Landesforschungsförderung


Das Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur unterstützt im Rahmen der Forschungsinitiative Rheinland-Pfalz die Forschung an der Universität Trier. In der Förderphase 2019 bis 2023 werden derzeit folgende Profil- und Potentialbereiche gefördert:


Psychobiologie des Stresses – Mechanismen akuter und chronischer psychosozialer Belastungen

Stress gilt als eines der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts. Obwohl Stress bei vielen psychischen und somatischen Erkrankungen eine Rolle spielt, sind zentrale Fragen nach den zugrundeliegenden Mechanismen und den individuellen Faktoren der Erkrankungsanfälligkeit (Vulnerabilität) noch weitgehend unbeantwortet.

Zu diesen bislang unzureichend verstandenen Mechanismen gehören psychobiologische Prozesse, welche die Effekte von Stress auf kognitive Funktionen und Gesundheit vermitteln. Durch die Kooperation von Forschenden mit einem Hintergrund in Psychologie, Biologie, Medizin und Neurowissenschaften und unter Anwendung innovativer Labormethoden sowie modernster Verfahren der Psychophysiologie und Neurobildgebung wird ein interdisziplinärer und multimethodaler Ansatz verfolgt. Der Potentialbereich „Psychobiologie des Stresses“ hat die Erforschung der psycho- und neurobiologischen Grundlagen der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischem Stress und dessen kurz- und langfristige Effekte und Folgen zum Ziel. Im Zentrum stehen endokrine, genetische und neuronale Faktoren, welche zum einen mit der individuellen Stressreagibilität in Zusammenhang stehen, zum anderen die biologische Basis beobachtbarer akuter und chronischer Effekte von psychischem Stress darstellen. Das vertiefte Verständnis der psychobiologischen Mechanismen soll letztlich der Entwicklung gezielter, individualisierter Interventionen dienen, um die negativen akuten und chronischen Folgen von psychischem Stress zu mindern und Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. Das Forschungsprogramm wird damit zu einem integralen Bestandteil des universitären Schwerpunktes „Arbeit, Gesundheit, Daseinsvorsorge“ weiterentwickelt.


Transkulturalität und ihre Grenzen: Wechselbeziehungen zwischen Schlüsselregionen in Europa und Ostasien

Die Globalisierung hat zahlreiche, Kulturen übergreifende Entwicklungen beschleunigt, z. B. im Bereich der Digitalen Medien. Die weltweit zu beobachtenden Renationalisierungsprozesse zeigen aber, dass Austausch und Dialog zwischen bzw. innerhalb von Gesellschaften Grenzen gesetzt sind. Ebenso reichen die bisher entwickelten Forschungsmodelle nicht aus, um alle Phänomene trans- bzw. interkultureller Begegnungen differenziert zu beschreiben. Der fachbereichsübergreifende Forschungsverbund beschäftigt sich deshalb mit Erscheinungsformen kultureller Überlappungen und Abgrenzungsprozessen zwischen und innerhalb von Gesellschaften. Geographische Kernbereiche des Verbundes sind Europa und Ostasien, da dieser eurasische Kulturraum mit seiner langen Geschichte von Kulturkontakten über entsprechend weite historische Dimensionen verfügt und in der Gegenwart Phänomene in (post-)sozialistischen Gesellschaften (wie der Volksrepublik China und den ehemaligen Staaten der Sowjetunion) ausgelotet werden können. Die an der Universität Trier vielfältig vorhandene Expertise aus den Sprach- und Kulturwissenschaften wird in Kombination mit Wirtschafts-, Rechts-, Politik- und Geowissenschaften zur Anwendung gebracht. Der Verbund baut auf hoch dotierter Trierer Spitzenforschung mit ihren internationalen Forschungsnetzwerken auf. Eine stärkere Interaktion verschiedener Fachbereiche der Universität ist damit ebenso ein ausdrückliches strukturelles Ziel der Initiative, wie die Einbindung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, die auch als Hauptantragstellende von eigenen Projekten auftreten.


Musterhaftigkeit. Sprachliche Kreativität und Variation in Synchronie und Diachronie

In Sprache und Kommunikation spielt Musterhaftes auf verschiedenen Ebenen eine wesentliche Rolle: Der bekannte Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel Wir schaffen das! ist beispielsweise zu einem sprachlichen Muster geworden, das im öffentlichen Diskurs immer wieder auftaucht - in vielfach variierter Form, aber dennoch immer wiedererkennbar: Wir schaffen das nicht. - Wir schaffen das? - Das hätten wir geschafft!, usw. Der Begriff Brexit ist in ähnlicher Weise zu einem Wortmuster geworden: Grexit - Öxit - Frexit - Nexit. Solche Muster sind auch wichtig für die Beschreibung der Eigenschaften von Sprache.

Ziel des Forschungsprogramms ist die sprachübergreifende synchrone und diachrone Erforschung der Musterhaftigkeit und ihrer Variation sowie die Entwicklung einer Theorie ihrer Bedeutung. Das Thema wird in der heutigen Linguistik und verwandten Wissenschaften kontrovers diskutiert und hat durch die Entwicklung neuer digitaler Methoden wesentliche Impulse erhalten. Das Projekt überschreitet etablierte Disziplingrenzen sowohl innerhalb der Sprachwissenschaften als auch zwischen den Philologien und anderen Fächern (Phonetik, Computerlinguistik, Medienwissenschaft, Sozialstatistik, Kognitionspsychologie).

Innerhalb der Förderperiode wird ein international sichtbarer Verbund etabliert, der  zur Weiterentwicklung des  Schwerpunkts „Sprachen und Kulturen im Wandel“ an der Universität Trier beiträgt.


Der Wert der Information im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Die Konsequenzen von „Big Data“ für den Umgang mit Informationen sowie für deren sozialen, kulturellen und ökonomischen Wert stellen eines der wichtigsten Problemfelder des 21. Jahrhunderts dar. Die am Forschungsvorhaben beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler greifen das Thema auf und diskutieren es aus einer interdisziplinären, diachronen Perspektive für den Zeitraum des 8. bis 18. Jahrhunderts. Untersucht werden dabei Informationen als Ressource, Informationsasymmetrien, Informationskosten, der Handel mit Informationen und Informationsnetzwerke sowie die Informationspolitik, d. h. die situative Festlegung der Ziele, Funktionen, Strategien und Potenziale von Informationen, und das Informationsmanagement, d. h. das Koordinieren und Kontrollieren von Informationen. Die so erfolgende Bestimmung des „Werts der Information“ eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Phänomene und Prozesse im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Somit trägt das Vorhaben nicht nur zur historischen Fundierung einer aktuellen Debatte bei, sondern auch zur Neubestimmung einer Epoche, die allgemein als „Vormoderne“ bezeichnet wird.


Quantitative Finance and Risk Analysis – Interaction of Financial Markets and the Real Economy in the Digital Era

„Exzessives Risiko” seitens der Finanzmarktakteure wird häufig als Grund für die Finanzkrise im Jahr 2008 genannt. Der Verbund arbeitet an der Entwicklung neuer Modelle zur Darstellung und Quantifizierung von Unsicherheit und Risiko. Forscherinnen und Forscher aus den Bereichen Betriebswirtschaftslehre, Mathematik und Volkswirtschaftslehre leisten somit einen Beitrag zur Gestaltung der Finanzmärkte von morgen.

Der sozioökonomische Hintergrund der aus verschiedenen Ländern stammenden Akteure ist von besonderer Relevanz. Auf Ebene der Anleger stellt sich die Frage, welches Maß das tatsächliche Empfinden von Unsicherheit und Risiko in der Praxis widerspiegelt und zugleich durch empirische Untersuchungen anhand von Finanzmarktdaten messbar ist. Hierbei ist die Erforschung der Konsequenzen von Unsicherheit und Risiko auf Spar- und Investitionsentscheidungen von besonderem Interesse. Daraus ergeben sich u. a. Implikationen für den Verbraucherschutz, was eine realistische Einschätzung von bestimmten Finanzprodukten (z. B. Altersvorsorge oder Hypothekenkredite) anbelangt. Auf der Ebene der Regulierungsbehörden stellt sich die Frage, wie diese Unsicherheits- und Risikomaße genutzt werden können, um zukünftige Krisen im Ausmaß der Finanzkrise von 2008–2009 und den damit verbundenen Rückkopplungseffekten auf die Realwirtschaft zu vermeiden. Hierbei gilt es nicht nur zielgenaue Maße zu finden, sondern auch den Zielkonflikt zwischen der Stabilität und der Flexibilität der Finanzmärkte zu lösen.


Mining and Modeling Text. Interdisziplinäre Anwendungen, informatische Weiterentwicklung, rechtliche Perspektiven (MiMoText)

Durch die Digitalisierung werden zunehmend umfangreiche Text- und Datenbestände verfügbar. Der Verbund stellt sich der Herausforderung, dass es für deren effiziente Nutzung in den Geisteswissenschaften notwendig ist, innovative Verfahren zu entwickeln, welche die automatische Informationsextraktion erlauben und die darauf aufbauende Wissensgenerierung befördern.

Das Vorhaben befasst sich vor diesem Hintergrund mit der automatischen Extraktion, Strukturierung und Vernetzung von Fachinformationen aus Text- und Datensammlungen sowie mit der Nutzung solcher Informationsnetzwerke für die Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen.

Kernanliegen ist es, interdisziplinäre Lösungsansätze zu entwickeln, wobei konzeptuelle, geisteswissenschaftliche, informatische, rechtliche und infrastrukturelle Fragestellungen und Verfahren ineinandergreifen.

Erster Anwendungskontext ist die deutsche und französische Literaturgeschichte, die Übertragbarkeit der Verfahren auf andere Disziplinen wird aber von Anfang an mitgedacht. Das Vorhaben berücksichtigt dabei unterschiedliche Arten von Texten: von leicht strukturierten Texten (bspw. bibliografische Verzeichnisse) über geisteswissenschaftliche Sachtexte (bspw. literaturgeschichtliche Fachliteratur) bis hin zu literarischen Texten (bspw. Romane).

Mit „MiMoText“ wird ein wegweisendes digitales Forschungsinformationsnetzwerk für die Geisteswissenschaften entwickelt, das einen wesentlichen Beitrag zum profilbildenden Forschungsschwerpunkt „Digitalisierung und Geisteswissenschaften / Digitalität“ der Universität Trier leistet.


Offene Ökonomien. Normative und kulturelle Dynamiken in Perspektive langer Dauer

Der Forschungsbereich beschäftigt sich mit der Frage, wie Gesellschaften von der Antike bis zur Gegenwart grenzüberschreitende Transferprozesse unterschiedlicher Intensität organisieren und welche Koordinierungsmechanismen sie dazu entwickeln.

Ausgehend von unterschiedlichen Kultur- und Wissensräumen sowie ihren wirtschaftlichen, rechtlichen, sozialen und politischen Strukturen werden die Generierung von Wissensordnungen, politisch-rechtlichen Steuerungsmodi und soziokulturellen Formen des Zusammenlebens im Kontext von Austausch, Migration, Handel und Kommunikation untersucht. Dabei nutzt der Verbund die Perspektive langer Dauer, um Fragen etwa in den Bereichen von Wissenstransfer und Migration sowie Globalisierungsphänomene zu identifizieren, die gerade in unserer eigenen, sich dynamisch verändernden Welt Orientierungshilfe sein können bei der Suche nach Lösungen angesichts der Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft heute steht.

Dabei gilt es, den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen, rechtlichen, soziokulturellen und politischen Mustern und Strukturen in unterschiedlichen Raum- und Zeitkontexten zu beobachten und ihren Einfluss auf normative und kulturelle Dynamiken herauszuarbeiten. Im interdisziplinären Austausch zwischen Geschichtswissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaften, Rechtswissenschaften sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sollen historische und systematisch-gegenwartsbezogene Forschungsperspektiven entwickelt und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Der Forschungsbereich fokussiert dabei Räume, die durch die Öffnung für wirtschaftliche, kulturelle und rechtliche Austauschbeziehungen geprägt wurden. Drei zentrale Forschungsfelder werden untersucht: „Maritime Ökonomien“, „Transregionale Ökonomien von Mobilität und Diversität“ und „Interdependente Ökonomien als Herausforderungen für Politik, Recht und Gesell­schaft im 20. und 21. Jahrhundert“. Ihr gemeinsames Ziel ist es, einen zentralen Beitrag zur Entwicklung der Universität Trier zu einem Zentrum epochenübergreifender, transregionaler und maritimer Studien zu leisten. Durch ein analog-digitales Forschungsdesign trägt der Forschungsbereich zugleich zur Weiterentwicklung der Digital History bei.