Ethnische und transethnische Netzwerke als soziales Kapital

Projektbeschreibung

Fragestellung

In den 1990er Jahren erlebte Deutschland eine Einreisewelle von Migranten, die überwiegend aus den zerfallenden Sowjetrepubliken kamen. Insbesondere der massive Anstieg der Zuzugszahlen von russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern und jüdischen Migranten mit ihrem unbefristeten Aufenthaltstiteln war mit besonderen Herausforderungen verbunden. Sprachliche Defizite, sozio-kulturelle Unterschiede, der Wechsel von einem sozio-politischen System zu einem ganz anderen, aber auch gesellschaftliche Stigmatisierungen erschweren ihre Integration. Um sich dennoch erfolgreich behaupten zu können, entwickeln diese Gruppen besondere Bewältigungsstrategien. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Bildung sozialer Netzwerke.

Vor diesem Hintergrund stehen folgende Fragen im Zentrum des Teilprojektes III.03: Welche soziale Netzwerkformen bilden die beiden Migrantengruppen in Deutschland aus? Sind die Netzwerkbeziehungen eher ethnisch „homogen“ oder „heterogen“? Welche Rolle spielen die Netzwerke und das daraus entstehende soziale und kulturelle Kapital für die Alltagsbewältigung der beiden Gruppen? Wie verhalten sich diese Netzwerkstrukturen zu denen einer bundedeutschen Vergleichsgruppe? Gibt es strukturelle Äquivalenzen oder Unterschiede?

Die persönlichen Netzwerke von Spätaussiedlern, jüdischen Migranten, Einheimischen sowie deutschen (einheimischen) Zugezogenen aus dem Regierungsbezirk Trier werden in einem standardisierten Fragebogenverfahren erhoben, mit netzwerkanalytischen Verfahren erfasst und statistisch ausgewertet. Fokusgruppen zu wiederkehrenden Schlüsselthemen wie der Entwertung von Bildungskapital im Migrationsprozess, „Beheimatungsstrategien“ (kak doma), Inklusions- und Exklusionserfahrungen sowie der Einsatz einer neuen Software Venn Maker (www.vennmaker.com) zu partizipativen Netzwerkanalyse runden das Teilprojekt methodisch ab.

 

Arbeitsstand

Folgende Ergebnisse liegen nach Vollauswertung der Spätaussiedlerkohorte (n=71) und einer Teilauswertung der befragten Kontingentflüchtlinge (n=74) vor:

Die Netzwerkstrukturen von Spätaussiedlern weisen bezüglich sozialer Kohäsionsfaktoren typische Gemeinsamkeiten mit denen anderer Migranten-Netzwerke auf.

So lassen sich eine hohe Familienzentriertheit, soziale Homogenität der Kontaktpersonen (Homophilie), sowie eine ausgeprägte lokale Nähe der Familie und enger Freunde feststellen.

Die Sprache spielt eine sehr wichtige Rolle bezüglich der ethnischen Zusammensetzung der sozialen Netzwerke. Je besser die deutschen Sprachkenntnisse, desto mehr einheimische Deutsche befinden sich in den sozialen Netzwerken der Aussiedler.

Die Netzwerke der Spätaussiedler und der jüdischen Migranten scheinen sich tendenziell nur wenig zu überlappen.

Das soziale Netzwerk der jüdischen Migranten ist im Durchschnitt insgesamt signifikant kleiner als das der Aussiedler. Der Grad der  transnationalen Netzwerkbeziehungen  ist  bei den jüdischen Migranten höher als bei den (Spät)Aussiedlern. Die Herkunft der transnationalen Netzwerkpartner von jüdischen Migranten zeigt sich  internationaler, als diese von Spätaussiedlern, die  ihre transnationalen Beziehungen vor allem ins Herkunftsland pflegen.