Nicole Zillien, Martin Endreß, Michael Jäckel, Doris Ahnen, Klaus Jensen und Stephan Lessenich vor Beginn des Kongresses.

Gesine Schwan: "Mit Solidarität Krise überwinden"

Bei der Eröffnung des Soziologie-Kongresses in Trier wirbt die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin für einen Neubeginn in Europa

Mehr als 1.800 Anmeldungen, darunter 30 Prozent Studentinnen und Studenten, 650 Vorträge, 160 Einzelveranstaltungen und ein Matratzenlager für 50 Studierende in der Unisporthalle - der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der in diesem Jahr erstmals in Trier stattfindet, sprengt schon jetzt alle Dimensionen: Noch nie gab es eine wissenschaftliche Tagung von der Größenordnung in Trier. In Rheinland-Pfalz fand der Soziologie-Kongress bisher nur einmal statt - in Worms, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dementsprechend viel Prominenz war daher auch bei der Eröffnung der Tagung gestern Abend in der vollbesetzten Europahalle zu Gast: Neben Uni-Präsident Prof. Dr. Michael Jäckel und Triers Oberbürgermeister Klaus Jensen sprachen Doris Ahnen, Wissenschaftsministerin von Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Stephan Lessenich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Gesine Schwan, langjährige Präsidentin der Europa-Universität Viadrina und zwei Mal Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin.

Schwan ist Mitglied des Kuratoriums der deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung, deren Gründung sie maßgeblich vorangetrieben hat – und somit "die beste Festrednerin, die wir uns wünschen konnten", so Dr. Nicole Zillien, neben Prof. Dr. Martin Endreß eine der Organisatorinnen des Kongresses. Gastland der alle zwei Jahre stattfindenden Tagung ist dieses Mal Polen, dessen (nicht nur jüngere) Geschichte wie die kaum eines anderen europäischen Landes mit der Vergangenheit Deutschlands verzahnt ist. „Routinen der Krise – Krisen der Routine“ lautet das Thema des Trierer Kongresses, welcher die aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Erosionsprozesse und ihre fast schon gewohnheitsmäßige Deutung als Krise fokussiert.

Die Krise als Chance begreifen, ohne dabei aber die routinemäßige Art der Krisenbewältigung anzuwenden, sieht Gesine Schwan als einen Ausweg aus der nun schon lange andauernden Krise in Europa. Anstatt die Krise wie in der Wissenschaft und eben auch in der Soziologie üblich, Schritt für Schritt zu analysieren, forderte Schwan das "Wagnis eines solidarischen Neubeginns" in der europäischen Union. Zugleich kritisierte sie, dass Politiker, insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel "sofort Verantwortungslosigkeit wittern, wenn es um Solidarität geht."

Kritik an der "Diagnoseunfähigkeit der Soziologie" übte auch DGS-Vorsitzender Stephan Lessenich und skizzierte gleichzeitig das Bild von der "Externalisierungsgesellschaft", die nicht über ihre eigenen Verhältnisse, wohl aber über die anderer lebe. Einen Weckruf an die Kolleginnen und Kollegen sandte schließlich auch Jutta Allmendinger aus. In ihrer Dankes-rede anlässlich der Verleihung des Preises für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie bemängelte die Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung, dass in gesellschaftlichen Debatten viel zu wenige Soziologen in Erscheinung treten würden und man es stattdessen den Ökonomen überlasse, den Diskurs zu dominieren. Die soziologische Forschung müsse für eine breitere Öffentlichkeit verständlich aufbereitet werden, zum Beispiel, indem sich die Lehre für Personen aus der Praxis öffne und sich die Soziologie einer klareren Sprache bediene.

Der Trierer Soziologiekongress wendet sich daher auch nicht nur an Forscherinnen und Forscher, sondern auch an interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Region. So richtet zum Beispiel das Format „Soziologie konkret!“ das Augenmerk auf Themen aus dem Lebensalltag der Menschen in Trier. Neben der Führung „Auf den Spuren von Karl Marx“ wird auch eine Fahrradexkursion zur „Stadt- und Quartiersentwicklung in Trier“ angeboten. Die Soziologie-Tagung ist noch bis Freitag, 10. Oktober zu Gast in Trier. Zum Abschluss des Kongresses wird mit Zygmunt Bauman einer der weltweit führenden Soziologen erwartet.

Das komplette Tagungsprogramm sowie weitere Informationen zum Soziologiekongress finden Sie auf dessen Homepage unter: kongress2014.soziologie.de