Forschung

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Prof. Dr. Sonja Levsen ist seit dem 1. April 2023 Professorin für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte und Direktorin des Seminars für Zeitgeschichte an der Universität Tübingen: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/geschichtswissenschaft/seminareinstitute/zeitgeschichte/institut/personal/team/levsen-sonja/

Forschungsprojekte

1. Autorität und Demokratie. Eine Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland und Frankreich, 1945-1975 (abgeschlossenes Habilitationsprojekt)

Gefördert als Dilthey-Fellowship von der VolkswagenStiftung, Laufzeit 2011-2017.

Aus dem Projekt ging die abgeschlossene Habilitationsschrift hervor. Das Buch historisiert das Narrativ, die frühe Bundesrepublik sei von „autoritären Traditionen“ geprägt gewesen, die sie von ihren westlichen Nachbarländern unterschieden. Nur langsam gelang es den Deutschen, so suggeriert diese Erzählung, sich von jener undemokratischen Kultur der Erziehung zu Unterordnung und Gehorsam zu distanzieren, die ihren Höhepunkt im Nationalsozialismus gehabt hatte. Das Buch argumentiert demgegenüber mit Fokus auf Erziehung, dass sich die Bundesrepublik der 1950/1960er Jahre nicht durch einen spezifischen Autoritarismus auszeichnete, sondern vielmehr durch ein rasch wachsendes und im Vergleich mit Frankreich (in vieler Hinsicht aber auch im europäischen Vergleich) ungewöhnlich ausgeprägtes Unbehagen an Formen von Autorität, die auf Gehorsam und Unterordnung zielten.

Das Buch beleuchtet in komparativer Perspektive den Einfluss unterschiedlicher Vergangenheitsdeutungen und Demokratiekonzepte auf die Erziehungsideale und -praktiken beider Gesellschaften. Eingebettet wird die kultur-geschichtliche Frage nach Deutungsmustern und ihren Konsequenzen in eine differenzierte Diskussion verschiedener Faktoren des Wandels – so etwa des Einflusses der Sozialwissenschaften (von der französischen Psychoanalyse bis zur westdeutschen Soziologie), der Auswirkungen der Konsumgesellschaft, der Jugendkultur, der Strukturen der politischen Systeme. In vier thematischen Kapiteln verbindet das Buch die Analyse von Debatten mit der Frage nach konkretem Wandel – in der Schulkultur, im Umgang mit ‚Politik‘ in der Erziehung, in Strafpraktiken, in der Sexualerziehung. Gesellschaftliche Selbstbilder, so folgert es, und für die Bundesrepublik dabei insbesondere das Narrativ der ‚autoritären Traditionen‘ prägten Form und Dynamiken des Wandels in entscheidender Weise. Schließlich analysiert das Buch erstmals den Stellenwert und Charakter von ‚1968‘ im westdeutschen und französischen Erziehungswandel auf umfassender empirischer Grundlage. ‚1968‘ bedeutete sehr Verschiedenes für deutsche und französische Erziehungsdebatten – und zeigte sehr unterschiedliche Konsequenzen.
 

2. Beyond 'Transnationalism'. Mapping the Spatial Contours of Political Activism in Europe's Long 1970s (mit Kiran Patel, LMU München, Workshops in Maastrich/Freiburg 2019), Special Issue im European Review of History, erscheint vorauss. 2022.

Dieses internationale Forschungsprojekt mit TeilnehmerInnen aus zahlreichen europäischen Ländern zielte auf die Erstellung einer Special Issue, die sich den spezifischen räumlichen Konfigurationen zuwendet, in denen sich politischer Aktivismus in den „langen“ 1970er Jahren entfaltete. Bisher, so die Beobachtung, wird für die 1970er Jahre vielfach eine Zunahme "transnationaler" Verflechtungen konstatiert und das als Charakteristikum der Dekade ausgeflaggt, jedoch kaum danach gefragt, welche Konturen die neu entstehenden Räume aufwiesen. Das Projekt ging von der These aus, dass es heuristisch produktiv ist, verschiedene Formen transnationaler Verflechtung zu unterscheiden, da sie je verschiedene  Räume hervorbrachten: die Ebene der Wissenszirkulation, die Ebene sozialer Erfahrungen und des konkreten politischen Engagements sowie die Ebene der imaginären Räume von Zugehörigkeit und Solidarität. Diese Räume stimmten jedoch keineswegs miteinander überein und werden hier erstmals systematisch in ihrem Beziehungsverhältnis untersucht.

 

3. Why Europe, Which Europe? A Debate on Contemporary European History as a Field of Research (mit Jörg Requate, Kassel, und in Kooperation mit den Deutschen Historischen Instituten und der Max Weber Stiftung), https://europedebate.hypotheses.org/.

Between national spaces of historical enquiry on the one and global history on the other side: What are European history’s contributions to understanding the past – and the present? What, if any, are its methodological and heuristic characteristics? In which ways has the field developed within the last decade in research institutions all over Europe – and where do we want it to head within the near future? These questions, surprisingly, have never been discussed in a truly European perspective, between historians from all parts of Europe. EuropeDebate has kicked off such a debate. Since October 2020, historians from various parts of Europe have offered new perspectives on European history as a field of research - and more than 11 000 visitors to the website have so far taken an interest in the project. In spring 2022, a third round of the debate will follow; after that, subpanels on specific topics are planned.

Contributors in fall 2020: Efi Avdela (Athens), Martin Conway (Oxford), Pepijn Corduwener (Utrecht), Laura Lee Downs (EUI Florence), Pasi Ihalainen (Jyväskylä), Jitka Malečkovà (Prague) and Alexander Semyonov (St Petersburg).

Contributors in spring 2021: Maciej Górny (Warschau), Karen Gram-Skoldjager (Aarhus), Sandrine Kott (Genf), Ferenc Laczo together with Camilo Ehrlichman and Pablo del Hierro (Maastricht), Giovanni Orsina (Rom), Xosé Manoel Núñez Seixas (Santiago de Compostela), Dubravka Stojanovic (Belgrad).
 

Tagungen, Panels, Workshops

  • Understanding Harm, Rethinking Violence, Transforming Childhood: A 20th Century History, International Workshop, 24-25 September 2021, mit Till Kössler (Halle)
  • Demokratie und Demokratiebildung im Wandel. Lehrerfortbildung gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Studienhaus Wiesneck, Juni 2021.
  • Was treibt die Geschichte im 20. Jahrhundert? Kausalität und Kontingenz in jüngeren Forschungsdebatten. Podiumsdiskussion im Rahmen des 53. Historikertags in München, September 2020, gemeinsam mit Franka Maubach, Teilnehmer_innen: Ute Daniel, Martin H. Geyer, Sybille Steinbacher, Petra Terhoeven, Benjamin Ziemann.
  • Beyond Transnationalism. International Workshops, mit Kiran Patel, Juli 2019 (Maastricht), Dezember 2019 (Freiburg)
  • Warum Europa, welches Europa? Sektion im Rahmen des 52. Historikertags in Münster, September 2018, gemeinsam mit Jörg Requate
    Abstract, Programm
  • Die 1970er Jahre in Westeuropa. Sektion im Rahmen des 50. Historikertags in Göttingen, September 2014, gemeinsam mit Jörg Arnold
    Sektionsbericht
  • "Die Bundesrepublik im Vergleich", Universität Freiburg, 20. - 22.02.2014, gemeinsam mit Cornelius Torp
    AbstractProgrammTagungsbericht, vgl. auch den Tagungsband: Wo liegt die Bundesrepublik? Vergleichende Perspektiven auf die westdeutsche Geschichte, hg. mit Cornelius Torp, Göttingen 2016.
  • "Making Moral Citizens. Democracy, Maturity and Authority in Postwar Western Europe" Internationaler Workshop am FRIAS Universität Freiburg, Mai 2012, gemeinsam mit Till van Rahden
    Programm
  • "War Volunteering in Modern Times", Internationale Konferenz im Rahmen des SFB Kriegserfahrungen in Tübingen, September 2007, gemeinsam mit Christine Krüger
    Tagungsband

 

Forschungsinteressen

  • Vergleichende und transnationale europäische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert 
  • Transnationale Perspektiven des Gesellschaftswandels seit 1945
  • Geschichte der Demokratie und der Partizipation; Erfahrungsgeschichte der Weltkriegsepoche
  • Geschichte der Erziehung/Bildung, der Männlichkeit, der Sexualität und der Gewalt
     

 Betreute Dissertationen