Nachruf auf Prof. em. Dr. Walter Röll

In Memoriam Walter Röll

[Nach Redaktionsschluss erreichte uns die traurige Nachricht, dass Prof. Dr. Walter Röll am 25. Dezember 2016 gestorben ist.

Wir geben deshalb hier die Worte wieder, die Erika Timm bei seinem Begräbnis gesprochen hat.]



Walter Röll hat uns nach langer schwerer Krankheit, im Alter von 79 Jahren, nun für immer verlassen. Wir trauern um ihn und werden ihn nicht vergessen.

Seine wissenschaftliche Laufbahn hat Walter Röll einst als Altgermanist begonnen, und der Altgermanistik ist er auch treu geblieben, in der Lehre bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2002 und in der Forschung bis zuletzt.

1962 wurde er an der Universität Hamburg promoviert mit einer Arbeit über den sogenannten Jüngeren Titurel, 1969 wurde er habilitiert mit Arbeiten über den faszinierenden Liederdichter Oswald von Wolkenstein. Sein letztes großes Projekt ist unvollendet geblieben: die Edition einer mittelhochdeutschen Version der Gesta Romanorum.  Insgesamt hat er mehr als 50 gewichtige Beiträge zu diesen und anderen Themen der mittelhochdeutschen Dichtung publiziert – dabei sind Miszellen, Lexikonartikel und Rezensionen noch nicht einmal mitgezählt.   

Seine ganz große Liebe aber galt, sozusagen aus der Altgermanistik erwachsen, der Jiddistik – also der Erforschung der jiddischen Sprache, Literatur und Kultur. Und auch dieser großen Liebe ist er bis zuletzt treu geblieben, deshalb soll sie jetzt im Mittelpunkt stehen. Ich konzentriere mich auf einige der markantesten Ereignisse in diesem seinem Wirkungsbereich. 

Angefangen hat alles vor mehr als einem halben Jahrhundert in Hamburg. Und als eine seiner ältesten wissenschaftlichen Weggefährten habe ich diese Geschichte von Anfang an miterlebt.   

Anfang der 60er Jahre entdeckte Walter Röll als junger Assistent in der Bibliothek des Hamburger Germanischen Seminars den kleinen grammatischen Abriss der Jiddischen Sprache von Salomo Birnbaum von 1918 – und war sofort fasziniert. Er erkannte sehr schnell, dass das Jiddische eine im Wesentlichen  germanische Sprache ist, die dem Deutschen sehr nahe steht, und dass ihre Erforschung somit eine interessante und unbedingt wichtige Aufgabe der Germanistik ist.  Er nahm Kontakt auf zu dem im Londoner Exil lebenden Autor, der vor und noch zu Beginn der Nazizeit als Dozent an der Universität Hamburg sich erfolglos um die Institutionalisierung des Faches Jiddistik bemüht hatte. Der alte Birnbaum ermunterte den jungen Röll zur Weiterarbeit und blieb bis zu seinem Tod 1991 ein hilfreicher, gütiger Ratgeber.

Nicht lange nach diesem Fund bot Walter Röll dann (1964) –  mutig wie er damals schon war – das erste Jiddisch-Seminar an, zu dem gleich mehr als 40 Teilnehmer aller Fakultäten erschienen.  Sicherlich hat er – den eifrigen Teilnehmern immer knapp voraus – bei den Vorbereitungen für dieses Seminar schwer geschuftet und geschwitzt, denn das waren keine Erstsemester, sondern ziemlich hohe, manche waren schon promoviert, und entsprechend waren natürlich die Fragen. 

Nun, nicht wenige der damaligen Teilnehmer wurden so gefesselt, dass sie heute noch dabei sind. Das war übrigens das erste Jiddisch-Seminar der Nachkriegszeit in Deutschland, wahrscheinlich sogar in Europa. Seitdem  hat Walter Röll noch in Hamburg weitere Seminare angeboten, angefangen mit den Klassikern des 19. Jahrhunderts, also Mendele Mojcher Sforim, Jizchok Lejbusch Perez und Scholem Alejchem, doch bald auch übergehend zu alten Texten des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Als er 1970 auf den Lehrstuhl für Ältere deutsche Philologie an die neugegründete Universität Trier berufen wurde, scheute er keine Mühe, den Kollegen die jiddische Sprache nahezubringen und für ihre Integrierung in das germanistische Lehrprogramm zu sorgen. Denn als Altgermanist und Jiddist wurde er nie müde, darauf hinzuweisen, was Germanistik und Jiddistik einander geben können.     

Bereits im Sommer 1976 organisierte er  in Trier das erste  wissenschaftliche Jiddisch-Symposium der Nachkriegszeit in Deutschland,  zum Thema „Fragen des älteren Jiddisch“, mit internationaler hochkarätiger Besetzung und nicht zuletzt mindestens sechsen  von der ersten Hamburger Nachwuchsgeneration. Schon 1977 erschien die Publikation des Tagungsbandes.

Im Sommer 1986 sorgte er während seiner Amtszeit als Dekan dafür, dass unser alter Mentor Salomo Birnbaum zum Ehrendoktor der Universität Trier ernannt wurde und dass der Geehrte zu dieser Feierlichkeit, wieder mit Gästen aus aller Welt, nach mehr als fünfzig Jahren Exil zum ersten Mal wieder nach Deutschland kam.  

Inzwischen war Trier weltweit eines der wichtigsten Zentren für die Erforschung des Altjiddischen geworden, so dass um 1990 die Voraussetzungen für die  Errichtung des ersten Lehrstuhls für Jiddistik in Deutschland geschaffen waren. Einige Jahre später wurde an der Universität Düsseldorf ein zweiter Lehrstuhl errichtet und kürzlich ein weiterer – zunächst für fünf Jahre – in Berlin. Auch an anderen deutschen Universitäten finden wir heute seriöse Lehr- und Forschungsaktivitäten.  

Angefangen aber hat alles vor einem halben Jahrhundert in Hamburg. Ich bin überzeugt, im Namen aller seiner Schüler zu sprechen, wenn ich unserem alten Lehrer nachrufe:   Hab Dank, Walter Röll! 

 

siehe auch: Germanistik Aktuelles

 https://www.uni-trier.de/index.php?id=1016

Jiddistik aktuell

 


  • Im Rahmen des Yiddish Summer Weimar leitete Prof. Simon Neuberg vom 7.-14. August 2012 einen Jiddisch-Kurs für Fortgeschrittene. Einen Bericht dazu finden Sie hier.

  • Der nächste Intensivkurs Jiddisch findet vom 18. - 22. September 2017 statt.
  • Das XX. Symposium für Jiddische Studien in Deutschland findet vom 4. bis 6. September 2017 in Trier statt.

  • Berichte über die vorangegangenen Symposien für Jiddische Studien in Deutschland finden Sie unter Symposium Archiv.