Erkenntnis und Judenhass. Theodor W. Adornos philosophische Reflexion des Antisemitismus
Vortrag von Niklas Lämmel (Universität Kassel) im Rahmen des Forschungskolloquiums Antisemitismus der IIA
Die Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschug (IIA) lädt auch im Wintersemester 2025/26 zu ihrem interdisziplinären Forschungskolloquium zu Antisemitismus ein. Alle Studierenden und Mitarbeiter:innen der Universität Trier und anderer Universitäten sowie Interessierte aus der Zivilgesellschaft sind herzlich eingeladen, den Vorträgen digital oder in Präsenz beizuwohnen und mitzudiskutieren!
Ankündigungstext
Theodor W. Adornos Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und seine erkenntniskritische Philosophie werden zumeist getrennt voneinander behandelt. Während die sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung Arbeiten wie die „Negative Dialektik“ weitestgehend ausklammert, zeigt sich in der philosophischen Rezeption eine spiegelbildliche Lücke: Hier ist es Adornos Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, die nur selten thematisiert wird.
Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass zahlreiche Verbindungslinien zwischen den beiden Themen bestehen. Indem diese näher betrachtet werden, ergibt sich sowohl eine neue Perspektive auf Adornos Reflexion des Antisemitismus als auch auf sein philosophisches Denken. Ausgangspunkt ist dabei eine Re-Lektüre von Horkheimers und Adornos „Elementen des Antisemitismus“. Hier sind es insbesondere die Begriffe „Projektion“ und „Mimesis“, die auf erkenntnistheoretische Grundfragen verweisen. In seinem philosophischen Spätwerk greift Adorno die entsprechenden Überlegungen wieder auf. Auch wenn in der „Negativen Dialektik“ „von Juden und Judentum, von Sozialpsychologie oder gar ‚Antisemitismus‘ […] keine Rede mehr ist“ (Brumlik), zielen zentrale Motive implizit darauf ab, die geistigen Grundlagen der Judenfeindschaft zu erfassen. Die Kritik an identitätslogischem Denken oder der Begriff des „Nichtidentischen“ sind eng mit der Hoffnung auf ein Ende „der antisemitischen Gesellschaft“ verbunden, die bereits in den „Elementen des Antisemitismus“ formuliert wird. Damit lässt sich auch das weitverbreitete Bild des „Pessimisten“ Adorno korrigieren: In seinen Überlegungen zur „Utopie der Erkenntnis“ kündigt sich das Modell einer geistigen Praxis an, die bereits in ihrer Grundstruktur gegen den Antisemitismus gerichtet ist.
Zum Referenten
Niklas Lämmel ist Promotionsstudent am Institut für Philosophie der Universität Kassel. 2024 verbrachte er ein Forschungssemester an der Harvard University. Zu seinen Arbeitsschwerpunkte zählen Kritische Theorie, Antisemitismusforschung, Vergangenheitspolitik und die politische Theorie mittel- und osteuropäischer Dissident*innen.
Kolloquiumsprogramm
- 26. November 2025: Erkenntnis und Judenhass. Theodor W. Adornos philosophische Reflexion des Antisemitismus (Niklas Lämmel, Universität Kassel) [DE]
- 17. Dezember 2025: Bildungsarbeit gegen Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland (1949-1990) (János Varga, Fritz Bauer Institut) [DE]
- 14. Januar 2026: Understanding Contemporary Antisemitism Through Its Ancient Roots: Methodological Approaches to Trans-Historical Narrative Analysis (Franziska Thurau, IIA, Universität Trier) [ENG]
- 21. Januar 2026: Antisemitism Between Camps: Eternalism v Historicism and the Problem of Historical Continuity (Dr. Matthew Bolton, Queen Mary University London) [ENG]
- 28. Januar 2026: Zwischen Projektion und Epistemizid. Eine Kritik an Lapidots Lektüre der ‘Elemente des Antisemitismus’ (Joel Ben-Joseph, HU Berlin) [DE]
- 11. Februar 2026: Shared Struggles? Native American Solidarity with Palestine and the Politics of Comparison (Salome Richter, IIA, Universität Trier) [ENG]