Presse / Funk / Film

SWR 24.3.2026: Antisemitismus auf YouTube: Forschungsprojekt der Uni Trier untersucht Verbreitung

SWR | Kultur am Mittag | 24.03.2026 | 12:13 Min.

Wie verbreitet sich Antisemitismus auf YouTube?

Ein neues Forschungsprojekt an der Universität Trier widmet sich der Frage, wie Antisemitismus auf der Videoplattform YouTube kommuniziert und verbreitet wird. Denn während TikTok, Instagram & Co. schon ausgiebig Gegenstand der Antisemitismus-Forschung sind, wurde YouTube bislang nur wenig betrachtet.

Politikwissenschaftler Marc Seul betont im Gespräch mit SWR Kultur die Relevanz der Plattform: „YouTube ist bisher sehr wenig betrachtet worden.“ Dabei habe sie eine enorme Reichweite und Bedeutung für politische Bildung.

Ziel: Auch kodierten Antisemitismus sichtbar machen

Das interdisziplinäre Team entwickele Methoden, um sowohl große Datenmengen automatisiert auszuwerten als auch einzelne Videos detailliert zu analysieren, so Seul. Ziel sei es, verschiedene Erscheinungsformen von Antisemitismus – von rechten, linken und islamistischen bis hin zu subtil kodierten Inhalten – sichtbar zu machen und besser zu verstehen.

Dabei gehe es auch um konkrete Wirkung, wie Seul unterstreicht: „Es geht darum, dieses Wissen an Lehrerinnen und Lehrer weiterzugeben“, um im Umgang mit problematischen Inhalten aufzuklären und Prävention zu stärken.

 

SWR Sendung

Verbundforschungsprojekt DAYVid dekonstruiert antisemitische Kommunikation auf YouTube

Foto

Das Verbundforschungsprojekt ist ein gemeinsames Vorhaben der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung (IIA) an der Universität Trier, des Tikvah Instituts und des Weizenbaum-Instituts (beide Berlin). Es untersucht erstmals systematisch antisemitische Kommunikationsformen, Narrative und Strategien von Akteuren auf YouTube. Trotz ihrer zentralen  Rolle in der politischen Sozialisation junger Menschen in der Antisemitismusforschung wurde diese Plattform bislang kaum untersucht.

„YouTube ist für viele junge Menschen ein zentraler Ort der Informationsgewinnung und politischen Meinungsbildung. Zugleich wissen wir bislang erstaunlich wenig darüber, wie antisemitische Narrative dort  plattformspezifisch angepasst, vermittelt und verbreitet werden,“ beschreibt Marc Seul, Verbundkoordinator des Projekts und Teil der kollegialen Leitung der IIA, den Ausgangspunkt des Projekts. 

Hier setzt DAYVid an: Ziel ist es, diese Lücke durch methodisch und  inhaltlich fundierte Grundlagenforschung zu schließen und die gewonnenen Erkenntnisse zugleich für Prävention und Wissensvermittlung nutzbar zu machen.

„Die Analyse von Antisemitismus auf YouTube stellt die  Forschung vor besondere methodische Herausforderungen, weil hier audiovisuelle, textliche und plattformspezifisch-interaktive Elemente ineinandergreifen. DAYVid entwickelt deshalb einen multimethodischen Zugang, der genau dieser Komplexität Rechnung trägt," führt Dr. Matthias J. Becker, Projektleiter des Teilprojekts DECORA am Weizenbaum-Institut, aus.

„Bisher beschränkt sich die Forschung zu Antisemitismus in Bild und Film oft auf die nationalsozialistische  Propaganda. Ich erwarte mir von unserem Projekt daher auch wichtige Impulse für die Film- und Medienwissenschaft,“ erläutert Prof. Tobias Ebbrecht-Hartmann, Medienwissenschaftler von der Hebräischen Universität  Jerusalem, der das Team des Tikvah Instituts in diesem Projekt  unterstützt.

Inhaltlich nimmt DAYVid vier gesellschaftspolitisch  relevante Phänomenbereiche in den Blick: (a) (extrem) rechte, (b)  (extrem) linke, (c) islamistische Inhalte sowie (d) populäre Infotainment-Formate zu Antisemitismus und zum Nahostkonflikt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Formen des israelbezogenen Antisemitismus.

„Unser Ziel ist nicht nur, antisemitische  Kommunikationsformen auf YouTube präziser zu beschreiben. Die Ergebnisse sollen auch so aufbereitet werden, dass sie in Bildung, Prävention und der Zusammenarbeit mit Multiplikator:innen und Content Creator:innen konkret nutzbar werden,“ hebt Deidre Berger, Projekleiterin des  Teilprojekts DACIVO des Tikvah Instituts, hervor.

Auf Basis der Forschungsergebnisse und einer begleitend durchgeführten Bedarfsanalyse werden daher im weiteren Projektverlauf zwei zielgruppenspezifische  Transferformate entwickelt und zusammen mit Praxispartnern in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und darüber hinaus erprobt.

Mit DAYVid entsteht damit ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das einen Beitrag zur Analyse aktueller antisemitischer Dynamiken im digitalen Raum leisten und zugleich Impulse für Bildung, Prävention und gesellschaftliche Aufklärung geben will.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Marc Seul (Universität Trier, Verbundkoordinator) –
Dr. Thomas Grotum (Universität Trier) –
Prof. Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann (Tikvah Institut) –
Deidre Berger (Tikvah Institut) –
Dr. Matthias J. Becker (Weizenbaum-Institut) – 

[Pressemitteilung der Universität Trier vom 11.03.2026]

SWR 11.3.2026: Biographien im Nationalsozialismus. Trier unter den Nazis: Neue Forschung zu den Tätern im Dritten Reich

Ein Sadist im KZ Hinzert und ein Trierer Nazifunktionär, der nach dem Krieg Karriere machte. Die Trierer Uni hat neue Forschungen zum NS-Regime in der Region Trier vorgestellt.

11.03.2026 | Nicole Mertes | SWR 

Der Schweizer Eugen Wipf war im KZ Hinzert unter den Häftlingen als brutaler Sadist gefürchtet. Dabei war er ab November 1941 selbst Häftling in dem Lager. Er wurde als "unerwünschter Ausländer und Asozialer" inhaftiert. Die SS setzte in als "Funktionshäftling" ein, als Lagerältesten. Einige Häftlinge in Hinzert fanden ihn brutaler als die SS-Schergen, geht aus historischen Quellen hervor.

Biographie eines NS-Täters

Eugen Wipf, Jahrgang 1916, war Sohn eines Kleinbauern in der Schweiz. Nach abgebrochener Lehre zum Schmied und Jobs als Handlanger in der Schweiz war er zum Militär gegangen, wurde Unteroffizier. Nach ersten Vorstrafen wegen Diebstahls und Zechprellerei kommt er 1940 in Arrest, bricht aus und flüchtet nach Deutschland. Er bekommt zwar Arbeit, macht aber Schulden und säuft, kommt in Haft. Als "Asozialer" wird er im KZ Hinzert inhaftiert.

[weiterlesen] [Zum Abspielen des Audio-Beitrags (7:31 Min.) unten auf die letzte Abbildung klicken]

SWR-Audio

500.000 Euro für Trierer Antisemitismusforschung

Gruppenfoto IIA
Gruppenfoto IIA 2025. Die Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung (IIA) ist ein Zusammenschluss junger Wissenschaftler:innen an der Universität Trier, der sich der Erforschung und Prävention des Antisemitismus widmet.

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert zwei Projekte der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung an der Uni Trier

 

Wie wird Antisemitismus auf YouTube kommuniziert? Und wie lässt sich die Antisemitismusprävention in der Kinder- und Jugendarbeit verbessern? Diesen Fragen widmet sich die Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung (IIA) an der Universität Trier in zwei neuen Verbundforschungsprojekten. Die Trierer Teilvorhaben werden vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der Förderrichtlinie „Ursachen und Dynamiken des aktuellen Antisemitismus“ mit rund 500.000 Euro gefördert.

Damit ist die IIA zugleich in zwei zentralen Feldern der gegenwartsbezogenen Antisemitismusforschung vertreten: in der Analyse antisemitischer Dynamiken im digitalen Raum sowie in der Forschung zu antisemitismuskritischer Bildungs- und Präventionsarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Beteiligung an beiden Vorhaben unterstreicht die wachsende wissenschaftliche und strukturelle Verankerung der Antisemitismusforschung am Standort Trier.

Forschungsstandort gestärkt

„Die Beteiligung an gleich zwei geförderten Verbundprojekten zeigt, dass die Universität Trier ihre Expertise in einem gesellschaftlich hochrelevanten Forschungsfeld weiter ausbaut. Die eingeworbenen Mittel stärken den Forschungsstandort Trier und unterstreichen die wachsende Sichtbarkeit der hier verankerten Antisemitismusforschung,“ freut sich Prof. Eva Martha Eckkrammer, Präsidentin der Universität Trier.

Das Verbundprojekt DAYVid („Decoding Antisemitism in YouTube Videos“) wird unter Koordination der IIA gemeinsam mit dem Tikvah Institut und dem Weizenbaum-Institut durchgeführt. Es untersucht antisemitische Kommunikationsformen, Narrative und Akteursstrategien auf YouTube und schließt damit eine bislang bestehende Forschungslücke im Bereich der digitalen Antisemitismusforschung. Im Zentrum stehen plattformspezifische Dynamiken antisemitischer Inhalte in unterschiedlichen ideologischen Milieus sowie die Entwicklung transferorientierter Formate für Lehrkräfte und Content Creator. Im Zentrum des Trierer Teilvorhabens stehen linke Diskurse über Antisemitismus und den Nahostkonflikt auf der Plattform.

Das zweite Vorhaben – ASJA („Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“) – wird gemeinsam mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) und der ju:an Praxisstelle Antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit der Amadeu Antonio Stiftung durchgeführt. Das Projekt zielt auf die Weiterentwicklung und Evaluation antisemitismuskritischer Bildungsangebote für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe. Die IIA erfasst die Angebotslandschaft antisemitismuskritischer Fort- und Weiterbildungskonzepte für Fachkräfte in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und prüft sie mit Blick auf Leerstellen und ggf.  problematische Ansätze aus Perspektive der Antisemitismusforschung.

„Die beiden Projekte stehen exemplarisch für das Forschungsverständnis der IIA: Wir verbinden die Grundlagenforschung zu aktuellen antisemitischen Dynamiken mit dem Anspruch, Forschungsergebnisse in konkrete Transfer- und Präventionsformate zu übersetzen. Dass wir sowohl in einem Projekt zu digitalen Plattformen als auch in einem Projekt zur pädagogischen Praxis beteiligt sind, macht diese Breite sehr deutlich“, so Marc Seul, Teil der kollegialen Leitung der IIA und Verbundkoordinator von DAYVid.

Aufbau aus Eigeninitiative

„Für uns sind diese Förderzusagen auch deshalb wichtig, weil sie sichtbar machen, dass aus einem Graswurzelprojekt tragfähige Forschungsstrukturen entstehen können. Die IIA ist über Jahre hinweg aus eigener Initiative gewachsen – die jetzigen Erfolge zeigen, dass diese Aufbauarbeit wissenschaftlich und institutionell trägt,“ hebt Lennard Schmidt, Teil der kollegialen Leitung der IIA, hervor.

Die beiden Projekte stehen damit nicht isoliert, sondern fügen sich in einen längerfristigen Aufbauprozess ein. Sie knüpfen an die bisherige Entwicklung der IIA an und treiben ihre strukturelle Konsolidierung als Standort interdisziplinärer Antisemitismusforschung an der Universität Trier weiter voran.

Weitere Infos

Kontakt

Marc Seul
IIA
Mail: seuluni-trierde
Tel. +49 651 201-4152

Projektleitung
Dr. Thomas Grotum
Mail: grotumuni-trierde

Gedenksitzung am 27. Januar 2026 im Landtag Rheinland-Pfalz

Der rheinland-pfälzische Landtag gedenkt mit einer Veranstaltung im Plenarsaal des Landtags der Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Jahr stehen verfolgte Frauen und Mädchen im Mittelpunkt des Gedenkens. In der Nähe von Wittlich gab es während der NS-Diktatur das "Frauenstraflager Flußbach". Es bestand zwischen 1942 und 1944 und war lange Zeit vergessen.

https://www.ardmediathek.de/video/swr-extra/swr-extra-gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus-2026/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyOTYwMTY
[Dieser Stream ist nur bis zum 26.1.2027 online abrufbar]

 

Gedenksitzung

Interview mit Lena Haase: Warum Frauen den Holocaust anders als Männer erlebten (SWR, 27.1.2026)

Foto Lager

Hunger, Erniedrigung und Gewalt mussten alle Inhaftierten in Konzentrations- und Arbeitslagern ertragen. Frauen erlebten den Schrecken dennoch anders als Männer.

SWR-Aktuell | 27.1.2026 | 16:14 Uhr | 10:04 Min.

Von Autor/in: Jeanette Schindler

Der rheinland-pfälzische Landtag gedenkt jedes Jahr am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Und in diesem Jahr stehen zum ersten Mal die verfolgten und ermordeten Frauen im Mittelpunkt. SWR Aktuell hat darüber mit der Historikerin, Dr. Lena Haase von der Universität Trier gesprochen. Sie forscht seit mehr als zehn Jahren zum NS-Frauenlager in Flußbach in der Südeifel.

SWR Aktuell:Frau Haase, lange Zeit wurde die Verfolgung der Frauen in der NS-Zeit kaum beleuchtet. Erst mit der Frauenbewegung in den 80er Jahren hat sich die Öffentlichkeit gefragt: Wie war das eigentlich für verfolgte Frauen, was haben sie erlebt? Sie haben mehr als 1.800 Frauenschicksale erforscht, gab es da eine Gemeinsamkeit, eine Erfahrung die alle Frauen gleichermaßen gemacht haben? 

Dr. Lena Haase: Eine ganz generelle Gemeinsamkeit zu nennen, ist schwierig. Aber ich würde anknüpfen an dem, was Sie gerade in der Anmoderation erwähnt haben, nämlich, dass Frauen einfach lange Zeit überhaupt gar nicht im Fokus standen - weder in der Forschung, noch der öffentlichen Auseinandersetzung. Das ist ein sehr typischer Befund, dass Frauen nach '45 ganz gleich, welche Rollen sie vorher gespielt haben während der NS-Zeit, erstmal wieder in ihre ursprüngliche Rolle, häufig als Hausfrau und Mutter wieder zurückgegangen sind. Sie sind wieder hinter die Männer zurückgetreten.

[Weiterlesen]

Radiobeitrag anhören

30.10.2025: SMBT - Präsentation des 3. Zwischenberichts zu den Amtszeiten von Reinhard Marx (2001-2008) und Stephan Ackermann (2009-2021)

(c) swr

Missbrauch im Bistum Trier: Neue Studie beleuchtet Amtszeiten von Marx und Ackermann
SWR | 30.10.2025 | Link

Mehr Täterschutz als Opferhilfe
DLF Kultur | 4.11.2025 | Link

Ära Marx und Ackermann: Mindestens 59 Missbrauchsopfer im Bistum Trier
SR Info | 30.10.2025 | Link

Dritter Zwischenbericht zu sexuellem Missbrauch im Bistum Trier vorgelegt
idw | 30.10.2025 | Link

Stellungnahme von Bischof Dr. Stephan Ackermann
Pressestelle Bistum Trier | 30.10.2025 | Link

Kein Ohr für Missbrauchsopfer
Süddeutsche Zeitung | 31.10./1./2.11.2025 | S. 7 | Link

Was die Kirche gelernt hat
Frankfurter Allgemeine Zeitung | 31.10.2025 | S. 8 | Link

Forschungsprojekt: Sexueller Missbrauch von Minderjährigen sowie hilfs- und schutzbedürftigen erwachsenen Personen durch Kleriker/Laien im Zeitraum von 1946 bis 2021 im Verantwortungsbereich der Diözese Trier: eine historische Untersuchung [Homepage]