Die Entwicklung der Entwicklung: Kann es eine allgemeine Erklärung für menschliche Entwicklung geben?
Auf den ersten Blick beschäftigt sich die Entwicklungspsychologie mit dem Verlauf menschlicher Entwicklung (z.B. wer kann wann was?). Schon auf den zweiten Blick aber geht es nicht nur darum, Sequenzen zu identifizieren und zu ordnen (z.B. in Entwicklungsstufen), sondern auch darum, die hier wirksamen Prozesse zu untersuchen (z.B. das „innere Arbeitsmodell“ für die Regulation enger sozialer Bindungen). Auf den dritten Blick führt das zu der Aufgabe, die Entwicklung der jeweils erforderlichen („basalen“, z.B. kognitiven) Prozesse zu untersuchen (z.B. zentrale Exekutive). Diese Perspektivenwechsel haben vielleicht dazu beigetragen, dass die aktuelle Entwicklungspsychologie „kleinteiliger“ argumentiert als in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: „große Theorien“ werden kaum mehr diskutiert (vielleicht abgesehen von dem Versuch, evolutionäre Ansätze auch für die Entwicklungspsychologie nutzbar zu machen). Zugleich sind die „klassischen“ „großen“ Theorien (Freud, Piaget, Erikson, Havighurst, etc.) in vielen Punkten fraglich und kaum tragfähig. Einige der jüngeren Theorien zur Entwicklungsregulation (Baltes, Brandtstädter, etc.) argumentieren zwar noch generell (allerdings bei einer Fokussierung auf das Erwachsenenalter), aber dafür in mancher Hinsicht nicht entwicklungsspezifisch (sie können etwa auch als Bewältigungstheorien gelesen werden). Zugleich ist – auch für letztgenannten Theorien – eine Renaissance der Fokussierung auf Altersphasen zu beobachten. Ist das Projekt „großer“ Theorien menschlicher Entwicklung womöglich überholt? Der Vortrag soll die Frage erwägen, ob die Suche nach allgemeinen Entwicklungstheorien mit ernstgemeintem Bezug auf die ganze Lebensspanne gescheitert oder aussichtslos oder nutzlos ist – oder doch der Mühe wert sein könnte.