Studie zu Pflege und Pflegebedürftigkeit

Projektbezeichnung:Studie zu Pflege und Pflegebedürftigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Dauer:2013 - 2015 (2 Jahre)
Projektgeber:Landkreis Lörrach, Halbkantone Basel Stadt und Basel Land mit Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg im Verbund mit den Pflegekassen
Projektleitung:Prof. Dr. med. Elisabeth Simoes, Forschungsinstitut für Frauengesundheit und Stabsstelle Sozialmedizin des Universitätsklinikums Tübingen
Projektteam Trier:Prof. Dr. Ralf Münnich, Joscha Krause, Aiko Kühn
Homepage der Projektleitunghttp://www.uni-frauenklinik-tuebingen.de/Forschungsinstitut.html
AbschlussberichtAbschlussbericht: Pflege und Pflegebedürftigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe - Wo tickt die Uhr?

Projektbeschreibung :

Gemeinsames Modellprojekt des Landkreises Lörrach und des Kantons Basel „Studie zu Pflege und Pflegebedürftigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe - Wo tickt die Uhr?“ im Rahmen eines Modellvorhabens zur Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen und Versorgungskonzepten für Pflegebedürftige in häuslicher Pflege nach § 45c SGB XI.

Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt des Landkreises Lörrach, der Kantone Basel-Stadt und Basel-Land, unter Kostenbeteiligung des Landes Baden-Württemberg gemeinsam mit den Pflegekassen, in Zusammenarbeit mit den Universitäten Tübingen und Trier.

Grenzüberschreitende Versorgung

Im Rahmen der Zusammenarbeit Deutschland-Schweiz im Gesundheitswesen widmet sich das Projekt einer gemeinsamen Versorgung in der Pflege. Das Vorhaben befasst sich mit der bedarfs- und bedürfnisorientierten Erstellung eines grenzüberschreitenden Regionalmodells zur verbundenen Pflege, das die Voraussetzungen charakterisiert für eine weiterhin finanzierbare Pflege und die dazu nötigen Strukturen, mit denen unter sich wandelnden Rahmenbedingungen die Pflegeaufgaben unter Einbeziehung grenzüberschreitender Möglichkeiten bewältigt werden können. Das Projekt soll dazu wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur Bedarfslage, zu zukunftsfähigen Versorgungsstrukturen und ihrer Wirkung liefern.
Im Rahmen einer Projektkooperation der Universitäten Tübingen und Trier mit dem Landkreis Lörrach, den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land und dem Land Baden-Württemberg gemeinsam mit den Pflegekassen werden die bestehenden Strukturen und Pflege-Arrangements aus der Perspektive der in verschiedener Hinsicht Betroffenen beleuchtet. Fragen des Versorgungsbedarfs und der Versorgungsqualität werden ebenso bearbeitet wie jene der Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen informell Pflegenden und professionellen ambulanten Pflegediensten und zukünftige Möglichkeiten grenzüberschreitender Angebote.

Wachsender Pflegebedarf – unterschiedliche Einflüsse

Der Betreuungs- und Pflegebedarf kranker, behinderter oder hochbetagter Personen hat in den letzten Jahren zugenommen. Die Gründe dafür liegen im demographischen Wandel und in der Zunahme chronischer Erkrankungen. Es sind eher längere, anspruchsvollere Pflegeverläufe zu erwarten. Außerdem ist mit einer Verknappung der Ressourcen, personell und finanziell, in beiden Ländern zu rechnen. Medizinische und medizintechnische Fortschritte können sich einerseits in einer längeren Lebenszeit niederschlagen, aber auch in Erleichterungen und Verbesserungen der Versorgungsmöglichkeiten, die den persönlichen Pflegebedarf auch in höherem Alter vermindern. Nach wie vor wird in beiden Ländern ein großer Teil der Hilfe und Pflege für erkrankte, behinderte oder ältere Menschen durch Angehörige und dem nahen sozialen Umfeld erbracht. Es handelt sich dabei um einen in seinem Umfang letztlich unbekannten, aber sicher überwiegenden Teil. Professionelle Angebote leisten in der Pflege zu Hause zwar einen wichtigen Beitrag. In pflege- und betreuungsintensiven Situationen, wie beispielsweise bei umfassender Behinderung oder fortgeschrittener Demenz, ist das Angebot aber oft zeitlich nicht ausreichend, nicht passgerecht abgestimmt und langfristig finanziell belastend. Gesellschaftliche Änderungen wie eine steigende Zahl von Einpersonenhaushalten, eine stärkere Berufsbindung von Frauen oder eine Zunahme der Altersarmut könnten ebenso veränderte Bedingungen schaffen wie knapper werdende Personalressourcen in der professionellen Pflege. Es gilt diese Entwicklungen zu erkennen und Vorkehrungen zu treffen, dass eine würdevolle, persönlich geprägte Pflege auch in Zukunft gewährleistet werden kann.

Häusliche Pflege soll gestärkt werden

Pflegebedürftige Menschen sollen möglichst lange die Chance haben, in ihrer häuslichen Umgebung bleiben zu können. Beide Länder befolgen den Grundsatz «ambulant vor stationär». Welche finanzierbaren Möglichkeiten gibt es, die eine den Bedürfnissen der Angehörigen angepasste und dem Bedarf der Pflegebedürftigen angemessene häusliche Betreuung garantieren können? Die Kenntnisse zur Situation in der informellen häuslichen Pflege in beiden Ländern sind bislang lückenhaft. Insbesondere die Situation der Frauen, die von Pflegeverpflichtungen und ihren Folgen (gesellschaftlich, gesundheitlich, etc.) in höherem Maß betroffen sind und gleichzeitig eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der Herausforderungen aus dem demographischen Wandel spielen, ist in vieler Hinsicht ungeklärt. Die Möglichkeiten grenzüberschreitender Versorgung wurden bislang nicht ausgelotet.

Projektziele

Das Projekt zielt ab auf die Erstellung eines (zumindest in Teilen) übertragbaren Regionalmodells für eine Grenzregion zur Ausgestaltung Verbundener Pflege (Co-Pflege). Übertragbar sollen insbesondere identifizierte Best-Practice-Lösungen sein. Darüber hinaus werden Qualitätsziele für eine Verbundene Pflege aus der Perspektive der Betroffenen erarbeitet und Eckpunkte eines Qualitätskonzepts für das als Ergebnis entwickelte Pflege- und Betreuungsangebot abgeleitet (SGB XI §45c (3)). Das Projekt analysiert, wie häusliche Versorgungsarrangements in der Region strukturiert und organisiert sind. Der Fokus liegt auf der Perspektive der Betroffenen. Es berücksichtigt Fragen des Versorgungsbedarfs und Aspekte der Versorgungsqualität. Chancen und spezifische Herausforderungen für grenzüberschreitende Angebote werden aufgezeigt. Demographischer Wandel, gesellschaftliche Veränderungen, die unterschiedlichen und gleichfalls im Wandel befindlichen sozialen Sicherungssysteme in der Grenzregion, die Bedürfnisse der Region als Lebenswelt für die BürgerInnen und nicht zuletzt als Wirtschaftsstandort sollen Berücksichtigung finden. Weitere Zielsetzungen im Sinne des Anliegens „Wissenschaft in die Praxis“ und der Translationsforschung sind,  wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst frühzeitig in die Praxis  zu tragen und durch systematische Praxisreflexion unmittelbar hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit und Praxistauglichkeit zu überprüfen. Basierend auf den Erkenntnissen werden praxisorientierte Schlussfolgerungen für die Organisation von verbundenen Versorgungskonzepten mit professionellen Anbietern von häuslichen Pflege-Dienstleistungen ausgearbeitet. In einer Zusammenschau soll, nutzergerecht gestaltet, das gemeinsame Wissen der Region Lörrach / Basel zur Ausgestaltung und dem Umgang mit Pflegesituationen gebündelt, durch Erkenntnisse aus der Untersuchung ergänzt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden (Transparenz). Die Implementierung des Modells in die Breite mit Erprobung und Evaluation bei der Umsetzung der Strukturen könnten Inhalte eines Folgeprojektes sein.

Im Projekt werden dazu folgende Fragen untersucht:

Für die Erhaltung und Finanzierbarkeit von qualitativ hochwertiger bedarfsgerechter und wertschätzender Pflege widmet sich das Projekt zwei über die Region hinaus wichtigen Zukunftsproblemen: Wie kann die Pflegearbeit in einer grenzüberschreitenden Region zukunftsfähig und gesamtgesellschaftlich verteilt ausgerichtet werden? Wie können Pflegende entlastet werden und die private Pflegearbeit unterstützt oder nötigenfalls auch verringert werden?

Pflegestrukturen: Welche politischen, gesetzlichen und sozialen Bedingungen bilden in den beiden Ländern den Rahmen? Wie sieht der Status quo in der Grenzregion aus: Was gibt es wo? Welche Dienstleistungen werden wann, in welcher Form und in welchem Umfang von wem erbracht? Was davon ist (wie) gut? Wie sieht die Umsetzung der sog. verbundenen Pflege (Co-Pflege) bislang aus?
Professionelle Pflege (stationär und ambulant):
Gibt es Wanderungsströme der Pflegekräfte? Gibt es eine „Pflege-Migration“? Was sind Einstellungen, Bedarfe und Wünsche von Pflegekräften, Pflegedienst-, Heimleitungen, ÄrzteInnen, Verantwortlichen in Verwaltungen etc.? Welche Sicherheitskultur gibt es?
Laien- / Informelle Pflege: Wie lassen sich informell Pflegende charakterisieren (Profil)? Wie sind in der Region die Einstellungen und Bedarfe derer, die Angehörige pflegen?
Nachfrage (Pflegebedürftige und Angehörige): Welche Nachfrage an Dienstleistungen zur Pflege besteht von welcher Seite und wo? Gibt es eine grenzüberschreitende Nachfrage nach Angeboten im Pflegebereich und wie sieht sie aus? Wie sieht die Nutzung bestehender, auch grenzüberschreitender Angebote aus?
Zukunftsvision „Grenzüberschreitende Verbundene Pflege“: Wie sehen Risikoabschätzungen, Zukunftsszenarien und Modellrechnungen aus? Kann man die Kostenfolgen grenzüberschreitender Angebote abschätzen?
Wie steht es um die Wahrnehmung von Pflege (-verpflichtung) in der Gesellschaft und die Übernahme von Verantwortung für die Pflege durch die Gesellschaft? Wie könnte eine enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit im fachlichen Bereich aussehen? Welche Rolle kommt Betrieben mit Blick auf Pflegeverpflichtung von Mitarbeitenden zu?

Forschungsmethoden

Besonderheiten des Forschungsansatzes sind:

  • Die mit den Betroffenen gemeinsame Erarbeitung von Erkenntnissen zu Haltungen und Bedarfen und zur Ausrichtung der zukünftigen Versorgungsstruktur (partizipative, gestaltende Versorgungsforschung), d.h. die soziale Wirklichkeit in der Region wird gemeinsam untersucht und verändert.
  • Multiperspektivischer Ansatz (integriert verschiedene Perspektiven und Interessenlagen, stellt die Zusammenschau her, bezieht Erfahrungen und Rahmenbedingungen zweier Nationalstaaten ein).
  • Die Erarbeitung des Modells unterliegt der begleitenden Qualitätssicherung durch wissenschaftlich angeleitete kommunikative Validierung.

Wegen der Vielfalt der zu beantwortenden Fragen und der schwierigen Datenlage werden mehrere Datenquellen und verschiedene Erhebungsmethoden zur Anwendung gebracht. In diesem multi-methodischen Ansatz ergänzen sich die verschiedenen Datenquellen und Erhebungsinstrumente in ihren Eigenschaften und Perspektiven.
Literaturanalyse: Sie liefert eine Übersicht zur aktuellen Literatur und Forschung zum Themenkreis häusliche Pflege, verbundene Pflege (Co-Pflege), grenzüberschreitende Pflege, sowie zur Relevanz für die Region.
Experteninterviews mit Pflegenden, Pflegebedürftigen und Expert_innen von Pflegestützpunkten und vergleichbaren Einrichtungen: Für die Erhebung zu den Erfahrungen und Perspektiven vor dem Hintergrund spezifischer häuslicher Versorgungsarrangements werden leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Aufbau, Durchführung und Auswertung der Interviews erfolgten in der Methodik nach Mayring (Mayring 1999; Mayring 2003; Stockmann 2007).
Fragebogenerhebung bei einem erweiterten mit der Pflegethematik befassten Expertenkreis, dazu zählen u.a. Pflegekassen, Einrichtungen professioneller Pflege, Betriebe, Seniorenverbände: Das Instrument erhebt Haltungen, Erfahrungen, Einschätzungen und Zukunftsvorstellungen zur Verbundenen Pflege / Co-Pflege und zu einer grenzüberschreitenden Pflege-Versorgung in der Region.
Sekundärdatenanalyse und Modellierung:
Daten der amtlichen Statistiken beider Ländern, sowie Daten der regionalen Verwaltungen und der Pflegekassen sollen von verschiedenen Dateneignern zur Verfügung gestellt und in die statistische Modellierungen einbezogen werden, die Abschätzungen von Entwicklung zulassen.

Projektpartner und Laufzeit

Das Vorhaben wird getragen durch den Landkreis Lörrach, die Halbkantone Basel Stadt und Basel Land und unterstützt durch das Land Baden-Württemberg im Verbund mit den Pflegekassen.
Zu den Kooperationspartnern zählen die Universitäten Tübingen und Trier, sowie der Landkreis Lörrach und die Gesundheitsdepartmente Basel-Stadt und Basel-Land. Das Projekt ist Teil der Zusammenarbeit Deutschland-Schweiz im Gesundheitswesen. Die Untersuchungen fanden im Landkreis Lörrach und in den Halbkantonen Basel-Stadt und Basel-Land bzw. auf der Basis von Daten dieser Regionen in der Zeit von November 2012 – Oktober 2015 statt.

Zum Projektteam

Prof. Dr. med. Elisabeth Simoes (Projektleitung, elisabeth.simoesmed.uni-tuebingende), Forschungsinstitut für Frauengesundheit und Stabsstelle Sozialmedizin des Universitätsklinikums Tübingen,  Calwer Str. 7, 72076 Tübingen

Prof. Dr. Ralf Münnich (Projektleitung Universität Trier, muennichuni-trierde), Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialstatistik Universität Trier, Universitätsring 15, Trier

Koordinierungsstelle Tübingen:  Leitung Dipl. Pflegewirtin Esther Ueding (esther.uedingmed.uni-tuebingende)
Forschungsinstitut für Frauengesundheit, Universitätsklinikum Tübingen,  Calwer Str. 7, 72076 Tübingen

Regionale Koordinierungsstelle Lörrach/Basel: Leitung: Elke Zimmermann-Fiscella (Sozialdezernentin), Robert Müller, Tanja Zimmermann, Palmstr. 3, D-79539 Lörrach, Tel. 07621 / 410-5001, eMail: carmen.meierloerrach-landkreisde