Armut unter den Augen des jungen Marx: Die Trierer Armenliste von 1832

Die Medienstation ist nun mit allen Funktionalitäten der stationären Version im Stadtmuseum zugangsfrei online!

www.armenkarte1832.uni-trier.de

„Liste aller Armen“ (1832), Stadtarchiv Trier, Tb 14/599 (Bl. 1r)
„Liste aller Armen“ (1832), Stadtarchiv Trier, Tb 14/599 (Bl. 1r)

In der Jugend von Karl Marx, um 1830, um 1830 erreichte die zweite, kontinental übergreifende Choleraepidemie Europa. In den altpreußischen Provinzen kostete Sie Tausende Menschen das Leben. Im Übergang der Jahre 1831/1832  breitete sich die Seuche auch von Westen her in den Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes aus. Als Reaktion auf diese Bedrohung wurde in Trier auf Veranlassung der preußischen Behörden eine Gesundheitskommission gegründet, die der Ausbreitung der Seuche entgegenwirken sollte. Den zeitgenössischen moralischen Konventionen entsprechend meinte man zu diesem Zweck in erster Linie bei der armen Bevölkerung ansetzen zu müssen, die nämlich „durch Trunk, liederliche Lebensweise, Unreinlichkeit, verpestete Luft bei Anhäufung von Schmutz, gedrängtes Zusammenwohnen in engen Räumen und durch Mangel der notdürftigen Bekleidung und Nahrungsmittel von gesunder Beschaffenheit“ den Nährboden der Seuche bilde (Zit. nach Herres, S. 162). Dazu bedurfte es aber zunächst der Erfassung der Betroffenen.

Die vor diesem Hintergrund entstandene Tabelle enthält die Namen der Hausvorstände, die Kinderzahl, ihre Berufstätigkeit, den genauen Wohnort, sowohl Kategorisierung der jeweiligen „Armenklasse“, der „Validität“ und „Moralität“ der Personen, sowie Kommentarfelder, in denen die Visitatoren ihren persönlichen Eindruck der betreffenden Menschen zum Ausdruck brachten. Ungeachtet der Unsicherheit einer objektiven Statuserhebung und der generellen Subjektivität behördlicher Charakterzuschreibungen stellen diese Quellen herausragende Zeugnisse der städtischen Sozialgeschichte dars. Sie sind exakt in jener Zeit zu verorten, da der junge Karl Marx seine Jugend in Trier verbrachte, bevor er 1835 zum Studium nach Bonn wechselte.

Trier im Kartenbild der 1840er Jahre, Detailausschnitt („Plan von Trier“ von August Berthold o. Dat., Stadtarchiv Trier, Kt6 115a, o.). Der eingefärbte Punkt kennzeichnet das Wohnhaus der Familie Marx (Simeongasse 1070).

Dank der noch im späten 18. Jahrhundert vorgenommenen (durchgängigen Nummerierung der Trierer Wohnhäuser lassen sich Informationen über Hausbewohner auf der in den 1840er Jahren entstandenen Urkatasterkarte der Stadt exakt verorten. Auf der Grundlage der bereits erfolgten Georeferenzierung der Katasterkarte lassen sich somit soziale Statusindikatoren leicht im zeitgenössischen Stadtplan auftragen. Dazu wurde die kaum einmal systematisch herangezogene Armenliste (hervorzuheben ist der Beitrag von J. Herres, 1990) transkribiert und ergänzt um einige zusätzliche Klassifikatoren in einer Datenbank aufgenommen.

Das Vorhaben ist als Vorstufe zu einer breiten angelegten Stratifikation bzw. Sozialtopographie Triers gedacht, wobei an Traditionen der Trierer sozial- bzw. stadtgeschichtlichen Forschung angeknüpft werden soll. Dazu bietet sich die Integration weiterer serieller Quellen an.

Die Medienstation ist ab dem 5. Mai 2018 im Rahmen der Karl Marx-Ausstellung Trier im Stadtmuseum Simeonstift zu nutzen.

Literatur in Auswahl

  • Althammer, Beate, Die Cholera - eine Naturkatastrophe? Reaktionen angesichts einer tödlichen Seuche im Rheinland und in Katalonien, 1831-1867, in: Traverse 10 (2003), H. 3, S. 21-35
  • Finzsch, Norbert, Obrigkeit und Unterschichten: Zur Geschichte der rheinischen Unterschichten gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1990
  • Herres, Jürgen, Cholera, Armut und eine „Zwangssteuer“ 1830/32. Zur Sozialgeschichte Triers im Vormärz, in: Kurtrierisches Jahrbuch 39 (1990), S. 161–203
  • Monz, Heinz, Karl Marx, Grundlagen der Entwicklung zu Leben und Werk, Trier 1973 Zenz, Emil, Geschichte der Stadt Trier im 19. Jahrhundert, Bd. 1, Trier 1979

Die Medienstation in der Presse

  • Interview im "Deutschlandfunk" (Reihe "Kultur heute", Dr. Michael Köhler), 7.7.2018 (externer Link - © Deutschlandfunk)
  • Artikel im "Trierischen Volksfreund" (Annemarie Heucher), 7.6.2018 (externer Link)
  • Artikel u.a. in "Focus online", 7.8.2018 (externer Link)

Organisation und Umsetzung

Diese Medienstation entsteht in Kooperation der Professur für Geschichtliche Landeskunde der Universität Trier und dem Stadtmuseum Trier (Leitung: Dr. Elisabeth Dühr). Seitens der Universität wird sie durch Mittel und Ressourcen des „Forschungszentrums Europa“ an der Universität Trier unterstützt. Fachliche Unterstützung leisten insbesondere das Stadtarchiv Trier (Dipl.-Arch. Bernhard Simon, Dipl.-Arch. Tobias Teyke) und die Stadtbibliothek Trier (Prof. Dr. Michael Embach).

Projektleitung: Prof. Dr. Stephan Laux (lauxstuni-trierde)

Projektbeteiligte bei der Professur für Geschichtliche Landeskunde: Stephan Laux, Nora Mergner, Leonard Preisler, Matthias Schneider, Jan Zünkeler (aktuell) sowie Daniel Kugel, Nina Schweisthal und Matthias Vinbruck (ausgeschiedene Mitarbeiter)

Koordination: Matthias Schneider, M.A. (schneidermuni-trierde)

Programmierung: Niklas Alt, M.A.

Design: Peter Albertz B.A.

Kartographie: Dipl.-Geogr. Michael Grün