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Wie durch Sprache Wirklichkeiten konstruiert werden

Eine an der Universität Trier koordinierte Forschungsgruppe untersucht politische Debatten der vergangenen 30 Jahre

Veröffentlicht am 22. Dezember 2021

Führte die Bundeswehr in Afghanistan einen „Krieg“ oder befand sie sich in einem „humanitären Einsatz“? Erleben wir gerade einen „Klimanotstand“, eine „Klimakrise“ oder „klimatische Veränderungen“? Welchen Bedeutungswandel hat der Begriff „Solidarität“ in der Corona-Pandemie erfahren? Sprache ist das zentrale Mittel politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, mit der Wahl von Begriffen werden unterschiedliche Perspektiven auf die Welt gerichtet. Verschiedene Wirklichkeiten werden mit Sprache konstruiert und konkurrieren in einer demokratischen Gesellschaft miteinander. Eine Forschungsgruppe um ihren Sprecher Prof. Dr. Martin Wengeler von der Universität Trier hat sich zum Ziel gesetzt, zentrale politische Diskurse und Debatten seit 1990 zu untersuchen und in einer sprachgeschichtlichen Gesamtübersicht darzustellen. Die Forschungsgruppe „Kontroverse Diskurse“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Öffentliche politische Diskurse sind ein wesentliches Element demokratischer Gesellschaften und werden mit sprachlichen Mitteln geführt. Sprachgeschichte und Zeitgeschichte hängen somit eng zusammen. Was z.B. jeweils genau als „Krise“ verstanden wird, kann nur sprachlich vermittelt werden. Während die Periode seit der deutschen Wiedervereinigung zeithistorisch vielfach aufgearbeitet ist, liegen aus sprachgeschichtlicher Perspektive für diesen Zeitraum lediglich Einzelstudien zu thematisch begrenzten Debatten vor. Diese Lücke will die Forschungsgruppe „Kontroverse Diskurse“ in den kommenden Jahren mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit schließen.

Dazu bedienen sich die Forscher modernster digitaler Methoden zur Verarbeitung großer Datenmengen, die sie in die Lage versetzen, die politischen Diskurse der Zeit auf der Basis der Berichterstattung in Leitmedien über einen längeren Zeitraum nachzuvollziehen. Berücksichtigt werden vornehmlich Diskurse in Deutschland, aber auch deutschsprachige Debatten in der Schweiz. „Ein wichtiges Ziel unserer Arbeit ist es auch, ein digitales Instrumentarium und Methoden für künftige Forschung zur Verfügung zu stellen“, sagt Prof. Dr. Martin Wengeler. Er selbst wird sich in einem der fünf Teilprojekte mit Diskursen um die Äußere und Innere Sicherheit in Deutschland seit 1990 auseinandersetzen. 

In der Forschungsgruppe „Kontroverse Diskurse. Sprachgeschichte als Zeitgeschichte seit 1990“ kooperieren WissenschaftlerInnen der Technischen Universität Darmstadt, der Universität Trier sowie der Universitäten Marburg, Magdeburg, Kiel, Zürich und Genf. Die Förderung durch die DFG erfolgt für den Zeitraum von vier Jahren, eine Verlängerung um weitere vier Jahre ist möglich.