Nur wenige Meter von dem Gebäude auf dem Trierer Hauptmarkt entfernt, an dem einst das Schild „Sekretariat der Universität Trier“ angebracht war, stellte Professor Stephan Laux bei den Jubiläumsvorlesungen der Universität seine Forschungsergebnisse vor.

Ein vergessenes Kapitel der Trierer Universitätgeschichte

Just zur Eröffnung der Ausstellung im Trierer Stadtmuseum, in der die Universität Trier an ihre erfolgreiche Wiedergründung vor 50 Jahren erinnert, ist ein Buch zu einem erfolglosen Versuch einer Universitätseröffnung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen.

Das war der Moment, in dem ich Feuer fing“, erinnert sich Prof. Dr. Stephan Laux an die Initialzündung für sein Buch. Bei den Vorbereitungen für die Ausstellung zum Jubiläum der Universität Trier war eine Liste mit fast 200 Bewerbern um Professuren an der Universität Trier zum Vorschein gekommen. Sie stammte nicht etwa aus den Vorarbeiten der Wiedergründung der Universität 1970, sondern war bereits 1946 angelegt worden. Bewerbungen für eine Professur an einer Universität, die es noch gar nicht gab und die es in den folgenden fast 25 Jahren auch nicht geben sollte? Der Forschergeist des Historikers war geweckt und so begann er, die Hintergründe dieses vergessenen Kapitels der Trierer  Universitätsgeschichte zu rekonstruieren.

Herr Laux, erfolgreiche Universitätsgründungen in Deutschland sind gut erforscht. Weniger en vogue scheint die wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit fehlgeschlagenen Versuchen zu sein. Warum haben Sie es trotzdem getan?

Es ist der Geschichtswissenschaft tatsächlich zu eigen, dass sie sich, gewissermaßen entsprechend dem Leitspruch „Sieger schreiben Geschichte“, bevorzugt mit „erfolgreicher“ Geschichte befasst. Der Versuch der Universitätsgründung in Trier von 1945 bis 1948 war alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Dennoch hat er einen Aussagewert, denn auch Planungen und Vergeblichkeiten können uns etwas mitteilen. Die  Aufarbeitung dieser Episode lässt weit über Trier hinaus einen Blick auf die Gesellschaftsgeschichte der frühen Nachkriegszeit zu. Das fand ich sehr reizvoll.

Welche Überlieferung haben Sie für Ihre Arbeit vorgefunden?
Die Geschichte der Universität Trier ist nicht ohne Grund bislang schlecht erforscht geblieben: Es gab bislang nur drei Bücher zu
ihrer Historie, was auf die ausgesprochenschwierige Quellenlage zurückzuführen ist. Ohne Quellen können aber keine  geschichtswissenschaftlichen Aufsätze und Bücher entstehen. Da die Universität kein eigenes Archiv führt, sind von dieser Seite keine Bestände
vorhanden.

Sie sind dennoch fündig geworden?
Eine meiner ersten Recherchereisen hat mich in die Nähe von Paris in das Archiv des französischen Außenministeriums geführt. Die dort übrigens erst seit 1985 zugänglichen Bestände geben vielfach Aufschluss darüber, wie die französischen Behörden mit dem Thema Bildung und Hochschulgründungen in ihrer Besatzungszone umgegangen sind. Im Landeshauptarchiv in Koblenz fanden sich weitere, allerdings wenige Hinweise. Immerhin bin ich hier auf zwei ergiebige Akten der Bezirksregierung Trier gestoßen. Der wertvollste Fund war fraglos derjenige, von dem ein Historiker eigentlich immer nur träumen kann: Ein Koffer voller Dokumente aus einem Privatnachlass.

Wie sind Sie darauf gestoßen?
Die zentrale Figur der Bestrebungen, nach dem Krieg in Trier eine Universität zu gründen, war der weithin unbekannte Trierer Bezirksdezernent Aloys Fery. Er hatte einer seiner Töchter eine ganze Reihe von Dokumenten hinterlassen, die nach ihrem Tod im Frühjahr 2020 an ihren Sohn übergingen. Er hat den Inhalt des Koffers gesichtet und die Universität darauf aufmerksam gemacht. In der Nachkriegszeit waren  Universitätsgründungen mit politischen Absichten verbunden.

Inwiefern traf dieser Aspekt auf Trier zu?
Nach den Angriffen Deutschlands auf Frankreich 1870, 1914 und 1940 sahen die französischen Besatzungsbehörden Bildung als ein zentrales Instrument gegen den deutschen Nationalismus und Chauvinismus. Ihr Antrieb in der Bildungsfrage war eindeutig eine moralische Erneuerung und eine akademische Entnazifizierung. Die Trierer Protagonisten waren dagegen von der Vorstellung getrieben, die Menschen im christlich-konservativen Geist zu einer moralischen Verantwortlichkeit zu erziehen. Ihnen ging es implizit auch um eine Freisprechung des Katholizismus
von der Verantwortung gegenüber dem Nationalsozialismus. 90 Prozent der Trierer Bevölkerung waren Katholiken. Die lokalen Eliten redeten in diesem Zusammenhang sogar von einer Wiederherstellung des „Abendlandes“ im Sinne der damals verbreiteten Begriffsprägung.

Die Bemühungen zur Gründung der Universität zogen sich über drei Jahre hin. Wie lässt sich erklären, dass die Initiative nicht
gleich zu Beginn unterbunden wurde?

Die französische Verwaltung war ein knarrendes Gebälk. Dort arbeiteten Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern, Gaullisten und Kommunisten etwa, die sich nicht grün waren und unterschiedliche Ziele und Interessen verfolgten. So erhielt die Trierer Initiative von bestimmten Seiten Signale, dass ihre Bemühungen willkommen seien. Bei der Besatzungsbehörde in Baden-Baden, die über die Universitätsgründung zu befinden hatte, kamen dagegen so gut wie keine Informationen aus Trier an. Dort wurde erst 1948 Stopp gerufen, weil man vorher nicht wusste, was in Trier ablief.

Woran ist die Initiative gescheitert?
Ein markanter Fehler der Trierer Akteure war der gerade angesprochene Punkt, keine Kommunikation nach oben, also nach Baden-Baden, betrieben zu haben. Zum zweiten waren ihre Planungen überdimensioniert. Die vorgesehene medizinische Fakultät wäre beispielsweise nicht finanzierbar gewesen. Da sich die Trierer Gruppe fast ausschließlich aus Mitgliedern der Christlich-Demokratischen Partei (CDP, später CDU) zusammensetzte, wäre sie gut beraten gewesen, sich mit anderen Parteien zu verbinden. Ein weiterer Fehler ist den Initiatoren dagegen  höchstens mittelbar zuzuschreiben. Es war, wenn man im Nachhinein einen so kritischen Maßstabansetzen darf, ein Versagen der Stadt-Spitze, dass sich niemand aus ihren Reihen mit Vehemenz und Geschick für die Universität einsetzte. Das hat sich bei der Gründung der Universität in Mainz im Mai 1946 ganz anders dargestellt.

War der misslungene Versuch ein in sich abgeschlossenes Kapitel oder gab es auch Folgewirkungen, die bis zur Wiedergründung der Universität 1970 nachhallten?
Resümierend kann man sagen, dass die Flamme der Universitätsgründung von 1945 bis 1948 nur schwach gebrannt hat. Es war ein Versuch, der aber nicht überbewertet werden sollte. Die damals relevanten Punkte und die politische Dimension spielten 1970 bei der erfolgreichen  Wiedergründung keine Rolle mehr. 1970 war eine ganz andere Situation. Es ging nun darum, Kapazitäten für die große Nachfrage nach  Studienplätzen zu schaffen und damit auch die Zugangsvoraussetzungen für breitere soziale Schichten zu erleichtern.

DR. ALOYS FERY (1892–1959) – die zentrale Figur

„Bevor ich erstmals mit Aloys Ferys Nachlass in Kontakt gekommen bin, war mir der Name kein Begriff“, räumt Professor Stephan Laux ein. Nachdem der Historiker die von Ferys Enkel zur Verfügung gestellten Akten und weitere Quellen ausgewertet hatte, stand für ihn fest: Aloys Fery war der zentrale Akteur und „engagierteste Befürworter einer Universitätsgründung in Trier“.

Fery wurde 1945 als Dezernent in die Bezirksregierung in Trier berufen, wo er später auch für die Kulturabteilung zuständig war und mit der Koordination der angestrebten Universitätsgründung beauftragt wurde. „Fery war überzeugt, durch die Universität zur Bewältigung der geistigen Krisen der Nachkriegszeit beitragen zu können“, schreibt Laux. Mit seiner Auffassung, den Hochschulzugang auch für Arbeiterkinder und Nicht-Abiturienten zu öffnen, lavierte er sich in dem konservativ-katholischen Kreis der Universitätsbefürworter allerdings in eine Minderheitsposition.

Auf Ferys Bemühen geht auch die Liste mit rund 200 Bewerbungen für Professorenstellen und 1600 Interessierte für Studienplätze im Herbst 1946 zurück. „Für mich war es eine Bereicherung, dass ich Aloys Fery zu einer gewissen Anerkennung  verhelfen konnte“, so Stephan Laux.

Prof. Dr. Stephan Laux
„Quelque chose d’assez mystérieux“: Die gescheiterte Universitätsgründung in Trier 1945–1948. Motive, Planungen, Reaktionen
(= Publikationen aus dem Stadtarchiv Trier, Bd. 9).
Trier, Verlag für Geschichte und Kultur 2020