Projektbeschreibung

Das Projekt untersucht vergleichend anhand von drei systemischen und drei politisch-gouvernementalen Faktorenbündeln die langsamen Prozesse der Landnahme, Verdrängung und Aus-löschung indigener Gesellschaften (Siedlerimperialismus) im Kontext der nordamerikanischen und australischen Besiedlungsgeschichte (Besiedlung des Northwest Territory 1789-1855, Besiedlung New South Wales und Victoria 1788-1851). Die zentralen Beobachtungseinheiten des Projekts sind erstens jene Konstellationen in diesem prekären Prozess, in denen politisch-gouvernementale Ord-nungsansätze beobachtet werden können, zweitens die Kleinstereignisse und Mikropraktiken an der Frontier, die im Sinne systemischer Kontextvariablen operationalisiert werden.

Das Projekt fragt: Unter welchen Konstellationen von politisch-gouvernementalen Ordnungsansätzen und Kleinstereignissen an der Frontier kommt es zum Übergang von Kohabitation zu low intensity warfare? Welche Rolle spielen kulturelle Kontextbedingungen für eine Entscheidung zum Kampf bzw. für die Entscheidung zum Einsatz von Gewaltmitteln? Inwieweit sind die hier zu beobachtenden menschlichen Aktionen durch „Dispositive“ (Glaubenssätze, Diskurse und Begehren) beeinflusst und inwieweit werden die Entscheidungen von Menschen durch nicht-intentionale Handlungsregulierung wie Formen der Selbststeuerung oder durch Mikrotechniken der Macht, etwa Rolle und Position innerhalb hierarchischer Subsysteme, gesteuert? Welche unbeabsichtigten Konsequenzen kollektiver menschlicher Entscheidungen bewirken das Umschlagen von Kohabitation in Gewalt? Welche Interak-tionsformen charakterisieren den Konfliktfall? Das Projekt zielt auf die Erklärung des „Erfolgs“ des Systems „Siedlerimperialismus“.

Bei diesem Projekt handelt es sich ursprünglich um die Fortsetzung eines historischen Teilprojekts des SFB 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“, das sich in der ersten Förderphase des SFB (2006-2009) mit Fragen von „Colonial Governance“ in Nordamerika im 18. Jahrhundert beschäftigt hat. Hier stand die Analyse der Institutionalisierung von Herrschaft und den damit verbundenen Machtinstrumenten sowie dem Steuerungshandeln im Bereich der Mehrebenenverflechtung von metropolitanem Zentrum, lokalen Repräsentanten und Siedlern im Vordergrund. Darauf aufbauend widmet sich das Projekt in der zweiten Förderphase des SFB (2010-2013) der Untersuchung von Sicherheit als Governance-Leistung. Untersuchungsgegenstand ist die Interaktion zwischen Siedlern und indigener Bevölkerung, wobei spezifisch nach Auslösern von Gewaltakten gegen die indigene Bevölkerung gefragt wird. Das System „Siedlerimperialismus“ wird analysiert im Hinblick auf seine Fähigkeit, von der Phase der Kohabitation in die Phase der kriegerischen Auseinandersetzung umzuschalten, und vice versa. [Kohabitation schließt die folgenden Formen der Interaktion ein: relativ friedliches Mit- und Nebeneinander (Akkomodation); Handel und Warenaustausch; gegenseitige Hilfe bei der Besiedlung der Frontier (Kooperation); intermarriage (Kulturkontakt); darüber hinaus beschreibt Kohabitation Phasen des Übergangs von einer „friedlichen“ Form der Interaktion zu einer anderen.] Dazu wird die interdependente Konstellation von Kleinstereignissen an der Frontier und spezifischen gouvernementalen Ordnungsansätzen der politischen Eliten in den Metropolen und den regionalen Zentren erforscht. Unter Kleinstereignissen verstehen wir nach Farge (1997) und Foucault (1977) jene alltäglichen und habituellen Verrichtungen und (körperlichen) Praktiken, die von der Geschichtsschreibung gewöhnlich nicht wahrgenommen werden, die aber dennoch große Bedeutung für die Gestaltung einer historischen Umwelt haben. Wichtig ist dabei die Feststellung, dass die Akteure in diesem Prozess nicht intentional genozidal handelten, sondern wenigen und einfachen Regeln folgten, die in ihrer Gesamtheit komplexe, nicht-lineare Konsequenzen zeitigten. Mit der von uns gewählten systemischen Perspektive öffnen wir den historischen Blick in Anlehnung an Michel Foucault auf „Strategien ohne Strategen“. In Einklang mit dem Gouvernementalitätsansatz werden damit Dimensionen von Governance beleuchtet, die bei einer reinen handlungstheoretischen Fundierung nicht in die Betrachtung einbezogen würden. Das Projekt geht damit deutlich über die Frageperspektiven und Erkenntnisinteressen der sozialwissenschaftlichen Governance-Forschung hinaus und lenkt den Blick auf das analytische und heuristische Potential der kulturwissenschaftlich-historischen Gouvernementalitätsforschung für die Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen.