Bürokratie ist größtes Hemmnis bei der Integration

In einer Pilotstudie der Ethnologie und des Katholikenrats wurden Geflüchtete und Ehrenamtliche, die mit Integrationsanforderungen konfrontiert sind, befragt.

Bürokratie abbauen und Flüchtlingen so den Zugang zu Sprache, Bildung und Arbeitsmarkt erleichtern – so könnte man die wichtigsten Empfehlungen einer am 3. November in Trier vorgestellten Pilotstudie für eine gelingende Integration geflüchteter Menschen zusammenfassen. Die Studie entstand auf Initiative des Katholikenrats im Bistum Trier und wurde durchgeführt von der Ethnologie der Universität Trier.

Universitätspräsidentin Eckkrammer am Rednerpult und die Mitarbeitenden an der Studie auf dem Podium.
Universitätspräsidentin Prof. Dr. Eva Martha Eckkrammer (rechts) betonte die Relevanz der Studie, die unter der Projektleitung von Juniorprofessorin Gerhild Perl (Zweite von rechts) und Dr. Anett Schmitz (links) mit Studierenden erstellt wurde.

Bis dato einzigartig für die Region ist nicht nur die Kooperation, sondern auch die Perspektive, die die Studie einnimmt: Befragt nach ihren Erfahrungen mit verschiedenen Integrationsmaßnahmen wurden Geflüchtete, die um 2015 nach Deutschland gekommen sind, Ehrenamtliche aus der Flüchtlingsarbeit und hauptamtlich Mitarbeitende im Bereich Migration und Integration. Ausgangspunkt für die Idee einer Studie seien die Rückmeldungen vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer gewesen, begrüßte Katholikenratsmitglied Hans Casel aus Ehrang die über 100 Gäste des Fachtags zur Studienvorstellung im Robert-Schuman-Haus.

Es sei nicht Anspruch der Pilotstudie, ein umfassendes Bild der Integrationserfahrungen von geflüchteten Menschen in Deutschland zu zeichnen, erläuterte Juniorprofessorin Dr. Gerhild Perl, die Leiterin der Studie. Man wolle vielmehr ein Schlaglicht auf die Region Trier werfen und „die Stimmen hörbar machen, die sonst in den Debatten selten vorkommen“. Der Fokus liege auf Menschen mit positivem Asylbescheid – bei Geduldeten sehe die Situation noch einmal anders aus.

Junges Forschungsteam

Das junge Forschungsteam bestehend aus den Studierenden Jerome Jakob, Svenja Ludwig, Aylin Albayrak, Svetlana Gussenko, Anna Kreutz und Gala Sprengart hatte 29 Interviews und 21 „teilnehmende Beobachtungen“ durchgeführt, so etwa in verschiedenen Flüchtlingscafés und Treffpunkten von Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas, dem Diakonischen Werk, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Frauentreff Caféterra in Kastellaun oder dem Multikulturellen Zentrum Trier.

Bei den untersuchten gesellschaftlichen Bereichen „Sprache, Bildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheit“ habe sich übergreifend herauskristallisiert, dass die deutsche Bürokratie zugleich größte Herausforderung und größtes Hemmnis bei der Integration für die Befragten darstelle, zeigten Jerome Jakob und Svenja Ludwig bei der Präsentation der Studienergebnisse auf. Lange Wartezeiten, schlechte Erreichbarkeit, nicht ineinandergreifende Zuständigkeiten und das komplizierte Amtsdeutsch überforderten die Geflüchteten mit ihren fehlenden Sprachkenntnissen. So konstruiere der Staat eine Hilfsbedürftigkeit der Geflüchteten von Ehrenamtlichen und Migrationsberatern.

Abschlüsse fast nie anerkannt

Svenja Ludwig unterstrich, der Mangel an Sprachmittlern und die sprachliche Inflexibilität der Behörden sowie der Druck, ausschließlich Deutsch zu sprechen, wirke oft demotivierend und löse Versagensängste aus. Ausländische Berufs- oder Universitätsabschlüsse würden in Deutschland so gut wie nie anerkannt; Kosten für Übersetzungen oder Beglaubigungen schreckten zusätzlich ab. In den Bereichen Bildung, Spracherwerb und Arbeit seien Frauen benachteiligt, da sie die Kinderbetreuung übernähmen.

In seinen Handlungsempfehlungen zu den verschiedenen Teilbereichen sprach sich das Forschungsteam für beschleunigte Anerkennung von Abschlüssen und Zertifikaten aus, zumal ein massiver Fachkräftemangel bestehe. Zudem für mehr Teilzeitausbildungen zur Gleichberechtigung von Frauen und älteren Menschen, für praxisnahe und vor allem ausreichende Sprachkurse, und für Erleichterungen bei der Arbeitserlaubnis. Diese gestatte beispielsweise keine Tätigkeit im Ausland, was viele Geflüchtete von vornherein für Handwerksbetriebe in der Grenzregion zu Luxemburg als Arbeitskräfte ausscheiden lasse. Positiv beschieden die Befragten der Stadt Trier, dass es viele offene Sprachenlernangebote gebe und auch die elektronische Gesundheitskarte Vieles vereinfache. Das sei aber in Nachbarstädten schon wieder anders – ein Flickenteppich selbst auf regionaler Ebene. 

Im Endeffekt teurer

Nach einer Austauschrunde im Plenum fasste Hans Casel die Beobachtungen der Studie für den Katholikenrat in einem Ausblick zusammen. So würden die vom Staat geplanten Kürzungen im Bereich Migration für Deutschland im Endeffekt teurer: Mangelnder Sprachunterricht in Kitas und Schulen erhöhe die Zahl verpasster Schulabschlüsse; mangelnde gesundheitliche Versorgung, gerade im Bereich Traumatherapien, würden in der Regel teurer, je später sie behandelt werden. Das Potenzial der Ehrenamtlichen müsse besser ausgeschöpft werden: Jobcenter und Ämter könnten diese in ihre Kundenkontakte stärker einbinden. Die zahlreichen Tagungsteilnehmenden motivierte er, sich zu vernetzen und die in der Studie formulierten Empfehlungen praktisch umzusetzen. Der Dank des Katholikenrats und der Forschungsgruppe galt vor allem den Geflüchteten, die sich zu Interviews bereiterklärt hatten und von denen viele auch anwesend waren.

Unter den Gästen waren auch Bischof Dr. Stephan Ackermann und Universitätspräsidentin Prof. Eva Martha Eckkrammer, die in ihren Grußworten die Relevanz der Studie hervorhoben. Das Thema sei nicht erst seit 2015 virulent, sondern „ein wahres Menschheitsthema“, betonte Ackermann. Die Flüchtlingsbewegungen seit 2015 und der Ukrainekrieg hätten die Situation für Europa verschärft, man stehe vor „regelrechten Dilemmata“. Daher sei „ein Leuchtturmprojekt“ wie die Pilotstudie so wichtig, die nach der Wirksamkeit verschiedener Integrationsinstrumente frage. Besonders danke er allen Menschen, die sich unermüdlich seit 2015 ehrenamtlich für Geflüchtete einsetzten und "ein offenes Herz" zeigten. Allein im Bistum Trier seien das über 2.000 registrierte Ehrenamtliche.

Falsche Aussagen entlarven

Als gebürtige Österreicherin sei sie stolz darauf, in Deutschland zu leben, das eine solche Willkommenskultur gezeigt habe, sagte Eva Martha Eckkrammer. „Mich hat es damals 2015 schockiert, als die Helfer als ‚Gutmenschen‘ tituliert wurden“, erinnerte sich die Universitätspräsidentin. Auch in heutigen Debatten, in denen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus erstarkten, gelte: „Wehret den Anfängen!“. Die Wissenschaft könne dazu beitragen, falsche Aussagen zu entlarven, die wirklichen Fakten darzustellen und diese den „fake news“ entgegenzuhalten.

Informationen zu Projekt und Studie

Kontakt

JProf. Dr. Gerhild Perl
Soziologie
Mail: perluni-trierde
Tel. +49 651 201-2773