Auswandererbriefe aus Nordamerika

Projektförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Freie Universität Berlin Innovationsfonds, Forschungszentrum Europa, Universität Trier
Laufzeit: seit 2003 fortlaufend

Forschungskontext: Migrationsgeschichte, Lebens- und Erinnerungsgeschichte, Wissensgeschichte, Selbstzeugnisse, Briefforschung


Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl ist die Leiterin der Nordamerika-Briefsammlung, der europaweit größten Sammlung von Auswandererbriefen des 19. und 20. Jahrhunderts (www.auswandererbriefe.de). Die Nordamerika-Briefsammlung (NABS) befindet sich zusammen mit umfangreichem Erschließungsmaterial – Inhaltskartierung, Briefschreiberlisten, Ortslisten, biographische Informationen über die Briefschreiber, Archivmaterial zu einzelnen Serien, etc. – in der Forschungsbibliothek Gotha (https://www.uni-erfurt.de/bibliothek/fb/) und wird dort kuratiert. Zusätzlich zu den eingeworbenen Briefen aus privater Hand umfasst sie Kopien von mehr als 2.000 gedruckt erschienenen Auswandererbriefen und darüber hinaus den Nachweis von etwa 4.000 weiteren gedruckten Auswandererbriefen und Briefen in den Landes-, Regional- und Lokalarchiven der neuen Bundesländer. Die Sammlung wächst kontinuierlich. Immer wieder erreichen uns Einsendungen von Auswandererbriefen, die aufgrund von Generationenwechseln oder Umzügen nicht mehr von der Empfängerfamilie aufbewahrt werden können. In Gotha werden sie in der Handschriftensammlung fachgerecht aufbewahrt und archiviert und damit für die Nachwelt gesichert.

Auswandererbriefe sind eine wichtige Quelle für migrationshistorische Forschung. Sie geben Aufschluss über Fragen nach der Motivation und dem wirtschaftlichen Hintergrund der Auswanderung, beruflichem Fortkommen und Sozialstatus, ethnischem Eigenleben in Vereinen, Schulen, Kirchen, Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft und ihren Minderheiten, besonders Arbeitswelt, Lebensstandard, Diskriminierung und Politik, Strukturen von Siedlung und Kettenwanderung, sowie Integration, Wertewandel und den Akkulturationsprozess. Auswandererbriefe sind zudem für die linguistische Forschung interessant. Sie sind Textzeugnisse aus der Feder einfacher Menschen, die ohne die Auswanderung kaum geschrieben und schriftliche Zeugnisse hinterlassen hätten. Orthographie, Syntax, Semantik/Lexik und der argumentative Aufbau der Briefe entsprechen nur in den seltensten Fällen den Konventionen bildungsbürgerlicher Briefkultur. Für die linguistische Forschung sind die Briefe gerade deswegen interessant. Sie geben wertvolle Einblicke in die Sprachpraxis und den Alltagssprachgebrauch.

Auf der Grundlage der Auswandererbriefe beschäftigt sich Ursula Lehmkuhl mit den Lebensgeschichten der Auswanderer. Wie werden die Auswanderung und die Mobilität nach der Migration erzählt und lebensgeschichtlich verarbeitet? Welche Rolle spielt der öffentliche Diskurs in der Rahmung der Migrationserzählung? Welche Erinnerungsschichten beeinflussen das lebensgeschichtliche Migrations- und Mobilitätsnarrativ? Diese und ähnliche Fragen werden auf der Grundlage ausgewählter Briefserien, die mehrere Generationen überspannen, erforscht und beantwortet.

 

Publikationen

Briefeditionen:

Helbich, /Walter D. Kamphoefner/Ulrike Sommer (Hg.) (1988): Briefe aus Amerika. Deutsche Auswanderer schreiben aus der Neuen Welt 1830-1930 (München: Beck).

Helbich, Wolfgang (Hg.) (1985): "Amerika ist ein freies Land ..." Auswanderer schreiben nach Deutschland (Darmstadt: Luchterhand)

Helbich, Wolfgang /Walter D. Kamphoefner (Hg.) (2002): Deutsche im Amerikanischen Bürgerkrieg. Briefe von Front und Farm 1861-1865 (Paderborn: Schöningh)

Helbich, Wolfgang J. (1988): "Alle Menschen sind dort gleich...". Die deutsche Amerika-Auswanderung im 19. und 20. Jahrhundert (Düsseldorf: Schwann)

Kamphoefner, Walter D./ Wolfgang Helbich (Hg.) (2009) (paperback 2017): Germans in the Civil War. The Letters They Wrote Home (Chapel Hill: University of North Carolina Press).

Kamphoefner/Walter D. /Wolfgang Helbich/Ulrike Sommer (Hg.) (1991): News from the Land of Freedom. German Immigrants Write Home (Ithaca: Cornell University Press).

 

Briefanalysen:

Lehmkuhl, Ursula (2011): Auswandererbriefe als kommunikative Brücken. Wege und Formen der (Selbst-)Verständigung in transatlantischen Netzwerken, in: Zeitschrift für Mitteldeutsche Familiengeschichte, 52. Jg., H. 2, April-Juni 2011, 65-84.

Lehmkuhl, Ursula (2014): Heirat und Migration in Auswandererbriefen – Die Bestände der Nordamerika-Briefsammlung, in: L’Homme – Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 25:1, 123-128.

Lehmkuhl, Ursula (2014): Johann Heinrich Carl – The Revolutionary: The History and Collective Memory of a German-American Family, 1852-2004, in: Studia Migracyjne (40:1), 31-56.

Lehmkuhl, Ursula (2014): Reading Immigrant Letters and Bridging the Micro-Macro Divide, in: Studia Migracyjne (40:1), 9-30.