Wie schnell und mit welcher Intensität Länder anfänglich gegen die Pandemie vorgegangen sind, hängt laut den Ergebnissen der Studie von kulturellen Faktoren ab. Foto: Colourbox
Wie schnell und mit welcher Intensität Länder anfänglich gegen die Pandemie vorgegangen sind, hängt laut den Ergebnissen der Studie von kulturellen Faktoren ab. Foto: Colourbox

Demokratien reagierten nicht langsamer auf Corona

Nicht demokratische oder autokratische Strukturen beeinflussten das anfängliche Handeln in der Corona-Krise. Stattdessen spielten kulturelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Das ist das Ergebnis einer Studie.

Die Corona-Pandemie zwingt Regierungen dazu, permanent auf die Krise zu reagieren. Die zur Verfügung stehenden Maßnahmen wie soziale Distanz, Hygiene, Mobilitätsbeschränkungen und Schließungen sind weltweit annähernd identisch. Beträchtliche Unterschiede zeigen sich im Ländervergleich jedoch in der Reaktionsgeschwindigkeit und bei der Strenge der Regulierungen. Während vielfach die Regierungsform – Demokratie versus Autokratie – als maßgeblicher Faktor für die Reaktionsgeschwindigkeit vermutet wird, hat ein Forschungsteam um Professor Marc Oliver Rieger von der Universität Trier herausgefunden, dass das Handeln in der Krise primär von einem kulturellen Faktor gesteuert wird: der Mentalität der Menschen.

Kollektivistisch geprägte Gesellschaften, in denen individuelle Interessen dem Gemeinwohl untergeordnet werden, handeln am schnellsten. Dagegen benötigen Länder mit einer individualistischen Struktur mehr Reaktionszeit. Eine weitere einflussreiche Kategorie ist laut der Studie der Grad des Vertrauens der Bevölkerung in die jeweilige Regierung.

Kulturelle und institutionelle Faktoren

Bei ihrer Suche nach den Auslösern für das unterschiedliche Regierungshandeln in der Pandemie haben sich die Wissenschaftler der Universität Trier, der WHU-Otto Beisheim School of Management und der Central South University auf kulturelle und institutionelle Faktoren konzentriert. Neben Individualismus versus Kollektivismus rückten sie mit Machtdistanzeinen weiteren kulturellen Faktor in den Fokus. Hierunter ist die Akzeptanz von Autoritäten, beispielsweise der Regierung, zu verstehen.

Im Bereich der institutionellen Faktoren wertete das Forschungsteam aus, wie sich der Grad der Demokratisierungund der Medienfreiheit auf die Pandemiemaßnahmen der Länder auswirken. Zu vermuten waren ambivalente Effekte. Autokratien scheinen durch ihre unmittelbare Entscheidungsgewalt ohne Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung in der Reaktionsgeschwindigkeit bevorteilt zu sein: Langwierige demokratische Beteiligungs-, Abstimmungs- und Akzeptanzprozesse könnten die Reaktionsgeschwindigkeit bremsen – ein Narrativ, das gerne von Gegnern demokratischer Systeme ins Feld geführt wird. Aber stimmt das?

Vergleich von Ländern

Zur Messung der Geschwindigkeit des Handelns, der Strenge der Maßnahmen sowie der Intensität institutioneller und kultureller Determinanten bedienten sich die Wissenschaftler verschiedener wissenschaftlich etablierter Indizes. Die ländervergleichende Auswertung der Daten ergab, dass die institutionellen Parameter Demokratie-Autokratie sowie Pressefreiheit die Handlungsgeschwindigkeit nicht maßgeblich beeinflussen. Ein möglicher Grund dafür: Demokratische Regierungen sind eher dazu gezwungen, durch beherztes und schnelles Entscheiden die Gunst der Wähler zu gewinnen, während Autokraten nicht so sehr unter Zugzwang stehen. Im Ländermittel dürften sich damit beide Effekte ausgleichen.

„Unsere Studie zeigt deutlich, dass mit Individualismus versus Kollektivismus ein kultureller Faktor gegenüber den institutionellen Determinanten das Handeln von Regierungen in der Pandemie dominiert. In Ländern mit einem höheren Maß an Individualismus fielen die Reaktionen der Entscheidungsträger langsamer und weniger proaktiv aus als in kollektivistisch orientierten Gesellschaften. Dieser Unterschied war in Ländern mit einem höheren allgemeinen Vertrauen in die Regierung stärker ausgeprägt“, fasst der Trierer Professor Marc Oliver Rieger die zentralen Ergebnisse der Studie zusammen.

Vertrauen in die Regierung

Dem Wert „Vertrauen in die Regierung“ kommt in dieser Konstellation eine Art Katalysatorfunktion zu. So führte beispielsweise in dem individualistisch orientierten Schweden das ausgeprägte Vertrauen dazu, dass die Regierung mit Rücksicht auf individualistische Werte der Gesellschaft weniger bereit war, strenge proaktive Maßnahmen zu ergreifen. In Gesellschaften mit ausgeprägtem Kollektivismus wie Taiwan, Vietnam und China forcierte das Vertrauen in die Regierung dagegen die proaktive Umsetzung strenger Eingriffe und Regulierungen.

Das Team um Professor Marc Oliver Rieger ist überzeugt, mit dieser Untersuchung dazu beizutragen, Motive und Zwänge besser zu verstehen, die das Verhalten der Regierung in der Pandemie steuern. Die Forschungsergebnisse, so die Wissenschaftler, sollten auch auf zukünftige neuartige Krisen übertragbar sein.

Die Studie

Diqiang Chen, Diefeng Peng, Marc Oliver Rieger, Mei Wang: Institutional and cultural determinants of speed of government responses during COVID-19 pandemic.

Humanities & Social Sciences Communications

► Zur Studie

Kontakt

Prof. Dr. Marc Oliver Rieger
Betriebswirtschaftslehre/Bank- und Finanzwirtschaft
Mail: mrieger@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-2722