Vortragsreihe "Erinnern als höchste Form des Vergessens? Der Holocaust im Diskurs des 21. Jahrhunderts"

Im November 2021 beginnt eine neue Online-Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Erinnern als höchste Form des Vergessens? Der Holocaust im Diskurs des 21. Jahrhunderts", welche die IIA zusammen mit dem Rosa Salon, dem Referat für Antirassismus und Antifaschismus im AStA der Universität Trier und dem Arbeitskreis Erinnerung der Großregion organisiert hat. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen erinnerungspolitischen Debatten widmet sich die Reihe der Frage, wie an den Holocaust erinnert wird und was ihn als singuläres Phänomen kennzeichnet.

Die Reihe versammelt Beiträge von Stephan Lehnstaedt, Rolf Pohl, Felix Berge, Felix Sassmannshausen, Marta Havryshko, Tatjana Tönsmeyer, Nicolas Berg, Steven T. Katz, Jeffrey Herf, Jan Gerber, Ljiljana Radonic, Felicitas Kübler, Steffen Klävers, Jonas Kreienbaum, Micha Keiten und Ingo Elbe.

Alle Links finden sich unter: www.linktr.ee/erinnern2021

Die Reihe ist in Zusammenarbeit mit dem AStA der Uni Trier, dem AStA der Uni Oldenburg, dem Bündnis gegen Antisemitismus Köln, Demokratie und Information (DEIN e. V.) und den Veranstaltungen zur Ideologiekritik Münster entstanden. Die ersten drei Vorträge der Reihe werden von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz gefördert.

Die Veranstaltungsreihe wird vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz im Rahmen des Programms "Gemeinsam für Gleichwertigkeit" gefördert.

Plakate der Veranstaltungsreihe zum Download

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Aufzeichnungen

Veranstaltungen der Vortragsreihe

November

09. November 2021 | Der Kern des Holocaust: Belzec, Sobibór, Treblinka und die "Aktion Reinhardt"

Vortrag von Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt (Touro College Berlin) | Moderation: Volker Beck | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

An den polnischen Juden entwickelten die Deutschen seit September 1939 ihr antisemitisches Programm weiter zum Genozid. Der im Frühjahr 1942 einsetzende industrielle Massenmord wurde nicht in Auschwitz „erfunden“, sondern in und für die "Aktion Reinhardt", die Vernichtung in den Lagern Belzec, Sobibór und Treblinka. Der Vortrag kontextualsiert diesen Kern des Holocaust in der Forschungslandschaft, berichtet über Täter und Opfer, und versucht eine gedenkpolitische Einordnung.

Stephan Lehnstaedt ist seit 2016 Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin. Er hat an der LMU München, der HU Berlin und der London School of Economics gelehrt und war 2010 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau. Lehnstaedt wurde in Polen mehrfach für seinen Beitrag zur deutsch-polnischen Aussöhnung ausgezeichnet, u. a. mit der Anielewicz-Medaille vom Verband der Holocaust-Überlebenden.

 

23. November 2021 | Normalität und Massenmord. Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft

Vortrag von Prof. Dr. Rolf Pohl (Leibniz-Universität Hannover) | Moderation: Prof. Dr. Julia König | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

Spätestens seit Hannah Arendts Hinweis auf die tiefe Kluft zwischen der Monströsität der NS-Verbrechen und der vergleichsweise banal wirkenden Durchschnittlichkeit ihrer Exekutoren steht die Frage nach der Normalität auf der Tagesordnung der NS-Täterforschung. Aber wie „normal“ waren die Täterinnen und Täter wirklich und, diese Zuschreibung einmal angenommen: wie ist es möglich, aus halbwegs „normalen“ Menschen grausame Massenmörder zu machen? In der Täterforschung hat sich inzwischen dieses Normalitätsparadigma durchgesetzt, dessen „Erfolgsgeschichte“ und das in ihr inflationär verwendete, aber weitgehend undefinierte Etikett „normal“ kritisch überprüft und hinterfragt werden muss. Diese Auseinandersetzung steht im Zentrum des geplanten Vortrags. Sie mündet in den Entwurf eigener psychoanalytisch-sozialpsychologischer Ansätze zum Verhältnis von Normalität und Pathologie im Blick auf einzelne Täter und Tätergruppen, ein Blick, in dem der Zusammenhang von individuellen Dispositionen, den NS-Herrschaftsstrukturen und der massenpsychologischen Wirkung ihrer staatstragenden Ideologie nicht aus den Augen verloren wird. Dies bedeutet vor allem eine gründlichere Verbindung von NS-Täterforschung und Antisemitismusforschung.

Prof. Dr. Rolf Pohl war bis 2017 Hochschullehrer für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover. Er ist Mitbegründer und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie (www.agpolpsy.de) und Mitglied im Fachbeirat von medica mondiale (www.medicamondiale.org). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen Militär und Krieg, NS-Täterschaft, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Sexismus, Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz. Der verbindende Hauptfokus liegt dabei auf Fragen nach der Sozio- und Psychogenese von Gewaltverhältnissen.

Dezember

07. Dezember 2021 | Der Holocaust als offenes Geheimnis

Vortrag von Felix Berge (Institut für Zeitgeschichte München) | Moderation: Andreas Borsch | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

Um den Holocaust als ein offenes Geheimnis in der deutschen Bevölkerung begreifen zu können, ist es nötig, die Kommunikationsstrukturen der nationalsozialistischen Diktatur und seiner Mehrheitsgesellschaft zu verstehen. Die offiziellen wie informellen Informationsformen artikulierten sich in Augenzeugenberichten und Andeutungen des Regimes selbst, kleideten sich aber auch in Deckerzählungen oder Spottverse; sie artikulierten sich nicht zuletzt aber auch durch das eigene Mitansehen und Erleben. Mit Quellenbeispielen kann evident nachgezeichnet werden, wie sich das zeitgenössische Wissen und Ahnen-Können, das (Nicht-)Wissen-Wollen und schließlich das Verdrängen der Verbrechen verbreitete.

Felix Berge studierte Geschichtswissenschaft und Philosophie in Bielefeld und Maynooth und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München an einer Dissertation zu informellen Kommunikationspraktiken in der nationalsozialistischen Mehrheitsgesellschaft im Zweiten Weltkrieg.

Januar

06. Januar 2022 | Franz L. Neumanns materialistische Analyse des Nationalsozialismus im Behemoth

Vortrag von Dr. Felix Sassmannshausen | Moderation: Jonas Erulo und Sebastian Gräber | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

Vor 80 Jahren ist Franz L. Neumanns Behemoth erschienen. Die Studie gilt bis heute als eine der bedeutendsten Arbeiten über die Struktur und Praxis nationalsozialistischer Herrschaft. Das Buch, in der ersten Auflage 1942 erschienen, ist im sich radikalisierenden Vernichtungskrieg der Deutschen und in der Shoah situiert, zu einem Zeitpunkt, als der eliminatorische Antisemitismus bereits Hunderttausende Jüdinnen und Juden das Leben kostete und sich zur systematischen Vernichtung ausweitete. Im Behemoth untersuchte Neumann, der als Sozialist und Jude schon 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste, nicht nur die dem Regime zugrunde liegende Ideologie. Er verweist auch auf die sozialen und ökonomischen Entstehungsbedingungen der nationalsozialistischen Erhebung weit vor 1933. Indem er seine materialistische Theorie des Pluralismus mit einer Ideologieanalyse verknüpfte, lieferte er einen bis heute bedeutenden Beitrag zum Verständnis des Regimes, seiner inneren Stabilität sowie breiten Unterstützung in der deutschen Bevölkerung. Der Vortrag gibt einen Einblick in Neumanns Studie, verortet sie im Kontext seiner rechts- und politikwissenschaftlichen Arbeiten vor 1944 (dem Erscheinen der zweiten Auflage) und erörtert die der Analyse zugrunde liegende materialistische Theorie der NS-Herrschaft. Dabei werden auch Leerstellen seiner Ideologieanalyse, etwa des Antisemitismus und Aspekte ökonomischer Überdetermination, wie die These vom Monopolkapitalismus beleuchtet.

Dr. Felix Sassmannshausen hat an der Universität Göttingen und der TU Berlin zur Aktualität der politischen Theorie Franz L. Neumanns promoviert. Er arbeitet als Autor und freier Journalist in Leipzig.

 

18. Januar 2022 | Gender and Genocide: Sexual Violence against Jewish Women during the Holocaust

Vortrag von Dr. Marta Havryshko (National Academy of Sciences of Ukraine) | Moderation: Dr. Oren Osterer | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

As Raul Hilberg argued, “The road to annihilation was marked by events that specifically affected men as men and women as women”. Both sexes during Shoah were subjected to similar forms of persecution and violence – abuse, forced labor, starvation, deportation, humiliation, and death but only women had to cope with pregnancy, abortions, invasive gynecological examination. The vast majority of rape victims and survivors during the Holocaust are women. Some forms of degradation – for example hair shaving, forced undressing and genital inspection produced feelings and meanings that differed from those of men due to socialized gendered roles and expectations. Those acts threatened men’s security rather than were associated with sexuality or sexual humiliation.

The presentation examines how the gender of Jewish women, their race and identity combined with genocidal conditions made them extremely vulnerable to different forms of sexual violence such as forced nakedness, sexual tortures, medical experiments, rape, forced abortions, and sexual slavery perpetrated by the Germans, their allies, local collaborators and civilians in the Nazi-occupied territories. Using a wide variety of prime and secondary sources, this presentation adopts a grassroots perspective to examine gender-based violence and bodily experiences as one of the most traumatic dimensions of Jewish women’s everyday life during the Shoah. The aim of the presentation is to provide space for the voices of women who were subjected to these traumatic experiences. It focuses on the effects of sexual violence on women such as physical pain, sexually transmitted diseases, unwanted pregnancy, emotional damage, post-traumatic stress disorder, loss of personal dignity, security, believes and self-determination. It explores the variety of strategies employed by the women to cope with the situations in which they were reduced to objects of sexual exploitation, as well as complex reasons of silence behind rape experiences. The presentation highlights the political significance of sexual assault against Jewish women during WWII perpetrated by various actors and argues that sexual violence was not only an intrinsic part of the Holocaust (genocidal violence) but a by-product of the dehumanization process of genocide.

Marta Havryshko is a historian of women's and gender history of the Second World War and the Holocaust. She is a Research Associate at the I. Krypiakevych Institute of Ukrainian Studies of the National Academy of Sciences of Ukraine. Also, currently she is Senior Fellow at the Center for Holocaust Studies, Leibniz Institute for Contemporary History (2021). Member of the international research group “Sexual Violence in Armed Conflict.” In 2020-2021 Marta was a Gerda Henkel Research Fellow at the Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies and a postdoctoral fellow at the International Institute for Holocaust Research, Yad Vashem. In 2019-2020 she was a Diane and Howard Wohl Fellow at the Mandel Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum. In 2018-2019 Marta was an Ada Booth Fellow at Monash University. Her research has been supported by the German Academic Exchange Service, Yahad-In Unum, Canadian Institute for Ukrainian Studies, and others. Her research interests include women's experiences of war and genocides, Second World War, Holocaust, Ukrainian nationalism, feminism, oral history. She is working on a book project about sexual violence against Jewish women and men during the Holocaust in Ukraine. She is the author of the book "Overcoming Silence: Women's War Stories" (Kharkiv, 2019, in Ukrainian) and numerous book chapters and articles about women's experiences of WWII.

 

25. Januar 2022 | Gewalt, Besatzungsgesellschaften, Shoah – Anmerkungen zu einer multidirektionalen Geschichte des II. Weltkriegs

Vortrag von Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer (Bergische Universität Wuppertal) | Moderation: Matheus Hagedorny | Facebook-Veranstaltung | keine Aufzeichnung

Spätestens mit den Debatten um das Berliner Humboldt-Forum ist auch die deutsche Kolonialvergangenheit in aller Munde. Dabei kommt auch zur Sprache, dass Kolonialgewalt und ihre Folgen im globalen Norden über eine lange Zeit als „culturally induced ignorances“ (Schiebinger) vielfach ent-innert worden seien. Zugleich wird darüber diskutiert, in welchem Verhältnis die Erinnerung an die Shoah zu jener an die koloniale Vergangenheit steht. Seltener geht es darum, ob nicht auch mit Blick auf die Jahre des Zweiten Weltkriegs bestimmte Themenfelder als ent-innert zu beschreiben sind.

Dieser Frage geht der Vortrag nach, indem er Anregungen aus der Debatte um das koloniale Erbe aufnimmt und danach fragt, wie eine multidirektionale Perspektive auf den II. Weltkrieg aussehen kann. Seinen Ausgangspunkt nimmt er bei der Beobachtung, dass auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung rund 230 Millionen Menschen unter deutscher Besatzung lebten. Während die älteren Historiographien vielfach Schwerpunktsetzungen vornahmen, die entweder deutsche Täter, jüdische Opfer oder die Bevölkerungen der ehemals besetzten Länder in den Mittelpunkt rückten, sucht dieser Vortrag nach einem integrativen Ansatz und greift dafür auf das Konzept der Besatzungsgesellschaften zurück.

Der Vortrag wird das Konzept erläutern und anhand von ausgewählten Beispielen zeigen, dass Okkupation durch ausgeübte wie angedrohte Gewalt den Alltag von Besetzten auch abseits der Orte von Massenverbrechen gravierend veränderte und ganze Gesellschaften in Anspannung versetzte. Jüdische Menschen unterlagen dabei einer doppelten Bedrohung: Spezifisch durch die deutsche Mordpolitik und grundsätzlich als Angehörige einer besetzten Gesellschaft. Ihre Überlebenschancen in diesem doppelten Gefährdungskontext hingen damit wesentlich auch von den Bedingungen ab, unter denen sich besetzte Gesellschaften insgesamt wiederfanden.

Tatjana Tönsmeyer ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Nach dem Studium der Osteuropäischen Geschichte, Politikwissenschaft und Publizistik an den Universitäten Bochum und Marburg wurde sie 2003 an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Ihre Habilitation erfolgte 2010 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gegenwärtig ist sie Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal und des Herder Chairs des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung Marburg. Sie ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte, seit 2021 ist sie zudem Teil der vorbereitenden Arbeitsgruppe NS-Dokumentationszentrum Opfer des deutschen Vernichtungskriegs. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere die Geschichte des Nationalsozialismus und der Besatzungsgesellschaften im Zweiten Weltkrieg. Zuletzt zum Thema erschienen: “Coping with Hunger and Shortage under German Occupation in World War II” (London 2018) sowie die umfangreiche Quellenedition “Fighting Hunger, Dealing with Shortage. Everyday Life under Occupation in World War II Europe. A Source Edition“ (hrsg. v. Tatjana Tönsmeyer und Peter Haslinger, Leiden 2021).

Februar

16. Februar 2022 | The Uniqueness of the Holocaust

Vortrag von Prof. Dr. Steven T. Katz (Boston University) | Moderation: Prof. Dr. Günther Jikeli | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

This lecture will consider the issue of whether the Holocaust was a unique historical event and will conclude that it was. After discussing a number of central theoretical issues, the majority of the talk will deal with comparisons to other tragedies that are regularly made, for example, the Gulag, the Armenian tragedy in World War 1, Black New World slavery, and the tragedy of the Native American peoples of both North and South America.

Steven T. Katz is the Slater Professor in Jewish and Holocaust Studies at Boston University. He received his Ph.D. from the University of Cambridge. He serves on the academic committee of the US Holocaust Memorial Museum, and is a member of the United States delegation to the International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). From 2011-2017 he served as the academic advisor for IHRA, during which time he was involved in negotiations with many governments regarding Holocaust education. He writes on the Holocaust, Jewish history, Jewish philosophy, and comparative mysticism and edits the award-winning journal Modern Judaism. He has lectured around the world and published numerous prize-winning books and articles. His most recent works, published in 2019, are a 2-volume comparison between the Holocaust and black slavery (The Holocaust and New World Slavery) and a book of Holocaust essays (Holocaust Studies: Critical Reflections).

 

22. Februar 2022 | When Antisemitism Became Genocidal: The 'Jewish Enemy' in Nazi Propaganda during World War II and the Holocaust

Vortrag von Prof. Dr. Jeffrey Herf (University of Maryland, College Park) | Moderation: Dr. Anja Thiele | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream | Zoom-Link

Why did antisemitism, which for centuries had been a justification for persecution of Jews, become a justification for genocide from 1939 to 1945? In "When Antisemitism Became Genocidal: The 'Jewish Enemy' in Nazi Propaganda during World War II and the Holocaust," Jeffrey Herf draws on his 2006 work, 'The Jewish Enemy: Nazi Propaganda during World War II and the Holocaust' to examine how the Nazi's antisemitic interpretation of World War II justified policies of mass murder. At the core of that propaganda, presented in newspapers, posters, and statements made on the radio, the Nazi leadership claimed that the anti-Hitler coalition led by the United States, Great Britain and the Soviet Union was directed by an international Jewish conspiracy. The purpose of what the Nazis denounced as "the Jewish war" was to exterminate, that is, murder, the German people. Hitler, Goebbels and others repeatedly and in public asserted that as a massive act of national self-defense, the Nazi regime would "exterminate" and "annihilate" the "Jewish race in Europe." Despite decades of excellent scholarship on the Nazi regime and the Holocaust, 'The Jewish Enemy', published in 2006, was the most detailed and comprehensive examination of the connection between this propaganda, the war and the Holocaust.

Jeffrey Herf is Distinguished University Professor in the Department of History at the University of Maryland, College Park where, since 2000, he has taught Modern European, especially German history in the twentieth century. His publications include Undeclared Wars with Israel: East Germany and the West German Radical Left, 1967-1989 (Cambridge University Press, 2016), published in Germany by Wallstein Verlag in 2019 as Unerklärte Kriege gegen Israel; Nazi Propaganda for the Arab World (Yale University Press, 2009; The Jewish Enemy: Nazi Propaganda during World War II and the Holocaust (Harvard University Press, 2006), and Reactionary Modernism: Technology, Culture and Politics in Weimar and the Third Reich (Cambridge University Press, 1984). In 2017 with Anthony McElligott, he co-edited Antisemitism Before and Since the Holocaust: Altered Contexts and Recent Perspectives (Palgrave Macmillan). His book Israel’s Moment: International Support for and Opposition to Establishing the Jewish State, 1945-1949 is forthcoming with Cambridge University Press in early 2022.

März

15. März 2022 | Holocaust und Erinnerungskonflikte in Osteuropa

Vortrag von PD Dr. Ljiljana Radonić (Österreichische Akademie der Wissenschaften) | Moderation: Alex Feuerherdt | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

In postsozialistischen Ländern erscheint die Erinnerung an den Holocaust als bedrohlich für die Erzählung von “uns”, der Mehrheitsbevölkerung des jeweiligen Landes, als dem größten Opfer – der sozialistischen Ära und der sowjetischen Verbrechen. Die Zahl der jüdischen Opfer während der NS-Besatzung war meist deutlich höher als jene der von den Sowjets ermordeten. Dem Zweiten Weltkrieg gewidmete Museen setzen zu Beginn ihrer Dauerausstellungen häufig Hakenkreuz und roten Stern oder Hitler und Stalin gleich, um dann um weiteren Verlauf viel Energie darauf aufzuwenden, zu zeigen, dass die sowjetischen Verbrechen die schlimmeren waren. Für die Darstellung der Verfolgung der eigenen Mehrheitsbevölkerung wird ein besonders Empathie weckendes und immer weiter verbreiteteres Mittel eingesetzt: der Fokus auf individuelle Opfer, ihre Privatfotografien, biographischen Objekte und Zeugnisse. Die jüdischen Opfer hingegen werden immer noch als anonyme Masse oder als bloße Zahlen dargestellt. Wenn Romnja und Roma thematisiert wurden und werden, etwa um im Zuge der EU-Beitrittsbemühungen zu signalisieren, dass das jeweilige Land bereit für ‚Europa‘ sei, dann geschieht dies vielfach auf stereotype Weise. Der Vortrag beleuchtet Erinnerungskonflikte in der Zeit der EU-Osterweiterung ebenso wie heutige autoritäre und oft antieuropäische Backlashs.

Ljiljana Radonić leitet das vom Europäischen Forschungsrat (ERC) finanzierte Projekt „Globalised Memorial Museums. Exhibiting Atrocities in the Era of Claims for Moral Universals“ am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In ihrem Habilitationsprojekt befasste sie sich mit dem Zweiten Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen. Seit 2004 lehrt sie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien über Antisemitismustheorie sowie (Ostmittel-)Europäische Erinnerungskonflikte seit 1989. 2015 war sie Gastprofessorin für Kritische Gesellschaftstheorie an der Universität Gießen, 2017 am Centrum für Jüdische Studien der Universität Graz. Ihre Dissertation schrieb sie über den Krieg um die Erinnerung. Kroatische Vergangenheitspolitik zwischen Revisionismus und europäischen Standards (Frankfurt: Campus 2010). Zuletzt erschienen: Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen. Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid, Berlin: De Gruyter 2021; Ljiljana Radonić (Hg.). The Holocaust/Genocide Template in Eastern Europe, London/New York: Routledge 2020; Ljiljana Radonić/Heidemarie Uhl (Hg.). Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung. Bielefeld: transcript 2020; „‚Our‘ vs. ‚Inherited‘ Museums. PiS and Fidesz as Mnemonic Warriors“. Südosteuropa 68.1 (2020); Die friedfertige Antisemitin reloaded. Weibliche Opfermythen und geschlechtsspezifische antisemitische “Schiefheilung”, Graz: Clio 2018.

 

22. März 2022 (ursprünglich 08. Februar) | Geschichtsdeutungen der deutschen Schuld - Anfänge und Grundfragen der NS- und Holocaustforschung in der Bundesrepublik

Vortrag von Dr. Nicolas Berg (Dubnow-Institut Leipzig) | Moderation: Marc Seul | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream

Die Rede von der "unüberwundenen", von der "unbewältigten" Vergangenheit, so schrieb bereits 1960 der aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrte Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner, überzeuge ihn nicht, denn die hier gemeinte Vergangenheit, die NS-Zeit und der Holocaust, könne nicht "bewältigt" werden, "was fehlt, ist die Auseinandersetzung mit ihr." Der Vortrag nimmt diesen Gedanken Plessers auf und skizziert die mühsamen Anfänge und ersten Grundfragen der historischen Forschung in der Bundesrepublik. Es werden Begriffe, Konzepte und die sie tragenden Diskurse und Überzeugungen vorgestellt und diskutiert. Im Grunde genommen waren es Geschichtsdeutungen der deutschen Schuld, die nun nötig wurden. Wie schwer es den älteren Historikern wie auch den jungen Zeithistorikern aber fiel, die von Plessner formulierte Erwartung von der nötigen und fehlenden Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich" anzugehen, zeigt, dass bei diesem Thema nicht lediglich Wissenschafts- und Ideengeschichte erzählt werden kann, sondern dass - mit Plessner - die "historische Psychoanalyse" der deutschen Geschichte und Nachkriegsverhältnisse insgesamt in den Blick gerät.

Nicolas Berg ist Historiker und lehrt und forscht seit seiner Dissertationsschrift "Der Holocaust und die westdeutschen Historiker - Erforschung und Erinnerung" (Göttingen: Wallstein 2003; 2. Aufl. 2003; 3., durchgesehene und mit einem Register versehene Aufl., 2004) am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow in Leipzig; seit dem Wintersemester 2020/21 vertritt er den Lehrstuhl für Judaistik am Martin-Buber-Institut der Universität zu Köln. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind das intellektuelle Exil nach 1933, die begriffstheoretischen Arbeiten jüdischer Gelehrter und Sprachkritiker nach 1945 und die literarische Wissens- und Wissenschaftsgeschichte jüdischer Goetheverehrung im 19. und 20. Jahrhundert.

 

29. März 2022 | Parzellierte Erinnerung: Narzisstische Momente der deutschen Gedenklandschaft

Vortrag von Felicitas Kübler (Universität Klagenburg) | Moderation: Dr. Nikolas Lelle | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream

Spätestens seit der Wiedervereinigung ist das Gedenken an die Opfer und Verfolgten des NS-Staates gesellschaftlicher Konsens und Teil der Staatsräson der BRD. Jährlich entstehen neue Orte, welche die Erinnerung an die Ermordeten und die Übernahme historischer Verantwortung symbolisieren sollen. Längst wird diese sich ausdehnende und diversifizierende Landschaft als materieller Beleg für den Erfolg, ja die Exzellenz der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit bemüht. Die ungebrochene Kontinuität von rechten, antisemitischen und rassistischen Ideologien steht dazu in Widerspruch. Der Vortrag lenkt den Blick auf die Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus und diskutiert, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, vermittelt durch das Subjekt, in deren Gestaltung und Bedeutungszuweisung eingehen. Damit greift der Vortrag Adornos Überlegungen zu den „Ursachen“ der Vergangenheit auf, um die narzisstischen Momente dieser Raumproduktionen zu diskutieren.

Felicitas Kübler arbeitet und promoviert am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Klagenfurt. Sie versucht einen kleinen Beitrag zur aktuellen geographischen Debatte um Adorno zu leisten und diskutiert gerne die Widersprüche engagierter Forschung.

April

12. April 2022 | Postkoloniale Holocaustdeutungen

Vortrag von Dr. Steffen Klävers | Moderation: Katrin Henkelmann | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream

Der Vortrag thematisiert und erörtert verschiedene Deutungsweisen der nationalsozialistischen Judenvernichtung, die in der postkolonialen Theorie und Wissensproduktion verbreitet sind. Eine zentrale Denkfigur ist bspw. die u.a. auf Aimé Césaire zurückgehende Deutung der nationalsozialistischen Gewalt als eine nach "innen" gekehrte koloniale, die es in der Geschichte des westlichen Kolonialismus bereits zuhauf gegeben habe. Hieraus ergeben sich weitere Interpretationen, die sich v.a. gegen Deutungen des Holocaust widmen, in denen bestimmte seiner Spezifika in einem kolonialen Analyserahmen kontextualisiert werden. Bestimmte Darstellungen des Nationalsozialismus und des Holocaust werden dabei als eurozentrisch zurückgewiesen, bspw. die, dass die NS-Judenvernichtung eine historisch beispiellose Qualität aufweise. Zentral sind hier immer wieder Fragestellungen, die auch im so genannten "Historikerstreit 2.0" eine breite Öffentlichkeit erreichten: Handelt es sich bei der nationalsozialistischen Judenvernichtung im Holocaust um ein historisch neuartiges Phänomen? Lässt sich der NS-Antisemitismus in Bezug zum Kolonialrassismus setzen - und, wenn ja, in welchen? Verhindern bestimmte Formen der Erinnerung an den Holocaust eine Erinnerung an Kolonialverbrechen? Ist es 'verboten', den Holocaust mit Kolonialgenoziden zu vergleichen, wie es häufig insinuiert wird? Welche Antworten die postkoloniale Theorie bzw. ihr nahestehende Personen und Positionen auf diese (und andere) Fragen liefern und inwiefern sich an diesen wiederum Probleme ergeben, soll im Vortrag umrissen werden.

Steffen Klävers hat in seiner Dissertation "Decolonizing Auschwitz?: Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung" (Berlin: de Gruyter 2019) eine Kritik an den gegenwärtigen Versuchen postkolonialer Deutung des Holocausts formuliert.

 

26. April 2022 | Von Pretoria und Windhuk nach Auschwitz? Über mögliche Kontinuitäten von kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt

Vortrag von PD Dr. Jonas Kreienbaum (Universität Rostock) | Moderation: Dr. Jakob Zollmann | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream

Führt ein direkter Weg aus den Kolonien der europäischen Empires und speziell des deutschen Kaiserreichs zu den Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten? Lassen sich Kontinuitäten genozidaler Gewalt von Deutsch-Südwestafrika nach Auschwitz identifizieren? Teilen Kolonial- und Naziherrschaft in Osteuropa strukturelle Gemeinsamkeiten? Diesen Fragen geht der Vortrag nach, indem er mögliche Parallelen im Rassedenken, im Konzept des Lebensraums und in der geteilten Herrschaftstechnik des Konzentrationslagers in den Fokus rückt.

Jonas Kreienbaum ist Privatdozent am Historischen Institut der Universität Rostock. Er hat sich in seinen Forschungen intensiv mit Fragen der deutschen und europäischen Kolonialgeschichte und der Gewalt- und Genozidforschung beschäftigt.

Mai

02. Mai 2022 | Holocaust: Erkenntnis und Erinnerung

Vortrag von PD Dr. Jan Gerber (Dubnow-Institut Leipzig) | Moderation: Anastasia Tikhomirova | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Aufzeichnung

Als ab 1942 die ersten Nachrichten über die Vernichtung der europäischen Juden im Exil eintrafen, entstand eine Ahnung von den qualitativen Dimensionen der Tat. Bereits mit dem Beginn des Kalten Krieges verschwand diese zaghafte Erkenntnis jedoch. Noch bevor das Verbrechen überhaupt einen Namen hatte, geriet es wieder aus dem öffentlichen Blick. Zwar war die Erinnerung an den Holocaust in den folgenden Jahrzehnten nicht luftdicht abgeschlossen. Sie verschaffte sich gelegentlich offen, viel häufiger jedoch in verborgener Form Geltung: sei es im Zusammenhang mit der spätstalinistischen Kampagne gegen „Kosmopolitismus und Zionismus“, der atomaren Aufrüstung oder der Dekolonisierung. Streng genommen, bewegte sich die Erinnerung an den Massenmord allerdings erst mit einer Verzögerung von etwa dreißig Jahren aus den Vororten der Erinnerung an den Nationalsozialismus in ihr Zentrum. Im Rahmen des Vortrags soll den Ursachen dieser verzögerten Wahrnehmung nachgegangen werden; zugleich wird nach den historischen Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis über den Holocaust gefragt.

Jan Gerber ist Historiker und Politikwissenschaftler. Zuletzt erschienen von ihm „Ein Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánský und Genossen“ (2. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen/Bristol 2017) und „Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus“ (Piper: München 2018). Zur Zeit arbeitet er an einem Buch über die Linke und den Holocaust.

 

10. Mai 2022 | Warum Rassismustheorien an der Erklärung des Antisemitismus scheitern

Vortrag von Micha Keiten (Universität Oldenburg) | Moderation: Ronja Rossmann | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream

Aktuelle Theorien des systemischen Rassismus beschäftigen sich häufig auch mit der Diskriminierung von Juden und Jüdinnen. Der Versuch, Antisemitismus bloß als Rassismus gegen Juden zu erklären, läuft jedoch Gefahr, seine Spezifika zu verkennen. So wird Antisemitismus mit antimuslimischem Rassismus zusammengebracht oder marginalisiert und als ein Problem der Vergangenheit dargestellt. Diese Relativierungen sind dabei nicht nur die Folge einer falschen Bestimmung des Antisemitismus, sondern verweisen auf Probleme der Theorien des systemischen Rassismus selbst.
Im Vortrag sollen einige Versuche der Subsumierung des Antisemitismus unter den Rassismus vorgestellt werden und gezeigt werden, dass der Rassismus zugleich zu eng und zu weit bestimmt wird.

Micha Keiten studiert Philosophie im Master an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Er beschäftigt sich vor allem mit Antisemitismus, Kritischer Theorie, Marx und Deutschem Idealismus.

 

24. Mai 2022 | Hannah Arendts Bild des Holocaust und seine postkolonialen Erben

Vortrag von PD Dr. Ingo Elbe (Universität Oldenburg) | Moderation: Jakob Hoffmann | Facebook-Veranstaltung | YouTube-Livestream

Die gegenwärtige Relativierung des Holocaust und begriffliche Eliminierung des Antisemitismus, wie man sie in den postkolonialen Theorien von Achille Mbembe, Dirk Moses, Enzo Traverso oder Michael Rothberg findet, wandeln auf Hannah Arendts Pfad. Ausgehend von einer Analyse ihrer Moderne-Kritik thematisiert der Vortrag zunächst zentrale Konzepte, mit denen Arendt seit Mitte der 1940er Jahre versucht hat, die Shoah zu beschreiben: ‚radikal Böses‘, ‚Banalität des Bösen‘, ‚‘Laboratorium zur Zerstörung der Spontaneität‘ sowie ‚Bumerang der kolonialen Gewalt‘. Im Anschluss daran soll am Beispiel von Michael Rothbergs ‚multidirektionaler Erinnerung‘ ein aktueller Anschluss an die Ideen Arendts einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.

Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Bücher: Marx im Westen. 2. Aufl. Berlin 2010; Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt. Würzburg 2015. Zuletzt erschien sein Buch Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne. 2. überarbeitete Auflage, Würzburg 2020. Seine Kritiken an Hannah Arendt und Michael Rothberg sind inzwischen auch online zugänglich: https://www.kritiknetz.de/.../texte/Elbe_Asche_von_Zion.pdf sowie https://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Arendt.pdf