Artenschutz made in Trier

Das Trier Centre for Biodiversity Conservation (TriBiCo) hat sich insbesondere der Erforschung und des Schutzes wirbelloser Tiere, wie Insekten, verschrieben. In verschiedenen Ländern konnten die Wissenschaftler so bereits zur Erhaltung gefährdeter Tiere beitragen.

Für seine Feldforschung braucht Prof. Dr. Axel Hochkirch gute Ohren. Sein Forschungsobjekt singt. Der Trierer Biogeograph gehört zu den weltweit gefragtesten Heuschrecken-Experten. „Manchmal zirpen Heuschrecken-Männchen jedoch so hoch, dass ich sie schon fast nicht mehr hören kann. Aber zum Glück habe ich ja meine Studierenden“, scherzt er. Durch das Zirpen können Axel Hochkirch und sein Team die Heuschrecken orten und im hohen Gras finden. Und das ist wichtig. Denn nur so gelingt es zu bestimmen, um welche Heuschrecken-Art es sich handelt. Außerdem können Rückschlüsse auf die Größe der Population und ihre Verbreitung gezogen werden. „Die Beschreibung und Erforschung von Insektenarten erfolgte während der Kolonialzeit teilweise schneller als heute“, erklärt der Professor für Naturschutzbiologie. Damals war die Artenkunde sozusagen in Mode: Es wurden Tiere gesammelt und bestimmt. Zu wissen, wo welche Insekten leben, ist Grundvoraussetzung für den Artenschutz und die Bewertung des Gefährdungsstatus auf der roten Liste. Gerade bei wirbellosen Tieren – also zum Beispiel Insekten, Spinnen oder Würmern – ist das Defizit an Daten besonders groß (siehe Grafik). Bislang sind knapp 1,4 Millionen Arten wirbelloser Tiere auf der Erde wissenschaftlich beschrieben. Die tatsächliche Zahl wird auf etwa acht Millionen geschätzt. Von 30 Prozent der bislang etwa 24.000 für die internationale Rote Liste bewerteten Arten fehlen die Daten, um den Gefährdungsstatus einschätzen zu können. Das ist weit mehr als beispielsweise bei Säugetieren oder Reptilien. Zusammen mit Wissenschaftlern anderer Länder hat Axel Hochkirch daher 2020 ein Strategie-Papier veröffentlicht, was man gegen das Datendefizit tun kann. Ein Problem sei, dass es kaum Fördergeld für die reine explorative Erfassung der Bestände und der Verbreitung von Populationen gibt. Früher haben Forscher wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt auch „einfach so“ Daten erhoben. Eine Teillösung könnte sein, dass Bürger ohne wissenschaftlichen Hintergrund Fotos oder Daten zu Insekten sammeln und den Wissenschaftlern zuschicken. Solche Projekte firmieren unter dem Begriff „Citizen Science“ beziehungsweise auf Deutsch „Bürgerwissenschaft“. Globale Datenbanken zum Vorkommen von Arten gibt es schon jetzt. Allerdings müssten dort die Überprüfungsmechanismen besser funktionieren, merken Hochkirch und seine Mitautoren an, da auf diese Weise auch einige fehlerhafte Daten in globalen Datenbanken gelangt sind.

„Wenn Naturschutzmaßnahmen durchgeführt werden, zeigen sie meist schnell Erfolge: Das Insektensterben kann also noch aufgehalten werden, wenn wir sofort handeln.“ Prof. Dr. Axel Hochkirch

Wildbienen und Heuschrecken in Rheinland-Pfalz

Ein regional angelegtes Projekt, das Rückschlüsse auf die Be-standtrends von Insektenarten zulässt, verfolgt aktuell auch das Trier Centre for Biodiversity Conservation (TriBiCo). Gefördert durch das Umweltministerium Rheinland-Pfalz ist das Ziel des Projekts, die Bestandssituation von Wildbienen und Heuschrecken in Rheinland-Pfalz zu erfassen. Bereits vor 30 bis 40 Jahren gab es Studien zum Vorkommen dieser Artengruppen. „Durch die Wiederholung solcher Untersuchungen können wir Aussagen über die Entwicklung der Bestände treffen. Darüber hinaus soll die Effizienz von Pflegemaßnahmen bewertet werden, sodass die Schutzmaßnahmen für besonders seltene Arten optimiert werden können und so langfristig zur Erhaltung der Biodiversität beigetragen werden kann. “Circa 200 Flächen, auf denen Heuschrecken leben, untersuchen die Trierer Forscher bislang. Bei den Heuschrecken fällt die Bestimmung noch recht leicht: Es gibt vergleichsweise wenige Arten in Deutschland, bei denen die Unterschiede oft durch das Zirpen oder das bloße Anschauen erkennbar sind. Ein bisschen Übung braucht es dennoch, die sprunghaften Tiere zu fotografieren.Um die Bienen bestimmen zu können, müssen die Forscher dagegen Fallen aufstellen und die gefangenen Tiere mikroskopieren. Erzählt Axel Hochkirch über Wildbienen und ihren Nutzen als Bestäuber von Pflanzen, denkt man schnell an die vielen Naturschutzinitiativen der vergangenen Jahre, die sich für die kleinen, fleißigen Tiere eingesetzt haben. „Bienen sind große Sympathieträger und quasi ein Symbol für die Anstrengungen, die biologische Vielfalt zu erhalten.“ Heuschrecken lösen bei den meisten Menschen vermutlich eher weniger Emotionen aus. Durch die diesjährige Heuschreckenplage in Ostafrika kommen schnell auch negative Assoziationen mit den gefräßigen Insekten hervor. Allerdings sind nur zwölf der fast 28.000 bislang beschriebenen Heuschreckenarten in der Lage, solche Plagen auszubilden. Wenn das Klima für gute Lebensbedingungen sorgt, passt sich der Körperbau bei den Wanderheuschrecken an: Sie bekommen längere Flügel, eine andere Färbung, sie bewegen sich mehr, bilden Gruppen und können besser fliegen. Die internationale Gesellschaft der Heuschreckenforscher, deren designierter Präsident Axel Hochkirch ist, erachtet den kurzzeitigen, lokalen Einsatz von Pestiziden in diesen Fällen als legitim. Bei kleineren Plagen gebe es jedoch auch umweltfreundlichere Bekämpfungsmethoden.

Mit Spürhunden auf Feldforschung

Aber zurück zu den Heuschreckenarten, die es schon fast nicht mehr auf unserem Planeten gibt.

Axel Hochkirch: „Jede Art hat ein Überlebensrecht und verdient unabhängig von ihrem Nutzen für den Menschen Schutz. Jede Spezies ist evolutionsbiologisch einzigartig.“

Sowohl in Südfrankreich als auch in einer Region Sloweniens und Italiens konnten Trierer Forschende erfolgreich zur Erhaltung zweier vom Aussterben bedrohten Heuschreckenarten beitragen.Mit der Crauschrecke in einem Naturschutzgebiet in Südfrankreich hat sich die Trierer Doktorandin Linda Bröder beschäftigt. Dort fehlten Zahlen zur Größe der Population und damit zu ihrer momentanen Situation. Das Problem: Die Art ist extrem gut getarnt und nicht so einfach zu finden. Von den Forschenden markierte Tiere werden nicht wiedergefunden, sodass eine Aussage über ihr Überleben nicht möglich war.Doch die Forschenden holten sich Hilfe auf vier Pfoten.
Speziell trainierte Hunde halfen dabei, die Heuschrecken aufzuspüren. So konnte Linda Bröder aufzeigen, dass die Beweidung durch Schafe auf den Wiesen zu häufig erfolgte. Eigentlich tragen die Schafe aktiv zum Naturschutz bei, doch den Herden folgen Reiher, die auf den „gemähten“ Wiesen leichter die Heuschrecken finden.

Auf Vorschlag der Trierer Forschenden kommen die Schafsherden nun nur noch zu bestimmten Zeiten auf die Wiesen. Für die Entwicklung der Heuschreckenpopulation besonders wichtige Zeiten werden ausgespart. Auch in Slowenien konnte das Trier Centre for Biodiversity Conservation erfolgreichen Anstoß für ein Konzept zum Schutz einer bedrohten Heuschreckenart geben. Die Bewirtschaftung der Flächen mit großen Mähmaschinen war Gefahr für die dortige Heuschreckenart. Auch die Landwirtschaftskammer war schnell mit dem Vorschlag der Naturschützer einverstanden: Einige Wiesen werden nun nur noch abwechselnd gemäht.

Der Schwarzfleckige Heidegrashüpfer ist in Deutschland stark gefährdet.
Auf der Erde leben circa 1,4 Millionen Arten wirbelloser Tiere, die wissenschaftlich beschrieben sind. 23.415 Arten wirbelloser Tiere wurden bislang für die internationale Rote Liste bewertet. Zu 30 Prozent davon fehlen Daten, um den Gefährdungsstatus einzuschätzen - so viel wie bei keiner anderen Gruppe.

Schutz für Naturschützer

Risikofaktoren für das Aussterben von verschiedenen Arten haben Axel Hochkirch und andere internationale Wissenschaftler in einem weiteren kürzlich erschienenen Aufsatz diskutiert. „Eine der größten Gefahren sind nach wie vor die Veränderungen in der Landwirtschaft“, sagt Axel Hochkirch. „Flächen werden mit immer größeren Maschinen bewirtschaftet, gedüngt, mit immer mehr Pestiziden behandelt und häufiger gemäht.“ Hier müsse sich an den Subventionsstrukturen etwas ändern. Aber auch durch den Menschen verursachte Lichtverschmutzung stellt ein Problem dar. Neue LED-Lampen sind zwar energiesparend, ziehen aber durch ein höheres UV-Spektrum mehr Insekten in die tödliche Falle. Hier könnten neue UV-Filter helfen. Nicht immer machen sich Naturschützer und -forscher mit ihren Forderungen beliebt. Manchmal setzen sie sich damit vielmehr sogar einer Gefahr aus. Anfang 2020 wurden zwei Schmetterlingsschützer in Mexiko ermordet. Im Verdacht stehen kriminelle Gruppen, die an illegalen Holzfällungen beteiligt sind. Axel Hochkirch wendete sich mit anderen in einem offenen Brief an alle Behörden, diese und ähnliche Fälle aufzuklären. „Es ist ein wichtiges politisches Signal, dass solche Verbrechen auch konsequent verfolgt werden. Und schon gar nicht dürfen die Naturschutzmaßnahmen vor Ort durch solche schrecklichen Taten zum Erliegen kommen.“ Dass der Schutz von Insekten nur gelingen kann, wenn weltweit Regierungen, die Wirtschaft und jeder Einzelne dafür das Seine tut, ist keine neue Erkenntnis. Im Januar 2020 haben 70 Wissenschaftler von allen Kontinenten einen internationalen Aktionsplan zum Insektenschutz veröffentlicht. Axel Hochkirch war einer davon. Darin benennen sie auch acht Bereiche, in denen ein sofortiges Handeln erforderlich ist. Dazu zählen beispielsweise die Erhaltung einer hohen Vielfalt von Agrarflächen, die Reduzierung von Wasser-, Lärm- und Lichtverschmutzung und Importverbote für umweltschädliche Produkte. „Wenn Naturschutzmaßnahmen durchgeführt werden, zeigen sie meist schnell Erfolge: Das Insektensterben kann also aufgehalten werden, wenn wir sofort handeln“, sagt Axel Hochkirch, der gleichzeitig Vorsitzender des Komitees für den Schutz wirbelloser Arten innerhalb der internationalen Naturschutz-Dachorganisation IUCN ist.Auch wenn sich viele der Projekte der Trierer Biogeographie mit dem Schutz von Insekten und anderen wirbellosen Ar-ten beschäftigen, laufen auch Forschungsprojekte, die andere Tier- und Pflanzenarten im Blick haben. So wird beispielsweise zur Evolution der Warnfärbung bei Giftkröten, zu Plastikmüll in Singvogelnestern oder Fledermäusen und Windenergieanlagen geforscht. „Das Schöne am Studium der Umweltbiowissenschaften an der Universität Trier ist, dass auch unsere Studierende an Feldforschungsprojekten teilnehmen können und sich auf spezielle Arten fokussieren können. Gerade Personen, die Expertise zu einzelnen Tierarten oder -gruppen mitbringen, sind derzeit auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt“, so Hochkirch. Und wie ist der Professor für Naturschutzbiologie zum Heuschrecken-Experten geworden? „Das war purer Zufall: Während meines Zivildiensts habe ich in einem Naturschutzgebiet gearbeitet. Dort gab es keinen, der sich mit Heuschrecken auskannte. Da wurde ich gefragt und bin nie wirklich wieder davon weggekommen“, sagt Hochkirch lachend.

Kontakt

Prof. Dr. Axel Hochkirch
Biogeographie
Mail: hochkirch@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-4692