich mit einer Seilfessel, die auf ihrem Rücken befestigt und von zwei Mitgliedern der japanischen Polizei gehalten werden. Anders als in Deutschland sitzt der Angeklagte nicht auf der Anklagebank – er sitzt vor dieser, was einen – in Japan sehr selten vorkommenden – Fluchtversuch verhindern soll.

Verurteilt wurde der Angeklagte in jenem Verfahren neben seinen zwei mitangeklagten Mittätern zu fünf Jahren „Zuchtstrafe“, also zeitiger Freiheitsstrafe. Festgestellt wurde seine Schuld, einen Raub begangen zu haben (§ 236 des japanischen Strafgesetzbuchs). Während bereits das deutsche Strafrecht für einen Raub eine Mindeststrafe von einem Jahr vorsieht, beträgt die japanische gesetzliche Mindeststrafe sogar das Fünffache. Gegenüber stand dem Angeklagten bei der Verkündung des Urteils gleich eine Mehrzahl an Richtern – denn über seine Schuld hatte das Saiban-in-Gericht, d.h. Schöffengericht zu entscheiden. Auch wenn das deutsche Strafprozessrecht am Amtsgericht und Landgericht ebenfalls die Ausgestaltung eines Schöffen- bzw. Schwurgerichts kennt, sind Ausgestaltungen jedoch zentral verschieden. So divergieren insbesondere die Verfahren, in denen Laienrichter eingesetzt werden. Diese sind beim japanischen Saiban-in-Gericht vorwiegend solche über Straftaten einer hohen kriminellen Energie, wie etwa Mordfälle, sonstige Straftaten mit Todesfolge und schwere Gewaltdelikte, sodass das „Saiban-in-System“ durchaus nicht unumstritten ist. Dies gilt insbesondere angesichts der Tatsache, dass Japan in bestimmten Mordfällen noch heute die Todesstrafe anordnen und vollstrecken kann. Die Entscheidung über deren Verhängung ist dabei insbesondere an Motive des Täters geknüpft, sodass vor allem das Beweisverfahren in der öffentlichen Hauptverhandlung über den Tod des Täters entscheidet. Auch enthält der Mordparagraph §199 JStGB keine Nuancierung, da der von diesem vorgesehene Strafrahmen für die vorsätzliche Tötung einer anderen Person ohne tatbestandliche Einschränkungen von einer „Zuchthausstrafe“ von fünf Jahren bis zur Todesstrafe reicht und anders als im deutschen Recht nicht etwa anhand besonderer Mordmerkmale zwischen Mord und Totschlag unterschieden wird. An Bedeutung erlangen solche Motive erst auf der Rechtsfolgenseite (sog. Nagayama-Kriterien). Mangels einer gesetzlichen Determinierung sind jene Kriterien jedoch nicht hinreichend fest und wurden in der Vergangenheit nicht immer einheitlich angewandt. So wurde die Todesstrafe kürzlich auch in Fällen verhängt, in denen von der vorigen, die Anwendung der Todesstrafe einschränkenden Nagayama-Rechtsprechung abgewichen wurde.

Umso gewaltiger ist mithin die (Mit-)Entscheidungsmacht, die japanischen Laienrichtern gerade in Mordfällen zukommt, zudem entfalten jene Urteile eine lange Fernwirkung – denn im Regelfall muss ein zu Tode Verurteilter mehr als ein Jahrzehnt auf seine Hinrichtung warten, auch wenn dies zum Teil durch andauernde Berufungs- oder Revisionsverfahren bedingt ist.

Erwähnenswert ist ferner, dass im japanischen Strafverfahren die Rolle des Beschuldigten eine etwas andere ist. In Theorie gilt auch der dortige Beschuldigte bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig (in dubio pro reo) und ist nicht bloßes Objekt des Strafverfahrens, d.h. er darf grundsätzlich nicht dazu gezwungen werden, sich selbst zu belasten (nemo tenetur se ipsum accusare). Indessen wird bereits in den Vorlesungen der rechtswissenschaftlichen Fakultäten meiner Erfahrung nach deutlich, dass die Staatsanwaltschaft in einigen Fällen mit erheblicherem Druck auf den Beschuldigten einwirkt, als dies etwa in unserem Strafverfahren der Fall ist (und ggf. zulässig wäre), was bereits das hiesige Verbot von Suggestivfragen verdeutlicht. Dies gilt nicht zuletzt aufgrund der erstrebenswerten rechtsstaatlichen Waffengleichheit beider Seiten (sog. fair trial-Prinzip). Dennoch ist bereits die Ausgangssituation in Japan eine andere, denn die Staatsanwaltschaft erhebt seltener Anklage, welche jedoch in nahezu allen Fällen zu einer Verurteilung führt, was in der Gesellschaft den unumstößlichen Eindruck erweckt, als habe der Beschuldigte im Falle einer Anklageerhebung zweifellos die ihm zur Last gelegte Tat begangen. Insofern ist eine gesellschaftliche Vorverurteilung, die aufgrund der gesellschaftlichen Verbundenheit Japans zu einer massiven sozialen Isolation führen kann, oftmals vorprogrammiert.

Abgesehen von gegen das Vermögen gerichteten Gewalttaten sind Verhandlungen vor allem wegen Betrugs und Verstöße gegen das japanische Betäubungsmittelrecht oft am Tokioter Distriktgericht und Obergericht vertreten.

Der Jargon der japanischen Rechtswissenschaft stellt dabei eines der Hochrecke der Sprache dar. Verwendet wird selbstredend nicht nur eine sehr förmliche Sprache, ebenso ist der indirekte und dennoch präzise Ausdruck für die japanische Juristensprache kennzeichnend.

Situiert ist das Tokioter Distrikt-, Obergericht und Oberste Gericht Japans zwischen den Chuo-, Chiyoda- und Minato-Bezirken der Metropole. Unmittelbar auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich das Gebäude der Nationalen Polizeibehörde, zudem grenzen einige Ministerien an das Gerichtsgebäude an. In dem Kasumigaseki-Untergrund, dessen Eingang unmittelbar vor dem dem mehrstöckigen Gerichtsgebäude liegt, ereignete sich vor nahezu drei Jahrzehnten der Sarin-Gas-Anschlag, der zahlreiche Menschen tötete und weitere schwer verletzte. Solche Einzeltaten stehen ganz im Gegensatz zu der Tatsache, dass Japan eine der niedrigsten Kriminalitätsraten weltweit aufweist, wobei dies jedoch nur das Hellfeld erfasst. Aufgrund der unterdurchschnittlich hohen Anzeigebereitschaft verbleibt die Größe des Dunkelfelds Gegenstand der Spekulation.

Weltbekannt ist Japan zudem für seine Problematik der „Chikan“, welche Täter umschreibt, die von Opfern sog. Upskirting Fotos aufnehmen, wodurch Japan bereits einige Maßnahmen wie etwa die Einführung unausstellbarer Kamerageräusche von Smartphones und von Sonderabteilen für Frauen in Zügen ergreifen musste. Jenseits des Rotlichtmilieus Kabukichō in Shinjuku kann jedoch allgemein gesagt werden, dass die im Westen häufigeren „Catcalling“-Taten, welche auch hierzulande bislang nur dem Tatbestand der Beleidigung (§185 StGB) unterfallen können, nur selten begangen werden. Die in Japan begangenen Straftaten geschehen mithin aus meiner Sicht in der Regel heimlicher und passiver, obwohl dies natürlich nicht für alle Tatbestände gilt. So sind insbesondere solche Taten – die bedauerlicherweise aufgrund des strengen Hierarchie-Denkens Japans nur selten zur Anzeige gebracht werden – auch zuhauf vorzufinden, bei denen Vorgesetzte ihre Angestellten am Arbeitsplatz oder bei betrieblichen Trinkgelagen sexuell belästigen (sog. セクハラ, d.h. sexual harrassment).

Der Chuo- und Chiyoda-Bezirk bleibt ein politisch sehr wichtiger Kontrollpunkt Japans, welcher die Seriosität und Gnadenlosigkeit, mit der Japan zum Vorschein tretenden Straftaten gegenübertritt, gut verdeutlicht.

Schlussworte

Die im Westen vorherrschende Sichtweise, die Japan schlicht als „homogene Gesellschaft“ betrachtet, wird der Komplexität jener Gesellschaft nicht gerecht. Zwar existieren fundamentale Werte, die in der japanischen Gesellschaft nahezu lückenlos vertreten sind, wie der Drang nach Harmonie, die Liebe zur Natur und zur Sauberkeit, welche in einem nach außen hin freundlichen und friedsamen Verhalten kulminieren. Gleichzeitig weist auch die japanische Gesellschaft weitaus mehr Facetten auf, welche ich jenem Beitrag nur schlaglichtartig hervorheben konnte. Von großer Bedeutung bleibt, sich im Kontakt mit Japan die unterliegenden sprachlichen und kulturellen Hintergründe zu vergegenwärtigen, um trotz gelegentlicher kultureller Verschiedenheiten eine harmonische Zusammenarbeit ermöglichen zu können.

Steckbrief Julia Kubon

Wer bin ich?

Mein Name ist Julia Kubon, ich bin Examenskandidatin in den Rechtswissenschaften an der Uni Trier mit Schwerpunkt Internationales- und Wirtschafts-Strafrecht und habe nach meinem Studium des japanischen Rechts ein Jahr in Tokio studiert.

Aus welchem Grund interessiere ich mich für Japan bzw. was hat mich dazu bewogen Japanologie zu studieren?

Mein erster “Kontakt” mit Japan fand schlicht in meiner Kindheit statt, als ich mit meinem Bruder oft Serien und Filme aus Japan sah. Genuines Interesse an Japan entwickelte ich jedoch erst später, als ich begann, mich nicht nur für japanische Kunst wie Ukiyo-e und Geschichte, sondern auch für die gesellschaftlichen Probleme und Besonderheiten Japans zu interessieren. Aus diesem Grund entschied ich mich, neben meinem Hauptstudium ebenfalls japanisches Recht zu studieren, um meine Kenntnisse zu erweitern.

Lieblings-Onigiri?

Ein in Sojasoße gebratener, ungefüllter Meersalz-Onigiri

Was wirst du an Japan am meisten vermissen?

An Japan am meisten vermissen werde ich nicht nur simple Dinge wie das gute japanische Curry, sondern vor allem die Sauberkeit, leichte Mobilität und Höflichkeit der (meisten) Menschen sowie die Herausforderung und Freude, meine Sprachfähigkeiten und Kulturkenntnisse jeden Tag vor Ort weiterentwickeln zu können.

Was würdest du Studierenden, die sich mit einem möglichen Japanaufenthalt beschäftigen, mit auf den Weg geben?

Mit auf den Weg geben würde ich ihnen, den Schritt zu einem Auslandsjahr zu wagen, da man in jenem Jahr nicht nur sehr viel über Japan und seine Gesellschaft dazulernt, sondern sich selbst sehr als Person weiterentwickelt und eine wertvolle Lebenserfahrung dazu gewinnt. Insbesondere wertvoll ist eine solche Erfahrung für Studierende, die auch später international arbeiten möchten, da man infolge des interkulturellen Austauschs sowohl inner- als auch außeruniversitär generell einen besseren Überblick über die Rolle und Politik unterschiedlichster Länder in der Welt erhält. Letztlich sollte man trotz gebotener Vorsicht, nicht nur Japans “gute Seite” zu erwarten, optimistisch sein und sich nicht allzu sehr von (in einem solchen fernen Land gelegentlich auftretenden) negativen Erfahrungen entmutigen lassen.